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ProSiebenSat.1 … TV - FATAL
Von Klaus Boldt und Michael Freitag
Unter freundlicher Mithilfe seines Managements lässt sich der
Münchener Fernsehkonzern ProSiebenSat.1 von Finanzinvestoren nach
Strich und Faden ausnehmen. Dem Sender bekommt dieses Konzept
denkbar schlecht.
Nachsichtig bis zur Schwäche gegen die rigorosen Launen seiner
Gesellschafter hat Guillaume de Posch (50) die von ihm geleitete
ProSiebenSat.1 Media AG (P7S1) aus Unterföhring bei München in eine
schlimme Lage gebracht. Die Ansprüche des Belgiers auf den Titel
eines verkannten Genies dürfen damit als gründlich untersucht und
endgültig abgewiesen gelten.
Die Sache ist schnell erzählt: Auf Geheiß oder einen Wink hin,
zumindest aber ohne Einspruch seiner Machthaber, der international
operierenden Firmenhändler KKR und Permira, hatte Monsieur de Posch
im vergangenen Sommer die SBS Broadcasting aufgebracht, eine über
den ganzen europäischen Kontinent gut verteilte Gruppe jener
seltsamen kleinen Sender, auf die man im Urlaub immer stößt, wenn
man im Hotel an der Fernbedienung fummelt.
Guillaume de Posch war bereit gewesen, einen Preis zu bezahlen, der
nach allgemeinem Dafürhalten mehr als großzügig, vielleicht aber
sogar angemessen war, den sich P7S1 jedoch mit Sicherheit nicht
leisten konnte: nämlich 3,3 Milliarden Euro, jeder einzelne davon
bei den Banken gepumpt.
KKR und Permira erhoben keine Einwände. Im Gegenteil, sie
klatschten aufgeregt in die Hände: Schließlich hatten sie den
Münchenern SBS angedreht. Denn SBS kontrollierten sie auch. Eine
schöne Bewandtnis hatte es also mit den damaligen Vorgängen.
Strategisch gesehen war die Übernahme gar nicht einmal ganz ohne
Sinn, wenngleich bis dahin niemand den Eindruck gehabt hatte, dass
den Münchenern SBS irgendwie gefehlt hätte. Aber die Vorstellung,
sich über die Landesgrenze hinaus aufzublasen, ohne aufs Geld
schauen zu müssen, entwickelte einen umso größeren Reiz, je länger
man über sie nachdachte.
Inzwischen allerdings nehmen die Geschehnisse eine dramatische, ja
gefährlich-abenteuerliche, wenn man es recht besieht sogar
lehrreiche Wendung: Nachgerade beispielhaft kann man beobachten,
welch unschöne Folgen es für ein Unternehmen hat, das sich in der
Gewalt von Eigentümern befindet, die nichts unterlassen, was ihren
Profit erhöhen, und alles verhindern, was ihn schmälern könnte, und
deren Rechnung vom schnellen Geld dennoch nicht aufgeht.
Schon versuchen Banken, ihre ProSieben-Kredite loszuwerden,
Aktionäre donnern "Plünderung!", Meinungen platzen aufeinander,
Überzeugungen poltern los: Es geht um Wertevernichtung in großem
Stil und darum, ob der neue europäisch-bajuwarische TV-Gigant
womöglich doch nur ein sehr kleiner Riese ist.
Die von Milliardengewinnen verwöhnte Beteiligungsgilde ist in Not.
Viele der großen Wichtigtuer in der Szene wirken plötzlich gar
nicht mehr so clever. Wie die Anfänger haben Firmenjäger mit
Immobilienkrediten Milliarden verspielt. Die Helden von KKR mussten
die Werkstattkette ATU mit über 100 Millionen Euro fitspritzen; die
Dynamitfischer von Permira mühen sich, diverse Fehlinvestments mit
einer horrenden Sonderdividende ihrer Textiltochter Hugo Boss
auszugleichen.
