Antwort auf Beitrag Nr.:
36.429.640 von Maraho am 22.01.09
18:53:54Soll als Dokumentation dienen.
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Wirtschaftskrise
Drei Szenarien für 2009
Wie schlimm es im kommenden Jahr wird, können selbst die
Wirtschaftsforscher nicht abschätzen. Drei mögliche Szenarien
stehen zur Debatte.
Von Carsten Brönstrup
21.12.2008
DAS MINUS-SZENARIO: ALLES BRICHT ZUSAMMEN
Drei Prozent Minus im kommenden Jahr oder sogar vier, Gehör finden
in diesen Tagen vor allem die Kassandra-Rufer. Das düstere Bild,
das sie malen, geht von einem weltweiten Absturz der
Industrieunternehmen aus: In den USA misslingt trotz aller
Subventionen die Rettung der Autoindustrie, der Häusermarkt findet
keinen Halt, weitere Großbanken geraten in eine Schieflage. Das
trifft den Jobmarkt hart, schon jetzt gibt es eine Million mehr
arbeitslose Amerikaner als vor einem Jahr. In den Strudel der Krise
geraten Japan und vor allem China, die beide auf die Nachfrage aus
den USA angewiesen sind. Und damit auch Europa und Deutschland, die
davon abhängen, ihre teuren Maschinen und Anlagen in alle Welt
exportieren zu können. Vor allem die Autoindustrie würde ein
solches Szenario hart treffen.Die Exportabhängigkeit gerade der
deutschen Wirtschaft erweist sich nun als Bumerang. Kein Manager
wird in einer solchen Situation in neue Fabriken investieren.
Auf die restliche Wirtschaft greift die Krise rasch über. Die
Banken schränken ihre Kreditvergabe noch weiter ein, damit neben
dem gigantischen Abschreibungsbedarf auf US-Schrottpapiere nicht
neue Krisenherde in ihren Bilanzen entstehen. Weil die Industrie
sparen muss, streicht sie auch ihre Aufträge an Dienstleister
zusammen, darunter leiden Beraterfirmen und Softwareanbieter. Bahn
und Lastwagen bricht der Güterverkehr weg, Lufthansa und Air Berlin
fliegen mit bestenfalls zur Hälfte ausgelasteten Flugzeugen
herum.
Die Binnenwirtschaft kann dem nichts entgegensetzen. Verängstigt
von den täglichen Schreckensmeldungen, halten die Verbraucher das
Geld zusammen und sparen es, wie schon in den vergangenen Jahren.
Entsprechend schlecht laufen die Geschäfte im Einzelhandel, trotz
Sonderangeboten und Rabattaktionen. Ständig sinkende Preise münden
in einer Deflation, also einer Spirale aus schwindender
Wirtschaftskraft, zurückgehender Nachfrage und geringeren
Unternehmensgewinnen. Größere Anschaffungen schieben die
Konsumenten wieder und wieder auf – weil sie auf noch niedrigere
Preise hoffen. Nimmt man die Faustformel, nach der ein Prozent
weniger Wachstum 350.000 Stellen kostet, würden bis zu 1,4
Millionen Menschen im kommenden Jahr arbeitslos.
Alle Hoffnung lastet nun auf der Politik. Doch sie wird enttäuscht.
Bis das Investitionsprogramm wirken kann, vergehen wertvolle
Monate. Erst zanken Bund und Länder um die Finanzierung, dann fehlt
es an Bauprojekten, die zügig begonnen werden können.
Steuersenkungen helfen nicht, weil die Leute das zusätzliche Geld
nicht ausgeben, Konsumschecks verpuffen ebenso wie verzweifelte
Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank.
Wahrscheinlichkeit: mittel. Zwar deuten viele Indikatoren darauf
hin, dass die Krise tief wird – das Ifo-Geschäftsklima oder die
Stimmung der Einkaufsmanager. Die Prognosen erscheinen aber zu
schwarz, weil die Regierungen weltweit gewillt sind, sich mit
Milliarden gegen den Absturz zu stemmen.
