Antwort auf Beitrag Nr.:
39.836.525 von knuspelhuber am 17.07.10
13:33:52alles:
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Devisenspezialist im Interview
"Die D-Mark würde den Dollar alt aussehen lassen"
John Taylor, Chef des weltgrößten Devisen-Hedge-Fonds, geißelt die
EZB-Strategie, gibt Griechenland verloren und möchte die D-Mark
zurück. Andere Länder würden sich einem Austritt Deutschlands aus
der Währungsgemeinschaft sofort anschließen, glaubt er. "Der
Euro-Exitus kommt."
Mr Taylor, hat Oliver Stone schon angerufen und Ihnen die
Hauptrolle in seinem nächsten Film angeboten?
John Taylor: Davon ist mir nichts bekannt. Wieso sollte er?
Weil derzeit im Zusammenhang mit Hedge- Fonds wie Ihrem von
Komplott, ja sogar Konspiration die Rede ist. Spekulanten wie
George Soros, John Paulson und Sie sollen sich heimlich darauf
verständigt haben, den Euro in die Knie zu zwingen – der perfekte
Hollywood-Stoff.
Taylor: Angesichts von 1200 Mrd. $, die täglich an
Euro-Transaktionen gehandelt werden, ist es unwahrscheinlich, dass
eine Gruppe Hedge-Fonds-Manager versuchen könnte, die zweitgrößte
Währung der Welt zu manipulieren.
Wenn "Hedgies" wie Sie nicht die nötigen Finanzhebel haben, den
Euro in den Abgrund zu reißen, könnten Sie es ja noch rhetorisch
versuchen. Ihr Vergleich mit einem "Huhn, das mit abgeschlagenem
Kopf noch eine Weile über den Hof rennt, ehe es verendet",
empfanden viele in Deutschland als skandalös.
Taylor: (lacht) Ich bin auf dem Land in Long Island aufgewachsen,
da gehörte so etwas zum Alltag. Aber im Ernst: Wir
Hedge-Fonds-Manager versuchen, die Welt so zu sehen, wie sie ist,
und nicht, wie wir sie gern hätten. Das ist die Grundlage unseres
Geschäfts. Und wenn wir uns zuweilen drastischer Metaphern
bedienen, um auf Missstände aufmerksam zu machen, hat das am Ende
vielleicht ja auch sein Gutes.
Sie verdienen Hunderte von Mio. – und haften sich zugleich das
Prädikat "pädagogisch besonders wertvoll" an. Ist das nicht ein
wenig geschmacklos?Taylor: Sollten wir dazu beitragen, dass die
hoch verschuldeten Länder der Euro-Zone endlich beherzt ihre
Probleme angehen, wäre das ausgesprochen positiv. Irland macht
gerade auf herausragende Weise vor, wie es geht. Die Iren haben die
Sozialleistungen drastisch gekürzt und die Löhne gesenkt. Oder
nehmen Sie Estland: Nach dem brutalen Absturz ist das einstige
Boomland nun dabei, sich mit einem schmerzhaften Sparprogramm zu
sanieren, und schafft es damit, 2011 Mitglied im Euro-Klub zu
werden. Tallinn nimmt neue Schulden in Höhe von nur 2,4 Prozent des
Bruttoinlandsprodukts auf, die Gesamtverschuldung betrug am
Jahresanfang gerade einmal 7,2 Prozent.
In Griechenland sind es rund 115 Prozent?...
Taylor: ...?und genau deshalb ist es eine Illusion zu glauben, dass
sich Hellas aus dem Abwärtssog befreien könnte. Die Griechen haben
die Sparmaßnahmen nur verkündet, weil sie sonst die dringend
benötigten Kredite von den Ländern der Euro-Zone und dem IWF nicht
bekommen hätten. Wie die Bevölkerung darauf reagiert, war ja zu
beobachten.
Ist eisernes Sparen dort unmöglich?
Taylor: Wer es versucht, wird abgewählt. Die griechische Regierung
wird es erleben, wenn die Sparmaßnahmen erst einmal für die breite
Bevölkerung spürbar werden. Das entspricht einfach nicht ihrer
Mentalität.
