Antwort auf Beitrag Nr.:
36.701.703 von Maraho am 04.03.09
20:49:43Guten Morgen zusammen,
erst einmal sei euch ein erfolgreicher Tag gewünscht.
Nun ein ...
Dossier
Wie die Krise die Politik treibt
von Horst von Buttlar
Die Regierung handelt in der Krise ohne Kompass. Es gibt keinen
Masterplan, nur hektische Ad-hoc-Politik. Die Regeln, die der Staat
nun schafft, entscheiden über seine künftige Stärke. Eine
Bestandsaufnahme.
An dem Abend, der alles verändern wird, treten die Kanzlerin und
ihr Finanzminister vor ihre Bürger. Sie sehen müde aus und blass,
tief in ihren Augen flackert irgendwo Angst, ihre Stimmen wollen
fest sein.
"Die Bundesregierung sagt am heutigen Tag, dass wir nicht zulassen
werden, dass die Schieflage eines Finanzinstituts zu einer
Schieflage des gesamten Systems wird", sagt Angela Merkel. Es geht
um die Rettung der Hypo Real Estate. "Wir arbeiten mit Hochdruck
daran", sagt Peer Steinbrück. Dann sagen sie noch, dass die
Einlagen der deutschen Sparer sicher sind, sie sprechen von
"gesamtstaatlicher Verantwortung".
Es ist der 5. Oktober 2008. Es ist der Tag, an dem in Deutschland
das erste Mal dreistellige Milliardensummen fallen, an dem alle
ahnen, dass ihr Geld nicht sicher ist, an dem sich alles entgrenzt
und zu neuen schrecklichen Größen findet. An dem Abend hört das
Land auf, das zu tun, was es so gut kann: Grundsätze zu behaupten
und auf Prinzipien zu reiten.
Von jetzt an, das wissen Merkel und Steinbrück noch nicht, werden
sie Getriebene sein, sie werden nicht nach ihren Überzeugungen
handeln, sondern nach Notwendigkeiten. Sie werden Entscheidungen
treffen von neuer Tragweite und neuer Tragik.
Denn seit jenem Abend regiert eine Regierung, die unter Volldampf
ist, aber ohne Kompass: Hypo Real Estate, Opel, Commerzbank,
Schaeffler, HSH Nordbank, Qimonda, Autobauer, Autozulieferer,
Industriekerne, Schlüsselindustrien.
Volle Kraft voraus, aber wohin? Ist diese Phase der Improvisation
nur ein Übergang? Und was kommt danach - eine Rückkehr zur
Normalität oder eine neue Ära des Staates? "Es gibt keinen
Masterplan", sagt Herfried Münkler, Professor für Politische
Theorie an der Berliner Humboldt-Universität. "Die Regierung ist in
der Lage des Zauberlehrlings. Es gibt Sachzwänge, Zeitdruck und das
Argument der Alternativlosigkeit."
Wer gerettet werden oder retten will, muss nur laut rufen. Und wenn
gerettet wurde, bleibt keine Zeit zum Atemholen. "Die Politik muss
derzeit mit einer Schnelligkeit Entscheidungen treffen, die es
nicht gestattet, sie zu erklären oder gar Diskussionen mit den
Bürgern über grundsätzliche Entscheidungen zu führen", räumte
Kanzleramtschef Thomas de Maizière vor wenigen Tagen ein. "Wir
hätten gern mehr Zeit dafür."
Doch Zeit gibt es nicht. Und so klingt die Marschrichtung des
Kanzleramts etwas kryptisch: "Man braucht Maßstäbe, nicht Tabus",
sagt de Maizière.
Der Maßstab aber ist Ansichtssache. Deswegen sprechen Politiker von
Ausnahmen und Abwägungen, von letzten, allerletzten und
allerallerletzten Mitteln, von "Ultissima Ratio". Es gibt keine
Richtung, sondern nur Richtungswechsel, nur Bauchgefühl, Notstand,
Einzelfälle. Der Staat befindet sich im Zustand permanenter
Nötigung.
Natürlich haben sie es geahnt. Es ist Mitte November, zum ersten
Mal sickert durch, dass Opel über Staatshilfen verhandelt. Gerade
erst hat die Regierung den Rettungsfonds für die Banken
zusammengezimmert, innerhalb von zwei Wochen - in einem Land, das
jahrelang über den Ladenschluss diskutiert.