DAS KRISEN-SZENARIO: ES WIRD ERNST, ABER NICHT HOFFNUNGSLOS
Es ist nicht alles schlecht. Zwar zeigen die meisten
Konjunkturdaten momentan steil nach unten. Gleichzeitig gibt es
aber ermutigende Nachrichten, etwa vom Rohstoffmarkt. Sie könnten
dafür sorgen, dass Deutschland glimpflich davonkommt und die
Wirtschaft nur um rund ein Prozent schrumpft. Das wäre aber immer
noch die tiefste Rezession seit dem Krieg.
Entscheidend ist der rapide Verfall des Ölpreises. Der Rohstoff
kostet heute nicht einmal mehr ein Drittel so viel wie noch im
Sommer. Der Gaspreis, der an das Öl gekoppelt ist, wird in Kürze
folgen. Bleibt der Barrel-Preis auf dem aktuellen Niveau, könnte
das für Unternehmen und Verbraucher über das Jahr gesehen
Einsparungen von 30 Milliarden Euro bedeuten, hat das Deutsche
Institut für Wirtschaftsforschung ausgerechnet. "Das wirkt wie ein
Konjunkturprogramm", sagt Chefvolkswirt Christian Dreger. Folge:
Den Bürgern bleibt mehr Geld für den Konsum, die Unternehmen können
billiger produzieren. Weil die Inflationsrate moderat bleibt,
steigen auch die Reallöhne. Stabilisierend wirken die Erhöhung von
Renten, Wohn- und Kindergeld sowie der gesenkte Beitrag zur
Arbeitslosenversicherung. Zum ersten Mal seit Jahren verzeichnen
der Einzelhandel und konsumnahe Wirtschaftsbereiche einen
Mini-Aufschwung. "Der private Konsum könnte in diesem Jahr den
Unterschied machen", glaubt Dreger.
Trotzdem bleibt der Weltmarkt bedeutend: Angesichts der abebbenden
Finanzkrise kommt die Nachfrage nach Produkten aus Deutschland
wieder in Schwung. Vor allem aus Amerika, das sich erstaunlich
schnell wieder aufgerappelt hat. Hilfreich dabei, wenn auch nicht
übermäßig, sind die Konjunkturprogramme in vielen Ländern.
Ungeschoren kommen die Exporteure aber nicht davon. Allerdings
hilft ihnen der niedrige Euro-Kurs, der im Vergleich zum Dollar um
ein Fünftel gesunken ist, das steigert die Wettbewerbsfähigkeit.
Und zwei Drittel der deutschen Wirtschaftsleistung stützen sich
ohnehin nicht auf die Industrie.
Aus Angst vor einem Fachkräftemangel in der Zukunft agieren die
Unternehmen bei der Personalpolitik besonnen. Es zahlt sich aus,
dass sie die vorübergehend sinkende Nachfrage mittels
Arbeitszeitkonten ausgleichen konnten, die heute weit verbreitet
sind. Hinzu kommt die neue Möglichkeit, bis zu 18 Monate lang
Kurzarbeit zu verordnen. Für den Arbeitsmarkt bedeutet das, dass
sich die Zahl der Entlassungen in Grenzen hält und die
Arbeitslosigkeit nur moderat zunimmt. Das ist auch eine Folge der
Reformen in dieser Dekade.
Wahrscheinlichkeit: hoch. Statt einer Dauerkrise könnte die
Wirtschaft bereits im Sommer wieder in die Wohlfühlzone kommen und
wachsen. Der Bankensektor hat sich zudem robust gezeigt, das könnte
die Krise früher beenden. Schon spekulieren Volkswirte wie Holger
Schmieding von der Bank of America, dass bald Licht am Ende des
Tunnels zu erkennen sein könnte. Spricht sich das bis zu den
Finanzmärkten herum, könnte es zu einem Kursfeuerwerk kommen – ein
wichtiges psychologisches Moment auch für die Realwirtschaft.