Die Beteiliger sind knapp bei Kasse, sie brauchen Bares. Schnell.
Sehr schnell. So schnell, dass sie ihre Forderungen, wenn nötig,
auch gegen den Widerstand des Managements durchsetzen.
Aber was heißt Widerstand?
Guillaume de Posch zum Beispiel ist kein Widerständler. Er ist eine
Führungspersönlichkeit. Er hält den Finger aus der Tür, prüft die
Windrichtung und führt die Firma in verschiedene Richtungen. Er ist
einer von diesen schmalen, kaltäugigen Vögeln, wie man sie aus
Baubehörden und Besserungsanstalten kennt. Aber er besitzt in der
Innung einen guten Ruf.
Gewiss, als fantasievoller Gestalter der Branchenverhältnisse ist
er noch nicht hervorgetreten, und seine Redeweise erscheint nicht
dazu angetan, sich von ihr mitreißen zu lassen. Weder im Fernseh-
noch im benachbarten Internetgewerbe hat der Belgier
berichtenswerte Experimente angestellt; auf Blitzvorstöße in neue
Geschäftsfelder verzichtet er, von Erkenntnissen auf dem Gebiet der
medialen Waghalsigkeiten ganz zu schweigen.
Aber er ist ein fixer Denker, das muss man sagen. Und sein
Selbstbewusstsein ist von so knisterndem Gepräge, dass es der Kälte
schon recht nahe kommt. Au fond de son coeur verspürt er überhaupt
keine Neigung, sich in Sachen, die er besser versteht, hineinreden
zu lassen.
"Wir optimieren unsere Prozesse permanent, um wettbewerbsfähig zu
bleiben", sagt er mit der beruhigenden Förmlichkeit eines
Flugkapitäns, der die Verspätung mit Umständen entschuldigt, für
die er nichts könne, die aber auch nicht schwerwiegend seien,
weshalb man das Ziel pünktlich erreiche. Vielen seiner Äußerungen
("müssen Prozesse optimieren") haftet das Odium des
Strategisch-Schwatzhaften an. Was er will? Das Richtige wohl.
Seine Lieblingsfloskel ist "Am Ende des Tages". De Posch sitzt in
einem der schmucklosöden Besprechungsräume der P7S1-Zentrale im
Gewerbegebiet München-Unterföhring und sagt: "Am Ende des Tages
geht es um die Frage: Was ist Kerngeschäft und was nicht?"
Aus seiner Sicht beklagenswert ist eigentlich gar nichts. Guillaume
de Posch steht in der Tradition der Optimisten. Am Ende des Tages
läuft sich alles zurecht. SBS mit seinen rund 40 TV- und
Radiostationen in zehn Ländern sei eine wunderbare Ergänzung des
hiesigen Angebots (ProSieben, Sat.1, Kabel 1, N24), mit dem die
Münchener 42 Prozent des TV-Werbemarktes kontrollieren.
Gemeinsam, sagt er, steige man hinter der herrschenden, indes fast
doppelt so großen RTL-Gruppe zur Nummer zwei in Europa auf -
jedenfalls wenn man, wie er, die größere Mediaset in Rom nicht
mitzählt: "Ich bin sicher, unsere Gruppe ist in Europa
einzigartig."
Theoretisch hat der Mann damit nicht ganz unrecht, praktisch aber
kommt seinen Showbetrieb SBS teuer zu stehen: Die Kennzahlen aus
der aktuellen Jahresstatistik haben bei den Münchenern trotz
gegenteiliger Auskünfte keine Freudensprünge auslösen können.
Das operative Geschäft zeigte sich im vergangenen Jahr zwar munter
belebt. Die Einnahmen kletterten, beflügelt durch SBS, auf 2,7
Milliarden Euro, der Reingewinn legte gleich um frische 12 Prozent
auf 273 Millionen Euro zu.
