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Die Masche mit dem Firmennetz
Freitag 11. August 2006, 10:48 Uhr
Am Anfang steht ein cleverer Kaufmann, der ein Firmennetz spinnt.
Am Ende stehen mehr als 100 000 fassungslose Bankkunden und Anleger
sowie eine geschlossene Bank. Es ist die Geschichte des Münchener
Schuhhändlersohns Klaus Thannhuber und der Privatbank
Reithinger.
FRANKFURT. Die Geschichte beginnt unspektakulär. Der Betriebswirt,
immer adrett gekleidet, macht in Immobilienprojekte – unbekannt und
unauffällig, bis er 1990 die Deutsche Beamtenvorsorge (DBVI)
gründet, eine Aktiengesellschaft, die geschlossene Immobilienfonds
auflegt. Tochtergesellschaften investieren unter anderem in das
Kurfürsten-Center in München, die Opel-Verwaltung in Rüsselsheim
und die WDR-Arkaden in Köln.
"Beamtenvorsorge", der Name hat nichts mit Staatsdienern zu tun,
suggeriert aber Seriosität und Sicherheit. Das zieht: Rund 35 000
Aktionäre stecken vermögenswirksame Leistungen in Sparpläne und
DBVI-Papiere. Etwa 13 000 Geldgeber beteiligten sich – mit weit
höheren Summen – an den Immobilienfonds. Volumen: mehr als 300
Millionen Euro, schätzt der Wirtschaftsdetektiv Medard Fuchsgruber,
der sich schon seit Jahren mit dem Münchener Kaufmann beschäftigt.
Anlegerschützer warnen schon Ende der 90er-Jahre vor dem
Firmengeflecht und monieren falsche Angaben zu Risiko und Rendite.
In dieser Zeit legt auch der Münchener Johann Hörmann Geld in einem
DBVI-Fonds an. 2001 beteiligt er sich noch einmal mit 35 000 Euro
an einem weiteren. "Man hat mir das als risikolose Geldanlage für
die Altersvorsorge verkauft", sagt er. Finanziert wurde über
Kredite von Thannhubers C+H-Bank, die 2002 in der von ihm
übernommenen Bank Reithinger aufgeht. Spezialität der C+H-Bank:
Anlagen in DBVI-Fonds über Kredite finanzieren.
"Die kreditfinanzierte Beteiligung an einem geschlossenen
Immobilienfonds kann grundsätzlich nicht als sichere Altersvorsorge
bezeichnet werden. Durch die Verflechtungen zwischen Thannhuber,
der DBVI und Reithinger gibt es auf jeden Fall Interessenkonflikte
zu Lasten des Anlegers. Ich sehe ganz klar die Gefahr, dass
Anlegergelder versickern", sagt Urban Schädler, Rechtsanwalt der
Kanzlei Lachmair, die zahlreiche DBVI-Geschädigte vertritt.
Inzwischen ermittelt auch die Münchener Staatsanwaltschaft gegen
Thannhuber wegen dubioser Immobiliendeals im westfälischen Hamm.
Der Vorwurf: versuchter Betrug. "Doch das wird nicht das einzige
Verfahren bleiben", heißt es in Ermittlerkreisen.
Thannhubers Firmengeflecht rund um die DBVI wuchert immer weiter.
"Zuletzt bestand es aus bis zu hundert Firmen", sagt Detektiv
Fuchsgruber, der gleichzeitig Sprecher der Aktionsgemeinschaft
Fonds-Geschädigte ist.
Seit 2001 schreibt die DBVI Verluste. 2005 muss sie ihre Immobilien
wertberichtigen und 24 Millionen Euro abschreiben. Nicht der
einzige Ärger: Die DBVI-Fonds investierten nicht nur in Gebäude,
sondern auch in Inhaberschuldverschreibungen der Thannhuber-Bank.
Ende Juli verkündet der Vorstand und langjährige Weggefährte
Thannhubers, Alexander Seebacher, 68 Millionen Euro Bilanzverlust.
Von den 57,8 Millionen Euro Grundkapital sind nur noch 8,7
Millionen Euro übrig. Noch ist der Konzernabschluss nicht testiert.
