Auf den umstrittenen Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, kommt neues Ungemach zu. Ein bekannter Konjunkturforscher des DIW hat diese Woche in einem vierseitigen Brief an die Mitglieder des DIW-Kuratoriums scharfe Kritik an Zimmermann geübt. Die „Beratungsfähigkeit“ der Konjunkturabteilung liege „am Boden“, heißt es in dem Schreiben, das der „Welt am Sonntag“ vorliegt. Zudem sei „das für eine wissenschaftlich fundierte Konjunkturanalyse unverzichtbare institutionelle Wissen über einzelne volkswirtschaftliche Branchen und Sektoren weitgehend abhandengekommen“; wirtschaftspolitische Empfehlungen würden „nicht systematisch entwickelt, sondern spontan formuliert“.
Institutschef Zimmermann sei seit Langem über die „Zustände in der Konjunkturabteilung voll und ganz unterrichtet“, habe aber „über Jahre hinweg keine Konsequenzen“ gezogen. Tatsächlich hat die Konjunkturabteilung des DIW in den vergangenen Jahren unter einer hohen Fluktuation gelitten; eine ganze Reihe von Forschern wanderte ab zu Ministerien und anderen Forschungsinstituten. Der Aderlass hat längst auch konkrete Folgen. Im Februar etwa ließ das Bundeswirtschaftsministerium das DIW schon in der ersten Bewerbungsrunde um die prestigeträchtige „Gemeinschaftsdiagnose“ scheitern, die die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute zweimal im Jahr für die Bundesregierung erstellen.
Für Klaus Zimmermann kommt der Brief an das Kuratorium zur Unzeit: Im November hatte der Berliner Landesrechnungshof in einem Prüfbericht zahlreiche Fälle von Misswirtschaft konstatiert. Nun muss sich er Präsident erstmals seit Bekanntwerden der Vorwürfe seinen Aufsehern stellen: Am Donnerstag kommt das DIW-Kuratorium zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen. In dem Gremium des größtenteils vom Bund und Land Berlin finanzierten Instituts sitzen unter anderem jeweils drei Vertreter des Berliner Senats und der Bundesregierung.
Absehbar ist schon jetzt, dass die Kontrolleure unangenehme Fragen stellen werden. Dies lässt sich unter anderem aus einem Brief schließen, den das Bundesfinanzministerium diese Woche an Zimmermann geschickt hat. Darin fordert der zuständige Abteilungsleiter Markus Kerber umfassende Aufklärung von Zimmermann. „Das Kuratorium hat sich über die erhobenen Vorwürfe bisher überwiegend nur durch Presseberichte informieren können“, schreibt Kerber in dem Brief, der der „Welt am Sonntag“ vorliegt.
Vor allem über das DIW DC, die umstrittene Niederlassung des Instituts in Washington, will das Finanzministerium umfassend informiert werden. „Es sollte dargelegt werden, ob und in welchem Maße sich das DIW DC als unabhängige Gesellschaft auf Dauer finanziell selbst tragen kann“, heißt es in dem Brief. Dem Berliner Rechnungshof zufolge sind seit 2006 mehr als 900 000 Euro an die Washingtoner Dependance geflossen. (Welt am Sonntag)