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"Scheitert eBays neues Zahlungsverfahren?
Ich habe mich in den letzten Wochen intensiv mit eBays neuem
Zahlungsverfahren befasst und bin überzeugt, dass eBay damit keines
der angestrebten Ziele erreichen wird.
eBay schreibt zur Begründung der neuen Zahlungsabwicklung:
Warum führt eBay die neue eBay-Zahlungsabwicklung ein?
Mit der neuen eBay-Zahlungsabwicklung können wir fast alle Käufe,
die bei eBay.de getätigt werden, über den eBay-Käuferschutz
absichern und somit maßgeblich zur Sicherheit beim Handel auf dem
deutschen Marktplatz beitragen. Außerdem reduziert sich durch die
neue eBay-Zahlungsabwicklung der Zeitaufwand für die Durchführung
und Verwaltung von Zahlungen beträchtlich.
Richtig ist, dass es künftig einen umfassenden Käuferschutz gibt.
Aber das wird das Vertrauen in eBay nicht entscheidend stärken - im
Gegenteil: Das neue Zahlungsverfahren mit seinen neuen Problemen
wird dem ohnehin angeschlagenen Image von eBay substantiell
schaden.
Außerdem glaube ich nicht, dass durch die neue
eBay-Zahlungsabwicklung der Zeitaufwand für die Durchführung und
Verwaltung von Zahlungen reduziert wird: Dann müsste das zumindest
anders laufen, als während des Pilotprojektes. Da klagten nämlich
viele Verkäufer darüber, dass die Zuordnung der eBay-Zahlungen zu
den einzelnen Verkäufen mühsam und nur mit Umwegen möglich ist.
Kaum Verbesserungen beim Käuferschutz
Der nun umfassende Käuferschutz ist keine entscheidende
Verbesserung: Der betrifft eigentlich nur die Käufe bei den wenigen
privaten Verkäufern, die bisher keine PayPal-Zahlung akzeptieren
(müssen). Die Käufe bei gewerblichen Verkäufern sind durch das
Widerrufsrecht, die meistens angebotenen PayPal-Zahlungen und durch
das inzwischen sehr ausgereifte Bewertungssystem bereits heute sehr
sicher. Leider hat sich das bisher kaum herumgesprochen, denn
offenbar glaubt eBay noch nicht einmal selbst daran...
Den nur geringen Verbesserungen beim Käuferschutz stehen
gravierende Nachteile und Probleme gegenüber. In drei Bereichen
gibt es Probleme, die ich einzeln beleuchten will: Es gibt
rechtliche, technische und systematische Probleme mit dem neuen
Zahlungsverfahren.
Rechtliche Probleme
Fehlende BaFin-Lizenz
Die in Luxemburg ansässige eBay Services S.à r.l. braucht nach
Auffassung eBays keine Lizenz dafür, dass sie jährlich über 5
Milliarden Euro deutscher Kundengelder vereinnahmt und verwaltet.
Und offenbar wird eBay sich auch in Luxemburg keinen Kontrollen
unterwerfen: Die Commission de Surveillance du Secteur Financier
(CSSF) ist das luxemburgische Gegenstück zur deutschen
Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht und fühlt sich
angeblich auch nicht zuständig.
Sollte eBay tatsächlich so ein Riesenprojekt ohne jede Kontrolle
und Aufsicht durchziehen dürfen, so wäre das in meinen Augen ein
beispielloser Skandal. Mag sein, dass die Aufsicht bei den Banken
versagt - das kann aber noch lange kein Grund dafür sein, mit
mehreren Milliarden Euro Kundengeldern ohne jede Kontrolle
jonglieren zu dürfen. Für die Betroffenen wäre das eine
Katastrophe: Wenn eBay Gelder nicht auszahlt, ist man dagegen
faktisch wehrlos.
