Kritik an Narkose-Praxis
Erfurter Helios-Kliniken unter Druck
Das Helios Klinikum in Erfurt ist wegen seiner Narkose-Praxis unter
Druck. Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie (DGAI) wirft
dem Klinikum vor, sich mit der Organisation von Narkosen strafbar
zu machen.
Der Fall eines 18-Jährigen alarmierte die Öffentlichkeit |
THÜRINGEN JOURNAL (03.12.06)
"Facharztstandard nicht erfüllt"
Der designierte DGAI-Präsident Hugo van Aken sagte dem MDR
THÜRINGEN JOURNAL, es sei "nicht zulässig", dass Pflegekräfte in
Deutschland Narkosen durchführen und "absolut schuldhaft", wenn
Pfleger während einer Operation eigenständig Medikamente
verabreichten. Der Karlsruher Rechtsanwalt Manfred Andreas sagte
dem MDR, das Erfurter Helios Klinikum gewährleiste nicht den
Facharztstandard. Was die Klinik mache, sei aus Sicht der
Patientensicherheit seiner Meinung nach "illegal". Die verwendeten
Aufklärungsbögen seien für "normale Patienten nicht verständlich
und irreführend".
Assistenten im Einsatz
Der Bundesgerichtshof hatte in mehreren Urteilen festgelegt, dass
Narkosen in Deutschland nur von Fachärzten durchgeführt werden
dürfen. Selbst die Überwachung eines Patienten während einer
Operation darf demnach nur für kurze Zeit von Nicht-Ärzten
übernommen werden. Fachärzte müssten in Ruf- und Sichtweise
sein.
Am Helios Klinikum in Erfurt werden seit einem Jahr so genannte
Medizinische Assistenten für Anästhesie für Narkosen eingeplant.
Dabei handelt es sich um Pfleger, die hausintern in 200 Theorie-
und Praxisstunden fortgebildet werden. Sie dürfen im Beisein von
Fachärzten Narkosen einleiten. Nach Angaben des Chefarztes für
Anästhesie am Helios Klinikum, Gerald Burgard, gibt es "festgelegte
Grenzen", in denen die Assistenten selbständig Medikamente während
der Narkose geben dürfen. Die Fachärzte für Anästhesie können
dadurch Narkosen in mehreren OP-Sälen beaufsichtigen.
Staatsanwalt ermittelt
Vor gut einem Jahr hatte ein 18 Jahre alter Abiturient bei einer
Ohren-Operation in Erfurt einen Herzstillstand erlitten. Er konnte
erst nach 15 Minuten reanimiert werden, doch wurde sein Hirn schwer
geschädigt. Die Staatsanwaltschaft Erfurt ermittelt. Bei der
Narkose war ein Medizinischer Assistent eingesetzt worden, der
zuständige Facharzt für Anästhesie hatte zwei weitere Operationen
zu beaufsichtigen.
Ob wegen des Einsatzes eines Assistenten der Schüler zu Schaden
kam, ist allerdings nicht bewiesen. Die Staatsanwaltschaft
ermittelt gegen Ärzte und Verantwortliche. Nach Informationen des
MDR THÜRINGEN JOURNALS werden dem Krankenhaus fahrlässige schwere
Körperverletzung und Urkundenfälschung vorgeworfen. So existieren
von einem Aufklärungsbogen und dem Narkoseprotokoll
unterschiedliche und offenbar veränderte Versionen.
Das Helios Klinikum bestätigte dem MDR THÜRINGEN JOURNAL den
Zwischenfall, wil aber unter Verweis auf Versicherungsfragen nicht
weiter Stellung nehmen. Regressforderungen der Eltern des Jungen
hat die Haftpflichtversicherung der Klinik bisher
zurückgewiesen.
zuletzt aktualisiert: 03. Dezember 2006 | 19:49
http://www.mdr.de/thueringen-journal/3832763.html