Stocks vom 04.10.2007
Marc Reisner, 7875 Zeichen
Airlines: Wo Anleger jetzt einchecken sollten
Europas Airlines buhlen um neue Partner. Welche Gesellschaften die
aktuelle Konsolidierung problemlos überstehen.
Fluggesellschaften in Europa
Jetzt hebt er endgültig ab, mag sich so mancher Beobachter gedacht
haben, als bekannt wurde: Joachim Hunold will mit Air Berlin nach
dba und LTU nun auch den Ferienflieger Condor schlucken. Allerdings
ist der Steilflug so gewagt nicht. Immerhin versuchen die Berliner
damit, sich als Komplettanbieter zwischen Billig-Airlines wie
Easyjet und Ryanair einerseits sowie klassischen Carriern wie der
Lufthansa andererseits zu positionieren. Und doch ist Hunold dabei
das Lachen vergangen, denn die Chance zur Übernahme von Condor, der
Tochter von Arcandor und Lufthansa, kommt zu rasch nach den noch
längst nicht abgeschlossenen Integrationen der letzten Zukäufe. Und
mit rund 600 Millionen Euro – die Marktkapitalisierung von Air
Berlin liegt auch nur bei 770 Millionen Euro – ist der Kauf kein
Schnäppchen und will erst einmal geschultert werden.
Wer unter Europas Fluggesellschaften vorn mitfliegen möchte, muss
auf Grösse und eine klare Strategie setzen. Einzelspieler haben im
Konzert der Grossen kaum noch eine Chance, selbst die
Mitgliedschaft in einer der Vertriebsorganisationen Star Alliance
(Lufthansa, United, SAS, Thai, Air Canada und 18 weitere
Gesellschaften), Oneworld (unter anderem British Airways, Iberia,
Finnair) sowie SkyTeam (mit Alitalia, Air France/KLM, Aeroflot und
weiteren) sichert das Überleben nicht mehr. Endgültig vorbei sind
zudem die Zeiten halbstaatlicher Carrier, die aus einem weitgehend
geschützten Heimmarkt heraus weltweite Destinationen bedienen. Ein
Beispiel ist die österreichische AUA, die zwar vom starken
Osteuropa-Geschäft profitiert und auch mit den Langstrecken wieder
schwarze Zahlen schreibt, den Turnaround aber erst nach
verlustreichen Jahren geschafft hat. Mit einem Kraftakt will die
Alpenrepublik-Linie jetzt den Anschluss schaffen.
Eine Erfolgsgeschichte hat etwa Lufthansa mit der Swiss
geschrieben. Ohnehin gehörten die Deutschen zu den Marktführern in
Europa. Doch erst mit der Akquisition der maroden Linie konnten
Synergien genutzt, Marketing-Massnahmen gebündelt, Konditionen beim
Jet-Kauf verbessert und Services günstiger in Anspruch genommen
werden – eine Situation, die letztlich beiden Airlines genutzt
hat.
Ähnlich positiv wirkt sich der Zusammenschluss von Air France und
KLM aus, der aufgrund von Restriktionen jedoch erst im kommenden
Jahr voll wirksam wird. Die nach Umsatz grösste Fluggesellschaft
der Welt hat im abgelaufenen Geschäftsjahr einen operativen Gewinn
von gut 1,2 Milliarden Euro oder rund fünf Prozent erzielt – im
traditionell eher margenschwachen Fluggeschäft ein auch für die
Anleger sehr positives Ergebnis. Kein Wunder, dass der Konzern
weiteren Appetit verspürt und als Anwärter auf einen Einstieg bei
Iberia gilt. Dass Europas Wettbewerbshüter eine Übernahme einfach
durchwinken, ist allerdings unwahrscheinlich. Alternativ könnten
die Franzosen Air Berlin unter die Lupe nehmen. Weniger interessant
wäre das Schlucken des recht teuren Pleite-Fliegers Alitalia, für
den sich auch Aeroflot interessiert.
Die Lufthansa will sich ebenfalls weiter verstärken, zumal Air
Berlin immer dichter auf den einstigen Monopolisten aufschliesst.
Die Iberia ist dabei eine Variante. Wahrscheinlicher allerdings ist
ein Mehrheits-Engagement bei der britischen Nummer zwei British
Midland (bmi). Die Engländer sind in London-Heathrow stark
aufgestellt und könnten der Lufthansa so zusätzliche Möglichkeiten
für USA-Flüge eröffnen. Im Rahmen des «Open Sky»-Abkommens zwischen
EU und USA, das 2008 in Kraft tritt, könnten bis zu 26 Millionen
zusätzlicher Passagiere auf die Transatlantik-Route gehen. Neben
erheblichen Einsparungen bringt das zusätzlichen Umsatz.
Den haben die Airlines im kommenden Jahr auch nötig. Zwar werden
die europäischen Gesellschaften laut Prognose der Internationalen
Flugtransport-Vereinigung (IATA) für 2007 einen Gewinn von
insgesamt 2,1 Milliarden Dollar (plus 17 Prozent) erzielen. Aber:
Der Trend könnte demnächst aufgrund der unklaren Folgen der
Finanzmarktkrise und angesichts hoher Ölpreise kippen. Gerd
Pontius, Chef der deutschen Unternehmensberatung Prologis und
Luftfahrt-Spezialist: «Treibstoff macht heute im Schnitt über 40
Prozent der direkten operativen Kosten aus.»
Nicht zuletzt wegen der hohen Kosten steht in den kommenden Jahren
eine Neuordnung im europäischen Luftraum an. Dabei werden auf der
einen Seite Spezialisten überleben, die wie Aer Lingus einen
überschaubaren Markt bedienen oder mit einer preisaggressiven
Strategie eine Nische besetzen, etwa die slowakische Sky Europe,
die allerdings weiter rote Zahlen schreibt und für Anleger nicht
interessant ist. Insgesamt aber sollten Investoren den
osteuropäischen Wachstumsmarkt im Auge behalten. Lukrativ sind auch
gute Verbindungen zu asiatischen Destinationen, wie sie zum
Beispiel Lufthansa unterhält.
Bei den anderen Airlines zählt vor allem schiere Grösse. Experte
Pontius ist sicher, dass «es europaweit künftig etwa drei bis vier
Player mit Flotten von mehr als 300 Flugzeugen geben wird». Wer
heute zukauft, gehört morgen zu den Gewinnern, denn entscheidende
Erfolgsfaktoren sind ertragsstarke Routen, die überwiegend im
weniger preissensiblen Langstrecken-Segment zu finden sind, ein
kostensparendes Netzwerk sowie attraktive Ziele. Die liegen in
verkehrsreichen Ländern, an zentralen Hubs. Wenig Zukunft haben
dagegen reine Charter-Gesellschaften, deren Geschäft starken
saisonalen Schwankungen unterliegt.
Anleger sollten vor einem Einstieg abwarten, bis die Titel Boden
bilden. Lufthansa ist auf dem derzeitigen Niveau unterbewertet, Air
France/ KLM bietet sich ebenfalls als langfristiges Investment an.
Sonst finden sich im Luftfahrt-Universum aktuell lediglich
Spekulationen auf Übernahmen und Fusionen.
Ich glaube wir haben oben große kauf noch erleben.
Airberlin Condor ist nicht letzte kauf?
Rynair kauft Airberlin auch?



