Die im Zuge der Finanzmarktkrise in die Insolvenz geratene US-Bank Lehman Brothers ist mit ihren Geschäftspraktiken und Bilanzierungsmethoden schon seit längerem aufgefallen. In vielen Fällen hat das Unternehmen Strafen bezahlt, weil es gegen Börsenregeln verstoßen haben soll. Das geht aus Veröffentlichungen der Financial Industry Regulatory Authority (Finra) hervor, einer Aufsichtsbehörde für sämtliche Wertpapierhandelsfirmen in den USA. Finra kontrolliert nach eigenen Angaben rund 5000 derartige Unternehmen.
Demnach hat Lehman in den zurückliegenden Jahren wiederholt zwischen meist 50000 und 500000 Dollar für Verfehlungen und Verstöße gegen Börsengesetze und Bilanzierungsregeln gezahlt. Die Firma hat damit allerdings kein Schuldeingeständnis abgegeben. So wurde Lehmen beispielsweise vorgeworfen, ihr Nettokapital nicht richtig berechnet zu haben. In einem anderen Fall soll Lehman zwei Verträge bezüglich öffentlich gehandelter Schuldverschreibungen unzulässig verändert haben. Insgesamt führt die Finra-Liste 360-Lehman-Fälle auf.
Medard Fuchsgruber, Vorstandsmitglied des Bund der Kapitalanleger: „Aus Anlegersicht liest sich der Bericht der Aufsichtsbehörde Finra wie ein Buch des Grauens. Permanente Verstöße gegen Bilanzierungsvorschriften und Regularien. Der hier vorgefundene Sumpf ist klar ein Fall für den Staatsanwalt.“ Im übrigen scheine Lehman Brothers nach Lektüre des Finra-Berichts „eher ein Spielcasino in einer Zocker-Oase gewesen zu sein, als ein ordentliches Investmenthaus.“ Allein der Bericht der Aufsicht in einer Stärke von etwa 1500 Seiten dürfte als Ausbildungsgrundlage für jeden Wirtschafts-Staatsanwalt vollkommen ausreichen, so Fuchsgruber.
Rätsel in der Bilanz
Auch die Bilanz der traditionsreichen US-Bank hat Experten in den vergangenen Monaten – noch vor dem Zusammenbruch des Geldhauses - in Erstaunen versetzt. So schrieb das Magazin Conde Nast Portfolio bereits im März 2008, dass im ersten Quartal 2008 die Aktivposten von Lehman deutlich gewachsen sind, das Leverage (Hebel von Anlagevermögen zu Eigenkapital) zunahm und die Abschreibungen verdächtig gering ausfielen. Damit habe sich Lehman deutlich anders als viele andere Banken verhalten, die versucht hätten, angesichts der Marktturbulenzen ihre Anfälligkeit zu verringern.
So stiegen die Aktiva (Total Assets) von 410 Milliarden Dollar zum 30. November 2005 auf 606 Milliarden Dollar Ende Mai 2007. Die langfristige Verschuldung nahm in dieser Periode massiv zu. Eine weitere Besonderheit der Lehman-Bilanz: Das Institut verbuchte Schulden als Eigenkapital.
Insgesamt sollen etwa 170 verschiedene Produkte von Lehman Brothers an Privatkunden verkauft worden sein, darunter Bankanleihen und Zertifikate. Lehman hat nach Schätzungen Zertfikate im Volumen von vielen Milliarden Dollar begeben. Das Deutsche Institut für Anlegerschutz hat den Verdacht, dass dabei entscheidende Risikofaktoren in der Beratung verschwiegen worden seien.
Peter Mattil, Anleger-Anwalt aus München: „Ich bin der Meinung, dass der Zertifikatehandel von Lehman ein groß angelegter Betrug war.“
Zweifelhafte Beratung
Unzufrieden ist der Anwalt auch mit der Vorgehensweise von Geldinstituten, die Lehman-Zertifikate verkauft haben. So berichtet er von einem Kunden der Dresdner Bank, der am Schalter nur eine Überweisung erledigen wollte. Die Dame am Schalter – nicht die Kundenberaterin – habe seinen Mandanten angesprochen und ihm „etwas Tolles“ angeboten. Ein Lehman Zertifikat ohne jedes Risiko. Es sei eine Sperre eingebaut, seinen Einsatz bekomme er wieder. Der Verkauf habe nur Minuten gedauert.
Laut Mattil wurde der Kunde weder über Risiken aufgeklärt, noch erhielt er Unterlagen. Besonders bemerkenswert: Bei der Dresdner Bank hatte der Kunde noch einen Ratenkredit von 7000 Euro laufen, war also erkennbar (bis auf sein Sparguthaben von 10.000 Euro) vermögenslos. Bei Betrachtung des Zertifikates habe Mattil festgestellt, dass dieses mit dem Risiko eines Totalverlustes verbunden ist. Es handelt sich damit um kein Zertifikat mit einem Kapitalerhalt. Mattil: „Die Schalterdame hat den Kunden regelrecht belogen.“
Ebenfalls die Dresdner Bank habe einer 88jährigen Kundin ein Zertifikat von Lehman Brothers verkauft, erneut ohne Risikohinweis. Auf Anfrage des Sohnes der Mandantin habe die Bank zugegeben, dass diese eine Provision von Lehman erhalten habe. Laut Mattil wird in den Unterlagen der 88jährigen jedoch nirgends auf eine Provision hingewiesen.
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