Eine Kapital bildende Lebensversicherung läuft über Jahre und Jahrzehnte. Immer mehr Kapital sammelt sich dort an, während der Kunde oft dringend Geld braucht. Doch eine vorzeitige Kündigung lohnt wegen hoher Stornoabschläge meist nicht. Günstiger ist da ein Policendarlehen. Welche Möglichkeiten es gibt – von Claudia Marwede-Dengg.
Mehr als die Hälfte aller Lebensversicherungen werden vor der Zeit gekündigt, schätzen Experten. Für 2008 weist der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) ein Stornovolumen von rund 14 Milliarden Euro aus - Rekord. Für 2009 sieht die Ratingagentur Fitch ein weiteres Ansteigen der Stornoquote von 5,5 auf 6,3 Prozent.
Diese Zahlen zeigen auch: Die Kunden sind zu wenig darüber informiert, dass es neben der Kündigung noch andere - und in der Regel für sie vorteilhaftere - Lösungen gibt. Bei einem größeren Kreditbedarf empfiehlt sich eher der Verkauf der LV-Police über den Zweitmarkt oder bei entsprechendem Rückkaufwert - die Aufnahme eines Policendarlehens. 2008 wurden nach Angaben des GDV Policendarlehen in Höhe von 1,6 Milliarden Euro bei Versicherern aufgenommen. "Mit einem solchen Darlehen leiht man sich bei sich selbst Geld", erklärt Thorsten Rudnik, Vorstandsmitglied beim Bund der Versicherten (BdV).
Allerdings gibt es nicht auf jede Police ein Darlehen. Voraussetzung für die Gewährung eines Policen-darlehens ist, dass der Versicherungsvertrag nicht beitragsfrei gestellt und nicht verkauft ist, dass es sich nicht um einen vermögensbildenden Vertrag vor Ablauf von zwölf Jahren, um einen Vertrag mit vereinbartem Schonvermögen oder um eine Risikolebensversicherung handelt.
Policendarlehen bieten sich vor allem dann an, wenn eine vorübergehende Liquiditätslücke zu schließen ist. Im Unterschied zum Ratenkredit ist für das Darlehen keine Bonitätsprüfung erforderlich, es erfolgt kein Schufa-Eintrag, und es werden auch keine Bearbeitungsgebühren fällig. "Als Faustregel gilt, dass die Konditionen 1,0 bis 1,5 Prozentpunkte günstiger sind als bei einem Ratenkredit", sagt BdV-Experte Rudnik.
Und: Der Versicherungsnehmer kann das Darlehen ohne Vorfälligkeitsentschädigung jederzeit ablösen und die Lebensversicherung fortführen. Bereits erworbene Vorteile bleiben im vollen Umfang erhalten. "Wesentlich dabei ist, dass der kontinuierliche Aufbau des Überschussguthabens unbeeinträchtigt bleibt, weil eine Reduzierung des Deckungskapitals nicht stattfindet. Davon profitiert der Versicherungsnehmer uneingeschränkt, ohne seine Rechte aus dem Vertrag zu verlieren", sagt Debeka-Chef Uwe Laue.
Bis zu welcher Höhe gibt es Policendarlehen? Grundsätzlich bemisst sich die Darlehenshöhe am Rückkaufwert. "Deshalb ist es erst sinnvoll, nach einem Policendarlehen zu fragen, wenn ein entsprechender Rückkaufwert vorhanden ist", betont Martin Meierhofer, bei der Allianz Leben verantwortlich für Policendarlehen. Der aktuelle Rückkaufwert ist aus der jährlichen Standmitteilung ersichtlich. Wie die Allianz begrenzen die meisten Versicherer die Darlehenshöhe auf den garantierten Rückkaufwert. Es gibt aber auch Gesellschaften, die einen prozentualen Abschlag auf den Rückkaufwert einschließlich erreichter Gewinnanteile vornehmen.
Die besten Effektivzinssätze bewegen sich hier derzeit im Bereich von knapp fünf bis knapp sechs Prozent. Als Mittelwert weist die Frankfurter Finanzberatung FMH 6,84 Prozent aus. Bei der Debeka etwa beträgt der Effektivzins für Policendarlehen nach eigenen Angaben derzeit 5,19 Prozent, die Mindestdarlehenssumme beträgt 300 Euro. Andere Gesellschaften staffeln den Zinssatz nach Laufzeit, Höhe und Art des Kredits.
Bei der Allianz kosten nach eigenen Angaben Darlehen mit Laufzeiten von einem bis fünf Jahren sowie Verträge ohne feste Laufzeit bis unter 20000 Euro derzeit effektiv 5,8 Prozent, ab 20000 Euro 5,4 Prozent und ab 50000 Euro 4,8 Prozent. Bei festen Laufzeiten zwischen sechs und zehn Jahren liegen die Sätze um 0,1 Prozentpunkte höher: bei 5,9 Prozent, 5,5 Prozent und 4,9 Prozent.
Bei Verträgen ohne feste Laufzeit kann das Darlehen mit Frist von sechs Monaten in Teilbeträgen von mindestens 500 Euro oder in einem Betrag zurückgezahlt werden. Erfolgt keine Tilgung, wird das Darlehen am Laufzeitende mit der dann fälligen Versicherungssumme verrechnet. Bei Verträgen mit fester Laufzeit wird das Darlehen nach Ende der vereinbarten Frist fällig.
Üblich sind meist Laufzeiten zwischen einem und zehn Jahren, wobei meist nach fünf Jahren eine Anpassung erfolgen kann. Wer hier vorzeitig tilgen möchte, muss jedoch - ähnlich wie bei Baudarlehen, die vorzeitig zurückgezahlt werden - eine Art Vorfälligkeitsentschädigung zahlen, wenn die Anlagezinsen niedriger sind als zu Vertragsbeginn.
Wem die Darlehenszinsen beim eigenen Versicherer zu hoch sind, kann sein Glück mittlerweile auch auf dem Zweitmarkt versuchen. Cash Life beispielsweise bietet inzwischen mehrere Varianten an. So gibt es nicht nur Darlehen auf klassische Kapital bildende Lebens- und Rentenpolicen, sondern auch auf fondsgebundene Lösungen einschließlich britischer Policen von Standard Life, Canada Life und Clerical Medical.
Bei Kapital bildenden Policen liegt der Kreditrahmen laut Cash Life bei 100 Prozent des Rückkaufwerts, bei fondsgebundenen Varianten bei 60 Prozent. Weitere Vorgaben: Der Rückkaufswert muss mindestens 5000 Euro (8500 Euro bei fondsgebundenen Verträgen) betragen und die Restlaufzeit mindestens zwölf Monate. Der Zinssatz für ein normales Policendarlehen mit Rückzahlung innerhalb einer Laufzeit von maximal zehn Jahren und monatlichen Zinszahlungen liegt bei 5,89 Prozent effektiv. Das Gleiche gilt, wenn die monatlichen Zinszahlungen ausgesetzt und am Ende der Laufzeit mit dem Darlehen zusammen zurückgezahlt werden. Wählt der Kunde dagegen eine feste Laufzeit, ist der Zinssatz laufzeitabhängig. Ein Vierjahresdarlehen kostet 5,19 Prozent effektiv.
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