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FN-Vorstandsinterview
Das FN-Vorstandsinterview mit Tipp24: Lotto24-Spin-Off und neuer
Geschäftsbereich in Planung
Wir freuen uns, Ihnen heute das erste FN-Vorstandsinterview mit dem
Vorstandsvorsitzenden der Tipp24 SE, Dr. Hans Cornehl, auf
FinanzNachrichten.de präsentieren zu können. Tipp24 hat am 20.
April die Abspaltung des Deutschland-Geschäfts als Lotto24 AG
bekannt gegeben, die auf der Hauptversammlung am 22. Juni
abgesegnet werden soll, und letzte Woche die Quartalszahlen mit
1,08 Euro Gewinn/Aktie im Q1/2012 (Q1/2011: 0,99 Euro)
veröffentlicht.
Mit 35 Mio. Euro Umsatz (+6 %), 12 Mio. Euro EBIT (+4 %) und 9 Mio.
Euro Gewinn (+16 %) ist Januar bis März 2012 deutlich besser
gelaufen als das Vorjahresquartal (Quartalsbericht als PDF).
Spannende Zeiten für die Firma, deren Aktie zahlreiche positive
Analysteneinschätzungen bekommt und zuletzt neue Allzeithochs
erklommen hat.
FinanzNachrichten.de:
Sehr geehrter Herr Dr. Cornehl, Tipp24 bietet - wie der Name
vermuten lässt - natürlich Lottospielen via Internet an. Wie würden
Sie jemandem, der Ihre Firma nicht kennt, Ihr Geschäftsmodell in
einfachen Worten beschreiben?
DR. HANS CORNEHL:
Tipp24 ist seit über zwölf Jahren im deutlich staatlich geprägten
Lotteriemarkt tätig. Die Geschäfte werden getrennt nach Auslands-
und Inlandssegment betrieben, und die Geschäftsmodelle
unterscheiden sich von Land zu Land. In Deutschland vermitteln wir
über die Website www.lotto24.dedas staatliche Lotto 6 aus 49 über
das Internet. Dafür erhalten wir von der staatlichen
Lottogesellschaft eine Vermittlungsprovision. Das ist wegen des
Glückspielstaatsvertrags derzeit nur in Schleswig-Holstein möglich,
soll aber Mitte des Jahres bundesweit wieder erlaubt werden.
Ausserdem vermitteln wir noch Klassenlotterien.
Darüber hinaus halten wir Minderheitsbeteiligungen in
Grossbritannien, die eigenständig auf Basis einer britischen Lizenz
Zweitlotterien auf verschiedene europäische Lotterien veranstalten
bzw. vermitteln. Schliesslich werden noch in Spanien die dortigen
nationalen Lotterien ebenfalls über das Internet vermittelt.
Sämtliche Minderheitsbeteiligungen werden vollkonsolidiert.
FN:
In welchen Ländern erzielt Ihr Unternehmen die grössten Umsätze?
Fokussieren Sie sich ausschliesslich auf die jeweils staatlichen
Lotterieangebote oder gibt es auch nennenswerte Umsätze mit
privaten Glückspielangeboten, wie Online-Poker oder Casino?
DR. HANS CORNEHL:
Im ersten Quartal 2012 trug das Auslandssegment mit 35,9 Mio. Euro
Umsatz und einem EBIT von 15,3 Mio. Euro wie auch bereits in den
Vorjahren seit 2009 den wesentlichen Teil des Geschäfts. Wegen der
zwar europarechtswidrigen, aber in 15 Bundesländern nach wie vor
wirksamen dramatischen Beschränkungen des deutschen Lotteriemarkts
durch den Glückspielstaatsvertrag, trug das deutsche Segment
lediglich 0,1 Mio. Euro zum Umsatz bei. Online-Poker oder Casino
werden nicht angeboten. Wir haben uns von jeher auf Lotto und
Lotterien fokussiert und sehen hier auch für die Zukunft für uns
die grössten Potentiale.
FN:
Wie hoch sind die Margen in den verschiedenen Segmenten?
