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TV-GERÄTE
Es lebe die Röhre!
Von Marcel Rosenbach
Erst wurden die Programme immer flacher, dann die Fernseher. In den
vergangenen Monaten deckten sich Hunderttausende mit schicken LCD-
und Plasma-Geräten ein. Doch viele Verbraucher stellen nun
ernüchtert fest:
Die Bildqualität ist oft
schlecht - besonders bei Sportübertragungen.
Er steht in 98 Prozent aller hiesigen
Haushalte. Statistisch gesehen verbringt jeder Zuschauer
täglich dreieinhalb Stunden vor und mit dem Ding.
Auch deshalb ist er wohl das beliebteste
Alltags-Accessoire. Und trotzdem scheint er ein
Auslaufmodell zu sein - jedenfalls in seiner bisherigen Form.
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Flachbild-TV-Präsentation (auf der Funkausstellung 2003 in Berlin):
Der klassische Konsumenten-Kater kommt zu Hause
Der Bildröhren-Fernseher mit seinem charakteristischen
kastenförmigen Gehäuse ist wohl schon bald ein Fall fürs
Technikmuseum. Und das, obwohl seit seiner Einführung hierzulande
mehrere Hundert Millionen Stück verkauft wurden. Doch längst folgen
die Gerätehersteller in ihren Designentwürfen konsequent den
Programminhalten: Ihre Produkte werden immer flacher.
Der Trend zu den schlanken Monitoren ist nicht mehr zu übersehen.
Große und kleine Elektromärkte überbieten sich mit flirrenden
Wänden aus LCD- und Plasma-Bildschirmen - und mit Sonder-, Werbe-
und Rabattaktionen.
Rechtzeitig zum WM-Trubel gibt es ein neues Statussymbol - fast wie
einst der Farbfernseher bei der letzten Fußball-Weltmeisterschaft
im eigenen Land 1974. Der Ball ist noch rund, aber die neue TV-Welt
eine Scheibe.
Plasma oder LCD? Das ist das
Expertenwissen, mit dem man in vielen Kneipen derzeit wirklich
punkten kann. Zumal die Dinger meist auch dort schon
hängen
......LCoS.....
Die WM, so wurde den Kunden suggeriert, hat erst auf einem flachen
Schirm das Zeug zum wirklich eleganten Spektakel. Und wer schon
keine Tickets hat, braucht wenigstens einen neuen Fernseher.
Möglichst groß, und vor allem: möglichst flach. "Lieber Sofa als
Stadion", lockte es in Prospekten, Anzeigen und Werbespots,
"Imagine the Beauty of Football" oder "There's more to see".
Zwar verkündeten einige Branchengrößen Ende vergangener Woche fast
schon beleidigt, dass sich der Absatz in den letzten Vor-WM-Wochen
nicht ganz so bombastisch entwickelt habe wie erwartet. Aber das
kann auch damit zu tun haben, dass hiesige Händler schon 2005 1,5
Millionen Flachfernseher verkauft haben - ein Plus von 150 Prozent
zum Jahr davor.
Bis Ende 2006 dürften die schlanken Neulinge endgültig ihre alten
Röhren-Brüder überholt haben.
Panasonic will sein Esslinger
Bildröhren-Werk schließen, die Produktion ruht schon seit
Februar.
Bei Loewe lief Ende Mai das letzte Röhrengerät vom
Band. Die Firma macht derweil wieder Gewinn - vor allem dank
Flach-TV.
Endlich mal wieder eine Erfolgsgeschichte also, ein kollektiver
Technik-Taumel? Einerseits ganz offenkundig: ja.
Andererseits gibt es immer mehr Menschen, deren anfängliche
Begeisterung bereits Ernüchterung gewichen ist. Es geht nicht
darum, dass die neue Generation Glotze sonderlich kompliziert zu
bedienen wäre. Es geht auch nicht unbedingt um den Preis, obwohl
der noch immer bei vielen Geräten happig ausfällt. Große
Heimkinomodelle auf fernsteuerbaren Standfüßen kommen schnell in
die Kosten-Regionen koreanischer Kleinwagen.
Es geht um etwas viel profaneres: das Bild. Denn das ist oftmals
deutlich schlechter als früher bei der vielleicht ein bisschen
vorschnell totgesagten Röhre.
Die Karriere eines Flachbildkäufers läuft oft nach dem gleichen
Schema ab: Sie beginnt mit einem Aha-Erlebnis in einem
Elektro-nikmarkt, wo auf den Schirmen mit Vorliebe Grashalme
präsentiert werden, die sich gestochen scharf im Wind wiegen - oder
kristallklare Wasserperlen auf nackter Haut.
Wenn es überhaupt noch weiterer Überzeugungsarbeit bedarf,
argumentieren Verkäufer gern mit der Zukunftssicherheit. Auf allen
Geräten prangt mittlerweile das Signet "HD ready" (sprich: "äjtsch
die reddi") - was heißen soll, dass sie fit sind fürs kommende
hochauflösende Fernsehen.
