Börsenmäntel
Ehemalige Oppermann-Aktie spottet aller Vernunft
27. März 2006 Das Geheimnis des erfolgreichen Börsengeschäftes
liegt darin, sagte einst der selige Ökonom Lord John Maynard
Keynes, zu erkennen, was der Durchschnittsbürger glaubt, daß der
Durchschnittsbürger tut. Und meinte damit, daß es nicht darum geht,
was ein Unternehmen wert ist, sondern vielmehr darum, was die
Mehrheit der an der Börse Handelnden glaubt, daß es morgen wert
sein könnte.
So sprach der Lord und machte 's und macht daselbst ein Vermögen.
Ein gutes Beispiel, daß die Worte des großen Ökonomen heute wie
einst Gültigkeit besitzen, zeigen die Spekulationen um
Börsenmäntel.
GmbH ungleich AG
Aktuellster Kandidat, von dem die Börsianer noch eine Runde
weiterdenken, indem sie grübeln, was die Mehrheit der
Wettbewerbsteilnehmer annimmt, welches Mädchen wohl die Mehrheit
der Wettbewerbsteilnehmer als mehrheitsfähig ansieht, um Keynes zu
bemühen, ist die sogenannte Versandhandelsabwicklungsgesellschaft.
500 Prozent hat das Papier im vergangenen Monat zugelegt und
notiert aktuell bei 2,66 Euro.
Hinter dieser Aktie verbarg sich einst der Werbeartikelversender
Oppermann. Dieser war eine Tochtergesellschaft des
Werbeartikelversenders Hach. Hach geriet im Jahr 2002 in
finanzielle Schwierigkeiten und mußte Insolvenz anmelden. Oppermann
mußte als 99prozentige Tochter dem folgen.
Indes wird das operative Geschäft der Unternehmen in der Hach GmbH
weitergeführt. Geschäftsführer ist Karl Stuckert, der vom
Management der Hach AG und der Oppermann AG nicht bekannt ist. Wie
die Insolvenz der Hach AG ablief, ist nicht genau zu
rekonstruieren. Doch allem Anschein nach wurde das operative
Geschäft aus der AG herausgelöst.
Wer braucht schon ein Prozent Streubesitz?
Die ehemalige Oppermann Versand AG heißt auch deswegen heute nur
noch Versandhandelabwicklungsgesellschaft, weil das Unternehmen im
vergangenen Jahr aufgelöst wurde. Die Mehrheitsaktionärin hatte
zuvor die Depotbanken aufgefordert, über den Streubesitz zu
informieren, der geschätzte 1,2 Prozent oder rund 5.000 Aktien
beträgt.
Schon im September 2005 verzeichnete die Aktie einen kurzfristigen
Kursausschlag, als ein angeblich gut informierter Börsenbrief eine
etwas wirre Story verbreitete, nach der ein Aktionärspool sich seit
geraumer Zeit bemühe, die Kontrolle über die Oppermann AG zu
erlangen. Dieser Pool versuche einen Squeeze-Out zu
provozieren.
Warum der Aktionärspool sich nicht einfach an den
Insolvenzverwalter der Hach AG gewandt hat, der ja rund 99 Prozent
von Oppermann gehörten, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Und warum
man dann nicht die 99 Prozent übernimmt und erst einen „Squeeze-Out
provozieren” muß, ist etwas schleierhaft. Selbst wenn zwei
Großinvestoren Pakete aus der Insolvenz gekauft hätten, würden sie
über die Börse beim einem Streubesitz von einem Prozent kaum
glücklich.
Diese Geschichte ist wie gesagt sechs Monate alt. Was hinter dem
jetzigen Höhenflug steckt, ist dagegen völlig offen. Denn den
einprozentigen Streubesitz braucht niemand, der den Börsenmantel
haben wollte. Bleibt die Vermutung, daß der Börsenmantel wieder
belebt wird und einige das Gras wachsen hören.
Um dann aber zu mutmaßen, wie es mit der Aktie der
Versandhandelsabwicklungsgesellschaft weitergeht, muß man wohl „die
Nerven, Hysterien, ja sogar die Wetterfühligkeit jener Personen
beachten, von deren Handlungen diese Geldanlage weitgehend
abhängt”, wie Keynes sagt, also der Insider. Wenn man deren
Hysterien denn kennte. Das ist aber hier wirklich nicht der
Fall.
Daher sei dem, der sein Geld in die Aktie investiert hat, zur
Warnung noch ein Wort des Lords mit auf den Weg gegeben: „Drei
Dinge treiben den Menschen zum Wahnsinn: die Liebe, die Eifersucht
und das Studium der Börsenkurse.”
http://www.faz.net/s/RubEA492BA0F6EB4F8EB7D198F099C02407/Doc…
