Gisbert Rühl, Vorsitzender des Vorstands/Vorstand Finanzen (CEO/CFO), Klöckner & Co SE
´Den Anteil von Frauen als Erster zu erhöhen, wäre ein klarer Wettbewerbsvorteil´
Uta-Bettina von Altenbockum, Finanzplatz
Beim Duisburger Stahlhändler Klöckner & Co SE liegen die Finanzen und der Vorstandsvorsitz in einer Hand. Gisbert Rühl, der 2005 den Bereich Finanzen übernahm, übt seit 2009 beide Funktionen in Personalunion aus. Mit einem erfolgreichen Krisenmanagement gelang es ihm, Klöckner & Co. nach dem starken Absatzeinbruch der vergangenen Krisenjahre wieder auf den Wachstumspfad zurückzubringen. Im Interview mit dem Finanzplatz schildert Gisbert Rühl, wie Klöckner & Co die Wirtschaftskrise überwunden hat, lehnt eine Frauenquote für Führungskräfte ab und nimmt Stellung zu der Frage nach der Visibilität kleinerer und mittlerer Unternehmen.
Interview
Herr Rühl, es heißt, dass jede Krise auch Chancen bietet. Haben Sie die Chancen Ihres Unternehmens verwirklicht, indem Sie dieses Jahr die Becker Stahl-Service- und die Bläsi-Gruppe gekauft haben? Wie ist die Integration der beiden Unternehmen gelungen?
Für uns hat die Krise in der Tat zwei Seiten. Auf der einen Seite hatten wir mit einem dramatischen Absatzeinbruch zu kämpfen. Auf der anderen Seite wollten wir aber nicht in der Krise verharren und erstarren, sondern auch unsere Chancen nutzen. Voraussetzung dafür war allerdings eine schnelle und konsequente Reaktion in drei Richtungen: Senkung der Kosten, Sicherung der Finanzierung und Abbau der Verschuldung. Im nächsten Schritt haben wir unsere Kapitalbasis über eine Kapitalerhöhung und eine Wandelanleihe gestärkt, um für Akquisitionen präpariert zu sein. Durch die schnelle Abarbeitung des Programms konnten wir bereits im Herbst durch die Übernahme von Becker Stahl-Service und dann nachfolgend durch den Erwerb der Bläsi AG in der Schweiz wieder auf Wachstum umschalten. Dabei war die Übernahme der Becker Stahl-Service-Gruppe die größte unserer 21 Akquisitionen seit dem Börsengang im Jahr 2006. Die Integration beider Unternehmen verlief problemlos, auch weil die Verkäufer Vorteile für die Weiterentwicklung der Unternehmen bei einer Integration in unsere Gruppe gesehen haben. Die Ertragssituation insbesondere bei Becker Stahl-Service liegt im Übrigen weit über dem Investment Case.
Im Nachhinein hat sich wieder einmal die Notwendigkeit des schnellen Handelns bestätigt. Das schnelle Umschalten von Krise auf Wachstum oder auch beides gleichzeitig wird eine der wesentlichen Herausforderungen für alle Unternehmen in der Zukunft bleiben.
Finanziert haben Sie beide Übernahmen mit Hilfe einer Kapitalerhöhung, die Ende letzten Jahres stattgefunden hat. Reicht das Geld auch noch für die dritte für dieses Jahr geplante Akquisition? Welche Vorteile bietet Klöckner & Co SE die Eigenkapital- gegenüber der Fremdkapitalfinanzierung?
Wir wollen aggressiv wachsen, aber konservativ finanzieren und dabei vor allem in der langfristigen Finanzierung eine größtmögliche Unabhängigkeit von den Banken erhalten. Daher werden wir unseren Kapitalbedarf für Akquisitionen weiter mit einem Mix von Eigenkapital und Kapitalmarktprodukten wie Wandelanleihen oder zuletzt Schuldscheindarlehn unterlegen. Aktuell haben wir für weitere Akquisitionen über 500 Mio. EUR zur Verfügung. Auf der anderen Seite haben wir als lagerhaltender Distributeur aufgrund der volatilen Preis- und Mengenentwicklung auch stark schwankenden Kapitalbedarf, den wir über Bankenfazilitäten und über verbriefte Produkte wie zum Beispiel Asset Backed Securities decken. Wichtig ist uns hier aber auch eine weitgehende Unabhängigkeit von Banken, die wir über eine breite Diversifizierung verschiedener Finanzierungsprodukte und durch ein geringes Klumpenrisiko sicherstellen.
Ende Mai haben Sie, wie schon im November 2009, vor Überkapazitäten im Stahlmarkt gewarnt, weil die Endnachfrage immer noch gering sei. Sehen Sie, dass die Stahlproduzenten ihre Kapazitäten unterdessen zurückfahren? Wie können Sie als Stahlhändler auf diese Situation reagieren?