Doch die Bilanz wird von inzwischen 3,4 Milliarden Euro Schulden
geradezu grotesk verunstaltet. Allein die Zinsen vertilgen etwa 60
Millionen Euro: im Quartal! Der Konzern biegt sich unter schwerer
Last, Nieten knallen aus dem Zahlenwerk.
Von dem schönen Gewinn bleibt wenig übrig: De Posch und sein
Finanzchef Lothar Lanz (59), der im Juni von dem ehemaligen O2-Mann
Axel Salzmann (49) abgelöst wird, müssen eine Kartellstrafe von
über 120 Millionen Euro in Abzug bringen, verhängt wegen unsauberer
Praktiken beim Werbezeitenverkauf.
Hinzu kommen etwa 70 Millionen Euro verschiedenster Abschreibungen
auf den SBS-Preis: Diese sogenannten Kaufpreisallokationen werden
in den nächsten Jahren ein unangenehmer bilanzieller Begleiter
bleiben. Der Jahresüberschuss jedenfalls sank wie betäubt auf 89,4
Millionen Euro.
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Auch auf dem Kapitalmarkt fand de Poschs Gewaltakquise aus Gründen,
die nur er nicht versteht, keinen Beifall. Seine Strategie blieb
ohne Überzeugungskraft, in Scharen nahmen die Anleger Reißaus. Seit
der Übernahme von SBS hat sich der P7S1-Kurs ungefähr halbiert.
Rund drei Milliarden Euro verpufften: Der Konzern ist nach der
Fusion weniger wert als vorher.
Und was sagt de Posch?
Man müsse das langfristig sehen.
Trotz beziehungsweise wegen der offenkundigen Malaise erhöht das
Unternehmen seine Dividende um 40 Prozent. Rund 270 Millionen Euro
werden ausgeschüttet. Dreimal mehr, als P7S1 im vergangenen Jahr
verdient hat.
Der Verdacht liegt nahe, dass Maître de Posch weniger am
Wohlergehen von P7S1 interessiert ist als an dem seiner Aktionäre,
namentlich an dem von KKR und Permira, die nun 170 Millionen Euro
Dividende einstreichen. "Die nehmen uns aus", zischt ein
P7S1-Manager.
Chefkämmerer Lanz lässt keinen Zweifel daran, wer die Dividende
("Darüber entscheiden die Gesellschafter") veranlasst hat. Einer
seiner Vertrauten sagt, "Lanz hätte sicher länger überlegen müssen,
wenn ProSieben nicht die Chance hätte, die eine oder andere Tochter
zu verkaufen."
Die bayerische Sendergruppe hatte zeit ihres Bestehens wenig Glück
mit ihren Gesellschaftern: Leo Kirch (81), unter dessen Kontrolle
sie sich bis zu seinem Falliment befand, hatte sie für allerlei
geschäftliche Tricksereien genutzt. Ein gewisser Haim Saban (63),
Kleinmogul aus Hollywood, konnte sie 2003 für 525 Millionen Euro
aus den Trümmern der verwüsteten Kirch-Gruppe bergen.
Der Amerikaner drillte die Belegschaft auf Kostendisziplin,
investierte nur noch sporadisch ins Programm und verkaufte seine
Anstalt 2006 für fast drei Milliarden Euro an KKR und Permira.
Man fragte sich: Was wollen Finanzinvestoren mit einer Firma, die
schon von einem Finanzinvestor gemolken worden war? Nun, sie
wollten sie noch einmal melken.
Eine Übernahme durch den Mitgesellschafter Axel Springer Verlag war
zuvor vom Kartellamt untersagt worden. Im Dezember 2007 hat sich
das Berliner Verlagshaus schließlich ganz aus P7S1 zurückgezogen
und seinen 12-Prozent-Anteil für 510 Millionen Euro an KKR und
Permira verkauft. Die Hauptgesellschafter hatten an der
ursprünglich verfolgten Idee, die 12-prozentige
Springer-Beteiligung an P7S1 gegen einen 30-Prozent-Anteil an ihrer
P7S1-Holding Lavena zu tauschen, plötzlich kein Interesse mehr
gezeigt.
