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43.063.809 von Kara-ben-nemsi am 20.04.12
07:26:36
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20. April 2012, 16:23 Uhr
MAN-HV
Volkswagen antwortet nicht
Aus München berichtet Cornelia Knust
Die MAN-Hauptversammlungen sind für Aktionäre schwer erträglich.
2011 musste VW die Machtübernahme im Aufsichtsrat in letzter Minute
zurückziehen. Diesmal ging das zwar durch - doch wurden
Aktionärsfragen zur Zukunft von MAN in beispielloser Form
abgebügelt.
München - Erstmals begrüßte Ferdinand Piëch die MAN-Aktionäre als
Anteilseigner eines faktischen Konzernmitglieds. Schließlich hat VW
am 9. November 2011 das Übernahmeangebot an die MAN-Aktionäre
vollzogen. Doch in seinem Eingangsvortrag ist von Begrüßung keine
Spur. Kein Wort verliert der VW-Aufsichtsratsvorsitzende, der mit
seiner Familie den VW-Konzern beherrscht, über die klammheimliche
Erhöhung der Volkswagen-Stimmrechte von 56 auf 74 Prozent in den
vergangenen fünfeinhalb Monaten.
Auf die spätere Frage von Aktionärssprechern, was VW denn nun
weiter vorhabe, ob ein Beherrschungsvertrag oder ein Herausdrängen
der freien Aktionäre (Sqeeze-out) geplant sei, muss ausgerechnet
MAN-Vorstandssprecher Georg Pachta-Reyhofen antworten, der gleich
neben Piëch sitzt.
Diese Frage müsse auf der Hauptversammlung von VW gestellt werden,
sagt Pachta. Die war gestern in Hamburg, und auch dort war nur das
VW-Mantra wiederholt worden: "Wir halten uns alle Optionen offen".
Heute in München lässt sich Piëch immerhin dazu herab, genau diesen
Satz noch einmal zu sagen.
Die ganze MAN-Hauptversammlung ist für die verbliebenen freien
Aktionäre schwer erträglich. Zwar ist der Rahmen des
Aktionärstreffens diesmal ungewöhnlich pompös. Gleich zwei Münchner
Messehallen hat das Unternehmen gemietet, eine ganze Flotte von
blank polierten Lkw und Bussen aufgefahren.
Drei Viertel der Ausschüttung fließt an VW
Doch in den Worten, die vom Podium schallten, kommt zum Ausdruck,
dass die Kleinaktionäre, die hier an langen Tischen bewirtet
werden, für den neuen Mehrheitsaktionär keine Rolle mehr spielen.
Selbst die mehr als großzügige Dividende von 2,30 Euro, über die
sich mehrere Aktionärssprecher freuen, fließt zu drei Vierteln in
die Kasse von VW und mindert die Kosten der Übernahme etwas.
Da kann Vorstandssprecher Pachta auf 25 Seiten Redetext die Chancen
des integrierten Nutzfahrzeugkonzerns preisen und sich mit
liebdienerischen Sätzen hervortun wie: "Wir freuen uns darauf,
aktiv unseren Beitrag zum Erfolg der Volkswagengruppe zu leisten".
Oder: "Da ist es nur konsequent, wenn wir uns die Latte nun ein
wenig höher legen". Die ersehnte Botschaft, dass die freien
Aktionäre Teil dieser Erfolgsgeschichte sein werden, kommt
nicht.
Taktische Einsilbigkeit beherrscht die Veranstaltung. Bloß nicht
den MAN-Kurs mit unbedachten Äußerungen zum Anstieg verhelfen. Bloß
nicht gierigen Investmentfonds einen Knochen hinwerfen, dass sie
mit der Blockade gegen eine Aufstockung auf 95 Prozent einen
Squeeze-out wirklich teuer machen könnten. Nicht einmal bereits
genannte Zahlen zu Höhe und Realisierungszeitpunkt der
Synergieeffekte zwischen VW, MAN und dem ebenfalls zum VW-Imperium
zählenden Hersteller von Schwerlastwagen Scania werden
wiederholt.
