Aktien
Der große Bilanz-Bluff
Christof Schürmann (Düsseldorf)
05.10.2011
Mit dem Absturz der Börse und den sich eintrübenden
Konjunkturaussichten wächst die Gefahr, dass Milliardenlücken in
den Bilanzen von Unternehmen und Banken zutage treten. Welche
Tricks der Finanzchefs Anleger kennen müssen, um Unternehmen
richtig beurteilen zu können. ...
Der Fehler liegt im System, meint Peter Leibfried, Professor für
Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung an der Universität St.
Gallen.
„Es gibt ein Grundsatzproblem in der Bilanzierung, das
es kaum mehr möglich macht, verlässliche Prognosen zu
stellen.“
Kurspflege zum eigenen Wohl
Bilanzen werden undurchschaubarer, Gewinne schwerer vorhersagbar.
Nicht nur, weil Märkte heftiger schwanken, sondern vor allem, weil
Bilanzregeln den Unternehmen immer mehr Spielraum lassen.
Bei Banken und Industrieunternehmen herrscht ein Wirrwarr an
Regelungen und Zahlen. Jeder Finanzvorstand rechnet anders.
„Vorstände wissen, dass die Börse vor allem auf die Gewinn- und
Umsatzentwicklung eines Unternehmens schaut und kaum darauf, wie
diese Zahlen zustande kommen. Das verführt Manager naturgemäß dazu,
bilanzielle Spielräume auszunutzen, um sich schönzurechnen“, sagt
Leibfried. Schließlich hängen Manager-Boni in der Regel am Gewinn
oder an der Kursentwicklung der Aktie. ...
Das entfesselte Monstrum
Investoren müssen den Bilanz-Bluff aber nicht hilflos hinnehmen.
Wer die Tricks der Unternehmen kennt, kann sich auf mögliche
negative Überraschungen einstellen. So ist es wichtig, zu wissen,
wie Unternehmen den Wert ihrer zugekauften Töchter berichtigen: Tun
sie es regelmäßig und vorsichtig – oder droht eine Abschreibung auf
einen Schlag, erst wenn diese sich gar nicht mehr vermeiden lässt?
Die Universität St. Gallen hat deswegen für die WirtschaftsWoche
analysiert, welche Abschreibungspolitik die Dax-30-Unternehmen nach
Übernahmen betreiben. Bilanz-Spezialisten der Stuttgarter FAS AG,
die Unternehmen in Sachen Bilanzierung berät, haben zudem
abgeklopft, bei welchen Unternehmen sich wegen neuer Bilanzregeln
demnächst zusätzliche Milliardenschulden auftürmen werden. ...
Folge ist, dass die Gewinn-, Kapitalfluss- und Bilanzrechnungen der
Unternehmen sich ständig ändern. „Eine stabile Basis an Regelungen
fehlt“, sagt Leibfried. Über Jahre etwa war vor allem der operative
Mittelzufluss (Cash-Flow) die Kerngröße, um die Leistungsfähigkeit
eines Unternehmens zu beurteilen. Die Jahresüberschüsse der
Unternehmen, also die Nettogewinne nach Abzug aller Aufwendungen
für Personal, Material, Zins und Steuern, schwankten deutlich
stärker als die Cash-Flows – und sie sind von Finanzchefs
grundsätzlich wesentlich leichter auf die gewünschte Ergebniszahl
hin zu beeinflussen als die Cash-Flows, die Mittel, die ein
Unternehmen aus seinen Geschäften in die Kasse holt.
Kein Verlass
Eine Kette harter Cash-Flow-Zahlen konnte in den vergangenen Jahren
auch der findigste Finanzchef kaum zurechtbiegen. Als eine von ganz
wenigen Kennzahlen war der Mittelzufluss von Änderungen der
Bilanzregeln kaum tangiert. Doch selbst dies hat sich nun geändert.
Anleger haben heute keine Chance mehr, einen vergleichbaren
Überblick über die Ertragsstärke der jeweiligen Unternehmen zu
gewinnen. So zeigen sich bei den Dax-Unternehmen kaum noch
vergleichbare operative Cash-Flows – weder zwischen den Unternehmen
noch im Vergleich zu den Vorjahreszahlen des Unternehmens
selbst.