Opel, das ist bis heute eine Fortsetzung ohne Ende nach einem
wiederkehrenden Muster: Es wird gerettet (oder die Rettung
gefordert) und gleichzeitig eifrig gewarnt. Das ist in etwa, als
würde ein Trinker auf seine Enthaltsamkeit anstoßen.
Bei Opel sind es im November vor allem die Ministerpräsidenten:
Roland Koch fordert in Hessen einen "Autoschirm",
Nordrhein-Westfalens Jürgen Rüttgers gibt eine "Überlebensgarantie"
ab. Auf der anderen Seite warnt Steinbrück vor einer
"Bittsteller-Prozession", und Michael Glos, Wirtschaftsminister in
den letzten Zügen, spricht von der "Gefahr, dass sich eine Branche
nach der anderen meldet".
Seitdem ist die Diskussion nicht viel weiter, nur die Mahner werden
leiser. Erst am Mittwoch tönte Frank-Walter Steinmeier, ganz
SPD-Kanzlerkandidat, bei Opel müsse man jetzt "pro-aktiv" handeln.
Wenige Tage zuvor hatte er dessen Schicksal zur Frage der "Zukunft
des Landes" gemacht. Kein Hersteller dürfe pleitegehen, sonst hätte
man bald "ein industriell entkerntes Land". Und selbst der
Finanzminister mag nicht mehr ausschließen, dass der Autobauer
Staatshilfen erhält.
"Das ist ein Fass ohne Boden", sagt Alfred Boss vom Kieler Institut
für Weltwirtschaft. Und Hilmar Schneider, Direktor am Institut zur
Zukunft der Arbeit, warnt vor der Signalwirkung: "Wer ein Problem
hat, muss nur zum Staat kommen."
Besonders zerrissen präsentiert sich die Union. Sie laviert und
zitiert Ludwig Erhard. Und je öfter sie ihn zitiert, desto mehr
schreddert sie ordnungspolitische Grundsätze. Als bei der Rettung
der Hypo Real Estate die Enteignung der Aktionäre geplant wird,
scheint das Maß voll. Das ist "ein ordnungspolitischer Tabubruch,
der nicht mehr tragbar ist", schimpft Josef Schlarmann,
Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung, während
sich die Kanzlerin in Krisendialektik übt: "Wir tun das, um die
Marktwirtschaft zu erhalten, nicht um sie abzuschaffen." Steinbrück
hat es einmal plastischer formuliert: "Manchmal muss man Feuer mit
Feuer bekämpfen."
Die Linie, die Merkel lange Zeit zieht, verläuft zwischen der Hypo
Real Estate auf der einen - und Opel und Schaeffler auf der anderen
Seite. Gerettet werden soll nur systemisch, auf keinen Fall
symbolisch.
Doch viele zweifeln, dass diese Trennlinie wirklich hält. Je näher
die Bundestagswahl rückt, das zeigten bereits wahlkämpfende
Landesväter, desto eifriger werden die Retter. "Das wird ein
Schlager im Wahlkampf, gegen den wir schwer ansingen können mit
alten Ludwig-Erhard-Parolen", fürchtet ein
CDU-Präsidiumsmitglied.
Zumal nicht alle diese Parolen singen. Rüttgers etwa will lieber
das große Rad drehen, legte sich ins Zeug für einen
"Deutschlandfonds", "eine Art Marshallplan für die Unternehmen", um
"industrielle Kerne zu schützen". Seit Mittwoch hat er ihn - 100
Mrd. Euro schwer.
Merkel und Steinbrück wollten das Thema erst aus dem Wahlkampf
raushalten, sie waren anfangs überwältigt und überrumpelt, wollten
von Fall zu Fall entscheiden. Bei den Banken schwenkten sie bald
auf die "systemische Antwort" ein, wie Steinbrück es nennt. Dabei
gilt: so wenig Staat wie möglich. Und: Wenn der Staat schon
einspringt, soll das finanzielle Risiko begrenzt sein.
Bei den Autobauern ist die Lage schwieriger. Keiner behauptet, die
Versorgung mit Autos sei gefährdet, wenn Opel pleiteginge. Die
Begründung ist sophistischer. Steinbrück sagt, angetrieben vom
SPD-Wahlkämpfer Steinmeier: "Wir müssen den Automobilbau als
Leitindustrie stützen." Merkel verlangt ein Zukunftskonzept.
