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38.113.400 von Berni911 am 05.10.09
10:13:22Kämme für die Zukunft
Die New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie vor dem Umzug nach
Lüneburg
06.10.2009
Von Wolfgang Becker
Harburg/Lüneburg.In Lüneburg hatte man sich schon Sorgen gemacht,
doch jetzt scheint sich alles zum Guten zu wenden: Ab Mitte
November sollen die Maschinen und mit ihnen die noch verbliebenen
Mitarbeiter der New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie AG (NYH)
von Harburg endlich an die Ilmenau umziehen. Nachdem dem Harburger
Traditionsunternehmen das Geld ausgegangen war, hatte es zunächst
nach einer ernsten Krise ausgesehen. Doch jetzt präsentierten sich
Vorstandschef Bernd Menzel und Betriebsratschef Werner Tschense
beim Ortstermin mit den HAN auf dem neuen Firmengelände in Lüneburg
bester Laune. Tschense: "Ich bin einfach nur glücklich, dass es
jetzt weitergeht und wir hier endlich durchstarten können."
Die NYH hat bewegte Zeiten hinter sich. Mehrfach stand das
Unternehmen, das unter anderem Formteile für die Autoindustrie,
Mundstücke für Klarinetten und Hartgummi- sowie Kunststoffkämme
produziert, vor der Pleite. Doch immer wieder gelang es, die
Investoren zu Kapitalerhöhungen zu bewegen. Zwei Vorstandswechsel,
explodierende Baukosten am neuen Standort und dann auch noch die
Wirtschaftskrise - es sah nicht gut aus. Doch namhafte Kunden,
darunter Daimler-Benz, stellten sich in dieser Zeit auf die Seite
der NYH und garantierten Aufträge. Und vor etwa einem halben Jahr
wechselte der Großaktionär Bernd Menzel (hält etwa 30 Prozent der
Anteile) vom Aufsichtsrat auf den Vorstandssessel.
Menzel ist es offenbar gelungen, die Stimmung zu drehen. Eine
seiner ersten Amtshandlungen: Er gab dem Nenndorfer Wolf Wetteborn,
vielen Harburgern als "Herr der Kämme" bekannt, einen
Beratervertrag im Produktionsbereich und heilte damit eine der wohl
größten Fehlentscheidungen, die es in der Ära nach Vorstandschef
Peter Swienty gegeben hatte. Dessen Nachfolger hatten sich auf
unschöne Weise von Wetteborn getrennt und damit den wichtigsten
Know-how-Träger im Kammbereich abserviert. Wetteborn, mittlerweile
im Ruhestand, hatte zuvor Jahrzehnte in die Kammentwicklung
investiert und gilt bis heute weltweit alsderExperte für die
Produktion von Hartgummikämmen. Menzel: "Von diesem Wissen leben
wir."
Den HAN präsentierte Menzel jetzt Teile des neuen Sortiments, das
unter dem Namen Hercules Sägemann schon bald in den Handel kommen
soll. Dazu zählen nicht nur die bewährten schwarzen Kämme, sondern
auch Haarbürsten und Profi-Scheren, die in einer "uralten Schmiede"
in Solingen aus Japan-Stahl hergestellt werden. Menzel: "Wir haben
Aufsteller entwickelt, die in den Friseursalons stehen werden. Wir
haben dabei nicht nur den Profi im Blick, sondern auch den ganz
normalen Konsumenten. Unsere Artikel sind made in Germany und
einfach gut."
Soviel Elan macht stutzig, denn es ist noch keine drei Monate her,
da meldete die NYH den Produktionsstopp im Kammbereich. Doch auch
dies ist schon wieder Geschichte: "Die Nachricht von der Aussetzung
der Produktion, löste hier einen wahren Ansturm von Kunden aus, die
sich alle mit Kämmen eindecken wollten. Seit sechs Wochen wird in
Harburg wieder voll produziert", sagt Tschense. Knapp 90
Mitarbeiter sägen und polieren Kämme für den Weltmarkt. Auch sie
stehen allerdings vor dem Umzug. In Lüneburg wurden bereits eine
neue Kammpresse und eine neue Kammfräse aufgebaut. Eine weitere
Maschine ist geordert. Menzel: "Wir nehmen aber auch noch alte
Maschinen mit, machen einen Mix als Alt und Neu."
Ähnlich gute Nachrichten gibt es aus dem Bereich der Formteile.
Hier hat es neue Aufträge gegeben, es wird an sechs Tagen der Woche
gearbeitet. Für Daimler werden im Werk Hamburg (Bostelbek)
Komponenten für die Lenkspindeln produziert. Nach der C- und der
E-Klasse kommt 2010 die Produktion dieser Teile für die S-Klasse
hinzu. Für den Kettensägenhersteller Stihl werden zudem
Benzinschläuche hergestellt. Auch hier sind weitere große Aufträge
nicht ausgeschlossen. Und seit knapp vier Wochen ist auch der
Autozulieferer Johnson Controls Inc. (Werk Lüneburg) im Boot. Für
den Opel-Zulieferer fertig die NYH verschiedene Formteile aus dem
Bereich Pkw-Innenausstattung.
Menzel: "1999, 2004 und 2005 waren wir fast pleite. Dann die
Entwicklung der letzten Jahre. Jetzt sehen wir erstmals wieder
voller Hoffnung in die Zukunft. Die Mannschaft ist hoch motiviert.
Ich bin froh und glücklich, dies sagen zu können. Und ich glaube,
dass ein großes Auftragspotenzial auf uns zukommt."
Knapp 180 Mitarbeiter hat die NYH heute. Menzel: "Wir wollen wieder
auf 220 kommen, haben bereits wieder fünf Leute eingestellt."
Andere mussten allerdings gehen, wie Menzel einräumt. Er habe klar
gemacht, dass es bei der NYH nur Leute geben könne, die wirklich
bereit sind anzupacken.
http://www.han-online.de/HANArticlePool/00000124261575c80057006a000a005267034bc4