Antwort auf Beitrag Nr.:
35.285.692 von ArthurSpooner am 26.09.08
08:15:54Hallo Arthur,
kann sein, dass ich das Modell noch nicht ganz verstanden habe. Ich
habe aber eher den Eindruck, dass das Modell an der heutigen
Wirklichkeit völlig vorbeigeht. Das gilt schon für die Prämissen
des Modells, aber in noch größerem Ausmaß für den unterstellten
Wirkungsmechanismus.
Zu den Prämissen des Modells scheint die Überlegung zu zählen, dass
\"Geld\" per se volkswirtschaftlich schädlich ist und die sozialen
Ungleichheiten mit der Zeit zunehmend verschärft.
Schon das ist natürlich falsch. Nicht das Geld als solches
verschäft die soziale Ungleichheit, sondern die Tatsache, dass
Vermögen generell (und nicht \"Geld\") zu \"Klumpenbildung\", dh
zur Akkumulation in den Händen einiger weniger neigt. Gerade das
Geld in der Westentasche ist nicht das Problem, sondern das
Kapital, das seinerseits Erträge generiert - sei es in Form von
Mieteinnahmen, in Form von Dividenden, oder einfach nur aus
Erträgen gewerblicher Tätigkeit.
In unserer Zeit spielt das Kapital in der Westentasche - Bargeld -
so gut wie keine Rolle mehr. Kapital ist bereits heute zu fast 100
% irgendwo investiert. Schon heute wird ja vielfach gar nicht mehr
mit Bargeld bezahlt - Kreditkarte und Co. sei zweifelhafter
Dank.
Die Vorstellung, Geld in Gestalt des physischen Zahlungsmittels
allein zu besteuern, erscheint solchermaßen fast schon etwas
naiv.
Wenn Du mit Geld freilich nicht nur das physische Zahlungsmittel
meinst, sehe ich große Abgrenzungsschwierigkeiten zu allen anderen
Formen des Vermögens.
Das \"Geld\" auf dem Girokonto (das wie richtig bemerkt wurde, ja
gar kein Geld ist, sondern nur ein Auszahlungsanspruch) würde wohl
nach Deinem Verständnis darunterfallen. Wohl auch das \"Geld\",
dass in Anleihen und anderen Inhaberschuldverschreibungen verbrieft
ist.
Erstaunlicherweise wäre die Aktie dagegen dagegen kein \"Geld\" im
Sinne Deines Modells und würde nicht besteuert. Warum nicht? Im
Grunde gibt es zwischen der Anleihe und der Aktie keine
grundlegenden Unterschiede. In beiden Fällen übertrage ich Eigentum
an Kapital auf einen anderen in der Erwartung, daraus eine Rendite
zu ziehen - dh also langfristig mehr Vermögen zu erwirtschaften als
ich investiert habe. Ganz im Gegensatz etwa zum reinem Bargeld und
dem \"Geld\" auf dem Girokonto - beides völlig harmlose Formen von
Geld, die mangels Kapitalerträgen gerade nicht geeignet sind, die
krassen Unterschiede in der Gesellschaft weiter zu vertiefen.
Gerade das Beispiel Aktie zeigt, dass es auch mit einer
Schwundgeldsteuer weiterhin Kapital in enormem Ausmaß angehäuft
werden könnte - noch leichter sogar als mit der heutigen
Einkommensteuerregelung.
Denn die Erträge aus Aktien würden nach Deinem Modell ja gar nicht
mehr besteuert. Besteuert würde nur die realisierten Gewinne - aber
selbst hier würde nicht die Realisation der Gewinne besteuert,
sondern erst das bloße Besitzen der realisierten Gewinne. Bei
sofortigem Konsum würde also niemals eine Steuer anfallen - es sei
denn, der Konsument erwischte gerade tatsächlich unglücklicherweise
gerade jene Millisekunde, in der die \"Geldbesitzsteuer\"
anfällt.
Was Du beschreibst wäre geradezu das Paradies für den
Kapitalschmarotzer von heute. Er würde so gut wie nie mehr
nennenswerte Steuern zahlen. Steuern zahlen würden nur noch die
unteren Einkommenschichten für das kleine eigene erarbeitete
Kapital, das unproduktiv zum Abruf bereit auf irgendwelchen
Girokonten oder in irgendwelchen Westentaschen heumklimmperte.
