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Expertenkommentar
Seltene Erden Metalle: zwischen Panik und Realität, von Prof.
Dr. Thomas Utter
• Geschrieben von Zaruma Resources Inc. • 11.
Dezember 2010 •
China macht die Grenzen zu: „Exportbeschränkung auf High-Tech
Metalle, wie Seltene Erden" oder „Handelskrieg und Preisexplosion
um Seltene Erden". Derartige Meldungen haben in jüngster Zeit die
interessierte Öffentlichkeit und auch die Politik
aufgeschreckt.
Einige Fakten zu den Selten Erden Metallen (SEE). Es handelt sich
hierbei um eine Gruppe metallischer Elemente mit ähnlichen
geologischen und chemisch-physikalische Eigenschaften. Die Namen
der SEE lesen sich wie die von Extraterrestrischen aus einem
Sciencefiction-Buch. Aufgrund ihrer Stellung im Periodensystem der
chemischen Elemente werden „leichte" SEE wie: Scandium, Yttrium,
Lanthan, Cer, Praseodym, Neodym, Promethium und Smarium von
„schweren" SEE wie: Europium, Gadolinium, Terbium, Dysprosium,
Holmium, Erbium, Thulium, Ytterbium und Lutetium unterschieden.
In der Natur kommen die SEE nicht als eigenständige Phasen oder
Mineralien vor, sie sind vielmehr an eine Reihe spezifischer
Mineralien, hauptsachlich Monazit (ein SEE-Phosphatmineral) oder
Bastnäsit (ein SEE-Karbonatmineral) gebunden. In diesen und
ähnlichen Mineralien kommen die SEE im Kristallgitter versteckt
vor, müssen daher durch komplexe physiochemische Verfahren wie
Ionen-Austausch, fraktionierte Kristallisation und
Lösungsmittelextraktion, im Klartext: aufwendige, energieintensive
und kostenspielige Prozesse aus Konzentraten dieser Mineralien
gelöst und in handelsbaren SEE-Oxide oder Metalle überführt
werden.
Genauso exotisch wie die Namen, ist auch die geologische Herkunft
und Entstehung von SEE-Lagerstätten. Die wichtigsten Vorkommen von
SEE sind an sogenannte Karbonatit-Vulkanschlote gebunden, die durch
explosionsartige Eruptionen sehr Kalzium-reiches Magma entlang
tiefreichender Verwerfungen aus dem oberen Erdmantel in die
Erdkruste förderten. Daneben treten gelegentlich im Gefolge einiger
Uran-Vorkommen wirtschaftlich interessante Bastnäsit- und
Monazit-Anreicherungen auf. Typische Wirtsgesteine sind hierbei
Granite und Pegamtit-Gänge, die durch Aufschmelzen von unter hohe
Drücke und Temperaturen geratene Gesteinspakete und deren
Wiedererstarren in der oberen Erdkruste sich gebildet haben. Neben
diesen geologisch gängigen SEE-Vorkommen schlummert ein erhebliches
Potential an SEE in den Schwermineral-Strandsanden an den Ostküsten
Australiens und Süd-Afrikas.
Bereits während des 2. Weltkriegs benutzte man die einzigartigen
Eigenschaften einiger SEE zur Herstellung von Leuchtspur-Munition.
In den USA und der westlichen Welt stellte die Lagerstätte Mountain
Pass, unweit von Las Vegas, die einzige SEE-Quelle schlechthin
dar.
Nicht ganz, den ebenfalls in den 40iger Jahren des letzten
Jahrhunderts und ebenfalls aus militärisch-strategischen Gründen
wurde versucht, aus dem in Deutschland einzigartigem
Karbonatit-Vulkankomplex, dem Kaiserstuhl bei Freiburg in Baden,
SEE zu gewinnen.
Mit dem Einzug des Farbfernsehers in den 1960ier Jahren war
Mountain Pass die Quelle in der westlichen Welt für SEE
schlechthin, insbesondere für Europium, wichtiges Metall als roter
Leuchtstoff auf Farbkathoden-Röhren. Während des Kalten Krieges
wurden Informationen über Mountain Pass gehütet wie ein
Staatsgeheimnis ersten Ranges.
