schrieb am 01.11.06 21:25:57
Ehe man mich von board kickt, muss ich wenigstens den hier noch
loswerden. Ausnahmsweise mal ein fundierter Artikel aus Hamburg
(ist auch nicht von SPON, sondern von der Hauptredaktion):
DER SPIEGEL 44/2006 - 30. Oktober 2006
URL: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,445857,00.html
MIGRATION
Und tschüs ...
Von Julia Bonstein, Alexander Jung, Sebastian Matthes und Irina
Repke
Die Jobaussichten sind schlecht, die Steuern hoch, die Bürokraten
nervig: Immer mehr Deutsche haben genug von ihrem Land, sie wandern
aus. Und meist sind es die Qualifizierten, die gehen. Mit ihnen
verschwindet wertvolles Wissen, die wirtschaftlichen Folgen sind
fatal.
Sie sind es satt, so satt. Dieses ewige Gezänk um Lohnnebenkosten,
Sozialreformen, Subventionsabbau, Ladenschluss und all die anderen
Symbole einer blockierten Republik.
Knut Gärtner
Frank Pigorsch, 45, Maurermeister aus Harsefeld, mit seiner Frau
Birgit und den Kindern Aaron und Johannes, heute in Calgary: "Mit
Mitte 40 ist das die letzte Chance."
Sie sind es leid, in einem Land zu leben, in dem es einem
Lotteriespiel gleicht, einen Krippenplatz zu ergattern - einem
Land, in dem nicht einmal die Hälfte der Menschen von Erwerbsarbeit
lebt. Und in dem selbst Akademiker mit Mitte 40 bereits als schwer
vermittelbar gelten; einem Land also, in dem alle Chancen verteilt
scheinen: auf beruflichen Erfolg, auf Eigentum, auf Wohlstand.
Deshalb wollen sie weg. Nichts wie weg. Dorthin, wo sie eine
bessere Zukunft vermuten. In die Dritte Welt zum Beispiel, nach
Indien.
René Seifert, 35, ist noch immer wie berauscht von Bangalore, der
aufstrebenden Metropole des Subkontinents, wo sich nachts die
jungen Programmierer in den Tanzlokalen drängeln und tagsüber Autos
die Rikschas überholen und Rikschas die Kühe - und doch alles
irgendwo seinen Platz findet. Seifert liebt dieses Chaos. "Das
Pulsierende in Asien, die positive Grundstimmung und die vielen
Möglichkeiten faszinieren mich", schwärmt er.
Seifert, ein diplomierter Kaufmann, der früher Unterhaltungschef
beim Internet-Portal Lycos Europe war, hat mit ein paar tausend
Euro Startkapital eine Firma in Bangalore gegründet, er berät
deutsche Mittelständler, die sich hier ihre Buchhaltung erledigen
lassen wollen. Dass er irgendwann einmal nach München zurückkehren
wird, kann er sich kaum vorstellen: "Hier geht es doch jetzt erst
richtig los."
Ähnlich empfindet es der Mediziner Frank Naumann, 38, der zusammen
mit seiner Frau vor den "miserablen Arbeitsbedingungen zu Hause"
nach Österreich geflüchtet ist: "Vom Nordkap bis zu den Emiraten
sind deutsche Ärzte gefragt, weshalb sollte ich da in Cottbus
bleiben?"
Sechs Jahre lang wurde der Facharzt an einer Cottbuser Klinik mit
Zeitverträgen vertröstet. Es war höchst ungewiss, wann er je zum
Oberarzt aufsteigen würde. Die Naumanns zogen die Konsequenz: Sie
siedelten über ins Salzburger Land, nun arbeitet er im Krankenhaus
in Schwarzach, unbefristet und als Oberarzt. In Cottbus aber musste
das Klinikum Notdienstpläne aufstellen, weil immer mehr Ärzte
fehlten.
Fast jeder kennt heute Leute wie Seifert oder Naumann, die mitten
im Leben neu anfangen wollen. Leicht fällt der Abschied wohl
keinem, doch irgendwann ist der Frust so groß wie die Sehnsucht auf
eine neue Zukunft. Selten haben sich so viele Menschen in
Deutschland dafür entschieden, alles hinter sich zu lassen: Haus
und Hof, Eltern und Tanten, Freunde und Kollegen.
