Auf dem Automobilsalon in Paris zeigen die
Italiener, dass der Erfolg des Punto kein One-Hit-Wonder war. Die
Abkehr vom Billig-Image ist beschlossene Sache
von Christiane Habrich-Böcker
Ein Jahr ist es her, da lud Fiat 1000 Gäste zum Galadinner nach
Turin. Mit großem Tamtam
wurde das Modell Grande Punto aus der Taufe gehoben. Als Pate
fungierte Formel-1-Legende
Michael Schumacher, sogar die Fiat-Familie Agnelli höchstselbst war
anwesend. Der \"lange
Kompakte\" sollte Großes leisten. Bis zur Taufe hatte es
schließlich drei Jahre gedauert, 820
Millionen Euro Entwicklungskosten waren verschlungen worden.
Fiat-Präsident Luca Cordero di
Montezemolo ließ denn auch in seiner Taufrede keinen Zweifel über
die Bedeutung des Grande
Punto für den Konzern: \"Wenn wir es jetzt nicht schaffen, schaffen
wir es nie mehr.\"
Ein Jahr später ist das Wunder fast schon perfekt. Die
Absatzplanung für dieses Jahr wird wohl
übertroffen. Das Fahrzeug für den sogenannten Volumenmarkt, also
den Massenmarkt, wurde
seit seiner Auflage im September 2005 bislang 313000-mal (Stand
Ende Juni) bestellt. Ein
solcher Erfolg war dringend nötig, denn Fiat Auto und in der
Hauptsache die Marke Fiat sorgen
für mehr als 40 Prozent des Umsatzes von Italiens größtem
Konzern.
Im vergangenen Quartal verkaufte Fiat Auto mehr als eine Million
Stück, letztmalig passierte das
im Jahr 2001.
In Paris können also die Manager um di Montezemolo erstmals nach
Jahren wieder erhobenen
Hauptes auftreten. Der Grande Punto ist ein spektakulärer Erfolg,
doch tatsächlich hat die
gesamte Konzernflotte mächtig Fahrt aufgenommen. Fiat hat an der
Modellpolitik (gut für den
Umsatz) und an der Produktivität (gut für die Umsatzrendite)
gearbeitet. Investoren, die frühzeitig
auf den Turnaround gesetzt haben, konnten seit dem Tiefstand Ende
April 2005 rund 200 Prozent
Gewinn einfahren. Auch Analyst Stefan Burgstaller von Goldman Sachs
blaubt weiter an die
Restrukturierung und sieht die Fiat-Aktie nach wie vor als
Outperformer.
In Paris will man nach Punto und Panda bei den Käufern punkten.
Auch die Fiat-Schwestermarke
Alfa Romeo legt beim Absatz wieder zu. Und Lancia fährt 2008 mit
drei neuen Modellen vor.
Wobei die beiden aber noch weit von einer Gesundung entfernt sind.
Anders im
Nutzfahrzeugbereich: Die Tochter Iveco, die einen Anteil von rund
18 Prozent am Konzern hat,
liefert ordentliche schwarze Zahlen.
Tempomacher auf dem strikten Effizienzkurs ist der Hardliner im
Fiat-Vorstand, Sergio
Marchionne. Nachdem er Hierarchien, Vertrieb und Produktion in der
Mangel hatte, kann Fiat
nach Berechnungen des Forschungsinstituts B&D Forecast im Markt
der Volumenhersteller die
dritthöchste Umsatzrendite nachweisen. Das ist zwar noch weit vom
Traumwert der japanischen
Hersteller entfernt – Toyota setzt die Benchmark mit 9,5 Prozent.
Aber bei den Europäern liegt
Fiat mit 4,9 Prozent hinter Skoda auf Platz zwei. VW fährt derzeit
nur 1,8 Prozent ein.
Setzt sich der positive Trend fort, können die Aktionäre bei
Bekanntgabe der Zahlen fürs dritte
Quartal Ende Oktober weiterfeiern. Die Fiat-Protagonisten glauben
jedenfalls daran. \"Alle
bisherigen Fakten übertreffen bereits jetzt die Erwartungen für das
laufende Geschäftsjahr\", jubelt
di Montezemolo. In den verbleibenden Monaten rechne man mit einer
Fortsetzung der positiven
Entwicklung.
Fiat wagt im wichtigen Osteuropa-Markt, wo man Importmarke Nummer 1
ist, sogar einen
Paradigmenwechsel. Die Italiener wollen weg vom Billig-Image. \"Das
wird schwierig, weil wir
Image vor Absatz stellen und damit zunächst einmal die Käufer, die
ein preiswertes Fahrzeug
suchen, nicht mehr in dieser Form bedienen\", erklärt
Fiat-Markenchef Luca di Meo gegenüber
Euro am Sonntag. \"Aber wir denken, dass Image letztendlich auch
den Ertrag sichert. Und das
ist uns wichtiger als Stückzahlen. Um das Ziel zu erreichen,
akzeptieren wir auch eine Phase mit
Absatzrückgängen.\"
Auch in den globalen Märkten will Fiat in der Vergangenheit
Versäumtes aufholen. Die
Abhängigkeit vom westeuropäischen Markt ist nämlich nach wie vor
die Achillesverse. Um das
auszugleichen, steht China ganz oben im Pflichtenheft der
Fiat-Mannen. Bis 2010 sollen dort
jährlich 300000 Fahrzeuge verkauft werden. Das würde eine
Versiebenfachung der derzeitigen
Produktion bedeuten. Ein neues Modell pro Jahr will man den
Chinesen schmackhaft machen.
\"Wir haben aktuell in China den Perla präsentiert und starten
damit die Offensive\", so di Meo.
Auch Indien ist fest im Visier. Die bestehende Kooperation mit
Marktführer Tata Motors wird
ausgebaut. Man will unter anderem ein gemeinsames Unternehmen
gründen, um Motoren sowie
einen Kleinwagen für Asien zu produzieren.
Mit solchen Kooperationen – zehn sind es insgesamt – will Vorstand
Marchionne die Zukunft
sichern. Gerade kaufte Fiat Auto sogar für 800 Millionen Euro 29
Prozent an der einstigen
Konzerntochter Ferrari zurück. Die Turiner demonstrieren wieder
Stärke und Selbstvertrauen. Das
hätten sie bei dem Dinner vor einem Jahr wohl selbst nicht
gedacht.
Wertpapiere des Artikels:
Fiat S.p.A.
Autor: SmartHouseMedia (© wallstreet:online AG / SmartHouse Media
GmbH),08:18 01.10.2006