DAS RETTUNGS-SZENARIO: ALLES WIRD GUT
Es sind nur wenige, aber es gibt sie: Wirtschaftsforscher, die für
das kommende Jahr ein steigendes Bruttoinlandsprodukt vorhersagen.
Zum Beispiel Gustav Horn, der Chef des gewerkschaftsnahen Instituts
für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Er hält 2009 ein
Wachstum von einem Prozent für möglich. Dabei kommt es auf die
Politik an: Die Voraussetzung wäre ein großzügiger Eingriff der
Regierungen Europas. Mit zwei Prozent des jeweiligen
Bruttoinlandsproduktes stützen sie ihre nationale Wirtschaft. Für
Deutschland wären dies rund 50 Milliarden Euro – sie sollen nach
Horns Vorstellung fließen in rasch wirksame Konsumgutscheine und in
öffentliche Investitionen. Allerdings nicht nur für ein Jahr, der
Staat leistet sich nun dauerhaft mehr, was wiederum die
Zukunftsaussichten von Bürgern und Wirtschaft verbessert,
kalkuliert Horn. Die Europäische Zentralbank flankiert diese
Politik mit beherzten Leitzinssenkungen. Eine Verpflichtung der
Banken vonseiten der Regierung, Geld aus dem staatlichen
Rettungsfonds anzunehmen, kommt hinzu.
Eine solche Politik kommt zunächst den Unternehmen zugute. Die
Firmen aus dem Bausektor, dem Einzelhandel sowie die Hersteller von
Konsumartikeln profitieren. Mittelständische Straßenbauer können
also mit neuen Aufträgen rechnen, ebenso Maurer, Malermeister und
Zimmerleute, die örtliche Universitäten und Schulen reparieren.
Siemens kann auf den Verkauf zusätzlicher Straßenbahnen hoffen,
Würth mit einem steigenden Schraubenabsatz. Doch auch die wichtigen
Exportfirmen zählen dank der koordinierten Ausgabenpolitik der
Staaten in Europa zu den Gewinnern.
Die Hoffnung dahinter: ein grundlegender und rascher
Stimmungswandel im Land. Dank der zusätzlichen Staatsnachfrage
schwindet die Angst der Unternehmen vor einem markanten
Auftragseinbruch. Mit dem Thema Personalabbau müssen sich deshalb
die meisten kaum beschäftigen. Das schafft Vertrauen bei den
Arbeitnehmern – die legen deshalb das Geld nicht auf die Seite,
sondern tragen es in Fußgängerzonen und Einkaufszentren. Zum ersten
Mal seit Jahren verzeichnet der Einzelhandel nennenswerte
Wachstumsraten. Selbst die gebeutelten Autobauer melden steigende
Verkaufszahlen. Da die Geschäftslage stimmt, bleibt ein gewisser
Spielraum für Lohnerhöhungen, was wiederum der Binnennachfrage
zugute kommt. Und die höheren Investitionen in die öffentliche
Infrastruktur legen den Grundstein für höheres Wachstum in der
Zukunft.
Wahrscheinlichkeit: gering. Bis der Staat mit seinen Milliarden zur
Stelle ist, dauert es zu lange. Womöglich ist der Tiefpunkt der
Krise dann bereits überwunden. Selbst wenn das Geld zur rechten
Zeit fließt, ist fraglich, ob es mehr entfachen kann als nur ein
Strohfeuer im Sturm der Krise. Das größte Fragezeichen steht hinter
dem Thema Psychologie: Den meisten Verbrauchern schwant früher oder
später, dass die Ausgaben von heute die Steuern von morgen sind.
Entsprechend werden sie nicht hemmungslos shoppen gehen.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 21.12.2008)