Genau 144.815 Deutsche sind im vergangenen Jahr laut Statistischem
Bundesamt fortgezogen, das ist fast ein Viertel mehr als 2002.
Zugleich kehren immer weniger aus dem Ausland zurück, zuletzt waren
es 128.052. Erstmals seit einer Generation wandern wieder mehr
Deutsche aus als ein. Und das sind bloß die offiziellen Zahlen.
Vermutlich gibt es etwa noch mal so viele Fortzügler, die es
versäumen, sich bei ihrer Gemeinde abzumelden. Längst sind es nicht
mehr nur Aussteiger, Steuerflüchtlinge oder Prominente, die sich
auf und davon machen. Heute zieht es Internisten nach Norwegen,
Ingenieure in die USA, Agrarwissenschaftler nach Neuseeland.
Deutschland, kein Zweifel, wird zum Auswanderungsland.
DER SPIEGELDer typische Emigrant ist im besten Alter, zwischen 25
und 45, hat eine ordentliche Ausbildung genossen und schon Karriere
gemacht. "Wer geht, ist häufig hoch motiviert und gut ausgebildet",
sagt Stefanie Wahl vom Bonner Institut für Wirtschaft und
Gesellschaft. Ganz anders verhält es sich mit den Einwanderern:
"Wer kommt, ist meistens arm, ungelernt und wenig gebildet." Genau
hier liegt das Problem.
Immer mehr Menschen kehren Deutschland den Rücken, und zwar vor
allem die Leistungsträger: Laut einer OECD-Studie verliert kaum ein
anderer Industriestaat so viele Akademiker ans Ausland. Der Anteil
der Promovierten liegt unter den Auswanderern zehnmal höher als im
Schnitt der Bevölkerung. Und die Hälfte der Emigranten ist jünger
als 35 Jahre: "Das ist ein Alarmzeichen", warnte vergangene Woche
Ludwig Georg Braun, Präsident des Deutschen Industrie- und
Handelskammertags.
Zugleich aber kommen immer weniger Neubürger ins Land, und dann
sind es häufig nicht gerade solche, die die Unternehmer besonders
umwerben. Während Staaten wie Australien oder Kanada in erster
Linie ins Land lassen, wen sie wirklich brauchen, qualifiziert in
Deutschland die meisten Einwanderer lediglich die Tatsache, dass
sie Familiennachzügler oder Spätaussiedler sind - eine
Fehlsteuerung mit weitreichenden Folgen.
Der Hamburger Ökonom Thomas Straubhaar warnt vor einer Art
"DDR-Effekt", wenn das Land ausgerechnet jene Kräfte verliere, die
flexibel seien und offen für Neues. "Wenn wir nichts dagegen tun,
werden sich die Probleme dieses Landes in einer Weise zuspitzen,
wie sich das heute kaum jemand vorstellen kann."
Dem Rentensystem gehen Beitragszahler just zu einer Zeit verloren,
da sich das Riesenheer der Babyboomer allmählich in den Ruhestand
verabschiedet. Die demografische Krise verschärft sich, zumal
ohnehin 2005 schon 144.000 mehr Menschen in Deutschland gestorben
sind als geboren wurden und der Abstand zwischen Geburten und
Sterbefällen weiter wächst.
Für die deutsche Volkswirtschaft bedeutet die Abwanderung der
Eliten ein gewaltiges Verlustgeschäft: Der Staat steckt Zigtausende
Euro in die Ausbildung jedes Biologen, Informatikers oder
Ingenieurs. Und dann verlassen diese Spezialisten frustriert das
Land.
Von knapp 12.000 Medizinstudenten, die pro Jahr ihr Studium
beginnen, arbeiten am Ende weniger als 7000 in Kliniken oder
Praxen; von ihnen wiederum verlässt laut Marburger Bund knapp die
Hälfte Deutschland. Die Ausbildung dieser etwa 3000 Ärzte kostet
den Staat rund 600 Millionen Euro - und davon profitieren die
Patienten in Großbritannien, Norwegen oder der Schweiz.
Letztlich schwächt der Export solchen Geistesvermögens den
Standort. Vielen Unternehmen fehlen heute schon Fachkräfte, 16
Prozent der deutschen Firmen können nicht alle Arbeitsplätze
besetzen, weil sie keine geeigneten Mitarbeiter finden. Allein im
Maschinenbau gibt es derzeit rund 7000 offene Stellen für
Ingenieure.