"Die haben uns SBS total überteuert reingeschoben, das war
strategisch alles ohne Sinn", bellt ein hoher Springer-Offizier.
"Zum Glück kamen wir noch zu einem halbwegs guten Preis raus."
Für die scharf kalkulierenden Finanzinvestoren erweist sich das
flatterhafte und konjunkturanfällige Fernsehen als gefährliches
Gewerbegebiet: Den Firmensammlern, die ihren Investoren schon mal
Renditen von über 20 Prozent versprechen, droht in München ein
Debakel.
Dabei hatte alles recht verheißungsvoll begonnen. Im Sommer 2005
waren Permira und KKR bei der in Amsterdam heimischen Senderfamilie
SBS eingefallen. Der Kaufpreis erschien zwar hoch: Die 2,1
Milliarden Euro inklusive Schuldenübernahme entsprachen dem
15-fachen Ebitda. Aber derlei Multiplikatoren waren nichts
Ungewöhnliches.
Erfahrungsgemäß ließ sich ja schnelles Geld machen: Übernahme mit
Fremdkapital finanzieren, Schulden dem Sender aufladen, das von
hohen Zinszahlungen einstweilen unbelastete Ebitda hochprügeln,
Zigarre anzünden und auf steigende Preise warten. Es ist so
einfach, dass ein Kind es versteht.
SBS und P7S1 galten schon längere Zeit als ideales Gespann, und
irgendwann entzündete die Idee auch die Fantasie der Permira- und
KKR-Leute: Eine Firma kauft die andere, gemeinsam sind sie mehr
wert als allein und können anschließend mit hohem Gewinn verkauft
werden. Von "buy and build" sprechen die Firmenhändler. Es ist ihr
kleines Einmaleins.
Und so bemächtigten sich Permira und KKR im Dezember 2006 zunächst
der Aktienmehrheit von P7S1, um schon wenige Monate später den
Altbestand SBS übernehmen zu lassen für 3,3 Milliarden Euro. Das
waren 1,2 Milliarden Euro mehr, als KKR und Permira selbst bezahlt
hatten.
Ein schöner, glatter Deal, wie Finanzinvestoren ihn lieben? Nicht
ganz. Von Anfang an stand das Geschäft unter Kungelverdacht;
natürlich hatte man allerlei Maßnahmen getroffen, um diesen
Verdacht auszuräumen: zumal Permira- Fonds 3 als Verkäufer und
Permira 4 als Käufer auftrat. Ärger drohte von misstrauischen
Investoren. Doch trefflicherweise verbuchte SBS gleich im ersten
Jahr einen Ebitda-Zuwachs von 40 Prozent und hatte so nach
Branchenlogik den hohen Aufpreis gerechtfertigt.
Dennoch protestierten P7S1-Aktionäre auf der Hauptversammlung gegen
den "unverschämten Kaufpreis" und die "Plünderung", und längst
haben auch die Investoren von KKR und Permira selbst Anlass,
unruhig zu werden.
Dies gilt in Sonderheit, nachdem die Firmenjäger 27 Prozent ihrer
Beteiligung an P7S1 abschreiben mussten. Von den gut 700 Millionen
Euro Eigenkapital, die sie jeweils in die Übernahme einschossen,
bleiben nur noch etwas mehr als 500 Millionen Euro. Der Verlust
könnte durchaus noch steigen. Ein mit den Vorgängen vertrauter
Finanzexperte schließt weitere Abschreibungen nicht aus: "Die
Stimmung in Bezug auf Firmenwerte ist seit Jahresende eher weiter
gesunken oder gleich geblieben."