IFRS: Immer Für Radikale Standards – so bezeichnen deshalb Spötter
inzwischen die Regeln. Gut für Unternehmen, die ihre Performance
aufhübschen wollen; schlecht für Anleger, die kaum noch die Chance
haben, einen vernünftigen Überblick zu gewinnen. ...
Goodwill
Letztere entstehen so: Wenn ein Unternehmen übernommen wird, ist
der Käufer verpflichtet, das Vermögen seiner neuen Tochter
buchhalterisch in Einzelteile zu zerlegen. Patente, Maschinen,
Immobilien – jede Position wird neu bewertet. Die Differenz
zwischen dem bezahlten Kaufpreis für das Unternehmen und dem neu
bewerteten Vermögen ist die Übernahmeprämie, auch Goodwill oder
Firmenwert genannt. Diese Prämie geht als Vermögensposten in die
Bilanz des Käufers. ...
Impairment Test
Beim Impairment Test werden einzelne Geschäftseinheiten unter die
Lupe genommen. Zeigt sich bei einer Geschäftseinheit, dass die
ursprünglich angesetzten Annahmen über Ertrag, Cash-Flow oder
Kapitalkosten zu optimistisch waren, muss eine Abwertung erfolgen –
in der Theorie. In der Praxis tricksen Unternehmen, sobald eine
Geschäftseinheit Abschreibungsbedarf hat. Beliebt ist der Dreh,
miese Geschäfte in der einen Einheit mit guten in einer anderen neu
zusammenzufassen: etwa schwache Verkäufe in den USA mit dem besser
laufenden Geschäft in Kanada.
Ein anderer Weg ist, den Zeitraum, der die Basis für die im Test
verwendeten Planzahlen bildet, zu strecken. Gasehersteller Linde
etwa verschob im schwierigen Jahr 2009 den Planungszeitraum einfach
um ein Jahr auf 2014. So konnte der in der Zukunft liegende
Test-Zeitraum, in dem Wirtschaft und Aktienkurse hoffentlich wieder
besser laufen sollten, verlängert werden. Ob dieser Kniff den hohen
Goodwill der Münchner von 7,8 Milliarden Euro nachhaltig
rechtfertigt, kann niemand genau sagen. Denn Linde testet nicht die
ansonsten in der Bilanz ausgewiesenen Segmente, sondert bildet für
den Impairment Test andere Einheiten. Für Außenstehende lässt sich
deshalb kaum nachvollziehen, wo Abwertungsbedarf bevorsteht.
...
Mit Risikozuschlag
... Schon bei nur mittleren Abschreibungen würden Konzerne mit
hohem Goodwill tiefrote Zahlen schreiben – und das Eigenkapital
würde enorm absacken. Dazu kommt, dass der am Eigenkapital
orientierte Buchwert je Aktie – eine immer noch beliebte Kennzahl
bei Hobby-Börsianern – ebenfalls stark fallen würde. Daran gemessen
würde die jeweilige Aktie im Handumdrehen enorm teuer.
Goodwill-Abschreibungen drücken den Gewinn und erhöhen das
Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), bei dem der Nettojahresgewinn eines
Unternehmens durch die Zahl der von ihm ausgegebenen Aktien geteilt
wird. Umgekehrt erhöht der Wegfall der regelmäßigen Abschreibungen
die ausgewiesenen Gewinne. Wissenschaftler haben berechnet, dass
der Gewinn deshalb 15 Prozent bis 30 Prozent höher liegt – Jahr für
Jahr. Bei Unternehmen mit hohem Goodwill, die zudem noch stark an
der Konjunktur hängen, sollten Anleger also einen ordentlichen
Risikozuschlag nehmen und erst dann taxieren, ob die Aktie
möglicherweise immer noch günstig ist. ...
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Unternehmensbewertung
Die Unternehmensbewertung stellt eine Dienstleistung dar und hat
die Ermittlung des Wertes von ganzen Unternehmen oder von einzelnen
Anteilen daran zum Gegenstand. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil
der Corporate Finance.
Anlässe für eine Unternehmensbewertung
... Nachfolgend seien beispielhaft einige wichtige Anlässe genannt: