Antwort auf Beitrag Nr.:
36.589.563 von Maraho am 16.02.09
19:55:00Betrifft den....
Arbeitsmarkt
Krise: Wie viele ihren Job verlieren werden
von Heike Anger
Die Finanz- und Wirtschaftskrise wird in Deutschland viele Jobs
kosten. Darüber sind sich Politiker, Wirtschaftsführer und Ökonomen
einig. Doch wie drastisch der Arbeitsmarkt tatsächlich schrumpfen
wird, darüber gehen die Prognosen deutlich auseinander.
DÜSSELDORF. Die Bundesregierung präsentiert sich derzeit
vergleichsweise optimistisch. Sie geht davon aus, dass in diesem
Jahr durchschnittlich 250 000 Menschen mehr arbeitslos werden als
im Jahr 2008. Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen
Weise, hält bei einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um vier
Prozent auch 500 000 bis 700 000 Arbeitslose mehr für möglich.
Pessimistisch zeigt sich das Kieler Institut für Weltwirtschaft und
erwartet gar, dass die Zahl der Arbeitslosen am Ende des Jahres um
rund 750 000 Personen höher liegen wird als ein Jahr zuvor.
Doch
welche Prognose ist nun realistisch?
„Zunächst einmal sollte klar sein wovon die Rede ist“, sagt Hilmar
Schneider, Direktor für Arbeitsmarktpolitik am Bonner Institut zur
Zukunft der Arbeit (IZA). Sinnvoll sei nur der Vergleich von
Jahresdurchschnitten, nicht der Vergleich von Jahresende mit
Jahresanfang. Laut Schneider geht die pessimistischste Prognose der
führenden Wirtschaftsforschungsinstitute derzeit von einem Anstieg
auf 3,7 Millionen Arbeitslose aus, die meisten liegen eher bei 3,5
Millionen. Das entspreche einem Anstieg gegenüber dem Vorjahr von
300 000 bis 500 000. „Das ist schon ziemlich viel, wenn man
bedenkt, dass wir augenblicklich ja immer noch um fast 200 000
unter dem Wert des Vorjahresmonats liegen“, meint der
Arbeitsmarktforscher. Dass der Anstieg noch stärker ausfällt als
derzeit prognostiziert, kann sich Schneider deshalb nicht
vorstellen.
Wie sehr Einschätzungen danebenliegen können, zeigt unter
anderem das Beispiel von Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD).
Vor gut einem Jahr blickte er zufrieden auf die Arbeitmarktdaten
und verkündete, Deutschland werde weiter auf Wachstumskurs bleiben:
„Trotz Bankenkrise und Nokia-Schließung können wir weiter
zuversichtlich sein: Der Aufschwung am Arbeitsmarkt hält an. Es
gibt einen robusten Aufwärtstrend.“
Einer aktuellen Studie der Managementberatung Kienbaum zufolge will
nun knapp ein Drittel der deutschen Unternehmen mit einem
Stellenabbau auf die Wirtschaftskrise reagieren. Die Befragung
unter 500 Unternehmen aller Größen und Branchen zur
Personalkostenreduzierung ergab: Sachbearbeiter,
Produktionsmitarbeiter und Hilfsarbeiter wären am stärksten von den
Abbau-Plänen betroffen. Auch Führungskräfte kämen nicht ungeschoren
davon.
Nach Einschätzung von IZA-Experte Schneider trifft der
Stellenabbau momentan vor allem die exportorientierten Branchen.
Der Ökonom sieht Entlassungen jedoch weniger als
branchenspezifisches Problem als als eine Frage des
Arbeitsverhältnisses. Zeitarbeiter, Menschen mit befristeten
Arbeitsverträgen und Selbständige sind demnach eher gefährdet als
Arbeitnehmer mit unbefristetem Arbeitsvertrag. „Das heißt, die
Risiken sind ungleich verteilt. Je besser die einen geschützt sind,
desto gravierender sind die Folgen für die anderen“, sagt
Schneider.