KKRs börsennotierter und an P7S1 beteiligter Fonds KPE verlor
allein im vierten Quartal vergangenen Jahres 5,5 Prozent seines
Wertes. Angesichts dieser misslichen, für eine Größe wie KKR
überdies rufschädigenden Lage bat Co-Chairman George Roberts seine
ebenso gierigen wie nervösen Anleger um Geduld: "Wir glauben, KPE
ist auf dem Weg zu einem guten Langfristergebnis."
Doch die Multiplikatoren, mit denen Firmenhändler ihre
Beteiligungen bewerten, sanken binnen sechs Monaten von einem
Rekordniveau auf den niedrigsten Stand seit acht Jahren. Die
Probleme bei KKR häufen sich.
Ein P7S1-Ausstieg ist mittlerweile in weite Ferne gerückt.
KKR-Principal Philipp Freise fürchtet bereits, die Beteiligung
womöglich weitere fünf bis sieben Jahre halten zu müssen. P7S1,
sagt er, sei sein riskantester Deal gewesen.
"Life is risk, come on", röhrt ein KKR-Kontrolleur aus dem
P7S1-Aufsichtsrat. Er möchte das unangenehme Zitat seines Kollegen
aus der Welt schaffen. Aber die SBS-Übernahme ist kaum den
Meisterstücken des Heuschreckengewerbes zuzurechnen. In London,
schnauft ein namhafter Banker, "schütteln sie über KKR nur noch den
Kopf".
Rund 240 Millionen Euro an Zinsen muss ProSiebenSat.1 jährlich
aufbringen - und hat damit doch noch keinen Cent getilgt. Die
Banken haben sich auf einen sogenannten Bullet eingelassen: Der
gesamte Kredit wird erst am Ende der Laufzeit in einem Schuss
fällig.
Theoretisch müsste de Posch, während er fleißig Zinsen zahlt, auch
noch genug verdienen, um alle Zukunftsinvestitionen zu bezahlen,
während er 400 Millionen Euro jährlich auf die Seite legt, damit er
den Kredit bei Fälligkeit 2015 ablösen kann. Wie ihm das bei einem
jährlichen Reingewinn von zuletzt 89 Millionen Euro gelingen will,
bleibt eines der Rätsel seiner guten Laune. "Unsere Schulden sind
endfällig", lächelt er, "wir haben hier keinen Druck. Aber wir
wollen sie natürlich sukzessive reduzieren."
Indessen ist die Eigenkapitalquote von 64 auf 16 Prozent gestürzt,
auf die Verkaufsliste gesetzt wurden der skandinavische Bezahlkanal
C-More, die holländische Zeitschrift "Veronica" und dazu die größte
Geschäftseinheit des Hauses, die Produktionssparte PSP mit rund
1000 Mitarbeitern.
Doch man kann nicht gerade sagen, dass die Interessenten P7S1 die
Tür einrennen. Wochenlang verhandelten de Posch und Lanz exklusiv,
aber ergebnislos mit einem Konsortium von IBM und der früheren
BBC-Tochter Red Bee über einen PSP-Verkauf. Schließlich übernahm
IBM das in der Produktionssparte gebündelte IT-Geschäft mit 170
Mitarbeitern, auf dem Rest blieb P7S1 sitzen.
KKR und Permira waren von den Anstrengungen zumal des Finanzchefs
wenig angetan. Was nicht dazu beitrug, dass sie dessen Entschluss,
das Unternehmen nach zwölf Jahren zu verlassen, bedauerten. Im
Gegenteil, andernfalls hätten sie nachgeholfen. Die Skepsis beruht
auf Gegenseitigkeit. Öffentlich ist Lanz loyal, intern aber klagte
er, dass er von KKR und Permira ständig mit Benchmarks behelligt
würde, die er nicht erreichen könne. Namentlich die deutsche
Zentrale, heißt es, erscheine den Gesellschaftern
"überbesetzt".