Während anfangs der 1950iger Jahre die Nachfrage nach SEE kaum
1.000 Tonnen pro Jahr überschritt, fand in der jüngsten
Vergangenheit eine enorme Nachfrage-Explosion statt. Heute wird der
jährliche Verbrauch auf 140.000 Tonnen geschätzt, Tendenz um 10% im
Jahr steigend. Denn, SEE wurden zu einer einzigartigen Wundertüte
in unserer High Tech Welt. Rund 35%-40% des SEE Verbrauchs gehen in
Metall-Legierungen, in Katalysatoren, Schleif-und Poliermittel für
Spezialgläser. Mehr als 60% des SEE-Verbrauchs geht aber in leichte
und hochleistungsfähige Permanent-Magnete, in Leuchtstoffe in
Plasma und LCD-Bildschirme, Energiesparlampen oder Radargeräte.
Kein Mobil-Telefon, Glasfaser und Laser-Optik und schon gar nicht
die zukünftigen umweltfreundlichen Hybrid- oder gar
Elektro-Automobile kommen ohne SEE-Supermagnete nicht aus, einmal
abgesehen von einer so bodenständigen Anwendung von Cer-Mischmetall
als Feuersteine in Feuerzeugen.
Heute deckt China rund 95% der weltweiten SEE-Nachfrage. Mit Bayan
Obo, in der Provinz der Inneren Mongolei gelegen, hat China eine
der größten bekannten SEE-Lagerstätte der Welt. Die Erz-Ressourcen
werden mit 40 Millionen Tonnen mit einem mittleren SEE-Gehalt von
5% angegeben. Geologische betrachtet ist Bayan Obo ansich ein
Eisenerz-Vorkommen mit eisenhaltigen Tonschiefern und Dolomiten, in
die sich karbonatitische Lagen mit sehr feinkörnigen SEE-Mineralien
eingeschaltet haben. Die lokale Mär spricht davon, daß man ansich
zufällig auf den SEE-Reichtum gestoßen ist. Das Eisenerz wird seit
gut einem halben Jahrhundert abgebaut und in den Baotou-Stahlwerken
südlich von Bayan Obo verarbeitet. Dabei stolperte man über Stähle
mit „komischen" magnetischen Eigenschaften, die sich bei genauerer
Untersuchung aus Beimengungen an SEE erklären ließen.
China verbraucht als wichtiger Produzent von Flachbildschirmen,
Mobiltelefonen und Energiespeichern mehr als die Hälfte seiner
SEE-Produktion im eigenen Land. Daneben hat das Reich der Mitte
seine momentane Monopol-Stellung dazu benutzt, den Markt kräftig
aufzurütteln. Drastische Ausfuhrbeschränkungen werden die
SEE-Exporte aus China von 60.000 Tonnen im Jahr 2009 auf knapp
unter 40.000 Tonnen in diesem Jahr fallen lassen. Aufgrund dieser
Marktbeeinflussung sind die SEE Preise jüngst wahrlich explodiert
(Beispiele):
Preise in US$/kg FOB China für Oxide
2007 2008 2009 Nov.2010
Lanthan 3,40 8,70 4.90 58.00
Cer 3,00 4,50 3,80 60,00
Neodym 30,20 32,00 19,10 82,00
Praseodym 29,00 29.50 18,00 78,00
Samarium 3,60 5,20 3.40 32,80
Dysprosium 89,10 118,50 115,60 286,00
Europium 323,90 481,92 492,92 605,00
Terbium 590,40 720,70 361,60 615,00
Sei es nun der historische Streit mit Japan um die Hoheit der
Senkaku-Inseln oder geht es um Zölle und andere Handelsquoten mit
denen China seine SEE Export-Einschränkungen in die Waagschale
wirft, dies sind nur vordergründige politische Argumente. Es
scheint dem Reich der Mitte eher darum zugehen, daß die Fertigung
von High-Tech Geräten und Komponenten in noch stärkerem Maße im
Land erfolgt. Daß China seine momentane Monopolstellung auf dem
SEE-Sektor zu massiveren Handelserpressungen der westlichen
Industrienationen, Japan oder Indien ausnutzt, ist
unwahrscheinlich. China braucht den Exportmarkt und ist daran
interessiert, sein Image als verläßlicher Handelspartner und
Industriestandort zu festigen.
Die Monopolstellung steht nicht im Einklang mit dem Anteil Chinas
an den wahrscheinlichen, weltweiten, geologischen SEE-Ressourcen.
Mit 40% hat China nicht gerade eine Dominanz was geologische
Ressourcen betrifft und die mit den selber verursachten momentan
hohen Preisen schneidet sich das Land der Mitte ins eigene
Fleisch.
