Antwort auf Beitrag Nr.:
36.733.690 von Cashlover am 10.03.09
06:15:26
@ Cashlover,
"Will keine Panik verbreiten, habe aber den Eindruck, dass im
Hintergrund der Wirtschaftskrise die Militärs der Grossmächte
merkwürdige Aktivitäten zeigen."
Für die Amerikaner ist die Logik doch ganz simpel:
Wollen sie dieses gigantische Konjunkturprogramm finanzieren,
müssen sie dafür sorgen, dass trotz des Junk-Status des US $
weiterhin ausl. Kapital ins Land fließt. Also müssen sie
gegenüber
der Weltöffentlichkeit dokumentieren, dass sie weiterhin die
stärkste
Militärmacht der Welt sind.
Ähnliche Überlegungen hat Krugman bereits angestellt.
Maraho hat einen Artikel dazu- vielen Dank dafür- in seinem
Thread
bereits heute Morgen um sechs!! in seinem Thread veröffentlicht,
den ich einfach hier auch noch einmal mit einstelle.
Gruß Windei
In Bezug ...
Konjunkturprogramm Weltkrieg?
von Thomas Strobl
„Der Krieg ist der Vater aller Dinge", heißt es bei Heraklit. Und
Nietzsche schreibt gar davon, dass der Krieg unentbehrlich sei, und
von einer eitel dahin schwärmenden Menschheit nicht mehr viel zu
erwarten, wenn sie es verlernt hätte, Kriege zu führen. Nichts
anderes als der Krieg wäre geeignet, ermattete Völker wieder zu
revitalisieren, so der deutsche Moralkritiker, der um direkte Worte
bekanntlich nie verlegen war.
Woher kommt diese Begeisterung für die ultimative menschliche
Konfrontation, für die Zerstörung und das Leid, das die
Meisterdenker aller Epochen offenbar immer mit der Geburt des
Neuen, des Stärkeren, des Besseren verbanden? - Und waren es
Gedanken wie diese, die Max Weber dazu bewegten, den Kapitalismus
als Spezifikum des europäischen Nationalstaates zu deuten, und
seine Hochs und Tiefs, Booms und Busts, Inflationen und Deflationen
daher als Ursache wie auch Ergebnis der wechselvollen,
militärischen Geschichte des alten Kontinents? - Wenn der Krieg der
Vater aller Dinge ist, ist er dann auch der Vater aller
Wirtschaftswunder? - Und müsste man daraus gar den Schluss ziehen,
dass der Clausewitzsche Begriff vom Krieg als „Fortsetzung der
Politik mit anderen Mitteln", auch Anwendung auf die Konjunktur-
und Beschäftigungspolitik findet? - Oder wäre das des Zynismus
bereits das berühmte Quentchen zuviel?
Ganz und gar nicht zynisch, wenn auch von einer brutalen Ästhetik
ist es, wenn man darauf hinweist, dass der Krieg zu allen Zeiten
ausgesprochen konjunkturbelebende Wirkungen hatte; und nicht nur
das, so mancher Kanonendonner kam - bei rein ökonomischer
Betrachtung - zu einem ausnehmend günstigen Zeitpunkt. Ja, fast
schon unglaublichen Sinn für lukratives Timing bewies der
Weltgeist, als er der größten wirtschaftlichen Katastrophe der
Neuzeit unmittelbar die Übertragödie des 2. Weltkrieges
hinterherschickte, und dadurch - nach einer mehrjährigen
Leistungsschau der menschlichen Ekelhaftigkeit - den Albtraum der
Great Depression in eine Epoche der wirtschaftlichen Blüte
verwandelte. Diese Kausalität mag einen vor den Kopf stoßen, aber
die schlichte Wahrheit lautet: sie ist mittlerweile in etwas
leichtfüßigerer Umschreibung zu einem verbalen Allgemeinplatz
geworden; und das keineswegs an einem wie immer gearteten „Rand"
der Debatte, sondern inmitten des mit hohen und höchsten Weihen der
Konformität versehenen Mainstreams: Paul Krugman zum Beispiel, der
diesjährige Ökonomie-Nobelpreisträger, hatte keinerlei Bedenken, in
seiner Kolumne in der honorigen „New York Times" zu schreiben:
„Wenn Sie einmal sehen wollen, welcher Anstrengungen es tatsächlich
bedarf, um die Wirtschaft aus einer Schuldenfalle zu befreien, dann
betrachten Sie das massive, öffentliche Beschäftigungsprogramm, das
die Große Depression beendete, besser bekannt unter dem Begriff„2.
Weltkrieg". Der Krieg führte nicht nur zur Vollbeschäftigung, er
bewirkte darüber hinaus rapide ansteigende Einkommen und
substantielle Inflation; und das alles praktisch ohne größere
Verschuldung des Privatsektors. Bis 1945 stiegen die öffentlichen
Schulden der USA rasant, aber das Verhältnis der privaten Schulden
zum Bruttoinlandsprodukt war nur noch halb so hoch wie 1940. Und
dieses niedrige Schuldenniveau bildete die Basis für den großen
Nachkriegsboom."
