"Wenn die Titanic absäuft, braucht man
Rettungsboote"
Der Wirtschaftswissenschaftler Bernd Senf über die tieferen
Ursachen der Weltfinanzkrise und über Experimente mit
Regionalwährungen.
Herr Professor Senf, was sind Ihrer Meinung nach die Ursachen der
Finanzkrise?
Die amerikanische Immobilienkrise ist ein Auslöser, aber nicht die
tiefere Ursache der derzeitigen Krise. Ein großes Problem sehe ich
in unserem bestehenden Geldsystem – in der Dynamik, die Zins und
Zinseszins entfalten. Weitere Probleme sehe ich in der Art und
Weise, wie das Geld in den Wirtschaftskreislauf gelangt, also das
Thema Geldschöpfung.
Worin besteht die Problematik des Zinssystems?
Der Zins bewirkt für die Geldanleger, dass sich deren Vermögen
vermehrt. Wenn die Zinserträge wieder auf die Geldanlage
draufgepackt werden, dann setzt der sogenannte Zinseszins ein. Eine
schöne Sache aus Sicht der Geldanleger: Das Geldvermögen wächst
nicht linear sondern im beschleunigten Maße an, was man
exponentielles Wachstum nennt.
Kaum jemand fragt, wie das auf Dauer möglich ist. Das Geld, das den
Banken zufließt, wird von ihnen als Kredit ausgeliehen – zum
Beispiel an Unternehmen, die damit investieren. Sie sind dann aber
die Schuldner und müssen den Kredit bedienen. Also muss der Zins
erwirtschaftet werden. Der Zins setzt die Gesamtheit der
verschuldeten Unternehmen unter eine Art Wachstumszwang. Sie müssen
von Jahr zu Jahr mehr produzieren, mehr absetzen und soviel
erwirtschaften, dass sie die Schuld bedienen können und möglichst
noch einen Gewinn erzielen.
Was heißt das in der Konsequenz?
Dem Anwachsen des Geldvermögens steht unvermeidlich ein
entsprechend schnelles Anwachsen der Verschuldung gegenüber. Was
bringt das nun mit sich, wenn die Verschuldung exponentiell wächst?
Auch die Zinslasten steigen beschleunigt an. Diese müssen vom
erwirtschafteten Sozialprodukt aufgebracht werden. Das kann so
lange gut gehen, wie das Sozialprodukt mit der Rate des
Kreditzinses wächst.
Wirkt der Zins hier nicht wie ein Antrieb?
Der Zins treibt die Verschuldeten in Richtung
Produktivitätssteigerung. Er könnte daher auch als ein Motor des
Wirtschaftswachstums betrachtet werden. Aber wie stark kann eine
Wirtschaft auf Dauer real wachsen? Oder betrachtet aus Sicht der
Geldanleger: Was würde es bedeuten, wenn Geldvermögen jährlich um
fünf Prozent Zins und Zinseszins anwachsen würden? Schon nach
einigen Jahrzehnten kommt man in astronomische Größenordnungen
hinein – sowohl bei den Geldvermögen als auch entsprechend bei der
Verschuldung. Dies kann nicht mehr wirklich erwirtschaftet werden.
Man könnte sagen: Der Teil, den das Geldvermögen von den Schuldnern
fordert, frisst einen immer größeren Teil des Sozialproduktes
auf.
Was bedeutet das?
Wenn sich die Wachstumsraten des Sozialproduktes auch nur
abschwächen – jetzt sind wir ja sogar in einer Rezession – während
sich die Zinslasten immer weiter ausweiten, muss es immer enger
werden. Nach Abzug der Zinslasten wird das, was noch übrig bleibt
und in der Gesellschaft verteilt werden kann, immer kleiner. Somit
müssen sich die Verteilungskämpfe verschärfen.
Dies strapaziert das System über?
Das Zinssystem baut innerhalb mehrere Jahrzehnte wachsende
Spannungen auf, zwischen wachsenden Geldvermögen einerseits und
spiegelbildlich wachsender Verschuldung andererseits. Irgendwann
braucht es nur noch gewisse Auslöser, damit diese Spannungen sich
lösen. Ein Beispiel ist die amerikanische Hypothekenkrise. Aber
auch ohne diesen Auslöser wäre es irgendwann dazu gekommen, dass
Entwertungsprozesse von Forderungen und Schulden stattfinden.