"Es kann nicht sein, dass vor allem Menschen auswandern, die für
uns wertvoll sind, die gut ausgebildet und motiviert sind", beklagt
DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche den "Brain Drain", wie
Personalexperten den "Abfluss der Hirne" umschreiben. Zugleich, so
fordert der Top-Manager, müsse der Staat eine andere
Zuwanderungspolitik verfolgen: "Es sollten auch Menschen einwandern
können, die uns helfen, unsere Probleme zu lösen."
Was früher wie ein exotischer Traum erschien, ist heute für viele
eine durchaus realistische Option in ihrer Lebensplanung. Schon
drei Millionen Deutsche leben mittlerweile im Ausland. Erst hat
Deutschland, der Exportweltmeister, die Produktionsstätten
verlagert, dann die Jobs. Jetzt folgen seine Bürger.
Manche treibt die Lust aufs Abenteuer in die Ferne. Andere haben
die Nase voll von typisch deutschen Eigenheiten, dem Hang etwa,
immer neue Regeln zu erfinden, wo gar keine nötig wären. Einige
suchen einfach nur ihren Platz an der Sonne. Oft aber ist der
wichtigste, im Wortsinn, Beweggrund eher ökonomischer Natur: Sie
sehen in Deutschland keine berufliche Perspektive mehr und wollen
sich dort eine neue Existenz aufbauen, wo ihre Arbeitskraft noch
begehrt ist. Und das ist an erstaunlich vielen Orten der Welt der
Fall.
Australien hat eigens eine Kampagne gestartet, um Fachleute aus
Übersee zu werben, vom Friseur bis zum Mineningenieur. Auch
Neuseeland sucht aktiv nach qualifizierten Kräften. Die meisten
Auswanderer freilich scheuen den ganz großen Sprung. Ihnen ist es
Wagnis genug, in einem der Nachbarstaaten neu zu starten.
In Österreich beispielsweise arbeiten inzwischen über 57.000
Deutsche. Auch die Schweiz wird immer beliebter: Schon jeder zehnte
Auswanderer entscheidet sich für den Nachbarn im Süden, in kein
anderes Land sind 2005 so viele Deutsche gezogen. Und dänische
Arbeitsvermittler reisen extra zu Jobbörsen nach Deutschland, um
gesuchte Kräfte zu rekrutieren.
Montagmorgen in der Zentrale der Hamburger Arbeitsagentur: Grith
Tschorn vom dänischen Personaldienstleister Ramsdal sitzt vor ihrer
rotweißen Nationalflagge. Auf dem Schreibtisch liegt ein Stapel mit
Arbeitsverträgen. Wer Schweißer gelernt hat, kann sofort
unterschreiben, solche Leute engagiert sie fast blind.
"Hi, ich bin die Grith", grüßt sie den jungen Mann, der vor ihr
Platz nimmt. "Hallo, ich heiße Ramon Berg", antwortet er, ein
bisschen irritiert über die vertrauliche Anrede. "Was kannst du,
Ramon?", kommt sie gleich auf den Punkt.
Ramon Berg, 29, aus Kiel kann einiges, er ist gelernter Gas- und
Wasserinstallateur und diplomierter Bauingenieur. "Echt?
Bauingenieur?", fragt die Dänin. "Ich weiß, ist schwierig",
antwortet er kurz; er sieht schon seine Chancen schwinden. "Nein,
das ist unheimlich leicht", unterbricht sie ihn, "wir suchen
Bauingenieure, dringend." Sie habe bereits einen Arbeitgeber im
Hinterkopf, in drei oder vier Wochen könne er da wohl anfangen.
So schnell ändern sich Lebensläufe.
Oft schon hatte Deutschland regelrechte Auswanderungswellen zu
verkraften. Mitte des 19. Jahrhunderts, nach mehreren größeren
Hungersnöten, lockten die Verheißungen der Neuen Welt
Hunderttausende zu den Gestaden jenseits des Atlantiks. Im 20.
Jahrhundert dann flüchteten sie erst vor Rezession und Inflation,
später flohen sie vor dem Terror der Nazis, darunter solche
Geistesgrößen wie der Physiker Albert Einstein.