Immerhin scheinen sie dabei ja IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn auf
ihrer Seite zu haben. Der warnt vor einer zu rapiden Senkung der
Defizite. Wenn alle zeitgleich sparen, werde man das Wachstum im
Euro-Raum abwürgen.
Taylor: Das optimistische Szenario ist, dass sich die Wirtschaft in
Europa schnell wieder erholt und es der EZB gelingt, das
überschüssige Geld wie versprochen wieder abzuschöpfen, indem sie
die eingesammelten Staatsanleihen verkauft. Ich bin da nicht sehr
hoffnungsfroh.
War es ein Fehler, Griechenland 2001 in die Euro-Zone
aufzunehmen?
Taylor: Ja, natürlich war es das. Selbst ein
Volkswirtschaftsstudent im ersten Semester hätte nachrechnen können
und wäre zu dem Schluss gekommen: Das kann nie und nimmer
funktionieren. Ich selbst habe über viele Jahre an der Università
della Svizzera italiana in Lugano ein Seminar zum Thema
"Europäische Integration" geleitet. Schon 1998 habe ich dort die
These vertreten, dass der Euro ein Fehlkonstrukt ist. Die Studenten
dort waren natürlich entsetzt und haben mich als rechtslastigen
Volltrottel aus Amerika beschimpft. Für alle war die Einführung
damals eine unumstößliche, heilige Angelegenheit.
Als Rache holen Sie heute rhetorisch die Kanonen raus, um den Euro
unter Druck zu setzen.
Taylor: Unsinn! Es ist ja eher ungewöhnlich, dass sich jemand aus
meiner Branche so öffentlich artikuliert. Die meisten meiner
Kollegen operieren lieber im Verborgenen. Was mir das einbringt?
Nun, aus Deutschland habe ich sogar eine Morddrohung bekommen – und
das nicht von irgendeinem Verrückten, sondern einer ernst zu
nehmenden Person.
Ein konzertierter Angriffskrieg gegen die Euro-Zone?
Warum gehen Sie dann an die Öffentlichkeit?
Taylor: Weil man die Leute aufklären muss. Ich verwalte
Anlagegelder für rund ein Viertel aller deutschen Pensionäre. Was
glauben Sie, was die von mir erwarten? Dass ich idiotische
Entscheidungen treffe? Als ich während der Asienkrise Geld für
Rentenfonds von San Diego verwaltet habe ...
... und nach der erzwungenen Wechselkursfreigabe des thailändischen
Baht in einer Kettenreaktion die Währungen und Kurse fielen ...
Taylor: ... war ich zu einer Podiumsdiskussion im Fernsehen
eingeladen. Ein paar Leute im Publikum haben mich damals heftig
beschimpft, ob ich keine Skrupel hätte, was ich diesen Ländern
antun würde.
Was haben Sie geantwortet?
Taylor: Dass man nicht vergessen darf, dass ich für die pünktliche
Rentenzahlung vieler kleiner Leute in San Diego mitverantwortlich
bin! Über Jahre war ich in Thailand investiert, weil ich auf den
Erfolg des Landes gesetzt hatte. Es konnte doch niemand ernsthaft
von mir erwarten, dort offenen Auges in die Katastrophe zu rennen,
als dunkle Wolken aufzogen.
Solch vorausschauende Portfolioumschichtungen hat Kanzlerin Angela
Merkel sicherlich nicht gemeint, als sie die Hedge-Fonds-Branche
kritisiert hat.
Taylor: Sondern?
Dass im Moment von Spekulanten ein gezielter, konzertierter
Angriffskrieg gegen die Euro-Zone geführt wird. Und dass Sie und
Ihre Kollegen alles daransetzen, den Abwärtstrend zu
beschleunigen.
Taylor: Glauben Sie das allen Ernstes? Es geht für jeden von uns
doch darum, besser und schneller zu sein als die anderen – welchen
Sinn würde da eine Absprache ergeben? Genau dieser Vorwurf zeigt
doch, dass Politiker von Wirtschaft keine Ahnung haben und von
ihren eigenen Fehlern ablenken wollen. Natürlich ist ein "Short"
auf Griechenland momentan für viele eine lohnende Investition. Aber
deshalb, weil die Entwicklung des Landes unhaltbar ist. Dafür ist
nicht die Spekulation verantwortlich!
