Haustiermarkt
Teure Freunde: Der Milliardenzirkus um Hund und Katz
Henryk Hielscher 07.04.2010
Für ihre Haustiere kaufen die Deutschen Luxusfutter, schleifen ihr
Tier zum Therapeuten und quartieren es in Edelhotels ein.
Inspektion einer Branche zwischen Freakshow und
Milliardenbusiness.
Norbert Zajac zeigt auf das Miniaquarium auf seinem Schreibtisch.
Wasserpflanzen ranken darin, Zwergguppys drehen ihre Runden. „Das
sind meine einzigen Haustiere“, sagt Zajac, „der Rest steht zum
Verkauf.“
„Der Rest“, das sind 20.000 Tiere, die sich auf dem
fußballfeldgroßen Verkaufsgelände am Stadtrand von Duisburg
tummeln. Zajac, 55, angegrauter Bart, Typ Eisbär, ist
Geschäftsführer des „größten Zoofachgeschäfts der Welt“, wie es
„Guinness-Buch“-besiegelt auf einem Plakat am Eingang heißt.
In der Woche gehören Zajacs Hallen den Experten. Männer starren in
Glaskästen mit Vogelspinnen (ab 50 Euro), Aquarianer schreiten die
rund 1000 Wasserbecken ab, und Schlangenfreunde fachsimpeln über
das Modetier Kornnatter (129 Euro). Samstags rücken dann die
Hamsterkäufer an.
Oh, wie niedlich
Familien fahren eigens nach Duisburg, um Minischweine (295 Euro),
Wickelbären (2495 Euro) und Kaninchen (40 Euro) zu bestaunen. Und
natürlich die Katzen. „Oh, wie niedlich“, jauchzt es alle paar
Minuten, wenn der Menschennachwuchs Katzenjunge entdeckt und hoch
und heilig schwört, bis zum Abitur auf alles Taschengeld der Welt
zu verzichten und sich immer und überall um das flauschige, kleine,
weiße Siam-Kätzchen zu kümmern, wenn, ja wenn es denn nur
mitgenommen werden würde – bitte, bitte.
Ein Tränenanfall und 499 Euro später gehört die Katze zur Familie,
wird auf einen Drollignamen der Sorte Minki getauft – und das
richtige Geschäft beginnt.
90 Prozent seines Jahresumsatzes von zuletzt knapp 20 Millionen
Euro spülte der Verkauf von Futter und Zubehör in Zajacs Kassen. Im
Grunde läuft es wie beim Vertrieb von Druckern und Rasierern –
nicht der Verkaufspreis des Produktes ist entscheidend, auf die
Folgeeinnahmen kommt es an. Und die fließen so reichlich wie nie
zuvor in Deutschland.
Es schnurrt und knurrt, zwitschert und fiept
In jedem dritten Haushalt schnurrt und knurrt, zwitschert und fiept
es. 23,3 Millionen Mäuler und Schnäbel wollen täglich gestopft
werden. Mehr noch: Rund um Bello und Minki ist ein
animalisch-industrieller Komplex gewuchert, der von der Aufzucht
bis zum Tierfriedhof reicht. Ein Milliardengeschäft.
In ihrer „ökonomischen Gesamtbetrachtung der Hundehaltung in
Deutschland“ bilanzierte die Göttinger Wirtschaftsprofessorin
Renate Ohr 2006 „knapp vier Milliarden Euro direkt belegbare
Umsätze“ – nur für Hunde. Der gesamte Heimtiermarkt lässt sich auf
mehr als sechs Milliarden Euro taxieren.
Kein Vergleich zu Nordamerika, wo Tierhalter im vergangenen Jahr
allein für Futter und Zubehör umgerechnet 21,3 Milliarden Euro
ausgegeben haben. Doch in Europa holen die Deutschen auf. Nur die
Briten waren 2009 spendabler...
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