Und dann muss der Staat eingreifen?
Der normale Gang der Dinge in einer Marktwirtschaft sollte sein,
dass Unternehmen, die sich verkalkuliert haben beziehungsweise
Verluste gemacht haben und keine Reserven besitzen, ihre
Existenzberechtigung verlieren. Das ist der Ablauf, der
Jahrzehntelang gepredigt worden ist: Die Märkte regulieren sich
selbst. Wer sich am Markt bewährt, der hat Chancen. Wer sich nicht
bewährt, der landet im Konkurs oder geht Pleite. Mit einem Male
sehen wir, dass dies für Banken nicht gilt. Der Staat muss
zunehmend als Retter auftreten. Er soll die Verluste
ausgleichen.
Ist das angesichts der Krise nicht die bessere Lösung?
Die Frage ist, wo nimmt denn der Staat das Geld her? Entweder hat
er es aus Steuermitteln, er senkt die Staatsausgaben oder er
verschuldet sich noch mehr. Vor einem halben Jahr haben Kanzlerin
und Finanzminister noch gesagt: Eines der obersten Ziele ist ein
ausgeglichener Staatshaushalt für 2011. Dies ist alles Makulatur.
Für mich ist das nicht verwunderlich angesichts des bestehenden
Zinssystems. Solange die Geldvermögen wachsen wollen und dies auch
einfordern, muss irgendwo anders die Staatsverschuldung wachsen.
Und wenn dies bei privaten Unternehmen und Haushalten auf Grenzen
stößt, dann muss der Staat in zunehmende Verschuldung geraten.
Hat die Politik versagt?
Es ist nicht nur individuelles Versagen von Finanzministern und
Regierungen. Das Versagen ist systembedingt. Fast jede Regierung
ist angetreten mit dem Ziel einen ausgeglichenen Staatshaushalt zu
schaffen oder sogar Verschuldung abzubauen. Doch im System ist ein
Zwang zu wachsender Verschuldung eingebaut.
Und die Banken fördern die Verschuldung?
In den USA hat man den privaten Haushalten Kredite zu niedrigen
Zinsen quasi hinterher geschmissen. Dann ist drauf los gebaut
worden und es gab einen Boom an den Immobilienmärkten. Damit
schienen diese Kredite abgesichert: Selbst wenn die Haushalte den
Kredit nicht abbezahlen könnten, dann hätten sie ein wertvolles
Grundstück, mit dem im Ernstfall die ausstehenden Forderungen
bedient werden könnten.
Man hat die Kreditnehmer mit steigenden Häuserpreisen in die
Verschuldung gelockt. Irgendwo im Kleingedruckten stand dann, dass
der Kreditzins variabel ist, also auch steigen kann. Und dann stieg
er und viele Haushalte waren nicht mehr in der Lage, die Kredite zu
bedienen. Die Häuser mussten verkauft oder zwangsversteigert
werden, was den Immobilienmarkt mit Angebot überflutet und den
Preis gedrückt hat. So stellte sich heraus, dass die vermeintlichen
Sicherungen keine waren.
Das Zinssystem erzwingt also eine solche wachsende
Verschuldung?
Ja. Banken und Investmentfonds, die diese Geldflüsse vermitteln,
stehen unter einem systembedingten Druck. Ihnen sind die Gelder
anvertraut worden, mit der Aufgabe, etwas daraus zu machen. Sie
stehen also unter Druck – und in Konkurrenz zueinander –, immer
wieder neue Schuldner zu finden. Ich nenne das "monetären
Stauungsdruck".
Die Gier einzelner hat zwar auch eine Rolle gespielt, aber es sind
Struktur und Dynamik des Systems, die die wachsende Verschuldung
hervor treiben. Die Sicherungen der Kredite, wie zum Beispiel
Grundstücke und Häuser, können sich jedoch nicht entsprechend
vermehren. Wenn die Sicherungen mit dem geforderten Wachstum der
Schulden und der Geldvermögen nicht schritthalten können, dann muss
es bei der Kreditvergabe immer leichtfertiger zugehen.