Große Erwartungen knüpft Vorstandschef de Posch an die
"Synergieeffekte", die sich mit SBS erzielen ließen. Der
Öffentlichkeit ließ er selbige bei einer Aufzeichnung der
ProSieben-Show "The Next Uri Geller" vorführen: In einem Kölner
Studio stellte man mit denselben Technikern und Kameraleuten erst
die deutsche, dann die holländische Version her. Nur das Publikum,
die Kandidaten und die Scheinwerferfarbe mussten gewechselt
werden.
Nun liegen die Kosten einer solchen Produktion bei 500.000 Euro.
Starke Wirkungen dürfte der Spareffekt kaum entfalten bei einem,
der mit 3,3 Milliarden Euro in der Kreide steht. Und warum muss man
sich extra eine TV-Senderkette kaufen, um eine Show billig zu
produzieren?
Gänzlich unerforscht ist auch, wie weit sich die internationale
Verbreitung eines TV-Formats überhaupt treiben lässt. In der
Branche gilt die Faustregel, dass an der eigenen Grenze der Export
meist endet: Nicht alle Völker lieben die Uri-Geller-Show, so wie
sie nicht die P7S1-Sangeskünstler Roger Cicero oder die Monrose
lieben, die nun kostensparend SBS-Sendezeit füllen sollen.
Aus einem internen McKinsey-Gutachten ("Creating the Leading
Pan-European Media Group") geht hervor, dass auch die beratenden
Banken die Möglichkeiten der gegenseitigen Förderung vor dem Kauf
von SBS höchst unterschiedlich bewertet haben.
Während die Deutsche Bank und die Citigroup von bis zu 45
beziehungsweise 40 Millionen Euro im Jahr ausgingen, kamen Morgan
Stanley und Merrill Lynch nur auf 33 beziehungsweise 25 Millionen
Euro. McKinsey meinte abschließend: Irgendwie haben alle recht. Das
war es, was de Posch hören wollte.
Die (inzwischen erfolgte) Schließung der SBS-Zentrale in Amsterdam
war Dokumenten zufolge mit Einsparungen von 20 bis 25 Millionen
Euro veranschlagt. Laut Deutscher Bank konnte P7S1 beim Programm
noch einmal den gleichen Betrag erzielen.
Wie Guillaume de Posch auf Synergieeffekte von 80 bis 90 Millionen
Euro kommt, die er ab 2010 jährlich erreichen möchte, bleibt sein
Geheimnis. Einem mm-Interview verweigerte er kurz vor Drucklegung
die Freigabe.
Weil Antworten fehlen, macht sich unter den Gläubigern des
Unternehmens Skepsis breit: Seit Monaten werden die am
schlechtesten besicherten Tranchen des von KKR und Permira
geliehenen Geldes mit Abschlägen von mehr als 30 Prozent
gehandelt.
Schon rücken jene Mächte gegen P7S1 und seine Eigner vor, die noch
unversöhnlicher sind als die Firmenhändler selbst: Hedgefonds, und
zwar solche vom unangenehmen Schlage der auf Sanierungsfälle
spezialisierten Distressed-Debt-Investoren. In der Branche kennt
man sie als "Geierfonds".
"Der Markt erwartet, dass es im dritten Quartal interessant wird",
sagt ein Frankfurter Bankmanager. Guillaume de Posch müsse sich
womöglich auf die üblichen Prozeduren gefasst machen: Treffen mit
argwöhnischen Bankern, die drohen, die Kredite zu kündigen.
Unfug, erwidert Finanzchef Lanz: P7S1 erfülle die Kreditauflagen
mit Leichtigkeit, selbst bei Abzug der Sondereffekte sei der Gewinn
hoch genug. Richtig, das habe nichts zu bedeuten, sekundieren die
Hauptgesellschafter: Die herrschende Kreditkrise - "ein Ereignis,
wie es nur alle 30 oder 40 Jahre einmal vorkommt" (KKR) - habe zu
bizarren Kursen geführt, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun
hätten.