Kartellrecht
Bisher hatte eBay nie kartellrechtliche Probleme, weil eBay immer
nur als ein kleiner Teil des riesigen E-Commerce (B2C) betrachtet
wurde. Bei der Einführung des neuen Zahlungsverfahrens ist das aber
anders: Das betrifft vor allem private Onlineverkäufe privater
Verkäufer an private Käufer (C2C). Und da hat eBay für jeden
offensichtlich in Deutschland mit über 90 Prozent Marktanteil eine
marktberrschende Stellung. Das Bundeskartellamt wird sich das
hoffentlich genau anschauen...
Verbraucherschutz
Ich halte es für sehr bedenklich, was eBay da seinen privaten
Verkäufern (=Verbrauchern) per AGB vorschreiben will. Gemäß § 307
BGB sind Bestimmungen in Allgemeinen Geschäftsbedingungen
unwirksam, wenn sie den Vertragspartner des Verwenders entgegen den
Geboten von Treu und Glauben unangemessen benachteiligen. Davon
gehe ich hier aus: Es benachteiligt private eBay-Verkäufer sehr,
wenn sie zum Forderungsverkauf an eBay gezwungen werden und
wochenlang auf ihr Geld warten müssen. Dazu kommt noch, dass eBays
Entscheidungen zum Käuferschutz die Verkäufer stark benachteiligen
und faktisch jeder gerichtlichen Überprüfung entzogen sind.
Und die Bestimmungen zum neuen Zahlungsverfahren eBays weichen
erheblich von den gesetzlichen Bestimmungen ab: Normalerweise trägt
der Käufer bei privaten Verkäufen das Versandrisiko. eBay will aber
nun per AGB das Versandrisiko auf die privaten Verkäufer abwälzen:
Wenn die nicht versichert und trackbar versenden, bekommen sie kein
Geld.
Das wäre doch mal ein schönes Betätigungsfeld für einen der
Abmahnvereine - z.B. die Verbraucherzentralen.
Datenschutz
Es gibt nirgends eine Datenschutzerklärung oder sonstige
Information darüber, was die eBay Services S.à r.l. mit den
Milliarden von Daten macht, die sie beim neuen Zahlungsverfahren
speichert. Das bedeutet im Zweifel, dass die Daten in die USA
übermittelt werden und dort fast unbeschränkt kommerziell genutzt
werden (können).
Technische Probleme
Beim "Pilotprojekt" hat sich gezeigt, dass eBay viele technische
Probleme hatte, die teilweise wohl auch bis zum generellen Start
des neuen Zahlungsverfahrens nicht gelöst sein werden.
Zuordnung der Zahlungen funktioniert
Für die Zuordnung der Zahlungen hat eBay eine schöne Lösung
gefunden: Jeder eBay-Käufer bekommt ein eigenes Konto bei der J.P.
MORGAN Bank mitgeteilt, damit können eingehende Überweisungen
unabhängig vom "Verwendungszweck" zuverlässig zugeordnet werden.
Fraglich ist nur, was mit Überzahlungen oder Unterzahlungen
passieren soll...
Rückabwicklung ist problematisch
Vor allem hat sich gezeigt, dass die Rückabwicklung von Verkäufen
bisher so gut wie gar nicht funktioniert. Das Thema ist sehr
wichtig, denn gewerbliche Verkäufer sind da ganz besonders auf
funktionierende Lösungen angewiesen: So müssen im Falle eines
Widerrufs ja nicht nur der Kaufpreis, sondern auch die
Hinsendekosten und eventuell zusätzlich noch die Rücksendekosten
erstattet werden. Die eBay Services S.à r.l. muss also oft dem
Käufer mehr bezahlen, als er selbst bezahlt hat - da ist das Chaos
programmiert. Und gerade bei gewerblichen Verkäufern wird es häufig
so sein, dass die ihr Geld von der eBay Services S.à r.l. bereits
bekommen haben, wenn die Rückerstattung aktuell wird. Dann muss der
Händler Geld an die eBay Services S.à r.l. überweisen und die dann
wiederum an den Käufer. Nach den bisherigen Erfahrungen bezweifle
ich, dass eBay das auch nur einigermaßen reibungslos
hinbekommt.
