Antwort auf Beitrag Nr.:
42.370.798 von teecee1 am 18.11.11
17:57:07Wärmemarkt vor ungewisser Zukunft
Heiztechnik:
Der Wärmemarkt in Deutschland, Heizung und
Brauchwasser, steht angesichts der beschlossenen Energiewende vor
umfassenden Strukturveränderungen. Der Wärmebedarf im Neubausektor
sinkt. Die Sanierung im Bestand schreitet voran. Gleichzeitig
steigt die Effizienz der Heiztechnik. Strom und Wärme wachsen
zusammen.
VDI nachrichten, Hamburg, 25. 11. 11,
rok
"Die Energiewende hat ein Vermittlungsproblem", konstatierte
Franzjosef Schafhausen vom Bundesumweltministerium vergangene Woche
auf dem EID-Wärme-Forum in Hamburg. Der Kenntnisstand über
physikalische und ökonomische Zusammenhänge sei sowohl in der
Bevölkerung als auch in der Politik generell gering bis sehr
gering. Gleichzeitig würden die Diskussionen über die künftige
Energieversorgung sehr emotional geführt. Die Physik und
Naturgesetze blieben dabei auch schon mal auf der Strecke.
"Viele reden über Energie, meinen aber Strom", erklärte der
Ministerialdirigent. Doch mache dieser Sektor nur 30 % am
Gesamtenergieverbrauch aus. Größter Verbrauchsposten mit 40 % sei
hingegen die Wärme - noch weit vor dem Verkehr mit 20 % Anteil.
Dies berücksichtigt auch das Energiekonzept der Bundesregierung.
Die Gebäudesanierungsrate soll auf 2 % verdoppelt werden, der
Wärmebedarf bis 2020 um 20 % und der Primärenergiebedarf bis 2050
gar um 80 % reduziert werden. Neubauten sollen schon ab 2020
"klimaneutral" sein, der Gebäudebestand bis 2050 dann ebenfalls
"nahezu klimaneutral".
Der Wärmemarkt ist geprägt von zwei Strukturveränderungen: der
Substitution von Kohle durch Heizöl in den 60er-Jahren und
von Heizöl durch Gas in den 80er-Jahren, erläuterte Gerd
Deisenhofer, Vorsitzender der Uniti, dem Bundesverband des
mittelständischen Mineralölhandels. Bei einem gleich bleibenden
Bestand von etwa 6 Mio. Ölheizungen habe sich der Heizölabsatz in
den vergangenen 20 Jahren fast halbiert. ...
... und Strom ab dem Jahr 2020 Nachtspeicherheizung
im Fußboden integriert & Klimaanlagen(Kältekammern)
Heute nun stünde der Wärmemarkt wiederum vor einem umfassenden
Strukturwandel. Der Energiemix aus Öl, Gas, Holz, Solarthermie und
Strom werde umfassender. Produkte würden kombiniert.
"Effizienzsteigerungen und Rückgang der fossilen Energieträger sind
die Folge", so Deisenhofer. Er mahnte mit Blick auf die
Energiewende Technologieoffenheit und Ideologiefreiheit an. Fragen
zur Wirtschaftlichkeit und Sozialverträglichkeit würden nicht offen
diskutiert. Experten sagten bereits eine Verdoppelung der
Energiekosten für Haushalte durch den Klimaschutz voraus. Demnach
könnten die Energieausgaben im Jahr 2030 mindestens 15 % des
Einkommens betragen.
"Der Wärmemarkt ist heute gesetz- und umweltgetrieben", bemängelt
der Uniti-Vorsitzende Deisenhofer. Gerade im Altbau sei ein völlig
neuer Denkansatz notwendig. "Ordnungsrechtliche Vorgaben im
Gebäudebestand werden nicht zum Ziel führen." Statt Bevormundung
sollten Investoren über ein Bonussystem für energetische Sanierung
belohnt werden.
Die Bedeutung erneuerbarer Energien im Wärmemarkt bekommt eine neue
Dimension, wenn man die Zwänge der Stadtwerke betrachtet, die
lokale Energieversorgung zu optimieren, um den Ausbau von
Stromübertragungsnetzen zu verzögern oder zu vermeiden. Denn hier
nehmen die Kraft-Wärme-Kopplung und Wärmespeicher eine zentrale
Rolle in einem Querverbund ein, wie Gerhard Weissmüller, Vorstand
der TWL (Technische Werke Ludwigshafen), aufzeigte. Letztlich gehe
es um einen weitgehenden Ausgleich zwischen Energieerzeugung und
Energiebedarf durch lokale Optimierung.
"Wir gehen von einem mengengetriebenen Markt in einen
Flexibilitätsmarkt", betonte Weissmüller. Aus überschüssigem Wind-
oder Solarstrom erzeugter Wasserstoff könne bis zu 50 % ins lokale
Gasverteilnetz eingespeist und bei Bedarf dann in
Kraft-Wärme-Kopplung genutzt werden. Dafür seien große
Wärmespeicher notwendig. Ziel sei ein im Querverbund optimiertes
Stadtwerk mit Parallelbetrieb von dezentralen
Energieerzeugungsanlagen mit Strom-, Gas-, und Wärmenetzen.
Saisonale Wärmespeicher nehmen für solare Nah- und Fernwärmesysteme
eine bedeutende Rolle ein, hob auch Dirk Mangold hervor. Der Leiter
von Solites (dem Steinbeis Forschungsinstitut für solare und
zukunftsfähige thermische Energiesysteme) belegte an Hand von
Praxisbeispielen, dass so bis zu 50 % des Wärmebedarfs abgedeckt
werden könnten. Er räumte aber auch ein, dass Verdrängung von
Kraft-Wärme-Kopplungs-Abwärme durch die Solarthermie sowohl aus
Wirtschaftlichkeits- als auch aus Umweltschutzgründen nicht zu
empfehlen sei.
Vergleichsweise große Wärmespeicher sind auch wichtig für das
Schwarmstrom-Konzept von Lichtblick, wie Vorstand Gero Lücking
berichtete. "Sie erlauben es, den Wärmebedarf des Kunden und die
Wärme-/Stromerzeugung zeitlich zu entkoppeln." Die bei den Kunden
eingesetzten Blockheizkraftwerke von VW mit 20 kW elektrischer und
34 kW thermischer Leistung werden typisch mit drei Speichern je 800
l oder zwei je 1000 l betrieben. "Je mehr Speichervolumen, desto
mehr Flexibilität."
"Der Kraftwerkspark der Zukunft muss flexibel auf die erneuerbaren
Energien abgestimmt sein", unterstrich Lücking. Die VW-Anlagen
seien in weniger als einer Minute auf Nennleistung. Derzeit seien
bereits 280 Anlagen in Betrieb. Knapp 400 sollen es Ende 2011 sein.
Ziel ist ein "Schwarm" von 100 000 Geräten. ROBERT DONNERBAUER