Antwort auf Beitrag Nr.: 29.275.487
von Gnadenloser am 11.05.07 20:06:43Alt werden
kann diese Dame allerdings nicht, denn:
Wie Oralsex zur Todesgefahr aufgebauscht wird
Von Markus Becker
Oralsex macht Krebs: Diese Schreckensmeldung über eine US-Studie
macht derzeit global die Runde. Fellatio und Cunnilingus erhöhen
das Risiko für Mund- und Rachenkrebs um ein Vielfaches, wird
berichtet - mit den Tatsachen hat das kaum etwas zu tun.
Leser ohne Basiswissen über Medizin-Statistiken könnten nach den
Meldungen über die kleine US-Studie eine gewisse Unlust verspüren.
"Oralsex erhöht Risiko für Krebs", titelte der ORF auf seiner
Internetseite. "Studie bringt Oralsex mit Rachenkrebs in
Verbindung", meldete "USA Today". "Oralsex verbreitet Virus unter
Männern und Frauen", warnte der "Houston Chronicle". "Fox News",
der Rechtsausleger unter den US-Massenmedien, spielte
gewohntermaßen die Speerspitze der sexuell Rechtschaffenen: Der
beim oralen Verkehr übertragene Humane Papillomavirus (HPV) sei
nunmehr "bewiesenermaßen einer der führenden Gründe für
Rachenkrebs".
Der Grund der aufgeregten Meldungen in aller Welt ist eine Studie
des Johns Hopkins Kimmel Cancer Center in den USA. Speichelproben
einer (sehr überschaubaren) Gruppe von 100 Mund- und
Rachenkrebspatienten wurden mit denen von 200 gesunden Menschen
verglichen. Dabei habe sich herausgestellt, dass Oralsex der
Hauptauslöser dieser Krebsart sei, schreiben die Forscher um Maura
Gillison im Fachblatt "New England Journal of Medicine".
So zumindest interpretieren die Mediziner ihre Daten. Sie hatten
die Probanden unter anderem nach deren sexuellen Vorlieben befragt.
Wer von mehr als sechs Oralsex-Partnern in seinem Leben berichtete,
hatte ein 8,6-mal höheres Risiko für Krebs im Zusammenhang mit
einer HPV-Infektion, steht in einer Pressemitteilung der Johns
Hopkins Medical Institutions.
"250 Prozent höheres Risiko"
Das britische Magazin "New Scientist" warf prompt mit
beeindruckenden Prozentwerten um sich: "Wer während seines Lebens
mehr als fünf Oralsex-Partner hatte, trägt ein um 250 Prozent
höheres Risiko für Rachenkrebs als Menschen, die keinen Oralsex
haben", steht auf der Website des Magazins, das deutsche
Nachrichtenagenturen aus rätselhaften Gründen stets wie ein echtes
Fachblatt unter Angabe von Ausgabe und Seitenzahl zitieren.
Zur Ehrenrettung des Magazins sei erwähnt, dass auch die
Johns-Hopkins-Pressestelle hart am Rande der Seriosität
entlangschrammt, indem sie mit sogenannten relativen Risiken
operiert, die sich nur auf die Risikosteigerung innerhalb der
Gruppe der bereits Erkrankten beziehen.
Nur kurz und ohne Nennung von Zahlen wird erwähnt, dass Mund- und
Rachenkrebs an sich sehr selten ist. Das Berliner
Robert-Koch-Institut etwa geht davon aus, dass in Deutschland
jährlich etwa 13 Neuerkrankungen auf 100.000 Einwohner kommen.
Damit liegt das absolute Risiko, überhaupt Mund- und Rachenkrebs zu
bekommen, bei 0,013 Prozent.
Frönt man dem Oralsex, steigt die Gefahr der US-Studie zufolge um
den Faktor 8,6 - also auf volle 0,11 Prozent. Das klingt deutlich
harmloser als der vom "New Scientist" ins Spiel gebrachte
250-Prozent-Unterschied zwischen Oralsex-Freunden und
-Abstinenzlern. Und selbst die 8,6-fache Risikosteigerung bezieht
sich nur auf die krebskranken Studienteilnehmer, bei denen
Papillomaviren nachgewiesen wurden - und das waren nur 72 von
100.
Zahlreiche Ansteckungswege möglich
Die anderen haben sich den Krebs auf andere Weise zugezogen, etwa
durch Alkohol- und Tabakgenuss, in denen die Mehrheit der Experten
nach wie vor die Hauptverantwortlichen sieht. Auch das stellt
Gillisons Team nun in Frage: HPV, glauben die Forscher
herausgefunden zu haben, ist die führende Ursache für Mund- und
Rachenkrebs - "unabhängig von Tabak- und Alkoholkonsum". Schon 2004
hatte eine französische Studie einen Zusammenhang zwischen Oralsex
und Krebs nahegelegt, Alkohol und Tabak aber weiterhin als
Hauptauslöser genannt.
Papillomaviren nisten sich häufig im Penis- und Scheidengewebe ein
und können so beim Oralverkehr übertragen werden, schreiben
Gillison und ihre Kollegen. Allerdings räumen sie ein, dass HPV
nicht nur beim Oralsex, sondern auch beim vaginalen Verkehr
übertragen wird. Und außerdem möglicherweise beim Küssen. Damit
steht so ziemlich jeder unter HPV-Verdacht, der jemals einem
anderen Menschen näherkommt.
Die Zahlen zur HPV-Verbreitung untermauern das. Schätzungen zufolge
ist fast ein Viertel aller Frauen unter 25 Jahren infiziert. Nur
die wenigsten bekommen allerdings Krebs, der mit den Viren in
Zusammenhang gebracht wird, etwa Gebärmutterhalskrebs. Bei den
allermeisten bleibt die Ansteckung folgenlos: Schätzungen zufolge
waren bis zu 60 Prozent der Gesamtbevölkerung schon einmal mit HPV
infiziert und haben Antikörper im Blut.
Ein medizinischer Fortschritt war mit der Studie übrigens auch noch
verbunden: Man könne nun zumindest "einige Fälle" von Mund- und
Rachenkrebs sicher mit einer HPV-Infektion in Verbindung bringen,
kommentierte die finnische Medizinerin Stina Syrjänen im "New
England Journal of Medicine". Jetzt könne man überlegen, ob sich
eine Impfung anbiete. Freuen dürften sich darüber vor allem die
Hersteller des Impfstoffs Gardasil, der als Wunderwaffe gegen
Gebärmutterhalskrebs gefeiert wird.
Ob er auch bei Männern wirkt, ist laut Gillison allerdings ebenso
wenig bekannt wie eine mögliche Schutzwirkung gegen Mund- und
Rachenkrebs.