In der Tat ist der Index für Unternehmenskredite auf einen
Durchschnittswert von etwa 90 gefallen, der mittlere Abschlag auf
den Nennwert liegt also bei 10 Prozent. Doch unterhalb von 85 "geht
die Party los", sagt einer. Und da liegen die P7S1-Kredite
inzwischen.
Auch geschäftlich erregen die Aussichten wenig Freude. Der Markt
macht auf seine Beschicker einen unbelebten Eindruck. Die
Werbeeinnahmen wachsen kaum, erstmals seit über 20 Jahren sinkt der
Fernsehkonsum, das junge Publikum wendet sich von den Mattscheiben
ab und den Monitoren zu.
Die von de Posch verantwortete unternehmerische Entwicklung lässt
Anzeichen von Stillstand erkennen, seine Weissagungen wirken
beunruhigend: Der deutsche TV-Werbemarkt wachse um "1 bis 2
Prozent". Das reicht nicht einmal, um die Inflation auszugleichen.
Dem Gedeihen wenig förderlich ist, dass die Münchener
Werbezeitenverkäufer ausgerechnet in dieser Phase ihre Kundschaft
mit neuen Geschäftspraktiken vertraut machen müssen.
Das Bundeskartellamt hatte im vergangenen Jahr die
Vermarktungsmodelle der Branchenführer P7S1 und RTL für
wettbewerbswidrig erklärt und Geldbußen von insgesamt 216 Millionen
Euro verhängt. Gegen den Marketingvorstand Peter Christmann (43)
ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Bestechung im geschäftlichen
Verkehr.
Die Einführung eines neuen Vermarktungsmodells ist eine schlimme
Sache mit bösen Folgen: Großkunden gewöhnen sich nur ungern an ein
neues Verkaufssystem, das ihnen möglicherweise weniger Vorteile
bietet als das alte. So schrieb P7S1 im ersten Quartal 2008 knapp
acht Millionen Euro Nettoverlust. Der für den Ärger um die
Werbezeitenvermarktung verantwortliche Vorstand Christmann wird den
Konzern Ende Juni verlassen.
Weitere Gefahren drohen aus der eigenen Zunft: Die
RTL-2-Gesellschafter Herbert Kloiber und Heinz Bauer (Bauer-Verlag)
prüfen, ob sie RTL und P7S1 wegen ihrer illegalen
Werberabattsysteme auf mehr als 60 Millionen Euro Schadensersatz
verklagen.
Verständlicherweise will de Posch die Abhängigkeit von der Werbung
verringern. Aber das will man im Privatfernsehen, seit es das
Privatfernsehen gibt. 15 Prozent seines Umsatzes macht P7S1 heute
im Nischengeschäft - wobei man den Nebenerwerb mit
Merchandising-Artikeln nicht gerade als zukunftsweisend bezeichnen
sollte. Alles in allem, sagt de Posch, "hoffe ich 2008 auf ein
Umsatzplus von 3 bis 5 Prozent, abhängig vom Wachstum der
Gesamtwirtschaft".
Im Medienbetrieb verbreitet sich unterdes die feste Überzeugung,
dass das Traditionsgeschäft mit frei empfangbaren Fernsehkanälen,
die die teure Programmware mehrfach verwerten, keine großen Sprünge
mehr erlaubt. Erst recht nicht in Deutschland, wo die staatlichen
Mastbetriebe ARD und ZDF mit ihren 20 TV- und 55 Radiosendern der
privaten Konkurrenz die Freude am Wirtschaften längst geraubt
haben.
Wie zuvor die Musikindustrie sieht sich auch das Fernsehen durch
die Digitalisierung einem beängstigenden Wandel ausgesetzt. Schon
heute knüpfen Telekomkonzerne und Internetfirmen, Computer- und
Mobiltelefonhersteller neue Allianzen, um die Herrschaft über die
Welt der Bewegtbilder an sich zu reißen: Wer setzt sich morgen noch
vor die Glotze im Wohnzimmer, wenn er die Bundesliga auch unterwegs
auf dem iPhone sehen und Spielfilme bei Sevenload oder Joost im
Netz bestellen kann?