Rund fünf Millionen Menschen verließen zwischen 1850 und 1939 ihre
Heimat allein über den Hamburger Hafen. Die Emigranten kamen in der
Regel aus kleinen Verhältnissen, es waren Bauern, Mägde,
Tagelöhner. Sie waren beseelt von der Hoffnung, dass sie es
woanders einmal besser haben könnten, zumindest aber ihre Kinder.
Und deshalb gingen sie das ungeheure Wagnis ein.
Dagegen ist Auswandern in der grenzenlosen Welt von heute beinahe
ein Kinderspiel.
Wer nach Helsinki, Dublin oder Sevilla übersiedelt, benötigt nicht
mal eine Arbeitserlaubnis: Es ist mehr Umziehen als Emigrieren.
Heute ist jede größere Stadt der Erde innerhalb von 36 Stunden
erreichbar. Ein Zehn-Minuten-Telefonat, egal wohin, kostet meist
nicht mal einen Euro, per Internet noch weniger. Außerdem sind die
Familienbande nicht mehr ganz so eng wie früher, meist führt jede
Generation ihr eigenes Leben. Und so sind es heutzutage auch ganz
andere Menschen, die einen neuen Pfad einschlagen.
Es sind Leute wie der Medienrechtler Rufus Pichler, 35: Der Jurist
lebt in San Francisco, er arbeitet bei Morrison & Foerster,
einer der größten Anwaltskanzleien der Welt, außerdem hat er an der
Elitehochschule Stanford geforscht. Hierzulande sei eine solche
Kombination kaum möglich, erzählt er: "Wenn man in Deutschland erst
mal in einer Kanzlei sitzt, ist es mit der Uni-Lehre vorbei."
Pichler war an der Universität Münster wissenschaftlich tätig, dann
hatte er "die Nase voll von den Strukturen", wie er sagt.
Eigentlich wollte er nur ein Jahr in Stanford bleiben und dort
seinen "Horizont erweitern"; sein Fachgebiet ist das
Internet-Recht. In Stanford, im Silicon Valley, war er dafür genau
am richtigen Ort. Er machte sich schnell einen Namen, dann bekam er
von der Kanzlei in San Francisco eines dieser Angebote, denen man
nicht widerstehen kann.
So etwas erleben viele Deutsche, die im Ausland studieren; ihre
Zahl hat sich seit 1990 auf mehr als 62.000 fast verdoppelt: Erst
planen sie, nur kurz ihre Heimat zu verlassen - dann finden sie
Gefallen am Leben und Arbeiten in Boston oder Barcelona und bleiben
auf unbestimmte Zeit. Inzwischen ist es schon für mehr als die
Hälfte der deutschen Studenten laut einer Umfrage vorstellbar, sich
im Ausland eine Existenz aufzubauen.
Vor allem Spitzenforscher nehmen gern die größeren Freiheiten in
Anspruch, die ihnen das Ausland vielfach bieten kann. Der gebürtige
Berliner Wolfgang Schönfeld, 50, beispielsweise hat sich vor zwei
Jahren entschieden, seine Biotech-Gründerfirma Eucodis in Wien
anzusiedeln. Zunächst hatte er auch München, Dresden oder Frankfurt
am Main in Erwägung gezogen: "Aber da gab es immer einen
Haken."
Schönfeld und sein Team haben ein Verfahren entwickelt, mit dem man
Gene so kombinieren kann, dass neue Proteine entstehen. Als er
damals auf die Suche nach einem Standort ging, hatte ihn die
Negativstimmung in Deutschland abgeschreckt, kaum ein anderes Land
sei in puncto Gentechnik so fanatisiert gewesen, meint er: "Es
fehlt der Drive", war sein Eindruck, "alles geht im
Schneckentempo."
Mittlerweile sei es etwas besser geworden, trotzdem ist der
Firmengründer froh, dass er den Schritt nach Österreich gewagt hat.
In der Region habe sich inzwischen eine Vielzahl an Biotech-Firmen
angesiedelt, berichtet er, von Wien gehe "eine unheimliche
Sogwirkung" aus.
Neben den Hochqualifizierten finden inzwischen aber auch immer mehr
Durchschnittsbürger den Mut, ganz neu anzufangen, meist freilich
notgedrungen: Sie bügeln Wäsche in Südtiroler Hotels, bedienen
Gäste in Tessiner Restaurants und kochen Semmelknödel im Stubaital.