DR. HANS CORNEHL:
Im Auslandssegment wurde im ersten Quartal 2012 wie auch schon im
Vorjahr eine EBIT-Marge von über 40 % erwirtschaftet. Da wir im
deutschen Segment in den letzten Jahren kaum Geschäft machen
durften, sondern stattdessen um unser Recht gekämpft haben, und wir
auch in diesem Jahr bislang nur in Schleswig-Holstein die
Internet-Lottovermittlung wieder starten durften, trägt das
deutsche Segment im Wesentlichen Verwaltungs- und
Rechtsberatungskosten. Hier haben wir nur einen negativen Beitrag
zum konsolidierten EBIT zu verzeichnen. Im ersten Quartal 2012
betrug dieser -3,1 Mio. Euro. Im Geschäftsjahr 2011 -8,8 Mio.
Euro.
FN:
Vor allem in Deutschland gibt es immer noch harten politischen
Gegenwind für Anbieter von Online- Glücksspielen, Stichwort
Lotto-Staatsvertrag. Die EU-Kommission hingegen möchte eine
möglichst vollständige Liberalisierung des europäischen Marktes
erreichen. Schleswig-Holstein hat kürzlich als erstes Bundesland
die Bedingungen für Online-Lotto wieder gelockert. Ist Online-Lotto
über Anbieter aus diesem Bundesland für alle deutschen Lottospieler
nun dauerhaft 'legal'? Dürfen Sie für dieses Angebot in anderen
Bundesländern werben?
DR. HANS CORNEHL:
Das Angebot unter www.lotto24.de bieten wir aktuell Kunden mit
Wohnsitz in Schleswig-Holstein oder Sachsen-Anhalt an. In
Schleswig-Holstein gibt es hierfür eine gesetzliche Grundlage, die
europarechtskonform und diskriminierungsfrei gegenüber gewerblichen
Anbietern ist. In Sachsen-Anhalt haben wir die Zulässigkeit
rechtskräftig erstritten. Aus unserer Sicht ist das Angebot in ganz
Deutschland legal, da die Verbote in den anderen Ländern aus
europarechtlicher Sicht nicht mehr haltbar sind, dieses zeigt auch
die jüngste gerichtliche Entscheidung des Landgerichts Bremen. Die
bremische Lottogesellschaft ist dort mit ihrem Versuch gescheitert,
Lotto24 die Internetvermittlung des schleswig-holsteinischen Lottos
über Lotto24 in Bremen verbieten zu lassen. Das Gericht ist
offenbar unserer Auffassung gefolgt, dass seit dem 1. Januar 2012
in ganz Deutschland, auch in Bremen, das Internetverbot und die
weiteren Verbote des GlüStV nicht mehr fortgelten.
Eine Werbung in den anderen Bundesländern ist aus unserer Sicht
zwar rechtlich möglich, aber vor dem soeben beschriebenen
Hintergrund derzeit wirtschaftlich nicht sehr effizient. Erst wenn
das Vermittlungsmodell wieder weitgehend bundesweit möglich ist,
sind Marketingmassnahmen sinnvoll. Voraussichtlich ist ab 1. Juli
2012 die Teilnahme in ganz Deutschland zulässig.
FN:
Die Aktie von Tipp24 befindet sich nun seit mehreren Jahren im
Aufwärtstrend und hat erst in dieser Woche ein neues Allzeithoch
erzielt - die Geschäfte laufen offenbar hervorragend?
DR. HANS CORNEHL:
Tipp24 entwickelt sich seit mehr als zwölf Jahren sehr erfolgreich
– und das in einem schwierigen und bewegten regulatorischen Umfeld.
Im vergangenen Geschäftsjahr gab es wiederholt ein Rekordergebnis.
Der erfolgreiche Geschäftsverlauf belegt einmal mehr, dass Tipp24
in der Lage ist, in einem durch häufigen Wandel geprägten Umfeld
nachhaltiges Umsatz- und Ertragswachstum zu generieren.
FN:
Mit einem Gewinn pro Aktie von 4,80 Euro im Geschäftsjahr 2011 und
einem aktuellen Aktienkurs von rund 42 Euro liegt das KGV trotzdem
nur bei ca. 9. Im Vergleich zu anderen Wachstumsunternehmen scheint
dies eine recht moderate Bewertung zu sein. Wie sehen Sie dies?
