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ABGEORDNETE
Neger gesucht
18.08.2008
Von Petra Bornhöft
Ein Grüppchen Parlamentarier fühlte sich nicht genug hofiert auf
der Dienstreise nach Amerika. Ihre Beschwerden sind ein Dokument
der Peinlichkeit.
Annette Widmann-Mauz, 42, ist in ihrem Leben nicht übermäßig
herumgekommen. Die CDU-Bundestagsabgeordnete wurde in Tübingen
geboren, ging im nahen Balingen zur Schule, studierte und jobbte in
Tübingen, bis sie 1998 in den Bundestag einzog. 
Sie ist viel unterwegs im Wahlkreis zwischen Rangendingen,
Kirchentellinsfurt und Starzach.
Da ist es verständlich, dass selbst ein gebrochener Fuß die
gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion in den
Pfingstferien nicht hinderte, an einer elftägigen Dienstreise nach
Kanada und in die USA teilzunehmen.
Mit Widmann-Mauz brachen sechs weitere Mitglieder des
Gesundheitsausschusses nach Amerika auf. Die Tour scheint ein
"
Besuch der besonderen Art" gewesen zu sein, wie Rolf
Schütte, der Generalkonsul in San Francisco, gleich nach Abreise
der Gäste in einem vertraulichen Brandbrief ans Auswärtige Amt
schrieb.
Die Depesche wurde jetzt dem SPIEGEL bekannt; sie ist
ein seltenes Dokument maßloser Ansprüche und derben Verhaltens
deutscher Abgeordneter im Ausland.
Die Diplomaten im sonnigen Kalifornien werden oft heimgesucht von
Parlamentariern. Die Beamten sind einiges gewohnt. Normalerweise
schweigen sie. Aber dieses Mal haben sich die Volksvertreter
offenbar so "
unangemessen bis schikanös" verhalten, dass der
Generalkonsul seinem Ärger Luft machen musste.
Auch die Reisenden glühen noch Monate später vor Zorn, fast alle
fühlen sich schlecht behandelt: "
Es war nicht der Standard, den
wir gewohnt sind", sagt Widmann-Mauz.

Deutlicher wird Randolph Krüger, Sekretär des Ausschusses: "Die
Leute vom Konsulat sind wohl gewohnt, betrunkene Touristen aus
einer Gefängniszelle zu holen, wissen aber nicht, welchen Service
sie für Bundestagsabgeordnete zu leisten haben."
Dieser Service sollte wohl vor allem der Freizeitgestaltung
dienen.

Vor Reiseantritt habe Krüger "wiederholt" darauf hingewiesen, "dass
das Programm bitte nicht mit inhaltlichen Terminen zu überfrachten
sei und genug Zeit zur freien Verfügung bleiben möge", notierte
Generalkonsul Schütte.
Auch habe Krüger "um eine
Zusammenstellung von Theater- und
Konzertveranstaltungen und von Einkaufsmöglichkeiten, insbesondere
der Schuhgeschäfte"

gebeten. Staatsdiener Krüger, der die Gruppe begleitete, verteidigt
seine Planung: "Die Leute wollen sich doch vor Ort was ansehen."
Für die Golden Gate Bridge, Fisherman's Wharf oder eine Tour mit
der Cable Car braucht man eben Zeit.
Aber die Abgeordneten mussten sich auch mit vielen Ärgernissen
herumschlagen. Richtig übel war die Sache mit dem Rollstuhl.
Sekretär Krüger schwört, er habe sechs Tage vor der Ankunft per
E-Mail einen Rollstuhl für Widmann-Mauz angefordert, wegen des
gebrochenen Fußes. Vielleicht ist die Nachricht ja
verschüttgegangen, jedenfalls schrieb der Generalkonsul, man sei
erst nach Ankunft der Gruppe informiert worden und habe binnen
weniger Stunden das Gefährt besorgt. Das Vehikel empörte die
Abgeordneten nachhaltig: "Es war ein Krankenstuhl mit kleinen
Rädern, wie aus alten US-Filmen", sagt Widmann-Mauz. Allein konnte
sie ihn nicht bewegen.
Sozialdemokrat Krüger, Potsdam-West ist sein Ortsverein, sann
auf Abhilfe. Vor der Stadtführung fuhr er den Generalkonsul nach
dessen Erinnerung an: "Wir brauchen einen Neger, der den Rollstuhl
schiebt." Heute, so Krüger zum SPIEGEL, mag er "nicht
ausschließen, dass ich das gesagt habe. Wenn die so ein famoses
Gerät angeschleppt hatten, dann sollten sie wenigstens mit
anfassen".
Beim nächsten Ausflug, rund um die Bucht von San Francisco, stand
ein Bus bereit. Mit dem sollte die Gruppe eigentlich nach
Sacramento fahren, zum kalifornischen Parlament. Dort hatten die
Berliner Hinterbänkler sich mit Nancy Pelosi treffen wollen. Leider
hatte die Sprecherin des Washingtoner Repräsentantenhauses und
derzeit ranghöchste US-Politikerin keine Zeit. Doch es gelang in
letzter Minute, trotz der Haushaltsberatungen, Gespräche mit den
Vorsitzenden der Ausschüsse für Gesundheit und Transport zu
vereinbaren.
Doch morgens in der Hotellobby, heißt es in Schüttes Bericht, habe
Krüger "für
die bereits in Freizeitkleidung erschienene
Delegation" erklärt, die Gruppe "würde lediglich am Vormittag
die Sightseeing-Tour machen und am Nachmittag dann Zeit zur freien
Verfügung haben" wollen.
Jene "souveräne Entscheidung" beim Frühstück, die Termine in
Sacramento platzen zu lassen, begründet Widmann-Mauz damit, dass
ihnen dort ohnehin nur Gespräche mit Mitarbeitern von Abgeordneten
sicher gewesen seien. "Wir legen schon Wert auf Augenhöhe", sagt
die CDU-Frau.
Für die Absage musste der Generalkonsul eine "Notlüge" -
Erkrankung der Delegationsleiterin Widmann-Mauz - erfinden.
Am Ende der Reise verlangte der CDU-Abgeordnete Hubert Hüppe,
51, ein Stadtoberinspektor aus dem westfälischen Werne, der seit 17
Jahren im Bundestag sitzt, zum Flughafen begleitet zu werden. "Ich
kann kaum Englisch", sagt er. Deshalb habe er sich "hilflos
gefühlt. 


Beim Einchecken kann immer was passieren, und dann steh' ich
da".
Ein Fahrer des Konsulats brachte den CDU-Politiker zum Airport.
Der Mann war laut Generalkonsul Schütte "überrascht, als der
Abgeordnete Hüppe dann nicht nur auf Englisch einchecken konnte,
sondern auch seinen Wunsch nach einem Upgrade in die First Class
auszudrücken vermochte".


Hüppe bestreitet das. Er sei
nur Business geflogen. Den
Beleg dafür sucht er noch.


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Ohne Worte.