Für nichts sind sie sich zu schade, alles ist besser als Hartz
IV.
Bemerkenswert viele dieser deutschen Gastarbeiter sind Handwerker:
Tischler und Klempner, Metzger und Bäcker - sie genießen im Ausland
einen hervorragenden Ruf. Sie sind ordentlich ausgebildet und
gelten als fleißig, pünktlich und erfahren.
Seit 30 Jahren arbeitet Frank Pigorsch, 45, aus Harsefeld bei Stade
am Bau. Seine alte Firma hat Insolvenz angemeldet, der
Maurermeister wurde arbeitslos, schrieb zahllose Bewerbungen -
vergebens.
Auf einer Jobmesse kam er in Kontakt mit einem kanadischen
Bauunternehmen aus der boomenden Westprovinz Alberta, dort befinden
sich große Ölvorkommen. Pigorsch erhielt ein Angebot, seit März
arbeitet er in Calgary. Irgendwann habe er seinen Chef zur Seite
genommen: "Joe, wie sieht das aus? Kann ich bleiben?" Er konnte.
Nun hat der Maurermeister die Familie nachgeholt: seine Frau
Birgit und die Söhne Aaron und Johannes. "Mit Mitte 40 ist das die
letzte Chance", sagt er.
Kanada, aber auch Australien, Neuseeland und demnächst
Großbritannien bedienen sich eines Punktesystems, um die
Einwanderung zu steuern: Diese Länder heuern primär jene Kräfte an,
die langfristig gesucht werden. Wer zum Beispiel jünger als 29 ist,
bekommt in Australien in der Kategorie "Alter" die meisten Punkte.
Über 45-Jährige haben es dagegen schwer. Die Hürden liegen
hoch.
Beste Chancen hätte etwa der 27-jährige Bäckermeister mit ein paar
Jahren Berufserfahrung, der fließend Englisch spricht, schon mal in
Melbourne ein Praktikum absolviert hat und am besten noch ein paar
tausend Euro mitbringt. Ein solcher Bewerber bekäme bis zu 140
Punkte, 120 muss er derzeit erreichen, um ins Land zu dürfen, in
Kanada sind es 67 von 100 möglichen Punkten.
Ein solches Steuerungsinstrument für den Zuzug wollte die rot-grüne
Regierung auch in Deutschland einführen, so hatte es die Kommission
unter Führung der CDU-Politikerin Rita Süssmuth vorgeschlagen. Der
Passus stand 2003 sogar bereits im Entwurf zum neuen
Zuwanderungsgesetz. Doch angesichts damals steigender
Arbeitslosenzahlen und zuvor schon populistischer Stimmungsmache
("Kinder statt Inder") knickte die Union ein, das Punktesystem
musste raus aus dem Papier.
Jetzt ist der Mangel an qualifiziertem Nachwuchs schmerzlich zu
spüren und der Verdruss groß. Die Zahl der Einwanderer liegt so
niedrig wie seit 20 Jahren nicht mehr, auch die einst so umjubelte
Green Card übte wenig Anziehungskraft aus.
Insgesamt haben sich im vergangenen Jahr lediglich 900
hochqualifizierte Kräfte eine Niederlassungserlaubnis ausstellen
lassen. Kein Wunder bei derart abschreckenden Voraussetzungen: Nur
wer mehr als rund 84.000 Euro im Jahr verdient oder eine exponierte
Position in der Wissenschaft innehat, darf sich dauerhaft in
Deutschland niederlassen. Und Selbständige müssen mindestens eine
Million Euro investieren und zehn Arbeitsplätze schaffen, wenn sie
hierzulande ihr Glück versuchen wollen. Eine junge Ärztin aus den
USA, würde sie denn kommen wollen, hätte in Deutschland keine
Chance.
"Deutschland hat sich eingeigelt", kritisiert der Osnabrücker
Historiker und Migrationsexperte Klaus Bade die
Abschottungsstrategie. "Das geht auf Dauer ohne schwere Einbußen an
Innovationskraft nicht ab."
Gerade die Bundesrepublik mit ihrer alternden und schrumpfenden
Bevölkerung ist auf qualifizierte Einwanderer angewiesen.