Dass die staatlichen Konjunkturpakete ein starkes Ansteigen der
Arbeitslosenzahl verhindern können, beurteilen Ökonomen indes
skeptisch. Norbert Berthold, Professor für Volkswirtschaftslehre an
der Universität Würzburg, Experte für Sozialpolitik und Mitglied
des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium
beschreibt im ordnungspolitischen Blog „Wirtschaftliche Freiheit“
das Problem:
„Ein altes chinesisches Sprichwort sagt: Wenn der Wind des Wandels
weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen.
Die
Politik weltweit hat sich entschieden, sie setzt mit ihren
finanziellen Rettungsschirmen für bedrohte Branchen auf höhere
Mauern. Damit kann sie aber weder den strukturellen Wandel
verhindern, noch Unternehmen vor der Pleite retten und auch nicht
den Verlust von Arbeitsplätzen in Branchen aufhalten, die ihre
Zukunft längst hinter sich haben.“ Für diese Branchen gebe es
allenfalls ein Leben nach dem Tod auf Kosten der Steuerzahler. Und
das könne, wie etwa der Bergbau oder die Landwirtschaft hierzulande
lehre, sehr kostspielig werden.
IZA-Direktor Schneider hält vor allem die Abwrackprämie „für
einen ziemlichen Unfug“. Es sei ja nicht so, dass wegen der Krise
überhaupt keine Autos mehr gekauft würden. „Neun von zehn Wagen
wären auch so gekauft worden, was bedeutet, dass im Extremfall zehn
Neuwagenkäufe subventioniert werden, um einen zusätzlichen
Neuwagenkauf auszulösen“, rechnet Schneider vor. Dieser eine
zusätzliche Neuwagen koste den Steuerzahler folglich nicht 2 500
Euro, sondern de facto 25 000 Euro. Wenn man dann auch noch
berücksichtige, dass nur ein Bruchteil in die Nachfrage nach
Neuwagen aus deutscher Produktion fließe, komme „eine völlig
unverhältnismäßige Summe“ zur Förderung eines zusätzlichen
Neuwagens aus deutscher Produktion zusammen.
Hinzu komme, dass damit einseitig eine bestimmte Bevölkerungsgruppe
gefördert werde, nämlich die der Neuwagenkäufer. Das solcherlei
Maßnahmen aus dem Konjunkturpaket die Folgen der Wirtschaftskrise
für den Arbeitsmarkt abfedern, glaubt Schneider nicht. Am
meisten verspricht sich der Ökonom von der
Weiterbildungsinitiative, insbesondere der Kopplung von Kurzarbeit
an Weiterbildung.
Der Politik empfiehlt Schneider, Kurs zu halten. Mit den Reformen
in den Jahren 2003 bis 2005 sei der Arbeitsmarkt in eine gute
Ausgangsposition gebracht worden, um auch Krisen wie die
gegenwärtige zu meistern.
„Wir brauchen jetzt keine Steuerleute,
die hektisch am Ruder drehen und blindlings alle möglichen Knöpfe
betätigen“, sagt Schneider und warnt vor einer Rückkehr zu den
Fehlern der 80er Jahre, etwa der Subventionierung des
Erwerbsausstiegs. „Wenn die Politik das jetzt nicht durchhält,
laufen wir nicht nur Gefahr, das Erreichte wieder zu verspielen,
sondern auch den nächsten Aufschwung zu verpassen“, ist Schneider
überzeugt.
Der bislang größte Anstieg der Arbeitslosigkeit in zwei
aufeinander folgenden Jahren trat im Übrigen 1982 auf. Damals stieg
die Zahl der Arbeitslosen in Westdeutschland um knapp 600 000. „So
gesehen sind die derzeitigen Prognosen noch vergleichsweise
harmlos“, meint IZA-Experte Schneider.
Quelle:
http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur-nachrich…