Man muss kein Hellseher sein, um einem milliardenhoch verschuldeten
und über Jahre hinweg ausgeplünderten Mittelständler wie P7S1 eine
schwere Zeit vorherzusagen gegen Wettbewerber wie Nokia , Google
oder Apple .
Die sicherste Methode, die Einnahmen zu steigern, besteht darin,
höhere Einschaltquoten zu erzielen. Aber das ist der kniffligste
Teil beim Fernsehen.
Die zugkräftigsten Programme dieses Jahres laufen bei ARD und ZDF:
Fußball-Europameisterschaft und Olympische Spiele. Überdies wollen
die Einkäufer des Marktführers RTL die Gunst der Umstände nach
Herzenslust nutzen und den klammen Bayern viele Übertragungsrechte
abjagen: "Wir legen die trocken", tönt ein RTL-Manager. In der
werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen haben die
RTL-Sender ihren Marktanteil auf 33,7 Prozent erhöht und damit den
Abstand auf P7S1 (29,2 Prozent) vergrößert. In Sonderheit Sat.1
agiert dramatisch uninspiriert.
Das frühere Schmuckstück des hiesigen Privatfernsehens hat alle
Stadien des Bedeutungsverlustes durchmessen, zuletzt eine Reihe von
Flops produziert, 180 Mitarbeiter entlassen und einige Sendungen
gleich ganz aus dem Programm katapultiert.
Seit der Quotenhit "Verliebt in Berlin" nicht mehr läuft, haben den
Hauptstadtsender das Glück und Teile seines Publikums
verlassen.
Große Hoffnungen setzt de Posch in den neuen Geschäftsführer
Torsten Rossmann (44), der dem Sat.1-Regenten Matthias Alberti (44)
seit einigen Monaten sekundiert.
Rossmann, der zuvor den hauseigenen Nachrichtenkanal N24 dirigiert
hat, gilt als einer der fähigsten Köpfe des Unternehmens. Mit den
ambitionierten "Sat.1 Nachrichten", einer neuen Telenovela
(Arbeitstitel "In Liebe Lena") und einigen Marketingtricks soll der
Sender "wieder eine größere Relevanz für die Zuschauer und eine
größere publizistische Bedeutung erhalten" (Rossmann). Man wird
sehen, ob dies gelingt.
An einer weiteren Personalie lässt sich bereits eine
Teil-Entmachtung von de Posch absehen. Der Konzern hat Andreas
Bartl (45) die Verantwortung für die Sender Sat.1, ProSieben, Kabel
eins und N24 übertragen, der neue Deutschland-Chef soll die
Programmstrategien der vier Sender koordinieren.
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Vor einigen Monaten machte das Gerücht die Runde, dass der Axel
Springer Verlag, dem die Übernahme der P7S1-Gruppe vom Kartellamt
untersagt worden war, sich für den Erwerb von Sat.1 und N24
interessiere. Im Springer-Vorstand freilich verfolgt man ganz
andere Pläne. Bis Ende des Jahres will das Oberlandesgericht
Düsseldorf entscheiden, ob das Übernahmeverbot des Kartellamts
rechtswidrig war. Sollte sich der Verlagsriese durchsetzen, will er
ein neues Angebot für P7S1 prüfen.
Vor zwei Jahren waren die Berliner bereit, bis zu 4,2 Milliarden
Euro für die Senderfamilie zu bezahlen. Den weiteren Bemühungen von
P7S1-Dirigent Guillaume de Posch sehen sie frohen Herzens entgegen:
"Wenn er so weitermacht", sagt ein Vorstand, "bekommen wir die
Sender bald umsonst."