Was Krugman natürlich postwendend die bösesten Kommentare in den
Foren und Blogs des Landes bescherte, etwa diesen hier:
"Wie werden die Leute das wohl verstehen? - ‘Sogar Krugman meint,
wir brauchen einen neuen Krieg. Lasst uns also gleich einen
anfangen!'"
Aber war das seine Intention? - Natürlich nicht!
Krugman ist als keynesianischer Ökonom vielmehr davon überzeugt,
dass die Zentralbankpolitik ihr Pulver verschossen hat, und daher
die US Wirtschaft vor dem Absturz in die Depression nicht bewahren
wird können; der Staat muss daher ran und nicht nur das: er muss
sein ganzes fiskalisches Gewicht in die Waagschale werfen,
großangelegtes Deficit Spending betreiben, massiv in Bildung und
Infrastruktur investieren. „Fiscal is the only game in town", so
Krugmans Credo, und was die neue Regierung Obama an Plänen und
Projekten bisher auf den Tisch gelegt hat, reicht ihm nicht aus;
ja, reicht ihm sogar bei weitem nicht aus: das Paket, obwohl in
absoluten Zahlen beeindruckend, wäre unfokussiert, setze zu sehr
auf Steuersenkungen statt Regierungsausgaben, und wäre in den
Verhandlungen mit den Republikanern auch noch verwässert worden: in
Krugmans Augen ein Riesenfehler, der die USA und mit ihnen die
Weltwirtschaft ins Desaster führen kann. Präsident Obama laufe
Gefahr, in dieser Schicksalsfrage ähnlich zu irren, wie seinerzeit
Franklin D. Roosevelt: der war selbst 1938 noch davon überzeugt,
dass ein ausgeglichener Staatshaushalt das höchste der politischen
Gefühle wäre; und lies sich von dieser Meinung noch nicht mal von
Keynes selbst abbringen, der ihm in einem Brief im Februar 1938
schrieb:
„Zwar werden die bereits beschlossenen Maßnahmen verhindern, dass
der Einbruch wieder so desaströse Ausmaße annimmt, wie letztes mal.
Aber sie werden nicht ausreichen, und zwar noch nicht mal annähernd
ausreichen, um ohne ein großangelegtes, zusätzliches Maßnahmenpaket
die Wohlstandsentwicklung auf einem annehmbaren Niveau zu
halten."
Zu dieser Zeit lag die Arbeitslosenquote in den USA noch immer bei
deprimierenden 17%, aber vor allem begann die amerikanische
Bevölkerung angesichts der Krise zunehmend zu resignieren. In Amity
Shlaes' exzellenter New-Deal-Chronik „The Forgotten Man" lesen wir
zur bedrückenden Gemütslage Anfang 1938:
„Das Land befand sich nun in einer seltsamen Stimmung. Eine
neuartige Sicht der Depression als Dauerzustand setzte ein. Arm zu
sein war nicht mehr länger ein vorübergehender Zustand - sondern
sah zunehmend aus wie ein Lebensstil."
Somit hatte Roosevelt eigentlich allen Grund, sich Sorgen zu
machen; und nicht nur er: auch sein nächster Intimus,
Finanzminister Morgenthau, war angesichts der Zwischenbilanz des
„New Deal" konsterniert; bei einem Mittagessen mit Roosevelt
erzählt er ihm vom unbeholfenen Versuch, seinem in Princeton
studierenden Sohn Henry näherzubringen, wie die Erfolgsbilanz des
„New Deal" aussähe:
„So erzählte Morgenthau also Roosevelt wie er, der Finanzminister,
versucht hatte, seinem Sohn Henry den New Deal näher zu bringen.
Und damit tat er sich ein wenig schwer. Was genau hatte der New
Deal dem daniederliegenden Land als Antwort zu bieten? Und was
hatte der New Deal eigentlich bis dahin erreicht?"