Der politische Wind um SEE und die hohen Preise haben nicht nur
geologische Staatsdienste aufgeweckt, sondern haben das Interesse
etlicher Explorations-Firmen, Venture-Kapitalisten, Anleger,
Bergbau-Firmen und einiger Endverarbeiter geradezu explodieren
lassen.
Laut Gareth Hatch von Technology Metals Research (TMR) wurden bis
November 2010 in der TMR Datenbank 251 SEE-Projekte außerhalb
Chinas erfaßt, die von 165 Gesellschaften über 24 Lander verteilt,
gehalten werden. Darunter wurden 13 Projekte identifiziert, die
entweder in der Vergangenheit SEE abgebaut haben oder die nach den
Standards etablierter Börsen über SEE-Erzressourcen berichtet
haben. Hervorzuheben sind hier die zwei wichtigsten SEE-Projekte,
die sich heute in Wirtschaftlichkeit und Potential mit den
chinesischen SEE-Quellen messen können: Mountain Pass (USA) und
Mount Weld (Australien).
Mountain Pass war über ein halbes Jahrhundert in Produktion, als
das Projekt 2002 wegen schwacher SEE-Preise und deutlich
stringenteren Umweltauflagen des Bundesstaats Kalifornien
stillgelegt wurde. 2008 begann der frühere und heute
umstrukturierte Betreiber Molycorp Inc. (NYSE:MCP) das Projekt zu
reaktivieren und mit einer halben Milliarden US Dollar
Anfangsfinanzierung wieder zum Leben zu erwecken. Mit vermuteten
Erzressourcen von mindesten 20 Millionen Tonnen mit einem mittleren
SEE-Gehalt von 9,5% SEE hat der Mountain Pass Karbonatit das
Potential den Löwenanteil des SEE-Bedarfs der USA zu decken.
Mountain Pass wird in diesem Jahr rund 3.000 Tonnen SEE aus der
Verarbeitung alter Erzhalden generieren und bis Ende 2012 soll die
Produktion in einer ersten Stufe auf 20.000 Tonnen hochgefahren
werden. Mit dem Chemie-Giganten WR Grace & Co hat Molycorp
einen wichtigen Verarbeiter und Abnehmer ins Boot genommen.
Die Mount Weld Lagerstätte in West-Australien wird zu den reichsten
SEE-Vorkommen der Welt gezählt. Auf und in diesem Karbonatit-Schlot
wurden bisher 17,4 Millionen Tonnen Erzressourcen mit einem
mittleren Gehalt von 8,1% SEE nachgewiesen. Das heißt, diese
Lagerstätte hat einen SEE-Inhalt von mindestens 1,4 Millionen
Tonnen, dies entspräche 10 Jahre der heutigen SEE-Nachfrage. Der
Betreiber Lynas Corporation Ltd. (ASX:LYC, PK:LYSCF) hat bereits
773.000 Tonnen hochgradiges Erz mit einem mittleren Gehalt von 15 %
SEE Oxiden abgebaut. Die Weiterverrabeitung der Konzentrate soll
über ein eigens bei Kuantan in Malaysia in Bau befindlichem Werk
stattfinden. Die Jahresproduktion soll ab 2011 mit dem Ausstoß von
10,000 Tonnen SEE-Oxiden beginnen. Lynas hat bereits mit einem
japanischen Handelshaus die jährliche Lieferung von 9.000 Tonnen
SEE vereinbart. Interessant ist, daß das staatliche chinesische
Rohstoff-Unternehmen, die „China Non Ferrous Metal Mining" Gruppe
im letzten Jahr versucht hat, mit 250 Millionen australische Dollar
sich in die Lynas einzukaufen. Die australischen Behörden
unterbanden diesen Versuch.
Zu den weiteren SEE-Projekten mit ausgewiesen Erz-Ressourcen
zählen:
- Bear Lodge - Wyoming, USA, der Rare Element Resources Ltd.
(TSX.V:RES, AMEX:REE);
- Dubbo - New South Wales, Australien, der Alkane Resources Ltd.
(ASX:ALK, PK:ALKEF);
- Hoidas Lake - Saskatchewan, Kanada, der Great Western Minerals
Group Ltd. (TSX.V:GWG, OTCBB:GWMGF);
- Kutessay - Chui, Kyrgyzstan der Stans Energy Corp.
