Antwort auf Beitrag Nr.:
36.773.737 von Maraho am 16.03.09
12:59:22Etwas ausführlicher ...
Finanzkrise
AIG-Milliarden an die Deutsche Bank: Nur eine Anzahlung?
Wilfried Eckl-Dorna
Der schwer angeschlagene US-Versicherer AIG hat in einer Liste
aufgeschlüsselt, an wen sie ihre Staatsmilliarden gezahlt hat.
Einer der großen Profiteure war die Deutsche Bank: Sie hat 11,8
Milliarden Dollar aus den USA erhalten. Die Liste lässt für Europas
Banken beunruhigende Schlüsse zu.
Monatelang hat sich die Führungsspitze der American International
Group (AIG) gegen die Herausgabe dieser Namensliste gewehrt. Vor
zehn Tagen weigerte sich Fed-Vizechef Donald Kohn vor dem US-Senat
noch mit einer Reihe von Argumenten dagegen, die Namen zu
beschaffen. Doch am Ende ist der politische Druck wohl zu stark
geworden. Am Wochenendes stand AIG erneut im Kreuzfeuer, weil der
Konzern seinen Managern trotz der Beinahe-Pleite 165 Millionen
Dollar Boni zahlt. Gestern veröffentlichte AIG endlich die Liste
jener Geschäftspartner, an die der Versicherer einen Gutteil seiner
bisher erhaltenen Staatshilfen von 160 Milliarden Dollar
ausschütten musste.
„Wir erkennen die Notwendigkeit, bei der Verwendung von
öffentlichen Geldern einen hohen Grad an Transparenz zu bewahren“,
heißt es fast schon entschuldigend im ersten Satz der insgesamt
sechsseitigen Presseaussendung. Deshalb legt AIG nun „bestimmte
Gegenparteien“ bei Kreditausfallsderivaten (Credit Default Swaps),
der Verleihung von Wertpapieren und bei Geschäften mit Kommunen
offen.
90 Milliarden Dollar gingen direkt an Banken und Kommunen
Und diese Liste hat’s in sich: Von September bis Dezember 2008 hat
AIG mehr als 90 Milliarden Dollar an Banken und Kommunen gezahlt –
darunter auch einige große US-Banken, die selbst am Staatstropf
hängen. Zu den größten Nutznießern der AIG-Zahlungen zählt die
ehemalige Investmentbank Goldman Sachs, die insgesamt 12,9
Milliarden Dollar erhielt. Gleich dahinter folgt die französische
Societé Générale mit 11,9 Milliarden, die Deutsche Bank liegt mit
11,8 Milliarden erhaltener Zahlungen auf Platz drei.
Stadtverwaltungen in US-Staaten zahlte AIG insgesamt 12,1
Milliarden Dollar aus.
Benötigt hat AIG diese Unsummen, weil seine 400-Mann-Einheit AIG
Financial Products (AIGFP) mit Kreditausfallsderivaten riesige
Schulden aufgehäuft hat. Im Kern hatte AIGFP die einstmals
ausgezeichnete Bonität der Mutter benutzt, um Banken Versicherungen
gegen Kreditausfälle anzubieten. Als sich jedoch das Marktumfeld
änderte, stand AIG durch die Hebelwirkung dieser Kreditderivate
plötzlich vor einem hunderte Milliarden schweren Schuldenberg.
Insgesamt drei Mal musste die US-Regierung bislang dem Versicherer
unter die Arme greifen, rund 160 Milliarden Dollar hat die
AIG-Rettung bislang verschlungen.
22 Milliarden Dollar Cash für CDS-Gegenparteien
AIGs Liste zeigt nun genauer, wofür AIG diese Riesen-Summen
benötigte:
22,4 Milliarden Dollar musste AIG den Gegenparteien seiner
Kreditausfallsderivate überweisen. Denn AIGs Derivate hatten für
den Versicherer einen furchtbaren Haken: Bei einer Verschlechterung
des Marktumfelds und der Herabstufung von Bonitätsnoten können
Gegenparteien zusätzliche Sicherheiten verlangen – in bar,
wohlgemerkt. Das haben sie auch getan: Die Société Générale hat 4,1
Milliarden Dollar erhalten, die Deutsche Bank 2,6 Milliarden,
Goldman Sachs strich 2,5 Milliarden Dollar ein.
12,1 Milliarden Dollar zahlte AIG an Kommunen, ein Großteil davon
in US-Bundesstaaten. Sie hatten bei AIG eine Art festverzinsliche
Wertpapiere, so genannte Guaranteed Investment Agreements (GIA),
gezeichnet. Diese Wertpapiere bestehen aus strukturierten
Investments, die einen festen Zins garantieren.
12,5 Milliarden Dollar benötigte AIG, um fällig werdende
Verbindlichkeiten zu bedienen.