Die Kreditvergabe der Banken lässt die Geldmenge ja weiter
anwachsen. Stichwort Giralgeldschöpfung. Welche Auswirkung hat
dies?
Wir können alle mit bargeldloser Überweisung oder Schecks bezahlen
– mit sogenanntem Giralgeld, das auf Girokonten als Guthaben
vorhanden ist. Es wirkt wie ein gesetzliches Zahlungsmittel, auch
wenn es keines ist. Immer mehr Menschen verzichten auf Bargeld und
lassen ihr Geld auf dem Girokonto. Die Banken stellen sich darauf
ein: Wenn ein Großteil des Bargeldes im Normalbetrieb nicht
angetastet wird, dann überlegen sie alternative
Verwendungsmöglichkeiten und leihen es beispielsweise als Kredit
aus. Dies ist eigentlich nicht korrekt.
Wenn ich einen Mantel an der Garderobe der Philharmonie abgebe,
dann erwarte ich, ihn jederzeit wieder abholen zu können. Stellen
Sie sich vor, sie kommen in der Pause zur Garderobe um den Mantel
vorzeitig abzuholen, und er ist nicht da, weil er verliehen wurde
an jemanden der draußen fror – gegen eine Gebühr. Hier wird
deutlich: Das geht eigentlich nicht. Die Banken nutzen wie
selbstverständlich einen Großteil der vorhandenen Einlagen zur
Kreditvergabe.
Und so schöpfen sie neues Buchgeld…
Die privaten Geschäftsbanken sind so in der Lage, über das von der
Zentralbank in den Wirtschaftskreislauf eingebrachte Geld hinaus
noch zusätzliches Geld zu schaffen. Zwar nicht in Papierform – das
wäre Geldfälschung – aber in Form von Guthaben auf Girokonten und
zwar um ein Vielfaches ihrer Bargeldreserven. Diesen aus dem Nichts
geschöpften zusätzlichen Guthaben liegen keine Einlagen
zugrunde.
Die privaten Geschäftsbanken schöpfen Geld aus dem Nichts und
bringen es als Kredit in Umlauf. Dadurch wird es eine sehr reale
Forderung gegenüber Schuldnern, und diese Schuldner müssen dann für
dieses Geld auch noch Zinsen zahlen und den Kredit tilgen. Wenn sie
das nicht schaffen, dann hat die Bank Zugriff auf deren Eigentum.
Das ist eigentlich ungeheuerlich. Auf diese Problematik hatte schon
Irving Fisher in den 30er Jahren hingewiesen und ein Giralgeld
gefordert, das zu 100 Prozent durch Bargeld gedeckt sein muss.
Was muss jetzt, angesichts der aktuellen Krise, geschehen?
Man muss sich auf die tieferen Ursachen der Krise besinnen. Wenn
man nur an den Symptomen kuriert – und das ist das, was ich jetzt
mit den ganzen Rettungspaketen beobachte – dann greift das nicht
tief genug. Die Nebenwirkungen einer solchen Medizin werden schnell
zum Hauptproblem.
Zum Beispiel die Nebenwirkung einer exorbitanten
Staatsverschuldung…
Ja, wo treibt das hin? Eine Möglichkeit ist der Staatsbankrott.
Irgendwann sagt der Staat: Ich kann die Löhne der Staatsdiener
nicht mehr bezahlen, oder die Sozialprogramme, oder – und das kommt
meist zuletzt – ich kann die Gläubiger nicht mehr bedienen. Island
stand kurz davor. Damit das keine Panik auslöst, ist das Land durch
internationale Rettungsaktionen vor dem Staatsbankrott bewahrt
worden.
Gibt es andere Möglichkeiten?
Eine andere Verlaufsform wäre – und das hatten wir in der deutschen
Geschichte 1923 – die Hyperinflation. Alle Geldbeträge aber auch
alle Schulden werden dadurch vernichtet. So kann sich der Staat
entschulden. Vernichtet werden aber auch die Ersparnisse der
mittleren und kleinen Einkommen, beispielsweise deren
Altersvorsorge.