Halten wir daher an dieser Stelle mal fest: anno 1938 war die
Bilanz des New Deal alles andere als berauschend, selbst aus der
Sicht seiner Protagonisten. Die übrige Welt hingegen steckte zu
diesem Zeitpunkt bereits mitten drin in Krugmans „öffentlichem
Beschäftigungsprogramm namens 2. Weltkrieg": die großen
europäischen Nationen rüsteten auf, allen voran natürlich die
Deutschen und die Italiener, und auf der anderen Seite der Kugel
die Japaner ebenso. Zudem kam es ab 1935 bereits zu den ersten
Geburtswehen des 2. Weltkriegs, mit dem italienischen Einfall in
Abessinien, dem japanischen Angriff auf China, dem spanischen
Bürgerkrieg und natürlich der deutschen Besetzung des Rheinlands
1936. England machte sich daraufhin energisch an die Aufrüstung des
Landes. Die Franzosen hingegen begannen damit erst nach dem
Münchner Abkommen 1938, was sich später bekanntlich bitter rächen
sollte. Die Japaner wiederum erreichten dank ihrer militärischen
Anstrengungen ab Mitte 1938 Vollbeschäftigung; aber das alles war
natürlich nichts im Vergleich zu den Nazis, die ab 1936 ihre
Kriegsmaschinerie auf größtmögliche Zerstörungskraft trimmten, die
Ausgaben dafür vervierfachten, und bis 1939 insgesamt 40Mrd
Reichsmark in ihr Erstschlagspotenzial investierten. In der
Entwicklung der Industrieproduktion lag das Deutsche Reich deshalb
ab 1937 auch konkurrenzlos in Führung, gefolgt von Japan und
Italien sowie - mit deutlichem Abstand - Schweden und
Großbritannien.
Hat Krugman also recht? Ist es der entfesselte Hund des Krieges,
dessen grauenvolles Bellen die wirtschaftliche Wiederauferstehung
ankündigt? - Folgt man Max Weber, dann war die symbiotische
Verquickung der merkantilen Interessen des europäischen Bürgertums
mit denen der kriegführenden europäischen Nationalstaaten, wie sie
1694 in der Gründung der Bank of England gipfelten, eine notwendige
Bedingung für die Entwicklung des modernen Kapitalismus. Und
Harvard-Historiker Niall Ferguson schreibt kurzerhand in das
Vorwort seines neuesten Buches „The Ascent of Money": „Die
Finanzgeschichte bildet den essentiellen Hintergrund jeglicher
Geschichte", und lässt hernach mehrere Jahrhunderte europäischen
Blutvergießens durch die Brille der Hochfinanz ablaufen. Am Ende
des Buches ist man geneigt Jean Jaurès zuzustimmen, der meinte:
„Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke das
Gewitter"
Aus unserem modernen Blickwinkel sind das natürlich alles alte
Geschichten; „water under the bridge", wie die Engländer zu sagen
pflegen. Aber dennoch: wo stehen wir in unserer Entwicklung
wirklich, im Jahr 2009 nach Christi Geburt? - Laufen wir abermals
Gefahr, die schlimmste Krise seit der Großen Depression in einer
militärischen Apokalypse aufzulösen? Oder sind wir weiter? Reifer?
Klüger? - Begreifen wir die globalisierte Welt als ein integriertes
System, dessen Probleme unmöglich in nationalen Alleingängen gelöst
werden können? - Sind die Regierungen und ihre Wähler bereits so
weit, einzusehen, dass das Prinzip des „schwächsten Glieds" nun im
Weltmaßstab gilt, und das Schicksal Irlands, Litauens, Polens oder
irgendeines anderes x-beliebigen Staates damit zu „unserem Problem"
geworden ist, ob wir das nun wollen oder nicht? - Einige der
größten Denker unseres Zeitalters, exemplarisch sei Samuel
Huntington und sein „Clash of Civilisations" herausgehoben, sahen
die Welt der Jahrtausendwende in monströsen Konflikten versinken,
und das wegen deutlich geringfügigerer Anlässe als einer globalen
Depression epochalen Ausmaßes. Fügen wir den immensen Spannungen,
die die Welt auch ohne Wirtschaftskrise seit Jahren und Jahrzehnten
in Atem halten, die politischen Zwänge hinzu, die sich aus
nationalen Notlagen ergeben könnten, dann dauert es womöglich nicht
lange, bis wieder irgendwo ein „Führer" auf der Bildfläche
erscheint, und für "sein" Volk „Lebensraum", Zugang zu
wirtschaftlichen Ressourcen, oder was auch immer einfordert, koste
es, was es wolle.
Krugmans implizite Botschaft an die Politik lautet daher: habt die
Einsicht, dass ihr JETZT handeln müsst. Und zwar gemeinsam. Stimmt
euch untereinander ab und agiert entschlossen. Überwindet eure
Eigensinnigkeiten und eure kleinlichen Budgetdifferenzen, und
wartet nicht auf den „opportunen" Moment; denn die Gefahr ist groß,
dass dieser mit einer wesentlich größeren Katastrophe einhergeht,
als es zusätzliche Staatsdefizite von 2 oder 3% des BIP je sein
könnten, die man vielleicht riskiert, zu viel auszugeben. Gebt
stattdessen Geld aus, als wäre Krieg; und sei es, um einen solchen
zu verhindern!
Nietzsche bezeichnete den Krieg, wie eingangs erwähnt, als
„unentbehrlich" für die nationale Revitalisierung - Ich bin zwar
ein großer Fan von Nietzsche, aber in diesem Punkt halte ich es
dann doch lieber mit Krugman.
Quelle:
http://faz-community.faz.net/blogs/chaos/archive/2009/03/08/…