Der klassische Konsumenten-Kater stellt sich dann zu Hause ein,
kurz nach dem Einstöpseln des Fernsehkabels. Viele trauen dann
ihren Augen nicht mehr: Sie sehen grisselige Bilder, komische
Klötzchen, seltsam flache Farben. Schnelle Bewegungen oder
Kameraschwenks wirken bisweilen verwischt und verwaschen -
besonders bei schnellen Sportübertragungen wie etwa einem
Fußballspiel.
Da kann der Ball dann schon mal einen Schweif nach sich ziehen.
Mitunter sind nicht einmal die Rückennummern der Spieler klar zu
erkennen. Wenn es ganz hart kommt, brummt auch noch das Netzteil
nervig laut.
Meist folgt dann der bange Griff zur Bedienungsanleitung. Manchmal
lindern ein neues Scartkabel oder das Herumspielen an den
Filtereinstellungen die Not ein wenig. Manchmal. Ein wenig.
Immer aber fällt die grundsätzliche Erklärung für das Phänomen
schlicht aus: Die flachen Dinger sind für den ganz normalen
analogen Fernsehempfang über den Pal-Standard nicht gemacht. Sie
müssen dessen "Zeilen" aufwendig in Pixel umrechnen. Das Problem
ist: Etwa 80 Prozent der TV-Haushalte empfangen ihr Signal noch
genau so - analog und in Pal.
Hochauflösende Signale setzen die schlanken Neulinge denn auch in
den meisten Fällen in hervorragende Bilder um. Nutzer von
Computerspielkonsolen sind deshalb in aller Regel auch daheim noch
begeistert. Auch die Eigentümer neuester DVD-Player haben meist
nichts zu meckern. Die Silberlinge liefern zunehmend hohe
Datenraten und damit auch scharfe Bilder. Deshalb wird in den
Geschäften fast immer eine Demo-DVD gezeigt statt des normalen
Fernsehprogramms. Und auch wer die ersten HDTV-Pionierprogramme
empfängt, wird nicht klagen. Es gibt nur kaum welche.
Der Bezahlsender Premiere bietet gegen zusätzliche Gebühr drei
HD-Kanäle an. ProSieben und Sat.1 strahlen seit Oktober testweise
Sendungen auch hochauflösend aus. Das ZDF will frühestens zu den
Olympischen Spielen 2008 in China mit HDTV-Ausstrahlungen beginnen,
die ARD erst 2010, auch RTL hat es nicht eilig. Im Übrigen braucht
es zum Empfang trotz des Signets "HD ready" meist noch eine
zusätzliche Empfangsbox.
Auch der Ton ist meist nicht so doll. Wie auch: In die schlanken
Gehäuse passen kaum ordentliche Mitteltöner, geschweige denn
Bassboxen. Ausgelegt sind sie für externe Surround-Anlagen, die
natürlich auch noch mal ordentlich extra kosten.
Die Hysterie um HD und Flachbildfernseher kommt also reichlich
früh. Statt "zukunftssicher" müsste es eigentlich und ehrlicher
heißen: ihrer Zeit voraus.
Das sagen auch Experten wie Hubertus Primus, Chefredakteur des
"test"-Magazins der Stiftung Warentest. "Nach unseren aktuellen
Tests kann ich sagen, die Flachbildschirme stecken eher noch in den
Kinderschuhen." Die Röhrengeräte seien "billiger und schneiden bei
der Bildqualität eher besser ab".
Zu ähnlichen Ergebnissen kommen Testberichte in Magazinen wie
"c't". Dort finden sich für die vielen unerwünschten visuellen
Flachschirmeffekte inzwischen Fachbegriffe wie "Sägezahnkanten"
oder "Kamm-Artefakte". Immer wieder ist von "ferkelrosa
Farbstichen" in Hauttönen die Rede, von "unschönen Flecken" und
"grünpixeligen Störungen" oder der "längeren Leuchtspur", die "ein
rasch durchs Bild hüpfender Ball" hinterlasse.
Und dies alles in Preiskategorien jenseits der
1000-Euro-Schallmauer. Wo also bleibt der Aufschrei? Wo der Ansturm
bei den Verbraucherschutzzentralen?
Die meisten Konsumenten scheinen eher still zu leiden. Manche
beichten ihren Flachseh-Frust anonym, in einem der etlichen
Internet-Foren zum Hightech-Jammer-Thema Nummer eins. Wie zum
Beispiel bei
http://www.digitalfernsehen.de, wo ein
gewisser berry2 angesichts "total pixeliger" Bilder schon um sein
WM-Vergnügen bangt: "Meine 'alte Röhre' ist nämlich schon
verkauft."
Der Rest an Fassungslosigkeit wird von der wachsenden
Flachfernsehgemeinde erstaunlich geräuschlos geschluckt.
Vielleicht, weil man sich sonst selbst eingestehen müsste, dass man
im Überschwang des Kaufrauschs doch ein bisschen naiv war oder
allzu technik- und reklamegläubig?
Eine Rückgabe der Geräte kommt schon deshalb eigentlich nicht in
Frage - obwohl in den USA angeblich massenhaft Geräte
zurückgebracht werden.
Und das Ding sieht ja auch wirklich nicht übel aus. Wenn es da so
hängt. An der Wand. Schlank und schön. Ausgeschaltet.
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,420929,00.html