Antwort auf Beitrag Nr.: 24.153.877
von Hanie500 am 24.09.06 12:49:08Vom @Hasi
rufo.de
Für alle und Hanie500 speziell.

Bitte mindestens zwei mal aufmerksam durchlesen.

Osteuropa ist nicht ausgereizt
Samstag-Interview
Stefan Böttcher, Chef Portfolio-Management von Charlemagne
Capital
Herr Böttcher, Russland hat sich diese Woche mit dem angedrohten
Entzug der Fördergenehmigungen der internationalen Energiekonzerne
in Sacharin einmal mehr als unberechenbarer Investitionsstandort
erwiesen. Warum haben die Anleger darauf nicht heftiger
reagiert?
An der Börse Moskau ist das weniger ein Thema, weil die kotierten
Unternehmen nicht involviert sind. Wer in Russland in Ölaktien
investiert, hat grundsätzlich keinen Nachteil durch die Politik des
Kremls. Das beantwortet aber nicht, ob sie gut oder schlecht ist,
oder ob wir begrüssen, was die russische Regierung macht. Wir
sehen, dass gewisse nationalistische Tendenzen vorherrschen, was
für langfristige Direktinvestitionen nicht immer gut ist.
Andererseits scheint Russland in erster Linie nationale Interessen
zu verfolgen. Zudem ist es nicht auf ausländische Investments
angewiesen. Wegen der hohen Rohstoffpreise hat Russland einen hohen
Budgetüberschuss sowie einen Leistungsbilanzüberschuss von knapp
10% des Bruttoinlandprodukts. Putin hält es wohl für besser, wenn
die strategische Öl- und Gasindustrie soweit als möglich in
russischen Händen bleibt.
Doch der Kreml untergräbt mit seinem nationalistischen Kurs
generell die Investitionsbereitschaft ausländischer
Unternehmen.
Im Moment ist es leider so, dass die Russen uns nicht brauchen,
sondern wir sie. Es ist auch so, dass die Russen sich
beispielsweise im Gassektor in Grossbritannien engagieren wollten
und auch in Amerika Intentionen im Öl- und Gasbereich hatten. Da
wurde ihnen ebenfalls die kalte Schulter gezeigt. Deshalb muss man
vorsichtig sein mit der Schlussfolgerung: Das sind mal wieder die
bösen Russen. Wenn ein russisches Unternehmen beispielsweise eine
der grössten Schweizer Gesellschaften übernehmen wollte, gäbe es
auch einen Aufschrei. Die Feststellung, dass sich die Russen nicht
besonders um unser Geld, um westliche Investitionen bemühen, ist
aber richtig.
Kann Russland, um den versprochenen Energielieferungen
nachzukommen, auf Investitionen ausländischer Unternehmen wirklich
verzichten?
Die internationale Energieversorgung kann ich schlecht beurteilen.
Grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass Russland nicht nur eine
Strategie fährt mit Partnerschaft West, sprich Europa und USA,
sondern sich besonders auch die Tür nach Indien und China offen
hält und versucht, mit diesen beiden Ländern gut ins Geschäft zu
kommen. Das sind für Russland langfristig wichtige Absatzmärkte.
Aus russischer Sicht ist es bestimmt eine vernünftige Strategie,
mehrgleisig zu fahren. Dass ich es nicht gut finde, ist eine ganz
andere Sache. Die Börse liess sich nicht beeindrucken, weil man
erstens dieses Geplänkel seit Jahren kennt, und zweitens die
kotierten russischen Unternehmen nicht betroffen sind. Im
Gegenteil, sie profitieren teilweise von den Problemen der
ausländischen Direktinvestoren.
Russland will bestehende Verträge aufbrechen. Halten Sie die Anfang
der Neunzigerjahre ausgehandelten Production share agreements für
unfair?
Es gibt immer wieder von russischen Offiziellen irgendwelche
Statements, die teilweise gezielt gemacht werden, um Unruhe zu
stiften, um Dynamik in den Verhandlungsprozess zu bekommen, um
Ziele zu erreichen. Aber grundsätzlich ist es nicht so, dass die
russische Regierung, zumindest in den vergangenen Jahren unter
Putin, den ausländischen Investoren – abgesehen von Yukos – böses
Unrecht getan hat.
Welche Ziele verfolgt Russland?
Die Russen haben einerseits den Öl-Champion Rosneft und
andererseits den Gas-Champion Gazprom, der auch ein kleines
Ölgeschäft hat. Gazprom hat Sibneft gekauft, ein Unternehmen, das
ursprünglich dem Oligarchen Abramowitch gehörte, dem Besitzer des
Fussballclubs Chelsea. Abramowitch wiederum hat sich mit den
Mitteln aus dem Verkauf von Sibneft in der Stahlindustrie
engagiert. Nicht unbedingt mit Hilfe, aber zumindest mit dem
Wohlwollen der Regierung. Er versucht nun wahrscheinlich, die
russische Stahlindustrie zu konsolidieren. Von den Oligarchen
handelt kaum jemand allein. Das sind oft Entwicklungen, die mit der
Regierung abgesprochen wurden. Die Russen hatten immer, ähnlich wie
die Amerikaner, die Ambition, die Besten und Wichtigsten sein zu
wollen. Anfang September wurde angekündigt, dass die beiden
grössten Aluminiumunternehmen fusionieren. Das sind spannende
Geschichten, die da ablaufen.
Werden durch den politischen Einfluss die Wirtschaftsentwicklung
und der notwendige Reformprozess nicht gehemmt?
Man darf nicht vergessen, dass Russland in Bezug auf freie
Marktwirtschaft wenig Erfahrung hat und sich erst einmal
konsolidieren und etablieren muss, bevor eine Radikalkur gemacht
werden kann. Die Alternative wäre gewesen, was Jelzin seinerzeit
verfochten hatte: totaler Ausverkauf. Strategisch ist aus
russischer Optik der nationalistische Ansatz von Putin attraktiver
als die radikale Privatisierung.
Doch der Reformprozess kommt nicht voran.
Andererseits sehen wir an der Börse einen nie dagewesenen Boom.
Neuemissionen bereichern die Börse. Privatunternehmen aus neuen
Sektoren kommen in den Markt, beispielsweise aus dem Retail- und
IT-Bereich. Die Emissionen werden nicht nur in Russland, sondern
international plaziert. Von daher bietet sich dem Anleger heute ein
breiteres Umfeld in Russland als nur Rohstofftitel.
Der Ölpreis ist diese Woche zeitweise unter 60$ gefallen. Denken
Sie nicht, dass der russische Aktienmarkt angesichts der
allgemeinen Entspannung an den Rohstoffmärkten den Zenit erreicht
hat?
Das würde ich nicht so sehen. Problematisch wäre es, wenn der
Ölpreis markant weiter fallen würde. Dann könnte Russland unter
Druck geraten. Mit dem hohen Ölpreis war eher die Gefahr, dass sich
die Volkswirtschaft überhitzen könnte, der Teuerungsdruck weiter
zunehmen und der Rubel sich zu sehr aufwerten würden. Das sind
Tendenzen, die sich mittelfristig ungünstig auswirken können.
Russland ist aber mittlerweile in einer hervorragenden
fundamentalen Stellung. Man hat die gesamten Auslandschulden
abgebaut, es wurde ein grosser Fonds aufgebaut, in dem die
Überschüsse aus dem Ölexport gehalten werden. Russland geht es
richtig gut, die Unternehmen erwirtschaften auch solide Gewinne,
wenn der Ölpreis 40 bis 50$ beträgt.
Haben Sie die Gewichtung von Russland in den Osteuropafonds
verringert?
Nein, wir haben aber unsere Positionen auf der Ölseite teilweise
reduziert und dafür Retail- und Immobilienwerte gekauft.
Für unerfreuliche Nachrichten aus Osteuropa war diese Woche auch
Ungarn besorgt. Welche Konsequenzen hat die politische Krise für
die Wirtschafts- und Börsenaussichten?
Ungarn ist auf Grund der desolaten Finanzlage seit einiger Zeit das
schwarze Schaf in Zentraleuropa. Der Haushalt ist deutlich
überzogen und das Leistungsbilanzdefizit extrem hoch, doch die
Regierung tut nichts. Deshalb geht Ungarn derzeit durch eine Krise.
Die angekündigten Massnahmen haben den Markt nicht besonders
beeindruckt. Ungarn muss eine radikale Rosskur durchziehen, ist
aber dazu noch nicht bereit.
Die Anleger haben gelassen reagiert. Worauf führen Sie das
zurück?
Das hat wohl mit der Grundstimmung zu tun. Wären diese Ereignisse
vor drei, vier Monaten geschehen, als wir die allgemeine
Verunsicherung hatten, wäre die Reaktion bestimmt anders
ausgefallen. Die Lage in Ungarn ist angespannt. Doch jede
politische Krise hat auch Potenzial für eine Verbesserung.
Weshalb notiert die Börse Prag gegenüber dem Jahresbeginn leicht im
Minus, obwohl sich die tschechische Wirtschaft in einer guten
Verfassung befindet?
Dort gibt es nur drei bedeutende Titel, deshalb kann man nicht
unbedingt von einem Markt sprechen.
Was spricht dafür, in Osteuropa investiert zu bleiben?
Ich halte die Region nach wie vor für interessant. Es gab Phasen,
die mich nervöser machten. Die Türkei ist ein wichtiger Markt, der
sich mittlerweile wieder gefangen hat. Wir waren vor einer Weile
gegenüber Osteuropa pessimistischer gestimmt, doch nun sehe ich
wieder Potenzial.
Wie schätzen Sie die Konvergenzfantasie für die Türkei ein?
Das ist gerade die Frage: Konvergenzgeschichte oder fällt die
Türkei zurück in die Volatilität und Unsicherheit der
Vergangenheit? Momentan sieht es aber nach einer guten Entwicklung
aus. Ein entscheidender Faktor sind die Wahlen im kommenden
Jahr.
Ist jetzt ein günstiger Zeitpunkt für einen Einstieg in der
Türkei?
Ja, aber nur mit marginalen Investments. Grundsätzlich halte ich
die Türkei für sehr interessant, doch das Land ist besonders
anfällig auf externe Entwicklungen wegen der geopolitischen Lage.
Die Türkei ist sehr vom Internationalen Währungsfonds abhängig,
zudem spielt die EU-Integration eine Rolle. Der alles entscheidende
Faktor ist aber die Abhängigkeit von der globalen
Liquiditätssituation: Wann immer es Engpässe gibt, kommt die Türkei
unter die Räder. Derzeit kann sie sich wegen der fallenden
Rohstoffpreise und stabiler Zinsen gut entwickeln.
Wie beurteilen Sie die Chancen, dass Rumänien und Bulgarien
nächstes Jahr in die EU aufgenommen werden?
Damit beschäftige ich mich weniger, denn als Aktienmärkte sind
Rumänien und Bulgarien nicht so interessant. Wir sind derzeit weder
in Rumänien noch in Bulgarien investiert.
Welche Aktienmärkte bevorzugen Sie derzeit in Osteuropa?
Kasachstan ist ein Markt, der ganz gross herausgekommen ist. Es
gibt dort mittlerweile sechs, sieben schwere Titel. Kasachstan ist
im Grund wie Russland. Dort gibt es grosse Öl-, Gas-, Gold- und
Kupferunternehmen, Banken, Telecom.
Wie sieht Ihre Osteuropa-Allokation aus?
Wir sind untergewichtet in Zentraleuropa: in Polen auf Grund der
hohen Bewertung und in Ungarn wegen der schlechten
Rahmenbedingungen. Russland ist mit 56% gewichtet, Polen mit 11,
Ungarn und Tschechien mit je 7, Türkei mit 13 und andere – in
erster Linie Kasachstan – mit 7%.
Interview: Oliver Pfadenhauer