Wir geben uns als Stahldistributor zwar nicht der Illusion hin, dass wir das Verhalten der Hersteller beeinflussen könnten, aber wir haben leider recht behalten. Seit dem Ende des zweiten Quartals sind die Preise wie von uns vorausgesagt aufgrund des zu schnellen Hochfahrens vorübergehend stillgelegter Produktionskapazitäten erneut spürbar unter Druck geraten. Über die Sommermonate haben einige Produzenten Kapazitäten wieder aus dem Markt genommen. Dies kommt zwar spät, wird aber dazu führen, dass die Preise weiter anziehen, sofern die Kapazitäten zunächst nicht wieder angefahren werden. Da wir diese Entwicklung frühzeitig antizipiert hatten, haben wir rechtzeitig durch die Anpassung der Lagerbestände reagiert.
Die Signale, die aus der Wirtschaft kommen, werden überwiegend als positiv für die Konjunkturentwicklung eingeschätzt. Der Aluminiumproduzent Alcoa z.B. hat in den USA bessere Zahlen als erwartet vorgelegt. Heißt das nicht, dass es aufwärts geht, dass jetzt auch die Endnachfrage entsprechend anzieht?
Das muss man sicherlich etwas differenzierter betrachten. Insgesamt haben sich mit dem durch die Emerging Markets angetriebenen Welthandel insbesondere exportorientierte Länder wie zum Beispiel Deutschland überraschend stark entwickelt. Dadurch profitieren vor allem für die Stahlindustrie wichtige Industrien wie der Automobilbau, Haushaltswaren und der Maschinen- und Anlagenbau. Andererseits ist der größte Stahlabnehmer immer noch die Bauindustrie. Hier scheint zwar das Tal durchschritten, dennoch kann man insgesamt in diesem Jahr noch nicht mit Wachstum rechnen. Dies führt dazu, dass der reale Stahlverbrauch in Europa und Nordamerika im laufenden Jahr nur geringfügig steigen wird und damit weiterhin deutlich unterhalb der Vorkrisenjahre verbleibt. Selbst die durch die Aufstockung der Lager entlang der gesamten Wertschöpfungskette stark ansteigende gesamte Stahlnachfrage liegt noch erheblich darunter. D.h. es geht aufwärts, aber die Krise ist noch nicht vorbei.
Auch wenn es mit der Wirtschaft langsam wieder bergauf geht, werden die Folgen der Krise noch lange zu spüren sein. So haben die Politiker angesichts der Krise gesagt, dass kein Akteur, kein Produkt und keine Region des Finanzmarktes unreguliert bleiben dürfen. Wie beurteilen Sie die bisherigen Versuche der Politiker, zukünftigen Krisen einen Riegel vorzuschieben?
Meines Erachtens ist es aufgrund der enormen Komplexität der Kapitalmärkte unmöglich und womöglich sogar gefährlich, diese in ein globales Regelwerk zu pressen. Auch jegliche Art von Überreaktion, wie zuletzt das Verbot von ungedeckten Leerverkäufen in Deutschland, ist fehl am Platz. Immerhin sind mit der amerikanischen Finanzmarktreform erste Schritte auf den Weg gebracht worden, die offensichtlich bereits zum Teil Wirkung zeigen, auch wenn vielen die Änderungen nicht weit genug gehen. Auch die Banken selbst werden dafür sorgen, Fehlentwicklungen zukünftig besser vorzubeugen und die Risiken einzudämmen. Die vielfach verbreitete Meinung, dass hier bedingungslos spekuliert wird, da der Staat im Zweifel helfen muss, teile ich nicht. Die weit überwiegende Zahl der Bankvorstände hat mit Sicherheit kein Interesse, permanent an den Pranger gestellt zu werden, und man sollte auch nicht jedem Banker unterstellen, dass er ein Spekulant sei.
Ein Thema, das in der breiten Öffentlichkeit auf viel Interesse gestoßen ist, ist die Vielfalt (Diversity) von Vorständen und Aufsichtsräten. Der Vorstand von Klöckner & Co. besteht aus zwei Personen. Was würde die Einführung einer Frauenquote für Ihr Unternehmen bedeuten?
Die Einführung würde wahrscheinlich bedeuten, dass wir sie anfangs gar nicht erfüllen könnten, da der Stahlhandel nicht unbedingt als eine der attraktivsten Branchen für Frauen gilt. Es würde somit aufgrund des immer noch begrenzten Angebots zu einer echten Wettbewerbsverzerrung führen. Andererseits halte ich die Einführung einer Frauenquote für völlig überflüssig, da viele Unternehmen, wie auch wir, ohnehin bestrebt sind, den Anteil von Frauen aufgrund ihrer spezifischen Fähigkeiten zu erhöhen. Es wäre daher hilfreich, wenn sich die Politik aus dem Thema raushält und es der Wirtschaft überlässt. Sofern das Angebot ausreichend groß ist, ist dann ein höherer Frauenanteil in Kürze selbstverständlich und überhaupt kein Thema mehr.
Andere Unternehmen haben angekündigt, zunächst einmal die Quote weiblicher Führungskräfte zu erhöhen. Gibt es weibliche Mitarbeiter in Führungspositionen bei Klöckner & Co.? Wie würde sich ein höherer Anteil von Frauen in Führungspositionen auf Ihr Unternehmen auswirken?
