Guten Morgen,
fangen wir mit dem eigenen Land an...
Und dafür braucht`s Forscher!
Ostdeutschland verarmt
Wohlstand für wenige
Eine Studie belegt: Die Mehrheit der Deutschen konnte vom
vergangenen Aufschwung nicht profitieren - das Risiko von
Altersarmut steigt.
Von Thomas Öchsner
Seit 2002 sind die Reichen in Deutschland reicher geworden und die
weniger Wohlhabenden und Armen ärmer geworden. Das ist das Ergebnis
einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung
(DIW). Danach wird die Ungleichheit bei der Vermögensverteilung
immer größer - und Ostdeutschland verarmt zunehmend.
2002 befand sich Deutschland am Rand einer Rezession. 2007 ging es
dagegen mit der Wirtschaft noch aufwärts, das Bruttoinlandsprodukt
wuchs um 2,5 Prozent. Die große Mehrheit der Bevölkerung konnte
davon aber nicht profitieren, rechnen die Wissenschaftler des DIW
vor: Das Vermögen (Geldbesitz, Immobilien, Versicherungen, nach
Abzug von Verbindlichkeiten) konzentriert sich immer mehr bei den
reicheren Gruppen der Bevölkerung.
Die Schere geht auseinander
So verfügte das wohlhabendste Zehntel der erwachsenen Bevölkerung
2007 über 61,1 Prozent des privaten Vermögens. 2002 waren es noch
57,9 Prozent. Allein das reichste Hundertstel hielt 2007 knapp 23
Prozent des Nettovermögens. Dagegen besaßen die weniger
wohlhabenden 70 Prozent der Erwachsenen nur knapp neun Prozent des
gesamten Nettovermögens. Auch dieser Anteil ist in dem
Vergleichszeitraum von fünf Jahren leicht geschrumpft.
Die Berliner Forscher stützen ihre Untersuchung auf die jüngsten
verfügbaren Daten aus dem sozioökonomischen Panel (SOEP), einer
repräsentativen Befragung von etwa 23.000 Personen in
Privathaushalten ab 17 Jahren. Die Studie, die das DIW an diesem
Mittwoch vorstellte, wurde von der gewerkschaftsnahen
Hans-Böckler-Stiftung gefördert. Das DIW hatte bereits im November
2007 eine ähnliche Untersuchung vorgelegt.
Mit der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich folgt die
Entwicklung einem weltweiten Trend. Seit den frühen neunziger
Jahren steigen die Einkommen der Spitzenverdiener auf allen
Kontinenten erheblich schneller als die Gehälter von
Geringverdienern. Die deutschen Zahlen sind deshalb im
internationalen Vergleich nicht ungewöhnlich. Deutschland stehe
hier mit seinen Zahlen "noch moderat" da, sagte Markus Grabka,
einer der Autoren der Studie.
Hohe Freibeträge für Reiche
Die Berliner Wissenschaftler rechnen damit, dass sich die Schere
bei der Vermögensverteilung in den nächsten Jahren weiter öffnet.
Auf der einen Seite profitierten Wohlhabende von hohen Freibeträgen
bei der reformierten Erbschaftsteuer und von der neuen
Abgeltungsteuer in Höhe von 25 Prozent auf Kapitalerträge, sagte
der DIW-Experte Grabka. Auf der anderen Seite gehe - sofern
überhaupt vorhanden - das Vermögen von Arbeitslosen zurück, da die
Einführung von Hartz IV dazu beigetragen habe, dass diese ihre
Ersparnisse auflösen. Schließlich müssten Erwerbslose erst eigenes
Vermögen weitgehend aufzehren, bevor diese staatliche Unterstützung
in Anspruch nehmen könnten. Nach Ansicht der Forscher wächst
deshalb in Deutschland das Risiko von Altersarmut, besonders in den
neuen Bundesländern.
Insgesamt belief sich das private Bruttovermögen (ohne Autos und
Hausrat) in Deutschland auf etwa 8,055 Billionen Euro. Den größten
Anteil daran hatten Grund- und Immobilienbesitz mit 5,3 Billionen
Euro. Dem standen Schulden der Privathaushalte von gut 1,4
Billionen Euro gegenüber. Im Durchschnitt verfügte damit jeder
Erwachsene über ein individuelles Vermögen von gut 88.000 Euro -
knapp 8000 Euro mehr als 2002.
Wie wenig die Zahlen über die reale Verteilung des Wohlstandes
aussagen, zeigt ein Blick auf die einzelnen Bevölkerungsgruppen.
Nach den Berechnungen des DIW wuchs das durchschnittliche
Nettovermögen im wohlhabendsten Zehntel der Bevölkerung von gut
208.000 auf mehr als 222.000 Euro. Die Angehörigen des reichsten
Prozents besaßen sogar mehr als 817.000 Euro. Zum Vergleich:
Facharbeiter oder Angestellte mit einfacher Tätigkeit kommen auf
knapp 46.000 Euro, Beamte des einfachen und mittleren Dienstes auf
63.000 Euro und Rentner und Pensionäre auf gut 113.000 Euro.
Menschen ohne Vermögen und mit mehr Schulden als Besitz sind bei
Angelernten und Arbeitslosen mit Abstand am häufigsten.
"Sozialpolitisch besorgniserregend"
Auffällig ist die Entwicklung in Ostdeutschland: Während im Westen
die Nettovermögen zwischen 2002 und 2007 von durchschnittlich knapp
91.000 auf gut 101.000 Euro stiegen, sank der Mittelwert im Osten
von 34.000 auf 31.000 Euro. Die Forscher des DIW nannten dafür zwei
Gründe: Die Preise für Immobilien sind in vielen ostdeutschen
Regionen eingebrochen. Außerdem hat die hohe Arbeitslosigkeit dazu
beigetragen, dass in den Altersgruppen zwischen 35 und 65 Jahren
die durchschnittlichen Vermögen in den fünf Jahren um mehr als zehn
Prozent gesunken sind. Dieser Schwund, heißt es in der
Untersuchung, sei "sozialpolitisch besorgniserregend".
Quelle:
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/879/455554/te…