"Ich glaube, Sie haben falsche Vorstellungen, wie sowas geht", sagt
Piëch zu einem hartnäckigen Kleinaktionär, der immer wieder
nachfragt: "Erzählen Sie doch mal ein bisschen was. Was sind denn
die Optionen? Und, Herr Pachta, Herr Piëch sitzt neben Ihnen; er
weiß garantiert über alles Bescheid". Der deutlich erzürnten
Sprecherin der Schutzvereinigung DSW ("Sagen Sie, was Sie vorhaben.
Wir als MAN-Aktionäre haben ein Recht darauf".) bleibt Piëch die
Antwort ebenfalls schuldig. Pachta sagt zerknirscht, er könne zu
den Plänen zwar keine Auskunft geben, habe VW aber als
zuverlässigen Partner kennengelernt.
In MAN-Unternehmenskreisen wird die VW-Strategie so übersetzt: Der
Großaktionär wartet, bis MAN mangels Streubesitz aus dem Dax
ausscheidet, Fonds dementsprechend ihre Anteile reduzieren, der
Aktienkurs sinkt, so dass man preiswert auf 100 Prozent der Anteile
kommt.
Der anlässlich der Hauptversammlung überraschend gemeldete
zwanzigprozentige Gewinneinbruch im ersten Quartal (die genauen
Zahlen legt MAN am 3. Mai vor) passt da ins Bild; die Aktie
reagiert prompt. Die Margen seien unter Druck, heißt es zur
Erklärung, nicht nur in Brasilien, wo sich zum Jahreswechsel
Umweltnormen geändert hatten, auch in Europa.
Immerhin machen sich vier VW-Manager die Mühe, sich den Aktionären
kurz als künftige Mitglieder des Aufsichtsrats vorzustellen (sie
werden später alle mit Quoten von 90 bis 91 Prozent gewählt).
VW-Chef Martin Winterkorn erklärt, er habe großen Respekt vor der
Tradition der MAN und verspricht, die Markenidentität zu
erhalten.
VW-Finanzchef Dieter Pötsch schwärmt vom Potential der MAN, das
sich nun mit der Vision von Volkswagen verbinde.
VW-Nutzfahrzeugchef Jochem Heizmann kündigt Synergieeffekte auch
mit der Personenwagensparte von VW an und erwähnt das Potential der
MAN-Tochter Diesel & Turbo.
Ende der Kooperation mit Daimler
Die ganz große Umarmung kommt von VW-Personalvorstand Horst
Neumann, einem früheren IG-Metall-Funktionär, was den
MAN-Betriebsratschef Jürgen Dorn in heftiges Strahlen versetzt,
Vorstandssprecher Pachta weniger: Neumann hatte die Managerleistung
von MAN erwähnt, und zwar ohne das Wörtchen "gut" oder gar "sehr
gut" davorzusetzen.
In Kürze muss sich Pachta mit dem neuen, von Audi kommenden
Einkaufsvorstand Ulf Berkenhagen ins Benehmen setzen, den
Volkswagen ihm eigentlich schon vor einem Jahr aufzwingen wollte.
Nur mit Rücksicht auf das EU-Genehmigungsverfahren zum
VW-Übernahmeangebot vom Mai 2011 war das unterblieben.
Für das einzige Grinsen auf den Gesichtern des ansonsten düster
dreinblickenden amtierenden MAN-Vorstands sorgt Piëch mit einem
unerwarteten Einwurf, der ohne erkennbaren Anlass ans Licht zerrt,
was bisher nur hinter vorgehaltener Hand gemunkelt wurde. Man
beziehe da ja ein Produkt aus Düsseldorf vom Wettbewerber (gemeint
war unmissverständlich der von Daimler-Benz laut Vertrag noch bis
2016 bezogene Transporter Crafter). Er, Piëch, sei überzeugt, dass
MAN und VW das viel besser könnten. Man müsse ja den Wettbewerber
nicht reicher machen als nötig.
Eher ein bitteres Lächeln zaubert Piëch mit seinem Schlusssatz zur
Fragerunde auf die Gesichter der Aktionäre: "Meine Vorstände und
ich haben keine weiteren Antworten".