DR. HANS CORNEHL:
Tipp24 sieht ihre Aufgabe in der Entwicklung ihrer Geschäfte in den
Lotteriemärkten. Die Einschätzung der Bewertung unserer Aktivitäten
überlassen wir den Experten der Banken, namentlich den Analysten
der Berenberg Bank, der Deutschen Bank, Hauck & Aufhäuser,
Macquarie und der Warburg Bank, die sich regelmässig mit unserem
Geschäft auseinandersetzen sowie natürlich auch unseren Aktionären
selbst. Wir sind keine Anlageberater und geben generell keine
Aussagen über die Bewertung von Aktien – auch nicht unserer eigenen
– ab.
FN:
Laut Ihrer jüngsten Ankündigung möchten Sie ihr neues
Deutschland-Geschäft, die Lotto24 AG, ausgliedern und als
eigenständiges Unternehmen an die Frankfurter Börse bringen. Die
Aktien der Lotto24 sollen hierbei als Sachdividende mit einem Wert
von ca. 2,50 Euro pro Tipp24-Aktie gratis an die Tipp24-Aktionäre
abgegeben werden. Könnten Sie unseren Lesern die Hintergründe für
diesen Spin-Off erläutern und welches Potenzial sehen Sie für die
Deutschland-Tochter in den kommenden Jahren?
DR. HANS CORNEHL:
Die Tipp24 befindet sich seit mittlerweile vier Jahren in
Auseinandersetzungen über die Wiederzulassung des
Online-Lotterievermittlungsgeschäfts in Deutschland. Obwohl wir
hierbei klare Erfolge erzielt haben, halten wir eine vollständige
gesellschaftsrechtliche Trennung für die beste Option, um der
Lotto24 AG einen rechtlich unbelasteten Start am deutschen Markt zu
ermöglichen. Im Zuge der Wiederaufnahme der
Online-Lotterievermittlung in Deutschland wurde bereits damit
begonnen, mit Lotto24 eine starke und einprägsame Marke für das
nationale Geschäft zu etablieren.
Nach dem Verbot der Online-Lotterievermittlung Anfang 2009 ist der
gesamte deutsche Lotteriemarkt auf ein Volumen von rund 6,5 Mrd.
Euro zurückgegangen. Der Markt hier hat erheblichen Nachholbedarf –
sowohl im Hinblick auf die Pro-Kopf-Ausgaben für Lotterien als auch
im Online-Vermittlungsgeschäft. Wir sind daher überzeugt, dass
durch die bevorstehende Liberalisierung des Markts und die
Wiederzulassung der Online-Lotterievermittlung ein erhebliches
Wachstumspotenzial aktiviert werden kann. Von diesem wird Lotto24
nachhaltig profitieren.
FN:
Ist mit der Ausgliederung nicht auch ein deutlich höherer
Verwaltungs- und Kostenaufwand verbunden? Die Rede ist allerdings
von negativen Synergien - wie ist dies zu verstehen?
DR. HANS CORNEHL:
Die Lotto24 wird im Rahmen des geplanten Spin-off in eine
eigenständige Aktiengesellschaft überführt. Diese wird dann
naturgemäss Verwaltungs- und Kostenaufwände haben. Durch eine
schlanke operative Aufstellung und ausgeprägtes Kostenbewusstsein
werden die verfügbaren Barmittel wirtschaftlich eingesetzt.
Beispielsweise sind die Technikkosten variabel an die Umsatzhöhe
gekoppelt.