Eigentlich müssten - nur um den Bevölkerungsstand zu halten - unter
dem Strich 200.000 bis 300.000 Ausländer einwandern. Tatsächlich
kamen im vorigen Jahr netto lediglich knapp 80.000 Menschen ins
Land.
Und ebenso unzweifelhaft ist der Trend, dass gerade jene Länder,
die ihre Zuwanderung aktiv steuern, ökonomisch weitaus besser
dastehen. In Kanada, Australien oder in den USA wächst die
Wirtschaft kontinuierlich und stärker als in Deutschland, dort
liegt die Arbeitslosenrate durchweg niedriger. Die verbreitete
Furcht, dass Zuzügler Einheimischen die Jobs wegnehmen, ist
offenbar unbegründet.
Auch der Vorstoß des Zentralrats der Juden in Deutschland wird
einem modernen Einwanderungsrecht kaum zum Durchbruch verhelfen:
Die Spitzenorganisation der jüdischen Gemeinden hat unlängst ein
Punktesystem für den Zuzug von Juden durchgesetzt. Künftig dürfen
vor allem Jüngere bleiben, die über einen Hochschulabschluss und
gute Deutschkenntnisse verfügen. Ein Modell für den Bund?
Keinesfalls, heißt es aus dem Innenministerium, es werde keinen
Paradigmenwechsel der Einwanderungspolitik geben.
So verhindert die Bundesrepublik weiterhin den Zuzug, statt ihn
intelligent zu steuern. Ausländische Spitzenleute werden
Deutschland weiter meiden, während umgekehrt die junge deutsche
Elite hinauszieht in die Welt. Allerdings ist es längst nicht für
jeden ein Triumphzug. Viele zeichnen sich ein Idealbild von ihrem
Zielland und wundern sich dann, dass es im Detail ganz und gar
nicht so perfekt ist.
Wem ist schon bekannt, dass Österreich einen höheren
Spitzensteuersatz verlangt als Deutschland? Oder dass in
Großbritannien der Arbeitgeber bei Krankheit längst nicht so viel
Lohn zahlt? Wer hat denn genaue Kenntnis davon, dass Gutverdiener
in der Schweiz weitaus mehr für die Rentenkasse berappen müssen
oder dass ein Kita-Platz in Zürich schon mal 100 Franken pro Tag
kosten kann? Und wem ist bewusst, dass Arbeitnehmer in Kanada sich
ihren 14-tägigen Urlaubsanspruch erst erarbeiten müssen? Vor Ort
kommt oft das böse Erwachen.
Viele Auswanderer müssen sich zudem eingestehen, dass zwar ein
neues Kapitel in ihrem Leben beginnt, aber sie selbst immer noch
die Alten sind, mit all ihren Schwächen und Eigenheiten. Es ist
eben doch nicht so leicht, einen Job in Neuseeland zu bekommen,
wenn man kaum Englisch spricht. Und es mag sich auch nicht jeder so
einfach mit der lässigen Mañana-Mentalität in südlichen Gefilden
arrangieren. So vieles ist anders, auch wenn es nur viele
Kleinigkeiten sind.
Julia Arneth, 33, hat beispielsweise feststellen müssen, dass man
sich in Großbritannien auf Zugfahrpläne nicht verlassen darf. Die
Hamburgerin ist im Februar nach London übergesiedelt, sie arbeitet
als Architektin in der Metropole: "In Deutschland hatte ich nie
etwas Festes." Nun lernt sie die Vorzüge des doch leidlich
zuverlässigen Personennahverkehrs in Deutschland richtig
schätzen.
Und als sie nach ein paar Wochen in London Zahnschmerzen bekam,
aber nicht sofort einen Termin beim Arzt, da wurde ihr klar, dass
es doch manches gibt, was sie vermisst: "Es geht uns schon noch
ziemlich gut in Deutschland." Arneth ist jung, die britischen
Sonderheiten nimmt sie gelassen.
Je älter aber ein Auswanderer ist, desto schwerer fällt ihm die
Anpassung an die fremde Umgebung, lautet eine Faustregel. Die
andere: Je ferner das Ziel liegt, umso größer sind die Probleme,
sich einzugewöhnen. Bis irgendwann die Emigranten dieses tiefe
Gefühl von Heimweh in sich hochsteigen spüren.