Kaufabwicklung wird zum Problem
Nach wie vor ist es so, dass die "normale" Kaufabwicklung eBays
insbesondere bei der Berechnung der Versandkosten nicht ordentlich
funktioniert. Diese Probleme haben die Verkäufer in der
Vergangenheit dadurch aufgefangen, dass sie z.B. dem Käufer
mehrfach bezahlte Versandkosten unbürokratisch erstattet haben. Wie
soll das mit dem neuen Zahlungsverfahren funktionieren?
Systematische Probleme
Das neue Zahlungsverfahren hat bereits in der Konzeption Schwächen,
die nenne ich hier mal "systematische Probleme".
Aus Käufersicht ist das neue Zahlungsverfahren eine echte
Verbesserung: Zum einen genießt er uneingeschränkten Käuferschutz,
zum anderen kann er sich aussuchen, wie er bezahlt: Über PayPal,
Skrill/Moneybookers oder per Überweisung.
Allerdings geht eBay hier nicht weit genug: Auch mit dem neuen
Zahlungsverfahren ist das Einkaufen noch nicht so bequem und
sicher, wie bei Amazon.
Und auch für gewerbliche Verkäufer ist das neue Zahlungsverfahren
eigentlich keine besonders große Zumutung. In vielen Kategorien
zahlen heute 60 bis 80 Prozent der Käufer mit PayPal, der Händler
bekommt also auch schon heute sehr oft sein Geld nicht sofort auf
sein Konto, sondern nur virtuell als PayPal-Guthaben. Wenn eBay die
technischen Probleme in den Griff bekommt, dann könnten gewerbliche
Händler sogar einen Vorteil beim neuen Zahlungsverfahren haben: Es
gibt dann keine Überweisungen mehr, die nicht zugeordnet werden
können. Heute ist es so, dass manchmal Herr Müller für seine
Lebensgefährtin Frau Schmitz überweist und als Verwendungszweck
"eBay" angibt. Sowas würde in Zukunft kein Problem mehr sein, da
jeder Käufer ja ein eigenes Konto bei der J.P. MORGAN Bank
mitgeteilt bekommt.
Problematisch sind für gewerbliche Händler vor allem die höheren
Kosten: Mit zwei Prozent Umsatzprovision ist das neue
Zahlungsverfahren für jeden Händler deutlich teuerer, als die
jetzigen Zahlungen - sogar PayPal ist deutlich günstiger, als die
eBay Services S.à r.l.
Und es gibt ein psychologisches Problem, das eBay offenbar völlig
unterschätzt. Auch wenn das neue Zahlungsverfahren für eBay-Händler
objektiv keine Katastrophe ist, empfinden das sehr viele Betroffene
offenbar völlig anders. Tatsache ist jedenfalls, dass schon jetzt
viele Händler händeringend nach Alternativen zu eBay suchen und die
Neu-Anmeldungen bei Plattformen wie www.hood.de förmlich
explodieren.
Hauptleidtragende des neuen Zahlungsverfahrens auf eBay.de werden
die 5,4 Millionen aktiven privaten Verkäufer sein.
Die müssen sich in Zukunft so professionell verhalten, als wären
sie Konzerne wie Amazon - sonst bekommen sie kein Geld.
Das geht schon beim Versandrisiko los: Das liegt in Zukunft bei
eBay im Gegensatz zu den gesetzlichen Regelungen beim privaten
Verkäufer. Kann der den Versand nicht nachweisen (z.B. weil er nur
als Brief oder Büchersendung verschickt hat), dann bekommt er kein
Geld: Der Käufer muss nur behaupten, die Ware sei nicht
angekommen.