In ihrer Regierungserklärung nannte Merkel die Währungskrise eine
"existenzielle Bedrohung". Und die Öffentlichkeit stimmt ihr zu.
Wer sonst als die Politik soll es schaffen, die scheinbar außer
Rand und Band geratenen Märkte wieder einzufangen?
Taylor: Die Märkte funktionieren doch. Es ist das Konstrukt des
Euro, das nicht funktioniert. Schaltet man die Spekulanten aus,
würde sich der Todeskampf der Gemeinschaftswährung noch etwas
länger hinziehen – aber der Exitus kommt. Er ist unumgänglich. Und
dabei werden mehr Menschen zu Schaden kommen, als dies bei einem
Bankrott Griechenlands der Fall wäre – eine Staatspleite dreimal so
groß wie Argentinien, aber immer noch vergleichsweise klein.
Allerdings eine Katastrophe für deutsche und französische Banken.
Sie haben Darlehen in fast dreistelliger Mrd.höhe an Griechenland
vergeben.
Taylor: Wissen Sie, was die Europäische Zentralbank derzeit macht –
und das auf eine stille und diskrete Weise, die bei uns in Amerika
undenkbar wäre? Sie kauft massiv griechische Staatsanleihen auf,
selbst nach Verabschiedung des gigantischen Rettungspakets. Und vor
allem französische Banken nutzen munter die Gelegenheit, ihre
Griechenland-Anleihen abzustoßen und so ihre Bilanzen von den
Schrottpapieren zu säubern. Die EZB sollte dies endlich stoppen!
Nur das würde ein deutliches Signal in Richtung Spanien, Portugal
und der anderen Schuldenländer setzen: Reißt euch gefälligst am
Riemen, denn ihr könnt nicht ewig darauf zählen, dass wir euch eure
Ramschanleihen abnehmen!
Stützung und Rettungsfonds sind derzeit das einzige Mittel, ein
politisches Auseinanderbrechen der Gemeinschaft zu verhindern.
Taylor: Das Gegenteil stimmt. Der Ton zwischen den Staaten ist
wegen der verschobenen Mrd.summen rauer geworden. Die Griechen
gehen gegen Brüssel auf die Straße, in Deutschland wächst die Wut
auf die schlampige Haushaltsführung der Mittelmeerländer, Sarkozy
spielt Merkel aus und so weiter. Ich kann mich an die späten
50er-Jahre erinnern, als Europa noch ein sehr anderer Kontinent war
als heute. Als ich zum ersten Mal Paris besuchte, schwelte gerade
der Algerien-Konflikt, und überall waren Panzer und Soldaten mit
Maschinengewehren auf den Straßen.
Fürchten Sie wieder ähnliche Zustände, wenn der Euro
kollabiert?
Taylor: Wenn wir warten, bis der Euro ungeordnet zusammenbricht,
könnte es durchaus darauf hinauslaufen.
"Die Aufnahme Griechenlands in die Euro-Zone war wirklich ein
Schritt zu viel"
Aus Ihrer Sicht stellt sich derjenige am besten, der sich als
Schnellster aus dem Euro verabschiedet. Und Sie haben Deutschland
empfohlen, dieser Schnellste zu sein. Dabei profitiert die
exportlastige deutsche Wirtschaft wie kaum eine andere vom
Euro.
Taylor: Gegenfrage: Waren Mercedes-Benz und BMW nicht auch schon
vor der Einführung des Euro bestens aufgestellte, hochprofitable
Unternehmen? Oder schauen Sie sich Schweden und die Schweiz an: Die
kommen ohne Gemeinschaftswährung ebenfalls prima klar.
Aber eine politische Integration ist in Europa ohne den Euro nur
schwer denkbar.
Taylor: Natürlich ist sie das. Verstehen Sie mich nicht falsch:
Schon als Student hatte ich einen dieser blauen Euro-Aufkleber auf
die Stoßstange meines Wagens gepappt. Ich liebe Europa. Aber die
Aufnahme Griechenlands in die Euro-Zone war wirklich ein Schritt zu
viel.