Die Notwendigkeit des Spin-off besteht, um negative Synergien in
Bezug auf die regulatorischen Rahmenbedingungen zu verhindern. Zum
Hintergrund: Für die Vermittlungstätigkeit wird die Lotto24 AG
Erlaubnisse verschiedener Aufsichtsbehörden in den einzelnen
Bundesländern einholen müssen. Die Erteilung dieser Erlaubnisse
unterliegt voraussichtlich keinen objektiven Kriterien, sondern
wird wohl im freien Ermessen der Aufsichtsbehörden liegen, obwohl
der Europäische Gerichtshof dieses untersagt hat. Wir befürchten,
dass die Erlaubnisverfahren, würden sie von der Tipp24 SE oder
einer Tochtergesellschaft geführt werden, durch die historischen
juristischen Auseinandersetzungen mit eben diesen Behörden oder
auch durch die Minderheitsbeteiligung an den britischen
entherrschten Gesellschaften negativ belastet sein könnten. Aus
diesem Grunde plant die Tipp24 SE den Spin-off des
Deutschlandgeschäfts in eine vollkommen eigenständige und
unabhängige börsennotierte Gesellschaft.
FN:
Für den Wiederaufbau des deutschen Online-Lottogeschäfts sind
sicher auch erhebliche Investitionen, wie z.B. in Marketing,
notwendig. Wie sehen die Pläne in Sachen Finanzierung aus für die
Lotto24 AG? Sie haben eine Barkapitalerhöhung angekündigt - würde
diese eher im Umfang von ein paar Mio. Euro ausfallen oder doch
eher in einer Grössendimension von 10-20 Mio. Euro, um die Firma
von Beginn an mit reichlich Finanzmitteln auszustatten?
DR. HANS CORNEHL:
Zur Deckung des Liquiditätsbedarfs beabsichtigt die Lotto24 AG eine
Barkapitalerhöhung im Vorfeld des Spin-offs durchzuführen. Details
dazu werden voraussichtlich in den nächsten Wochen in Form einer
Angebotsunterlage veröffentlicht werden.
FN:
Abgesehen von dem Spin-Off des Deutschland-Geschäfts - wie ist Ihre
Strategie für die Zukunft? Gibt es Pläne für Übernahmen,
Aktienrückkäufe oder grössere Investitionen in bestimmte
Geschäftsbereiche?
DR. HANS CORNEHL:
Neben den bestehenden Wachstumsaktivitäten der
Minderheitsbeteiligungen in Spanien und Grossbritannien,
beabsichtigt die Tipp24 SE mittelfristig einen neuen
Geschäftsbereich aufzubauen. Dieser soll Internet-Dienstleistungen
für internationale Lottoveranstalter anbieten. Das Feedback des
Marktes nach ersten Gesprächen hat uns in der Auffassung bestärkt,
dass sich hier international ein aussichtsreiches Geschäft in einem
attraktiven Wachstumsmarkt bietet. Dafür sind wir hervorragend
aufgestellt.
FN:
Wie sehen Ihre Planzahlen für Umsatz und Gewinn in den kommenden
Jahren aus?
DR. HANS CORNEHL:
Wir erwarten im laufenden Geschäftsjahr bei einem konsolidierten
Umsatz von mindestens 130 Mio. Euro ein EBIT in Höhe von mindestens
35 Mio. Euro. Bei der Prognose sind Unsicherheiten hinsichtlich
negativer statistischer Fluktuationen mit einer Höhe von 10 Mio.
Euro berücksichtigt. Aufwendungen für den Wiederaufbau des
deutschen Geschäfts sind vor dem Hintergrund des geplanten
Spin-Offs nicht enthalten.
FN:
Das ist im Vergleich zu den 2011 erzielten 139 Mio. Euro Umsatz und
52 Mio. Euro EBIT sicherlich ein relativ vorsichtiger Ausblick auf
die Zukunft. Warburg Research erwartet für 2012 bei 134 Mio. Euro
Umsatz ebenfalls 35 Mio. Euro EBIT sowie einen Nettogewinn von 26
Mio. Euro oder 3,22 Euro pro Aktie (2011: 4,55 Euro Gewinn/Aktie)
und stuft Ihre Aktien mit 'Kaufen' und Kursziel 47 Euro ein.
Herr Dr. Cornehl, wir bedanken uns recht herzlich für das Interview
und wünschen Ihnen, dass die angesprochenen 'Fluktuationen' in
diesem Jahr möglichst zu Ihren Gunsten ausfallen werden!
© 2012 Das FN-Vorstandsinterview
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