Immer wieder erreichen Beratungsstellen Hilferufe von Deutschen,
die im Ausland nicht zurechtkommen und so schnell wie möglich
zurückwollen. Bei der Evangelischen Auslandsberatung in Hamburg
meldete sich neulich ein Familienvater, der mit der Firmengründung
gescheitert war; er musste sich als Pflücker auf einer Plantage
durchschlagen, um die Rückflugtickets bezahlen zu können.
Andere spielen nicht aus Not, sondern aus Überzeugung mit dem
Gedanken an Rückkehr. Gerade Wissenschaftler bleiben oft nur eine
Zeitlang im selbstgewählten Exil und setzen ihre Karriere nach
einigen Jahren wieder in Deutschland fort - dann aber um viele
Erkenntnisse und Erfahrungen reicher. Der "Brain Drain" kann also
durchaus wünschenswert sein, sofern irgendwann das Wissen,
gleichsam verzinst, zurückfließt ins Land.
Allerdings gestaltet sich der Weg zurück oft schwieriger als
erwartet. Halvard Bönig, 39, ein auf Hämatologie spezialisierter
Kinderarzt, würde am liebsten sofort wieder nach Deutschland
ziehen. Er forscht an einer Universität in Seattle an effektiveren
Methoden zur Knochenmarkstransplantation. Doch eine Rückkehr wäre
für ihn ein Rückschritt: In Deutschland gibt es nur wenige
Universitätskliniken mit Lehrstühlen für experimentelle Forschung.
Und die raren Stellen werden dort in der Regel intern vergeben.
Seit 2002 arbeitet der Wissenschaftler in Seattle, dort hat er
ideale Bedingungen vorgefunden. "Wer hier eine gute Idee hat,
schreibt einen Antrag und hat dann gute Chancen auf die
Finanzierung", sagt er. Aber im Grunde seines Herzens möchte er
nach Hause. Die Amerikaner, die er kennengelernt hat, sind ihm zu
materialistisch eingestellt, Bönig ist sogar ein wenig
unwohl bei dem Gedanken, dass er den Forschungsstandort USA mit
seiner Arbeitskraft noch stärkt. "Was ich hier tue, würde ich
lieber in Deutschland machen." Aber in der Heimat reißt sich keiner
um ihn.
Offensichtlich hätten die Deutschen noch nicht begriffen, dass sich
die ganze Welt in einem Wettbewerb um die besten Köpfe befinde,
meint der Essener Arbeitsökonom Thomas Bauer. Und da erscheine
Deutschland im Vergleich keinesfalls besonders attraktiv: Die
Steuerlast sei zu hoch, der Verdienst zu gering, der Neid gegenüber
Besserverdienern besonders ausgeprägt. "Das schreckt speziell
Hochqualifizierte stark ab", dem Standort entstehe dadurch ein
"massiver Schaden".
Es steht viel auf dem Spiel. Wenn gute Leute ins Ausland abwandern
und dort reüssieren, spricht sich dies zu Hause schnell herum. Dann
eifern ihnen die Daheimgebliebenen nach. Die Erfolge motivieren
sie, sich ebenfalls ein Herz zu fassen, die Koffer zu packen und
das Land auf der Erde zu suchen, wo der Traum zur Wirklichkeit
werden kann. Am Ende wird daraus eine Welle.
Mit offenen Armen sei er in Oslo empfangen worden, berichtet Klaus
Dittmers, 34, ein promovierter Geologe aus Bremerhaven, der seit
April bei einem Zulieferer der Ölindustrie in der norwegischen
Hauptstadt arbeitet. "Die Norweger sagen sich: 'Wir brauchen die
Leute.'"
Bis April lebte Dittmers von Hartz IV, dann hielt er die
Untätigkeit nicht mehr aus. In Norwegen boomt die
Explorationsbranche, Geologen sind gesucht. Er fasste den
Entschluss, der gerade sein Leben verändert.
Inzwischen kann er sich gut vorstellen, auf Dauer zu bleiben:
Dittmers lernt die Sprache, den Kurs bezahlt ihm der Staat. Der
Geologe überlegt sich sogar schon, irgendwo zwischen Fjorden und
Bergen ein Haus zu kaufen: "Das Land gefällt mir von Tag zu Tag
besser."
Wieder einer weniger.