http://www.abendblatt.de/wirtschaft/article2239762/Klaeger-h…
Bitterfeld-Wolfen. Die Insolvenz des Solarunternehmens Q-Cells hat
viele Gründe: Der drastische Preisverfall in der Branche, zu hohe
Kosten, ein zu zögerlicher Unternehmensumbau – darüber sind sich
Experten einig. Das Fass zum Überlaufen brachte nach Ansicht von
Beobachtern aber eine Gruppe aggressiver Minderheitsgläubiger. Der
Vorwurf: Sie pressen als „Berufskläger" marode Unternehmen bis auf
den letzten Cent aus statt die Rettung mitzutragen.
Ein Beschluss des Oberlandesgerichts (OLG) Frankfurt am Main
brachte das Management von Q-Cells zu der Erkenntnis, dass sich die
Restrukturierungspläne des hoch verschuldeten Unternehmens nicht
durchsetzen lassen. Das Gericht hatte Klägern in dem ähnlich
gelagerten Fall des Unternehmens Pfleiderer Recht gegeben. Auch bei
der dringenden Sanierung des einst weltgrößten
Solarzellenherstellers war aus Sicht des Unternehmens ein Erfolg
der Kläger zu erwarten.
+++ Q-Cells sucht nach Alternativen zur Insolvenz +++
+++ Sanierungsplan gescheitert – Pfleiderer AG vor Insolvenz
+++
Die Kläger wehren sich gegen ein Modell, wonach die Gläubiger
mehrerer Wandelanleihen auf einen Großteil ihrer Forderungen
verzichten, dafür aber am Unternehmen beteiligt werden sollten. Das
2009 erneuerte Schuldverschreibungsgesetz hätte es ermöglicht, die
Pläne mit 75-Prozent-Mehrheit umzusetzen. Wie das OLG im Fall
Pfleiderer entschied, ist diese Regelung aber nicht anwendbar.
Q-Cells hätte – wie nach dem alten Gesetz vorgesehen – eine
einstimmige Entscheidung erreichen müssen.
+++ Gäubiger von Q-Cells entscheiden über Aufschub +++
Die Entscheidung des Gerichts sorgt bei Experten allerdings für
Kopfschütteln. Christoph G. Paulus, Professor für Insolvenzrecht an
der Humboldt-Universität Berlin, spricht von einem „kardinalen
Interpretationsfehler" der Richter. Das neue Gesetz versuche,
Restrukturierungen ohne Insolvenz zu ermöglichen und hätte durchaus
angewendet werden dürfen. So hätten viel mehr Arbeitsplätze
gerettet werden können.
So, wie das OLG entschied, bekommt jeder Anleihebesitzer – und wenn
er nur ein Papier besitzt – viel Macht. Und
diese Macht nutzen
einige aus. Einzelne Anleger forderten bei Q-Cells ihr Geld zurück.
Nach Ansicht eines Beobachters aus dem Q-Cells-Umfeld wollten sie
aber eigentlich etwas anderes erreichen: Q-Cells unter Druck
setzen, um sich die Klagen abkaufen zu lassen, etwa in Form der
Erstattung hoher Anwaltskosten. Der Insider spricht von
„Berufsklägern", die bei Hauptversammlungen und
Gläubigerversammlungen auftauchten, um die Unternehmen in die Ecke
zu drängen. „Ihr Plan ist aber im Fall von Q-Cells nicht
aufgegangen, denn durch die Insolvenz werden die Kläger leer
ausgehen", sagt der Beobachter.