Griechenland ist immerhin die Wiege der Demokratie. Die kann man
nicht einfach aus Europa heraushalten.
Taylor: Nicht aus Europa, aber aus einer künstlichen
Gemeinschaftswährung. Und in zu rosigen Farben sollte man das Land
nun wirklich nicht malen, denken Sie nur an die Militärdiktatur in
den 70ern, als viele Menschen wegen ihrer politischen Ideologie
eingesperrt und gefoltert wurden. Die haben dort einfach nicht die
Rahmenbedingungen und die Mentalität, um währungspolitisch mit den
nord- und mitteleuropäischen Staaten verkuppelt zu sein.
Was würde passieren, wenn die Deutschen sich aus der Euro-Zone
verabschieden?
Taylor: Wenn Deutschland heute sagen würde, "wir wollen aus dem
Euro aussteigen", würden sich die Niederländer sofort anschließen.
Und die Dänen wohl auch. Und man könnte Strukturen entwerfen, wie
sich das Ganze finanzpolitisch vernünftig abwickeln ließe.
Ein Land, das zwei Weltkriege angezettelt und so unendliches Leid
über den Kontinent gebracht hat, kann sich doch nicht einfach
davonmachen, nach dem Motto: Vielen Dank, wir haben genug von dem
Experiment.
Taylor: Natürlich ist das politisch eine harte Nuss. Aber es gibt
keine Alternative. Und ein Krieg findet bereits wieder statt –
nicht auf dem Schlachtfeld, sondern in der Wirtschaft. Man kann mit
Fug und Recht behaupten, dass sich Deutschland momentan im Krieg
mit den Parlamenten der südlichen Euro-Länder befindet. Als die
Bundesregierung vor einiger Zeit beschloss, dass die Schulden ab
2016 pro Jahr nur 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts oder knapp
zehn Mrd. Euro betragen dürfen, haben sie die südlichen Länder
damit praktisch zur Armut verdammt. Merkel hätte, um Griechenland
wirklich zu helfen, sagen müssen: Wir wollen eine höhere statt eine
niedrigere Staatsverschuldung!
Bei einer Rückkehr der D-Mark wären Sie "bullish"?
Taylor: Selbstverständlich wäre ich das. Die D-Mark würde den
Dollar alt aussehen lassen!
Die USA sind derart verschuldet, dass die meisten europäischen
Länder dagegen wie Chorknaben aussehen. Warum schießen Sie sich
nicht auf den $ ein?
Taylor: Weil Amerika die Möglichkeit hat, die Notenpresse
anzuwerfen. Griechenland kann das nicht.
Auch hoch verschuldete Bundesstaaten wie Kalifornien haben keine
Möglichkeit, ihre Währung abzuwerten.
Taylor: Kalifornien ist nicht mit Griechenland vergleichbar. Die
USA sind in über 200 Jahren zu einem Staat zusammengewachsen. Die
EU dagegen ist kein Staat. Auch die Währungsunion bleibt
Vertragssache zwischen souveränen Staaten. Der EU fehlt vor allem
eine zentrale Regierung, deshalb fällt der Vergleich von
Kalifornien und Griechenland trotz ähnlicher Schuldenprobleme zu
Ungunsten Griechenlands aus. Viel Geld, das in Kalifornien
ausgegeben wird, kommt von Washington. Eine entsprechende
Absicherung Griechenlands durch die EU gibt es nicht. Auch im Falle
einer Insolvenz fließt das Geld aus Washington weiter nach
Kalifornien. Ich habe hier in New York gelebt, als die Stadt
praktisch pleite war. Keine schöne Situation, das können Sie mir
glauben. Aber das System ist nicht zerbrochen. In Europa wird es
brechen.
Eines muss man Ihnen lassen: Sie reden Klartext. Aus Sicht des
Devisenhändlers sind die Turbulenzen des Euro doch ein Traum,
oder?
Taylor: Wir beklagen uns nicht. (lacht) Aber es gibt ja schließlich
noch einiges gutzumachen: Die Einführung des Euro hat unserer
Branche ziemlich zugesetzt – es gab schlicht weniger verfügbare
Währungspaare. Wir haben uns deshalb zwischenzeitlich in den neuen
Ländern Osteuropas umgesehen. Und in Asien. Aber der Traum für
Devisenhändler kann schnell zum Albtraum werden. Ich vermute, dass
sich die europäischen Regierungen schon bald auf ein Verbot aller
Leerverkäufe von Euro-Staatsanleihen einigen werden. Und das wäre
eine Katastrophe!