Man kann aber davon ausgehen, dass auch dieses tote Kapital schnell
auf ein Minimum reduziert wäre mit der Folge, dass bald überhaupt
keine Steuern mehr an den Staat fließen würden.
Seltsames System.
Im Grunde ist es alles doch sehr viel einfacher. Das Hauptübel in
unserem durch Merkel, Schröder, Müntefering und deren Hintermänner
entfesselten Kapitalismus besteht in der extremen
Kapitalakkumulation bei der entsprechenden, gleichzeitigen
Verarmung großer Teile der Bevölkerung. Das Übel ist die
Brasilianisierung von Deutschland - perverser Reichtum auf der
einen Seite und zunehmendes Elend auf der anderen Seite.
Dieses Übel, diese Entwicklung ist nichts Neues, sondern hat in der
Geschichte schon tausende Male zuvor stattgefunden. Es ist ein
grundsätzlicher Fehler im deregulierten, im rechtsfreien,
anarchistschen Kapitalismus, dass sich das Kapital früher oder
später immer anhäuft, wobei die Akkumukation gegen Ende hin immer
schneller und dramatischer geschieht.
Also muss man der Akkumulation entgegenwirken. Das sollte so
einfach, transparent und effektiv wie möglich geschehen.
Man muss dazu nicht gleich jedwedes Eigentum abschaffen, aber man
muss das Eigentum ebenso klar begrenzen. Eigentum lässt sich durch
Steuern begrenzen - nicht die Art von Steuern, die die aktuellen
Machthaber ständig neu der Unter- und Mittelschicht auflasten,
sondern durch Steuern auf das eigentliche Kapital.
Man könnte beispielsweise das Vermögen nach oben absolut begrenzen.
Ab einem Vermögen 100 Mio Euro greift für jeden weiteren Euro eine
Steuer von 100 % - meinetwegen auch nur 99 % ;-).
Niemand muss mehr als 100 Mio Euro - das ist das Zweitausendfache
eines durchschnittlichen Jahresbruttoeinkommens hierzulande (!)
sein eigen nennen. Eigentum in dieser Größenordnung ist nur eines:
sozialschädlich.
Denn Vermögen in dieser Größenordnung wird nur für zwei Zwecke
eingesetzt: Zum einen zur weiteren Mehrung des Vermögens, zum
anderen für einen verschwenderischen persönlichen Lebensstils zu
Lasten der Allgemeinheit. Das Kapital, das hier für schwachsinnige
dekadente Eitelkeiten \"verbrannt\" wird - etwa für tägliches
\"Jetsetten\", steht nicht in den gesellschaftlichen Bereichen zur
Verfügung, in denen es der Allgemeinheit zu Gute käme (etwa dem
Gesundheitswesen). Ungeachtet der Tatsache, dass das Reichenkapital
also vor allem in kleinen, eher sozialschädlichen, denn -nützlichen
Luxusbranchen verpulvert wird und schon aus diesem Grund nicht mehr
beim Normalbürger ankommt, verbrauchen die größten Verschwender und
Kapitalschmarotzer bekanntlich nur einen kleinen Teil ihres
Kapitals.
Es wird also viel weniger von diesem Kapital in den
Kapitalkreislauf zurückgespielt als wenn das Kapital auf viele
Bürger verteilt würde, die davon ihren Lebensunterhalt bestreiten
müssen.
Kappt man das Vermögen absolut wären so gut wie alle der Probleme
unserer Zeit mit einem Schlag beendet - von der Staatsverschuldung,
über die ausgebluteten Sozialversicherungssysteme bis hin eben zur
Verelendung großer Schichten in unserer Gesellschaft.
Es wäre also extrem einfach. Man bräuchte keine endlosen Talkshows,
kein Rumgeeiere der Kapitalschmarotzer-Fraktionen CDU/CSU/FDP/SPD
und Konsorten, sondern man müßte es nur wollen. Genau an diesem
Willen fehlt es freilich. Es ist klar, dass sich die Springers, die
Flicks, die Schickedanz, die Slomans, die Siemens ihre aberwitzigen
Reichtümer nicht nehmen lassen wollen. Das ist der einzige Grund
für die aktuelle Misere.