Unklar ist deshalb, welchen Wert die Inhaberschuldverschreibungen
in Höhe von insgesamt 28,3 Millionen Euro haben. Die DBVI beteuert,
die Inhaberschuldverschreibungen seien abgesichert. Kritiker
bezweifeln dies: "Ich befürchte, dass die Sicherheiten teilweise
aus Darlehen für DBVI-Anlagen bestehen. Damit stellt sich die
Frage, was sie wert sind", sagt Martin Arendts, Rechtsanwalt und
Sprecher der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Er
vermutet in der DBVI eine Cash-Cow Thannhubers. "Aus der DBVI
flossen Gelder an Firmen Thannhubers wie C+H Vermögensplan, die
heutige Seci, und an die Eureka. Die haben für alles Mögliche Geld
bekommen. Eine angemessene Gegenleistung konnte ich nicht
erkennen", lautet sein Vorwurf.
Ähnliches trifft auch auf die Privatbank Reithinger zu. Im März
2006 wird es der Bankenaufsicht zu bunt. Die Bundesanstalt für
Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) stellt "Vermögensabflüsse der
Bank an die Thannhuber-Gruppe fest, die die Gläubigerinteressen in
besonderem Maße gefährdeten", und verbietet Auszahlungen unter
anderem an Reithinger-Eigner Thannhuber, die Vertriebsorganisation
European Securities Invest (Seci), die Ravena Vermögensverwaltung
und die Eureka Finanzmarketingvermittlung. "Offenbar auf Zuruf"
seien im Jahr 2005 "Organisationszuschüsse" in Höhe von 1,5
Millionen Euro an Eureka und Ravena Vermögensverwaltung geflossen,
moniert die Behörde.
Die Eureka vertreibt die Investmentsparverträge für Reithinger und
Fonds für die DBVI-Töchter. Geschäftsführer, Gründer und
Alleingesellschafter: Frank Fleschenberg, Präsident des
Promi-Golfclubs "Eagles" und Golffreund Thannhubers. Fleschenberg
hält zu ihm, vermutet "eine Hetzkampagne". Kein Wunder, so
Kritiker: "Die Eureka gehörte Thannhuber", sagt Rechtsanwalt
Arendts, "Fleschenberg war nur Treuhänder." Fleschenberg bestreitet
dies.
Auch die Ravena Vermögensverwaltung (RVV) ködert Kunden für die
Sparpläne der Privatbank Reithinger. Geschäftsführer bis Juni 2004:
Klaus Thannhuber. Danach überträgt er die Anteile an seine
Lebensgefährtin und einen weiteren Geschäftspartner. Nur Tage
später kauft er über eine andere Firma Anteile zurück. Auch aus der
Ravena zieht Thannhuber laut BaFin Geld ab: Fast 1,9 Millionen Euro
soll sie zwischen März und Dezember 2005 an ihn gezahlt haben. Und
an RVV und Eureka zahlt Reithinger.
"Eine Aufsicht, wie vom Gesetz vorgeschrieben, war bei diesem
unübersichtlichen Konstrukt nicht gewährleistet", argumentiert eine
BaFin-Sprecherin. Inzwischen heißt es auch in Kreisen der
Privatbank: "Möglicherweise gab es Konstruktionen, die es unter
fremden Dritten nicht gegeben hätte." Gemeint seien "Kredite und
Einmalzahlungen, die möglicherweise gesellschafterveranlasst waren
und möglicherweise für eigene Zwecke verwendet worden sind". Heißt:
Thannhuber soll Geld aus der Bank abgezweigt haben. Pleite sei das
Institut aber nicht.
Dennoch schloss die BaFin die Bank am Bodensee in der vergangenen
Woche. Die Gründe: die Verstrickung in Thannhubers Firmengeflecht
und eine "mangelnde Fortführungsprognose". Denn die Bank sollte bis
Januar 2008 in aller Stille (Stockholm: 32001.ST - Nachrichten)
liquidiert werden, so der Vorwurf der BaFin. Dann wäre das
Tafelsilber der Bank hinter dem Rücken der Kunden verscherbelt
gewesen.
Thannhuber hat mittlerweile rechtliche Schritte gegen die BaFin
angekündigt. Seine Anwälte nahmen bis Redaktionsschluss keine
Stellung zu den Vorwürfen.



sugar