Antwort auf Beitrag Nr.:
22.475.269 von sampler am 09.07.06
11:49:56Hier der Artikel aus "Euro am Sonntag"
Online
Kleiner Knuffel mit großem Fragezeichen
09.07.2006 Ausgabe 28/06
Unternehmen WKN
n/a
Das Geschäftsmodell ist ein lange gehütetes Geheimnis. Am
Donnerstag enthüllt die Software-Firma Combots ihr gleichnamiges
Hauptprodukt. Nicht nur die Aktionäre sind gespannt
von Stephan Bauer
Es wird ein bißchen wie Kindergeburtstag. Es gibt was zum Spielen,
eine putzige Figur mit
großen Füßen, klein wie ein Hobbit aus „Herr der Ringe“. Und weil
der „Combots“ eine große
Überraschung werden soll, steckt er auf Werbebildern noch unter
einem orangefarbenen Tüchlein.
Am kommenden Donnerstag steigt die Party in der Stadthalle
Karlsruhe: Das Unternehmen
Combots lüftet das Mysterium um sein einziges Produkt. Vorstand
Michael Greve wird den
kleinen Knuffel vor 2000 geladenen Gästen enthüllen – und hinterher
den Aktionären auf der
Hauptversammlung endlich das Geschäft erklären.
Apropos „Herr der Ringe“: Hinter der Geschichte von Combots steckt
sogar eine Art Heldensaga.
Da gab es einst ein Internet-Start-up namens Web.de. Zwei Brüder,
Michael und Matthias Greve,
hatten das Portal 1990 gegründet und zehn Jahre später mit großem
Erfolg an die Börse geführt.
Dort geriet das Unternehmen in einen heftigen Sturm, den es vor
nicht allzulanger Zeit überwand.
Die wackere Web.de wurde schließlich vom großen Konkurrenten United
Internet geschluckt. Als
Ausgleich für den Schmerz, den die Aktionäre erleiden mußten,
wurden sie reich beschenkt. 208
Millionen Euro in bar sowie 23,2 Millionen Aktien von United
Internet gab es und somit viel Geld
für weitere Abenteuer.
Denn der Übernahmehunger von United Internet hatte einen
klitzekleinen Teil von Web.de
verschont: das Geschäft mit der Kommunikations-Software Com.win.
Einer der beiden Brüder,
der mutige Michael, hatte ein hehres Ziel, für das er tief in die
Schatztruhe griff: Er wollte den
Com.win-Nachfolger Combots unschlagbar machen. „Wir sind überzeugt,
mit Combots die Welt
zu erobern“, sagt Greve heute.
Die Fortsetzung des Heldenepos muß erst noch geschrieben werden. Ab
Donnerstag kann der
Vorstand beweisen, daß er weiß, wie man aus einem
Abenteuerspielplatz ein Unternehmen baut.
Ausreden darf es später keine geben: Denn Zeit hatte Greve genug.
Erst wollte der Vorstand
Combots im zweiten Halbjahr 2005, dann zum Jahresende vorstellen.
Jetzt ist es Mitte Juli 2006
geworden. Auch an Geld mangelt es nicht: Über 35 Millionen Euro
wird die Entwicklung bis Ende
des Jahres verschlungen haben.
Einen guten Ruf hat der Web.de-Gründer in der Branche. Analysten
fürchten deshalb erst mal
keinen Flop: „Combots wird technisch ausgereift auf den Markt
kommen“, sagt etwa Jochen
Reichert, Analyst bei SES Research.
Doch was nun tatsächlich unter der orangen Decke steckt, darüber
gibt es nur Andeutungen.
„Combots ist ein unglaublich einfacher, sympathischer Spaß“, sagt
Vorstandsmitglied Hartmut
Esslinger. „Das wird eine Art Unified-Messaging-Lösung mit
Multimedia-Charakter“, erklärt Adrian
Pehl, Analyst bei der DZ Bank.
Also was nun? Beim Combots-Vorläufer Com.win, mit 616000 Euro
Umsatz im Jahr 2005 nicht
gerade ein Kassenschlager, handelte es sich um eine interaktive
Kontaktverwaltungs-Software.
Per Mausklick können Computernutzer damit telefonieren, mailen,
eine SMS senden oder
chatten. Combots soll all das können – und viel mehr. „Vermutlich
werden die Nutzer damit
Bilder und auch andere Multimedia-Inhalte austauschen können“, sagt
Analyst Pehl.
Vor allem aber soll Combots leicht bedienbar sein. Knuffig eben.
Auch United-Internet-Chef Ralph
Dommermuth ist voll des Lobes: „Ich kann es kaum abwarten, das
Produkt allen meinen
Freunden zu zeigen. Die werden sich auch sofort verlieben.“ Die
Zuneigung des Marketingfuchses
ist nur zu gut verständlich: United Internet hat sich verpflichtet,
seine Webportale Web.de,
Gmx.de und 1&1 zum Vertrieb einzusetzen.
Das aber ist das einzige Detail, das über die Vertriebsstrategie
von Combots bekannt ist. Sicher
ist nur, daß es teuer wird. Der Aufbau einer neuen Marke und der
geplante internationale Vertrieb
werden viele Millionen Euro kosten. Vollkommen offen ist dagegen,
wieviele Nutzer der kleine
Kommunikations-Hobbit gewinnen kann. Experte Pehl schätzt, daß
Combots in zwei Jahren
Gewinne liefert. Voraussetzung hierfür sind laut Pehl mindestens
800000 Nutzer. Das wäre eine
ganze Menge.
Groß sind bislang immerhin die Sprüche des Vorstands. „Wir werden
den Markt erobern wie
Ebay oder Google“, sagt Greve. Unzulänglichkeiten des Produkts sind
mangels Praxis ja bislang
nicht bekannt. Den Kleinen aber erwartet jetzt der Ernst des
Lebens. Das wird sicher kein
Kindergeburtstag.