Gibt es Alternativen zum derzeitigen System?
Was die Rolle des Zinses angeht, ja. Die Frage ist, ob sich das
Geld nicht auf andere Weise in Umlauf bringen und halten lässt,
ohne dass die Umlaufsicherung so destruktive Folgen hat wie Zins
und Zinseszins. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat es
Überlegungen von Silvio Gesell hinsichtlich einer
Geldumlaufsicherungsgebühr gegeben. Diejenigen, die Geld übrig
haben und es dem Wirtschaftskreislauf entziehen, werden mit einer
solchen Gebühr belastet und haben so einen Anreiz, das Geld wieder
der Realwirtschaft zuzuführen – ohne jedoch einen hohen Zins dafür
zu fordern.
Um ein Zinsverbot geht es also nicht?
Nein. Aber die Folge einer Umlaufsicherungsgebühr sind
vergleichsweise niedrige Zinsen. Die Idee ist sogar im kleinen
Maßstab verschiedentlich umgesetzt worden.
Das waren dann
regionale Alternativwährungen, etwa 1932 in der österreichischen
Stadt Wörgl. Damals gab es eine Weltwirtschaftskrise, aber das
Gebiet um Wörgl ist ökonomisch aufgeblüht. Man sprach sogar vom
"Wunder von Wörgl". Allerdings wurden dieses Experiment in
Wörgl und andere Versuche in den USA ausgebremst. In Österreich zog
die Nationalbank vor Gericht und berief sich auf ihr Privileg der
Geldversorgung.
Aus den Versuchen mit Regionalwährungen kann man jedoch lernen.
Denn: Wenn die Titanic absäuft, dann braucht man mindestens
Rettungsboote – und die sollte man vorher mal ausprobiert
haben.
Und das Thema Geldschöpfung?
Geldschöpfung gehört in öffentliche Hand und nicht größtenteils in
die Hand des privaten Bankensystems, das ja an der Steuerung der
Geldmenge keinerlei Interesse hat. Die Notwendigkeit einer
entsprechenden Geldreform wurde in jüngster Zeit von Joseph Huber
und James Robertson begründet. Die Geldschöpfung gehört – abgesehen
von Regionalwährungen – in die Hand der Zentralbank. Aber da wäre
die Konstruktion einer Zentralbank noch einmal zu diskutieren, denn
manche Zentralbanken sind nicht in öffentlicher Hand.
Wie zum Beispiel die amerikanische Zentralbank?
Ja, wie zum Beispiel die Fed. Sie wurde 1913 von einem privaten
Bankenkartell gegründet und ist bis heute in privater Hand. Zwar
gibt es einige öffentliche beziehungsweise staatliche
Kontrollmechanismen, aber die Anteilseigner der Fed sind private
Großbanken. Das gehört auch in die öffentliche Diskussion: Wer sind
eigentlich die Herren der Geldschöpfung? Und liegt sie in den
richtigen Händen?
Und die privaten Banken sollten nicht verstaatlicht werden?
Irving Fishers Meinung dazu war: Verstaatlichung der Geldschöpfung,
ja – Verstaatlichung der Banken, nein. Die Geschäftsbanken sollten
sich auf Kreditgeschäfte mit dem Geld konzentrieren, das ihnen
dafür anvertraut wurde und bereits im Wirtschaftskreislauf ist.
Geldschöpfung in öffentliche Hand bedeutet dabei nicht in die Hand
der Regierung. Das ist oft schief gelaufen. Die Zentralbank sollte
öffentlich aber unabhängig von der Regierung sein. Ich nenne das
eine "Monetative", die als vierte Säule neben Exekutive,
Legislative und Judikative im Sinne der Gewaltenteilung geschaffen
werden sollte. Sie sollte vor allen Dingen unabhängig vom privaten
Bankensystem sein.
Bernd Senf ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der FHW
Berlin.
Das Interview führte Carsten Kloth.
http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/Finanzen-Finanzkrise-B…