In meinem persönlichen "Guide" ist bezüglich des CEOs und des
Top-Managements unter anderem folgendes zu finden:
– Glaubwürdigkeit und Konsistenz in dem, was gesagt wird? Ohne
exzessive Übertreibungen?
– Werden die wirklichen Probleme diskutiert? Offenheit bei
Schwierigkeiten? Wer verschweigt, hat oft auch kein ausgearbeitetes
Programm, um die jeweiligen Probleme zu lösen.
– Besonders einige CEOs, die ihr "Prestige" sehr lange behalten,
tolerieren selten Diskussionen und Kritik. Die Folge: Kaum Fragen
und kein Austausch auf Augenhöhe, stattdessen Visionen von oben
herab. CEOs dieser Art werden unangenehme Wahrheiten selbst von
engsten Mitarbeitern verschwiegen.
– Level 5 Leadership zeichnet sich laut Collins durch persönliche
Bescheidenheit und unternehmerische Willensstärke aus. Level 4
Leader können zwar ein Unternehmen durch reine "Gewalt"
disziplinieren, nach dem Abgang jener hard-driving, egozentrischen
Gründer-CEOs kommt es jedoch häufig zu Führungsproblemen und
Konfusion.
Würde ich mich daran halten, käme ORCL derzeit kaum als Investment
in Frage.
Siehe
www.zdnet.com/blog/howlett/has-oracles-ellison-finally-stepp…
– um nur auf einen solchen Artikel hinzuweisen. Ähnliches war am
Donnerstag bereits von Doug Henschen, Art Wittmann und (dem in den
Artikel von Dennis Howlett zitierten) Frank Scavo zu lesen, alles
Artikel, die via InformationWeek, ZDNet und etliche andere
branchenspezifische Portale ihren Weg zu CIOs und deren Beratern
finden werden. Von MSN Money und Yahoo!Finance News wird
dergleichen ignoriert.
Publikationen von unabhängigen Branchenkennern fernab der
Investorengemeinde, die Oracle Strategie positiv betrachten,
vermochte ich in letzter Zeit nicht zu finden.
Gemessen an den aktuellen Zahlen mag ORCLs Bewertung historisch
niedrig sein, gleichwohl sind die Risiken hinsichtlich der oben
genannten Punkte ungewöhnlich hoch. Übertreibungen und der eine
oder andere Push sind nichts Besonderes, aber irgendwie scheint
Oracle eine gewisse Basis verloren zu haben. Vielleicht Akte der
Verzweiflung oder nur ein Persönlichkeitsproblem. Oder beides
zugleich. Die nächsten Jahre werden die Antwort und hoffentlich
auch mal wieder größere Lichtblicke liefern.
Noch ein paar Überlegungen zur Architektur von Oracle Cloud und
Fusion Apps:
Fusion wurde noch 2006 als SOA-Software angekündigt. Inzwischen
klingt SOA verstaubt und wird von Oracle nicht mehr erwähnt. Im
Rahmen von serviceorientierten Architekturen ist die seit SaaS
bekannte Mandantenfähigkeit zwar theoretisch möglich, aber nicht
üblich, und auch bei Oracle scheint diese nicht vorhanden zu sein,
weswegen jedem Kunden statt nur einer eigenen Instanz (Kopie) des
Systems auch mindestens eine virtuelle Maschine zugeordnet wird,
was die Kosten entsprechend steigen lässt. Als Grund hierfür wird
heut freilich nicht jene Entwicklungshistorie sondern eine
angeblich höhere Sicherheit genannt.
Im Allgemeinen werden den moderneren SaaS-Plattformen größere
Fähigkeiten zugeschrieben als jenen mit SOA.
Auch die Vorteile des erwähnten hybriden Modells (on-demand &
on-primise) sind mit höheren Kosten verbunden: On-demand verwenden
alle Nutzer die jeweils aktuelle Software, während on-primise jedes
Release bzw. Update zunächst gehandled werden muss, und wenn da
noch kundenspezifische Anpassungen erfolgen, ist der Aufwand (auch
für Wartung) noch höher. In der Praxis wären dies also selten
dieselben Programme, wenngleich es hier künftig weitere
Fortschritte geben mag.
Wettbewerbskriterien bei Cloud-Applikationen sind vor allem
Funktionalität, Zuverlässigkeit, Sicherheit, Kosten und
"Convenience". Dank geringerer Wechselkosten dürfte gerade der
Preis eine größere Rolle als bei On-premise-Anwendungen
spielen.
Wenn Unternehmen aus Kostengründen Anwendungen in die Cloud
auslagern, weshalb sollte dann ausgerechnete der wahrscheinlich
teuerste Anbieter den Zuschlag erhalten? Da müssten anderswo schon
gewichtige Sicherheitsprobleme bestehen.
Bislang kommen weder SAPs Business ByDesign (ein "moderneres"
SaaS-Angebot) noch Oracles Fusion Apps aus den Puschen.
Kurz- und mittelfristig mag dies für das jeweilige Zahlenwerk
relativ unerheblich sein, aber langfristig sollte schon
Überzeugenderes im Schaufenster stehen.