Und in Zukunft haben die Käufer de facto auch bei privaten
Verkäufern ein Widerrufsrecht. Behauptet nämlich der Käufer, die
Ware würde in wesentlichen Punkten von der Beschreibung abweichen,
dann wird der eBay-Käuferschutz wohl im Zweifel immer zu seinen
Gunsten entscheiden. Wenn eBay da Einzelfallprüfungen planen würde,
dann müsste eBay schon jetzt einige tausend Stellen ausschreiben:
Solche Prüfungen sind sehr zeitaufwändig.
Dazu kommt, dass der private Verkäufer in Zukunft einige Wochen auf
sein Geld warten muss. Und auch hier unterschätzt eBay ein Problem:
Viele private Verkäufer können nicht auf ihr Geld warten, die
brauchen es sofort. Mag sein, dass es aus Sicht eines hochbezahlten
Managers keine Rolle spielt, ob jemand zwei Wochen auf seine 20
Euro warten muss. Das sieht aber aus der Perspektive vieler
privater Verkäufer ganz anders aus: Die verkaufen nicht zum Spaß,
sondern weil sie Geld brauchen. Wenn Hartz IV aufgebraucht ist und
jemand z.B. seine gut erhaltenen Markenklamotten über eBay
verkauft, dann muss das Geld möglichst schnell da sein: Damit
sollen nicht erst in drei Wochen das Essen, die Zigaretten oder die
Klamotten der Kinder bezahlt werden.
Update 22.03.2012: Es gibt ein weiteres Problem, das die gut
bezahlten eBay-Manager wohl gar nicht bedacht haben: Die nun
höheren Versandkosten müssen vom Verkäufer auch noch vorfinanziert
werden. Bisher wartete der private Verkäufer auf den Eingang der
Vorkasse-Zahlung. Künftig muss der Verkäufer in Vorleistung gehen
und mindestens 4 Euro für nachverfolgbaren Versand zahlen, ehe er
Wochen später (vielleicht) sein Geld bekommt.
Das Pilotprojekt hat gezeigt, dass bei eBay viele Zahlungen einfach
verschwinden, der Verkäufer bekommt dann sein Geld gar nicht.
Passiert das, dann hat man Pech: Von eBay bekommt man dann statt
Geld immer nur die gleichen Textbausteine. Da eBay sich ja von
niemandem kontrollieren oder prüfen lassen will, kann man dagegen
gar nichts unternehmen: Eine Klage in Luxemburg hat wegen der hohen
Kosten keinen Sinn. Und die c´t oder andere Magazine können sich
nunmal nicht mit hunderttausenden Fällen befassen, sondern nur
Einzelfälle lösen.
Es wird nicht lange dauern, bis bei einem großen Teil der 5,4
Millionen Privatverkäufer etwas schiefgegangen ist und die aus
irgendwelchen Gründen für einen Verkauf kein Geld sehen: Entweder,
weil Käuferschutz beantragt wurde, oder einfach nur, weil eBay
einen Fehler gemacht hat. Diese Millionen von Privatverkäufern
werden eBay verlassen - und gehen dann auch als ehemals treue
Käufer verloren.
Das neue Zahlungsverfahren wird zum Desaster für eBay, weil es die
privaten Verkäufer von eBay vetreibt und weil künftig
hunderttausende Verkäufer auf eBay wütend sein werden, weil die ihr
Geld nicht oder zu spät bekommen haben.
Wenn eBay Glück hat, wird das neue Zahlungsverfahren schnell wegen
der oben beschriebenen rechtlichen Probleme gestoppt. Im
schlechtesten Fall laufen eBay Millionen private Verkäufer (und
Käufer) weg.
Eines wird aber ganz bestimmt nicht passieren: Dass alle Probleme
sich in Luft auflösen und dass eBay damit massenhaft neue Käufer
gewinnt. Wer heute nicht bei eBay einkauft, der hat seine Gründe -
und wird nicht zu eBay (zurück-)kommen, nur weil eBay angeblich
etwas "sichererer" wird."