wer zu spät kommt, so glaubt er, den überrollt
das Leben.
Better Place
Batterien für alle
30.04.2010
Von Peter Münch
Eindrucksvoller könnte die Symbolik nicht sein: In einem alten
Öltank in Tel Aviv probt Shai Agassi die Revolution - der schnelle
Akkutausch im Elektroauto
Shai Agassi ist für pfifige Ideen immer zu
haben. Foto: Better Place
Einer wie er steht immer unter Strom. Wer die Welt zu einem
besseren Platz machen will, der hat nicht viel Zeit und muss am
besten an vielen Orten zugleich sein können. Und weil Shai Agassi
obendrein für pfiffige Ideen immer zu haben ist, hat er sich
einfach vervielfältigen lassen. Fast leibhaftig jedenfalls
erscheint er den Besuchern im Informationszentrum seiner Firma
"Better Place". Mal von rechts und mal von links preist er als
Hologramm die Vorzüge seines vermeintlichen Wunderwerks: eines
Elektroauto-Systems, mit dem Agassi nichts anderes als die
automobile Welt revolutionieren will.
Der 42-jährige Israeli, der schon in jungen Jahren 400 Millionen
Dollar mit dem Verkauf einer Software-Firma verdient und danach als
Vorstand beim deutschen SAP-Konzern Furore gemacht hatte, ist der
Motor dieser Revolution. Und die Keimzelle des Projekts, der Sitz
des Besucherzentrums, ist das Innere eines gewaltigen ehemaligen
Öltanks am nördlichen Stadtrand von Tel Aviv.
Wie fast alles ist auch das von eindrucksvoller Symbolik: Das Öl
wird nicht mehr gebraucht, das Elektroauto hält Einzug. In
keimfreiem Chic können die Besucher mit Hilfe von Imagefilmen und
Infotafeln lernen, wohin die Reise gehen soll.
Zukunftsmusik ist das schon lange nicht mehr. Draußen auf dem
Parkplatz steht schon die Limousine bereit zur freien Fahrt. Der
Clou: Es sieht aus wie ein Auto, aber es riecht nicht und macht
keinen Krach - und beschleunigt trotzdem wie ein Benziner. Mit dem
französischen Renault-Konzern hat Agassi einen langfristigen
Vertrag geschlossen. Bis 2016 will er dem Unternehmen 100.000
Fahrzeuge abnehmen, mindestens.
http://www.sueddeutsche.de/automobil/802/509929/text/
Israel setzt sich an die Spitze der
E-Bewegung
Sein Heimatland jedenfalls steht voller Überzeugung hinter den
Plänen des charismatischen Geschäftsmannes Shai Agassi, dem schon
einmal bescheinigt wurde, dass er auch Kamele an die Saudis
verkaufen könnte. Israels Präsident Schimon Peres persönlich hat
sich des Projekts angenommen und Türen geöffnet.
Der größte Ölmagnat des Landes, Idan Ofer, der sein Geld mit einer
riesigen Raffinerie in Haifa verdient, gehört mit 200 Millionen
Dollar zu den Großinvestoren von Better Place, und die Regierung in
Jerusalem verzichtet bei den Elektrofahrzeugen auf einen Großteil
der sonst für Autos fälligen Importsteuer von 72 Prozent. Möglich
wird das nur, weil sich Agassis Geschäfts- und
Weltrettungsinteresse mit dem nationalen Interesse Israels trifft.
Denn mit den Elektroautos könnte den feindlichen arabischen
Nachbarn langfristig die Ölwaffe entwunden werden
Während anderswo auf der Welt die Ingenieure noch zwischen Hybrid
und Zweifel stecken, preist Shai Agassi selbstsicher das Besondere
an seinem Elektroauto-System. Der Käufer zahlt hierbei nur für das
Auto, nicht für die unter der Rückbank installierte etwa 10.000
Dollar teure Batterie. Die bleibt im Besitz der Firma Better Place,
die mit dem Autobesitzer einen Nutzungsvertrag ähnlich einem
Handyvertrag abschließt. So wird der Autokauf erschwinglich -
zumal, wenn er wie in Israel staatlich gefördert wird.
Schon im nächsten Jahr will Agassi sein Auto in Serie auf den Markt
bringen. Israel ist neben Dänemark als Modell-Land auserkoren, und
der israelische Boden wird dafür großflächig bereitet. Der Radius
der Autos liegt derzeit bei 150 Kilometern, dann müssen die
Batterien aufgeladen werden.
http://www.sueddeutsche.de/automobil/802/509929/text/4/
Agassi warnt: "Wer zu spät kommt
..."
Weil das jedoch immer Stunden dauert, baut Better Place ein
landesweites Netz von mehr als hundert Austauschstationen in Israel
auf. Dort wird in Minutenschnelle - wie beim Auftanken an einer
Tankstelle - die verbrauchte Batterie gegen eine neue gewechselt.
Überdies sollen die Autofahrer zu Hause, am Arbeitsplatz, auf
Parkplätzen oder vor Supermärkten die Batterien an Steckdosen
aufladen können, die auch von Better Place überall bereitgestellt
werden.
Als jüngst Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer Israel besuchte,
informierte auch er sich im umgebauten Öltank über Israels weit
fortgeschrittenes Elektroauto-Projekt. Ganz am Ende der
Hologramm-Vorführung erschien ihm dann aber Shai Agassi auch noch
leibhaftig.
Der Firmenchef wollte es sich nicht nehmen lassen, den deutschen
Minister persönlich davor zu warnen, dass die deutsche
Autoindustrie in eine Sackgasse brause.
In Wolfsburg, Stuttgart
oder München hat Agassi nämlich bislang wenig Gehör gefunden -
und ihm zufolge ist das vor allem ein Problem für die Deutschen.
Denn wer zu
spät kommt, so glaubt er, den überrollt das
Leben.
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