INTERNET
Reichtum aus dem Nichts
Von Manfred Dworschak
Eine hessische Lehrerin stieg zur Großgrundbesitzerin in einem
Online-Spiel auf. Bisheriger Gewinn: fast 200 000 Dollar - in
echtem Geld.
Morgens, wenn die Kinder aus dem Haus sind, beginnt für die Mutter
ein anderes Leben. Sie heißt jetzt Anshe Chung. Sie schaltet ihren
Computer ein und zählt die Einnahmen der letzten Nacht.
Frau Chung macht wahrhaft wunderliche Geschäfte: In dem
Online-Spiel "Second Life" spekuliert sie mit Bauland.
Mehr als
acht Millionen Quadratmeter gehören ihr bereits. Mitspieler warnen
vor einem Grundstücksmonopol. Im ersten Leben heißt Frau Chung
anders. Sie wohnt an der hessischen Bergstraße, nicht weit von der
Burgruine Frankenstein, und sie gibt Sprachunterricht an einer
Volkshochschule.
In der Spielwelt aber ist sie bekannt als Anshe
Chung, die Magnatin, die ihrem gleichnamigen Konzern immer neue
Immobilien einverleibt.
"Second Life" ist beliebt bei Häuslebauern und
Feierabendarchitekten. Die Bewohner treffen sich online, um riesige
Gartenlauben zu errichten, gläserne Raumstationen oder
düsengetriebene Luftschlösser. Gut 500 Spieler sind Anshechung.com
inzwischen zinspflichtig; sie hausen als Pächter auf ihren
Ländereien. Die Pacht wird mit Spielgeld beglichen, das der Nutzer
gegen US-Dollar wechseln muss.
Lehrerin Chung, eingewandert aus China, kontrolliert ihr Imperium
vom Dachzimmer ihres Reihenhauses aus. In kaum zwei Jahren hat es
die grazile Neudeutsche zu sagenhaftem Reichtum gebracht. Und aus
ihren Spieldollar könnte jederzeit ernst werden: Zu "Second Life"
gehört eine Online-Börse, wo die fiktive Binnenwährung gegen echtes
Geld getauscht wird.
Beim aktuellen Wechselkurs ist Chungs Vermögen an die 200.000
US-Dollar wert.
"Bis jetzt", sagt sie, "habe ich aber fast alles wieder
investiert." Es gilt, den Boom der virtuellen Ökonomie zu nutzen.
Die Spieler bauen gern in feinen Gegenden (und mindestens so
stattlich wie die Nachbarn). Und der Zuzug nach "Second Life"
reißt nicht ab: Schon mehr als 100.000 Siedler haben sich hier
niedergelassen.
Die Betreiberfirma Linden Lab in San Francisco wirft immer neue
Landflächen auf den Markt. Dennoch ist Baugrund in guten Lagen
meist knapp. Anshe Chung versorgt sich beizeiten im Großmaßstab.
"Ich kaufe das Land vom Betreiber", sagt sie, "und dann entwickle
ich es." Das heißt: Sie legt Hügel und Täler an, verteilt Palmen,
Flüsschen und Wasserfälle.
Die Software des Spiels erlaubt fast jederlei Gestaltung. Es
entstehen Schneelandschaften, tropische Inseln und Oasen zwischen
Sanddünen. Subunternehmer zaubern hie und da märchenhafte Paläste
hin. Die fertigen Ländereien werden am Ende wertsteigernd in
Parzellen zerlegt und an bauwütige Neusiedler verpachtet.
Inzwischen handelt Anshechung.com mit Dutzenden weitläufiger
Siedlungsgebiete, die wie Themenparks aussehen. Sie heißen
Friesland, Matsushima oder A`ksha Oasis. Chungs riesiges Inselreich
"Dreamland" gilt als exzellente Lage. Dort kann die Patronin, weil
ihr alles gehört, rigide Bebauungspläne durchsetzen. Während
anderswo in der Spielwelt jeder nach Belieben klotzt, herrscht auf
Dreamland Harmonie: Wer neben einem Shinto-Schrein mit
Schwarzwaldvillen auftrumpfen will, dem wird die Pacht
gekündigt.
Anshes Ehemann, ein Informatiker, ist im gemeinsamen Betrieb fürs
Rechnen zuständig. Allein schon die laufenden Fixkosten erfordern
einige Nervenstärke: Umgerechnet mehr als 25 000 Dollar im Monat
gehen derzeit - als eine Art Grundsteuer - an die Betreiberfirma
Linden Lab.
Mit dieser Steuer wird die stetig wachsende Welt von "Second Life"
finanziert. Sie ist verteilt auf 1400 Netzrechner; jeder simuliert
eine fiktive Landfläche von gut 65 000 Quadratmetern. 130 solcher
Planquadrate besitzt Anshechung.com; ein jedes trägt mit knapp 200
Dollar zur Steuerlast bei.
Dennoch musste die Magnatin noch kein echtes Geld zuschießen - die
Einnahmen im Spiel waren stets höher als die fälligen Gebühren. Es
reicht sogar schon für fünf Angestellte, die gegen Spielgeld bei
der Verwaltung helfen oder als Landschaftsgärtner lauschige Parks
anlegen.
Keine zwei Jahre ist es her, da hat Anshe Chung denkbar klein
angefangen. "Mein Startkapital betrug knapp zehn Dollar", sagt
sie. So viel kostet einmalig der Zugang zum Spiel. Erst
verdingte sie sich als Gesellschafterin für einsame Siedler, dann
schneiderte sie virtuelle Kleider nach asiatischem Geschmack für
die Spielfiguren anderer Leute. Mit dem Ersparten erst stieg sie
ein ins Immobiliengeschäft.
Doch züngeln immer wieder ganz andere Gerüchte unter der
Einwohnerschaft von "Second Life": Hat sich die Landbaronin nicht
doch einfach mit Bündeln echter Dollar eingekauft? Ein paar
Kleinhändler gingen ihr zum Trotz mit einer neuen Immobilienfirma
namens Cyberland an die Spielbörse. Gut 500.000 Aktien verteilen
sich jetzt auf 549 Besitzer.
Von der Cyberland AG hörte man aber bislang wenig. Auch sonst kann
der Magnatin aus Hessen kaum ein Widersacher gefährlich werden. Der
zweitgrößte Immobilienhai in der Spielwelt folgt in sicherem
Abstand: Anshechung.com besitzt fast zehnmal so viel wie der
Konkurrent.
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,395280,00.html
Wer hätte das vor 10 Jahren für möglich gehalten?

Ist wohl nur eine Frage der Zeit bist es zu einer "Virtuellen
Immobilienblase" kommt.
gruss B.