"Im Kern gesund" und "volkswirtschaftlich förderungswürdig" sollen
Firmen sein, bei denen sich der neue Wirtschaftsminister
Karl-Theodor zu Guttenberg eine staatliche Stützung vorstellen
kann. Doch wer entscheidet, was "im Kern gesund" heißt? Geht es um
das Geschäftsmodell? Um die Bilanz? Um das Produkt und
Perspektiven? Und wer ist "volkswirtschaftlich förderungswürdig"?
Jedes angeschlagene Unternehmen wird im ersten Absatz seines
Förderantrags auf herausragenden Leistungen in Forschung und
Entwicklung verweisen.
Wer es positiv ausdrücken will, spricht deshalb von einem neuen
Pragmatismus. "Für jede Richtung gibt es sofort eine Ideologie. Ich
wünschte, wir wären pragmatischer", sagt der
US-Politikwissenschaftler Francis Fukuyama mit Blick auf die Kämpfe
in seinem Land. Er kritisiert verbohrte Republikaner, die auch im
Untergang immer nur Steuersenkungen fordern. "Das Problem ist nicht
die mangelnde Prinzipientreue, sondern das Prinzip selbst", sagt
Fukuyama. "Weniger Staat und weniger Steuern führen nicht
zwangsläufig aus der Krise."
Die Politik hat ein weiteres Problem: die fast flächendeckende
Paralyse der Wissenschaft. Experten und Ökonomen reden und rechnen,
minus eins, zwei, drei oder gar fünf Prozent soll die Wirtschaft
schrumpfen, sie erklären viel und wirken doch oft wie Sprechpuppen,
die immer die gleichen Sätze sagen, wenn man auf ihren Bauch
drückt.
"Die meisten von uns sind ziemlich ratlos", räumt Friedrich
Schneider, Chef der Vereinigung deutschsprachiger Ökonomen, ein:
"Wir sind in der Krise." Sogar Steinbrück gibt sich freimütig
unberaten: "Die Wirtschaftswissenschaftler haben keine
verlässlichen Empfehlungen für uns. Sie sind nicht minder
vielstimmig und vor allem angelegt auf öffentliche
Selbstdarstellung wie die Politik auch."
Der Staat handelt also wie ein General, der in der Schlacht zwar
gut taktiert, aber keine Strategie hat. "Jahrzehntelang hat sich
der Staat als machtvoller Akteur aus dem Wirtschaftsleben
zurückgezogen", sagt Herfried Münkler. "Jetzt ist er wieder da.
Aber nur als getriebener Hilfsakteur."
Um ihn herum kämpfen gesellschaftliche Gruppen um seine Gunst. Das,
so Münkler, sei der klassische Kampf der Lobbyisten - nur in einer
ganz anderen Größenordnung, die den Staat an die Grenze des
Bankrotts führen könnte. Die neue Stärke, mit der der Staat in
diesen Tagen auftritt, ist also zugleich seine Schwäche.
Für die Zukunft skizziert Münkler zwei mögliche Szenarien. Das
optimistische: "Der Zauberlehrling wird wieder Hexenmeister." Nach
einigen Jahren, wenn sich alles beruhigt hat, ist der Staat wieder
Gestalter. Das aber gelänge nur effektiv und nachhaltig, wenn es
ein globales Regelsystem gäbe. In diese Richtung steuert die Gruppe
der G20, die im April in London über eine neue Finanzarchitektur
beraten will. Eine Mammutaufgabe: "Man muss auch die 20.000
Briefkästen auf den Cayman Islands erfassen."
Das zweite, pessimistische, Szenario wird bisher noch nicht
diskutiert. Münkler nennt es "die Krise der Mentalitäten", wenn aus
der ökonomischen eine "gesellschaftliche Depression" wird. Das wäre
vergleichbar mit den Krisen des 17. Jahrhunderts, ausgehend von der
Kleinen Eiszeit ab 1570, die in den Dreißigjährigen Krieg
mündete.
Die Menschheit würde ihren "Glauben an Gestaltung" verlieren, die
"Grunddisposition des 19. und 20. Jahrhunderts". Es ist der Glaube,
dass Probleme lösbar sind, dass die technischen Fähigkeiten
steigerbar sind und der Fortschritt unumkehrbar ist.
Das Szenario ist nicht sehr wahrscheinlich. Und doch zeigt es, dass
die Menschheit an einem Scheideweg steht.
Wir werden große
Architekten brauchen.
Quelle:
http://www.ftd.de/politik/deutschland/:Agenda-Wie-die-Krise-…