Doch wohl nur für die Spekulanten?
Taylor: Nein, weil es alles verschlimmert. Das Problem sind nicht
die Finanzmärkte, sondern die Volkswirtschaften. Wenn Deutschland
massenhaft Waren nach Griechenland exportiert und Griechenland im
Gegenzug nicht nach Deutschland liefert, können beide Länder
unmöglich aneinandergebunden werden. Das ist schlicht die Realität.
Die Griechen müssen aufhören, deutsche Autos, Kühlschränke und
Rüstung zu kaufen. Nur ein paar hübsche Inseln zu haben reicht auf
Dauer nicht. Wie viele Deutsche werden in diesem Jahr nach
Griechenland reisen? Nicht sehr viele. Irgendjemand muss aber die
Hotelzimmer belegen, damit die Griechen Geld für all die tollen
deutschen Produkte verdienen können. An dieser Logik ändert sich
nichts, wenn sie Spekulanten verbannen. Ein Verbot von
Leerverkäufen ist nicht die Rettung, solange die Grundkonstellation
ökonomisch unhaltbar ist.
"Wir schlittern in einen Downturn hinein"
Ein Vorwurf lautet, dass Hedge-Fonds und Banker die Wirtschaft als
Spielplatz für immer feinere Zockermethoden sehen. Sie waren ein
Pionier des Computerhandels. Entscheiden in Zeiten des
Technokapitalismus Rechner, ob Griechenland weitermachen darf wie
bisher?
Taylor: Nein, letztlich sitzen immer noch Menschen an den
Schalthebeln.
Das sah am 6. Mai dieses Jahres anders aus, als der Dow Jones
innerhalb von Minuten um 1000 Punkte abstürzte.
Taylor: In der Tat ein Unding – zu verantworten noch von der
Bush-Regierung, die übertrieben dereguliert hat. Da geht es
inzwischen um Nanosekunden, die jemand schneller ist als ein
anderer Marktteilnehmer. Wenn wir dieses Spiel mitspielen wollten,
müssten wir auf der gegenüberliegenden Straßenseite etwa von JP
Morgan ein Büro anmieten und unsere Computer dort aufstellen – nur
damit unsere Kabelverbindung ein paar Meter kürzer ist als die
unserer Konkurrenz ein paar Straßenblocks weiter. Das ist verrückt,
und deshalb machen wir das nicht.
Handeln Sie bei FX Concepts mit ungedeckten Kreditausfallpolicen
für Euro-Staaten, den berüchtigten Credit Default Swaps?
Taylor: Nein, obwohl wir uns das lange angeschaut haben. Der Grund
wird Sie vielleicht überraschen: Es ist juristisch fast unmöglich
zu definieren, wann genau ein Versicherungsfall eintritt. (lacht)
Da müsste ich wohl tausend Anwälte beschäftigen. Einige namhafte
amerikanische Universitäten haben sich jüngst mit dem Thema
beschäftigt und herausgefunden, dass Griechenland wohl keine
Probleme hätte, aus dem Euro rauszukommen, ohne dass auch nur eine
einzige dieser Kreditausfallversicherungen zum Tragen käme.
Für Griechenland und die Euro-Zone sehen Sie schwarz. Wo steuert in
Ihrem Szenario denn die Konjunktur hin?
Taylor: Ich denke, dass wir nach der Rezession 2008 im kommenden
Jahr in einen noch viel tieferen und länger andauernden Downturn
hineinschlittern werden. Dabei wird der eine oder andere Staat
direkt in die Pleite steuern.
Und wo steht der Euro zum Jahresende, wenn es ihn dann überhaupt
noch gibt?
Taylor: Den sehen wir gegen Ende des Jahres auf Gleichstand zum
$.
Da können wir ja froh sein, dass China wieder kräftig wächst und
die Weltwirtschaft stützt?