(TSX.V:RUU);
- Kvanefjeld - Kujalleq, Groenland, der Greenland Minerals and
Energy Ltd. (ASX:GGG, PK:GDLNF);
- Nechalacho (Thor Lake) - Northwest Territories, Kanada, der
Avalon Rare Metals Inc. (TSX:AVL; OTCQX:AVARF);
- Nolans Bore - Northern Territory, Australien, der Arafura
Resources Ltd. (ASX:ARU, PK:ARAFF);
- Steenkampskraal - Western Cape, Süd-Afrika, der Great Western
Minerals Group Ltd. (TSX.V:GWG, OTCBB:GWMGF) zusammen mit Rare
Earth Extraction Co;
- Strange Lake - Quebec, Kanada, der Quest Rare Minerals Ltd.
(TSX.V:QRM);
- Zandkopsdrift - Northern Cape, Süd-Afrika der Frontier Rare
Earths Ltd. (TSX:FRO);
- Zeus (Kipawa) - Quebec, Kanada, der Matamec Explorations Inc.
(TSX.V:MAT, PK:MTCEF).
Die Abschätzung der Werthaltigkeit einzelner SEE-Lagerstätten ist
komplex und hängt vom jeweiligen spezifischem SEE-Inhalt ab. Einige
SEE kommen in diesen Lagerstätten weniger angereicht vor als
andere. Daher spricht man von „kritischen SEE" (Beispiel Neodym,
Europium, Terbium, Dysprosium, Erbium und Yttrium) deren zukünftige
Nachfrage unter Umständen höher ist als das mögliche Angebot und
von „ausreichenden SEE" (Cer, Holium, Thullium, Ytterbium,
Lutetium), die wahrscheinlich in genügend großen Mengen auf alle
Fälle beim Verarbeiten von SEE-Erz generiert werden. Da es zwischen
einzelnen Lagerstätten deutliche Unterschiede in der SEE-Verteilung
kommt, können Vorkommen wie Kutessay, Strange Lake, Zeus, Dubbo
oder Nechalacho mit einem proportional hohen Anteil an „kritischen"
SEE, in der Zukunft wichtiger werden als Mountain Pass oder Mount
Weld.
Die weitere Entwicklung der Produzenten-Seite ist allergings vom
zukünftigen Markt-Preis abhängig. Geht man davon aus, daß der im
Boden liegende Wert aller bekannten SEE-Vorkommen zu heutigen
Preisen auf über 100 Milliarden US Dollar geschätzt wird, sind
diesem Wert allerdings die Kosten gegenüberzustellen. Enorme
Kapitalkosten, die sehr hohen operativen Gewinnungskosten und die
Tatsache, daß teilweise bis zu 40% des SEE-Inhalts im Erz gar nicht
aufgeschlossen werden können, geben den meisten SEE-Projekten ein
hohes Risikoprofil.
Bei selbst nur stagnierenden, nichtzuschweigen fallenden
SEE-Preisen, werden etliche geplane Projekte und im Boden liegende
Ressourcen unrentabel oder nicht finanzierbar. Die heute
hochfliegenden Aktienkurse einiger SEE-Explorer laufen Gefahr, wie
Seifenblasen zu platzen. Die heutigen SEE-Preise sind durch die
momentane Marktbeherrschung der Chinesen in die Höhe getrieben
worden. Theoretisch könnte China auch SEE-Metalle zu gedrückten
Preisen auf den Markt werfen. Dies würde vielen
SEE-Explorationsgesellschaften Kopfschmerzen bereiten. Bereits in
der Krisenzeit 2008/09 haben auch die meisten SEE preislich
deutlich Federn gelassen.
Das US Verteidigungsministerium ist in einer jüngsten Studie zum
Schluß gekommen, daß das momentane chinesische Monopol auf dem
SEE-Markt für die USA keine strategisch-wirtschaftliche Gefahr
darstellt. Es wurde weiterhin vermerkt, daß die hohen Preise und
Versorgungsunsicherheiten private Unternehmen anspornen werden,
neue Projekte außerhalb Chinas zu entwickeln.
Die momentan angespannte Situation auf dem SEE-Markt kann sich noch
kurzfristig verschärfen, bevor neue Quellen eine Entspannung
einleiten. Allerdings sind die Mengen an SEE, die in High Tech
Geräte, in Supermagnete und Zukunftstechnologien eingehen, obwohl
technologisch fast unabdingbar und kaum substituierbar, doch
relativ gering, sodaß sich hohe SEE-Preise nur gering auf die
Kosten oder Preise dieser Produkte niederschlagen sollten. Selbst
wenn der Preis des Metalls Cer sich nochmal verzehnfacht, wird ein
simples Feuerzeug trotzdem kaum im Preis steigen.
Grüsse JoJo