Wir haben jetzt für die Leitung unseres Bereichs Führungskräfteentwicklung eine Frau eingestellt, die insbesondere auch die Aufgabe hat, den Anteil von Frauen auch auf der Führungsebene zu erhöhen. Wenn wir es als Klöckner & Co schaffen, in einer ansonsten von Männern dominierten Branche den Anteil von Frauen aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten wie zum Beispiel kommunikative Kompetenz und Empathie als Erster zu erhöhen, sehe ich das als klaren Wettbewerbsvorteil. Man muss uns nur machen lassen. Wir brauchen dazu wie gesagt keine Quoten und auch keinen sich immer weiter ausweitenden Corporate Governance Kodex.
Die Managervergütung von börsennotierten Unternehmen wird aktuell auch in einem Grünbuch der EU diskutiert. Eine Frage lautet, ob ´Aktionäre, aber auch die Beschäftigten und ihre Stellvertreter, bei der Gestaltung der Vergütungspolitik eine wichtigere Rolle´ spielen sollten. Was halten Sie von dieser Idee? Ist das angesichts der Besetzung deutscher Aufsichtsräte bereits gelebte Realität?
Das Thema Managementvergütung ist ein neidgetriebener Nebenkriegsschauplatz. Wir haben in Europa als Unternehmenslenker eigentlich wichtigere Dinge zu tun, wie zum Beispiel die Schaffung von Arbeitsplätzen, damit auch die Binnenkonjunktur wieder an Fahrt gewinnt. Die wenigen Exzesse, die es hier auf Unternehmensebene gegeben hat, haben das Thema völlig überzeichnet. Darüber hinaus haben Aktionäre und Beschäftigte über den Aufsichtsrat doch schon jetzt ausreichende Möglichkeiten, auf die Vergütungsstrukturen Einfluss zu nehmen. Wenn man einem Unternehmen wie Klöckner & Co vorsteht, das zu 100% im Besitz von institutionellen Investoren und Privataktionären ist, muss man sich darüber hinaus ohnehin auf jeder Roadshow auch ohne Regulierung und neue Gesetze Fragen nach der Vergütungsstruktur und -höhe stellen.
Ein weiteres Thema, das die EU sich auf die Agenda geschrieben hat, ist die Börsennotierung kleiner und mittlerer Unternehmen. So wird diskutiert, ob nicht eine Verringerung der Transparenzpflichten dazu führen würde, dass sich mehr Unternehmen an die Börse wagen. Sollten, Ihrer Meinung nach, für KMUs andere Transparenzpflichten an den regulierten Märkten gelten als für Großunternehmen?
Ein schwieriges Thema, da einerseits die Transparenzpflichten sicherlich kleinere und mittlere Unternehmen überfrachten, andererseits aber mangelnde Transparenz und Kapitalmarktorientierung der Kapitalmarkt mit Missachtung straft.
Was müsste Ihres Erachtens geschehen, damit mehr KMUs einen Börsengang wagen?
Vielleicht ist der Kapitalmarkt für KMUs ohnehin nicht das richtige Umfeld, da gerade bei kleinen Unternehmen zu viel Transparenz zum Beispiel auch wettbewerbsschädlich sein kann. Möglicherweise sind hier andere Kapitalgeber wie zum Beispiel Private Equity die bessere Alternative.
Auch die mangelnde Visibilität der KMUs an den Märkten wird beklagt. Können Sie sich Maßnahmen des nationalen bzw. europäischen Gesetzgebers vorstellen, die den KMUs zu mehr Visibilität z.B. bei den Analysten verhelfen würden?
Die Wahrnehmung bei Analysten hört in Europa spätestens beim SDAX bzw. TecDAX auf. Die Krise hat diesen Trend eher noch verstärkt, da auch Banken massiv Analysten abgebaut haben. Der Analyst muss seine Analyse vermarkten und ist davon abhängig, dass viele seiner Empfehlung folgen, und da ist der Hebel bei größeren Unternehmen einfach größer. Das macht die IR-Arbeit bei kleineren Unternehmen enorm schwierig. Regulatorisch kann man dem wohl kaum sinnvoll entgegenwirken.
Herr Rühl, 27% der Aktien von Klöckner & Co. befinden sich in der Hand von Privatanlegern. Welche Bedeutung haben Privatanleger für Ihr Unternehmen bzw. Unternehmen im Allgemeinen?
Für uns sind die Privatanleger eine sehr wichtige Zielgruppe, da sie unsere Besitzverhältnisse verstetigen. Wir sprechen unsere Privatanleger gezielt an und halten sie zum Beispiel auch mit Video-Podcasts von mir über aktuelle Entwicklungen auf dem Laufenden. Das kommt sehr gut an.
06.09.2010 10:00 Veröffentlichung einer Corporate News/Finanznachricht, übermittelt durch die DGAP - ein Unternehmen der EquityStory AG. Für den Inhalt der Mitteilung ist der Emittent / Herausgeber verantwortlich.
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