Taylor: Den Renminbi auf Dauer künstlich niedrig zu halten ist ein
Skandal. Selbst hochrangige Manager chinesischer Unternehmen
sprechen sich inzwischen für eine Aufwertung ihrer heimischen
Währung aus. Chinas Regierung hat meiner Ansicht nach vielleicht
noch zehn Jahre, bis ihr der Laden um die Ohren fliegt. Das passt
im Übrigen auch zu einem von uns beobachteten Zusammenhang mit der
Austragung Olympischer Spiele.
Da sind wir aber auf die Details gespannt.
Taylor: Im Jahre 1980 fanden die Spiele in Moskau statt, knapp zehn
Jahre später fiel der Eiserne Vorhang. 2004 traf sich die "Jugend
der Welt" in Athen – heute steckt das Land mitten im
Finanzschlamassel. Vor zwei Jahren die Spiele in Peking – ergo
stürzt China Ende des Jahrzehnts in eine gewaltige Krise.
Spuckt Ihr Computer solche Szenarien aus?
Taylor: Ja, es scheint einen Zusammenhang zu geben zwischen
Investitionen in gewaltige Infrastrukturen, die später niemand mehr
braucht, und dem späteren Eintreffen einer Krise.
Keine guten Aussichten für Südafrika.
Taylor: (lacht) Wir hatten tatsächlich in den vergangenen Monaten
eine Position in südafrikanischen Rand aufgebaut. Mit dem Beginn
der Weltmeisterschaft haben wir die wieder verkauft.
Teil 5: "Egal, was passiert, Goldman Sachs profitiert immer"
Oliver Stone zeichnet in seinem jüngsten Film "Wall Street: Money
Never Sleeps" ein wenig sympathisches Bild von Wall Street und
Hedge-Fonds-Managern?...
Taylor: ...?mein Bruder kennt ihn gut. (lacht wieder) Wenn ich
Oliver das nächste Mal sehe, werde ich ihn mir vorknöpfen.
Aber Sie kennen doch sicher solche Typen, wie Stone sie
porträtiert?
Taylor: Ja, durchaus. Wie kann sich etwa ein Lloyd Blankfein von
Goldman Sachs vor die Öffentlichkeit stellen und behaupten, er und
seinesgleichen handeln im Auftrag Gottes?
Abgesehen von dieser Hybris macht Blankfein aber einen guten Job,
finden Sie nicht?
Taylor: Keineswegs. Für meinen Geschmack ist Goldman Sachs zu oft
auf beiden Seiten von Deals zu finden. Volle 80 Prozent der
Einnahmen stammen bei denen inzwischen aus dem Eigenhandel der
Bank. Egal, was passiert, Goldman Sachs profitiert immer. Das sind
schon höchst zweifelhafte Geschäfte.
Viele Leute halten es moralisch auch für höchst zweifelhaft, dass
Menschen wie Sie ausgerechnet dann viel Geld verdienen, wenn die
Krise besonders hart zuschlägt und so mancher kurz davor ist, aufs
Fenstersims zu steigen.
Taylor: Sie dürfen nicht vergessen: In den meisten Fällen verdiene
ich auch Geld für jene, die da gerade im Begriff sind zu
springen.
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Der Superspekulant: John Taylor
Der 66-jährige Taylor leitet mit Jonathan Clark FX Concepts, den
größten Devisen-Hedge-Fonds der Welt. Er verwaltet rund acht Mrd.
$, insbesondere für Pensionskassen.
Bereits Anfang Februar bekannte Taylor: "Wir setzen auf den
Kursrückgang des Euro." Seine Händler wetteten mit drei Mrd. $
gegen die Gemeinschaftswährung.
Der auf Long Island bei New York geborene Taylor besuchte die
Amerikanische Schule in Montagnola am Luganer See. 1961 kehrte er
nach Amerika zurück, studierte an der Princeton University und
promovierte im Fach Politikwissenschaft an der University of North
Carolina.
Seine Karriere startete er bei der Chemical Bank. Bei der Citibank
war er für das Devisengeschäft zuständig und gründete 1981 seine
eigene Firma. 2008 soll Taylor 250 Mio. $ verdient haben – eine
Zahl, die er vehement bestreitet.