43,7 Milliarden Dollar wurden für Verbindlichkeiten verwendet, die
AIG aus dem Verleih von Wertpapieren entstanden waren. Auch hier
war die Deutsche Bank ganz vorne dabei: Sie erhielt 6,4 Milliarden
Dollar von AIG – nur die britische Barclays Bank bekam noch mehr,
nämlich sieben Milliarden. Bei diesen Geschäften hat AIG
Wertpapiere verliehen – großteils an Hedgefonds, die diese Papiere
leerverkauft hatten. Eigentlich ein sicheres Geschäft, doch auch
hier hatte AIG mit dem Feuer gespielt. Denn AIG investierte das
Einkommen aus diesem Verleih wiederum in Subprime-Papiere, um
höhere Renditen zu erzielen. Doch der Wert der Subprime-Papiere ist
seither stark gefallen.
Knapp fünf Milliarden Dollar gab AIG als Eigenkapital an seine
Finanzeinheit mit dem unauffälligen Namen Maiden Lane III weiter.
Diese wurde von der US-Notenbank und AIG ins Leben gerufen, um AIG
aus den toxischen CDS-Geschäften herauszukaufen.
Der letzte Posten der Liste ist eigentlich der spannendste: Denn
wie eine weitere Tabelle der Pressemitteilung zeigt, hat die
US-Notenbank Fed für Maiden Lane III nochmals Geld bereitgestellt.
Insgesamt 27,5 Milliarden Dollar hat das AIG-Finanzvehikel für den
Rückkauf von CDS-Kontrakten ausgegeben. Die Liste zeigt auch, mit
wem die Verträge rückabgewickelt wurden: An vorderster Stelle steht
die Sociéte Générale, der AIG für 6,9 Milliarden Dollar
CDS-Verträge zurückkaufte. Danach folgen Goldman Sachs (5,6
Milliarden), Merrill Lynch (3,1 Milliarden) und die Deutsche Bank
(2,8 Milliarden).
Rückkäufe sind erst am Anfang
Knapp 30 Milliarden Dollar für Rückkäufe – das klingt eigentlich
viel. Doch in Wirklichkeit ist das erst der Anfang. In der Bilanz
für 2008 gibt AIG zu, dass Ende 2008 noch immer ein CDS-Portfolio
in Höhe von 234 Milliarden Dollar in den Büchern stand. Im Jahr
zuvor waren es noch 379 Milliarden Dollar gewesen, AIG hat also
schon ein wenig bei den toxischen Wertpapieren abgespeckt.
Für Europas Banken steht da noch einiges auf dem Spiel. Denn das
CDS-Portfolio stammt laut Bilanz von Finanzinstitutionen “vor allem
aus Europa“. Die nun offengelegten Zahlungen zeigen, dass ein
ziemlich großer Teil davon an amerikanische Banken floss. Wie
Michael Mandel im Blog Economics Unbound vorrechnet, gingen
insgesamt 44 Milliarden der Gelder an US-Banken. Rund 58 Milliarden
Dollar flossen an Banken außerhalb der USA, davon ein Großteil an
französische und deutsche Banken.
Deutsche Bank hängt offenbar tief im AIG-Schlamassel
Die Deutsche Bank erhielt hierzulande bei weitem die meisten
Gelder. Das zeigt deutlich, dass sie im AIG-Schlamassel tiefer
drinsteckt als bislang zugegeben. Ganz deutlich sieht man das an
der Rangliste der CDS-Rückkäufe. Sie ist ein guter Gradmesser, wie
tief die europäischen Banken im AIG-Morast versinken. Denn
vermutlich werden die AIG-Mannen zuerst bei jenen angeklopft haben,
die am meisten CDS-Verträge eingegangen sind.
Bei den Rückkäufen liegt die Deutsche Bank an vierter Stelle. Doch
die Liste täuscht ein wenig, denn US-Banken scheinen bei den
Rückkäufen überrepräsentiert. Denn AIGs CDS-Portfolio besteht
großteils aus Kontrakten mit europäischen Banken. Damit dürfte die
Deutsche Bank nach der Société Generale eigentlich an zweiter
Stelle liegen.
USA spielen möglicherweise böses Spiel
Josef Ackermann kann sich nun natürlich drüber freuen, dass er
statt deutscher Staatshilfen nun indirekt amerikanische Gelder
erhält. Doch dieses Spiel ist brandgefährlich.
Das Rückkauf-Verhalten von AIG gibt einem Gerücht Nahrung, das
sich seit Wochen in Finanzkreisen hält. Demnach sollen die
Amerikaner angeblich versuchen, ihre eigenen Banken so rasch als
möglich aus dem CDS-Schlamassel zu befreien. Sobald sie das
erreicht haben, wollen sie AIG angeblich endgültig in die Pleite
schicken.
Für Europas Banken wäre das ein Schlag, den sie nur schwer
verkraften könnten. Denn wenn AIG Pleite geht, müssten sie ihre
gesamten CDS-Kontrakte abschreiben. Das würde die Deutsche Bank in
eine lebensbedrohliche Schieflage bringen.
Quelle:
http://www.wiwo.de/unternehmer-maerkte/aig-milliarden-an-die…