Toyotas Pannenserie in Amerika
Einfach nur das falsche Pedal
Fast auf den Tag genau ein Jahr nach der Pannenserie wird Toyota
von einer Untersuchung in Amerika teilweise entlastet. Das
elektronische Sicherheitssystem jedenfalls funktioniert.
Von Carsten Germis und Roland Lindner
12. Februar 2011
Masami Doi, bei Toyota in Tokio zuständig für die
Öffentlichkeitsarbeit, reagiert auf die guten Nachrichten aus
Amerika genau so, wie Japaner das üblicherweise tun. Mit
Zurückhaltung. Dabei bot der Donnerstag für das japanische
Automobilunternehmen wahrlich ein Grund zu feiern. „Wir glauben,
dass die Ergebnisse der Untersuchung in den Vereinigten Staaten die
Zuverlässigkeit unserer elektronischen Kontrollsysteme zeigen“,
kommentiert Doi, kurz und knapp. Die vom amerikanischen Kongress
herangerufenen Experten der Raumfahrtbehörde Nasa hatten Toyota
zuvor von dem Vorwurf freigesprochen, die Elektronik des Autos sei
für Unfälle verantwortlich gewesen. Triumphgefühle? Nein.
Zwar kann Toyota das Kapitel „ungewollte Beschleunigung“ bei seinen
Autos nun wohl bald schließen. Doch es bleiben die Vorwürfe
klemmender Gaspedale oder rutschender Fußmatten, die Pedale
blockierten. „Wir stehen immer noch vor Herausforderungen“, heißt
es intern im Unternehmen. Zwar zeigen Befragungen, dass
Toyota-Käufer ihr Vertrauen in die Sicherheit der Autos
wiedergewinnen. „Doch wir müssen uns Gedanken machen, wie wir die
Menschen von der Qualität unserer Autos überzeugen, die noch nie
einen Toyota gekauft haben und die uns wegen der Rückrufaktionen
des vergangenen Jahres nicht vertrauen.“ So zurückhaltend sich das
Unternehmen nach außen gibt, Japans Regierung geht die Sache
offensiver an. Kabinetts-Staatssekretär Yukio Edano, ein enger
Vertrauter von Ministerpräsident Naoto Kan, persönlich trat vor die
Presse, als der Bericht aus Amerika in Tokio bekannt wurde. Es sei
sehr gut, dass jetzt klar ist, dass Toyotas Elektronik nicht der
Grund für die ungewollten Beschleunigungen war. Jetzt will Japans
Regierung noch selbstbewusster im Ausland für die Sicherheit und
die technische Qualität japanischer Autos werben.
Vor einem Jahr hatte Minister LaHood noch ganz andere Töne
angeschlagen
Im Gegensatz zum selbstbewussten japanischen Minister zeigt sich
Amerikas Verkehrsminister Ray LaHood eher kleinlaut. Er ist bislang
nicht gerade als Toyota-Fan aufgefallen. Aber schon am Dienstag
rührte LaHood auf einmal die Werbetrommel für den japanischen
Autohersteller. Er erzählte, dass seine Tochter ihn unlängst
gefragt habe, ob sie sich einen Sienna-Minivan von Toyota kaufen
solle. Sie habe sich Sorgen gemacht, ob das Auto denn sicher sei.
LaHood sagte, er habe seiner Tochter zum Kauf des Sienna geraten,
was sie dann auch getan habe.
Vor fast genau einem Jahr, als die Affäre um unbeabsichtigte
Beschleunigung bei Autos von Toyota auf ihrem Höhepunkt war, hatte
derselbe Minister noch ganz andere Töne angeschlagen. Er schreckte
Toyota-Besitzer mit der Äußerung auf, sie sollten ihre Autos besser
nicht mehr fahren. Und er machte bedrohliche Kampfansagen wie: „Wir
sind noch nicht durch mit Toyota.“ Die neue Versöhnlichkeit von
LaHood hat mit den Ergebnissen der Studie zu tun, die von der an
sein Ministerium angeschlossenen Sicherheitsbehörde NHTSA vor zehn
Monaten bei der Raumfahrtbehörde Nasa in Auftrag gegeben worden
ist.
Die Nasa-Ingenieure haben nach langwierigen Tests den oft von
LaHood und anderen amerikanischen Politikern geäußerten Verdacht
entkräftet, dass Defekte in der Fahrzeugelektronik zu ungewolltem
Gasgeben bei Toyotas führen könnten. Stattdessen wurden als
Ursachen zwei Arten von mechanischen Fehlern genannt, die Toyota
auch selbst zugegeben hat: zum einen verrutschende Fußmatten, die
das Gaspedal einklemmen. Zum anderen Mängel am Gaspedal selbst, die
den Effekt haben können, dass ein niedergedrücktes Pedal nicht oder
nur langsam in die Ausgangsposition zurückkehrt. Auf das
mechanische Problem hat Toyota schon im letzten Frühjahr reagiert
und Pedale und Matten in den Werkstätten nachgebessert. 9,69
Millionen Autos rief Toyota 2010 wegen der Pannenserie in die
Werkstätten zurück. 380 Milliarden Yen hat das angeblich im
vergangenen Jahr gekostet, derselbe Betrag wird wohl auch in diesem
Geschäftsjahr, das am 31. März endet, zu Buche schlagen. Mehr als
1000 Ingenieure bei Toyota arbeiten jetzt nur noch daran,
Sicherheit und Qualität der Autos zu verbessern.
„Fehler des Fahrers“
Neben allen technischen Mängeln gibt es aber noch eine dritte
Ursache für Unfälle, über die LaHood bis heute nicht gerne offen
spricht: Fehler des Fahrers, der aus Versehen statt auf die Bremse
aufs Gas tritt. LaHood wählt für diesen Sachverhalt den neutraleren
Begriff „Fehlanwendung des Pedals“, und er verwahrte sich
ausdrücklich dagegen, von einem „Fehler des Fahrers“ zu sprechen –
und damit direkt mit dem Finger auf die Besitzer statt auf den
Hersteller zu zeigen. Dies ist aber eine sehr wichtige
Unterscheidung. Denn wenn der Irrtum in den meisten Fällen beim
Fahrer und nicht bei Toyota liegt, wirkt die ganze öffentliche
Aufregung um die Pannenserie bei dem Unternehmen im Nachhinein
gerade in Amerika unverhältnismäßig, und der massive Druck aus der
dortigen Politik bekommt den Anschein einer Hetzjagd.
Die Toyota-Affäre kochte im Herbst 2009 hoch, als der Konzern
einräumte, dass rutschende Fußmatten dazu führen könnten, dass das
Gaspedal klemmt. Einige Wochen zuvor hatte es in Kalifornien einen
Unfall mit einem Leihwagen der Toyota-Oberklassemarke Lexus
gegeben, bei dem vier Menschen starben. Der Fahrer konnte offenbar
das Auto nicht abbremsen und prallte auf einen anderen Wagen. Der
panische Notruf eines der Insassen in den Sekunden vor der
Kollision wurde hinterher veröffentlicht und in den Medien immer
wieder abgespielt. Schockierte Amerikaner hatten das Horrorszenario
eines unkontrollierbar gewordenen Autos plastisch vor Augen.
Entsprechend sensibilisiert war die Öffentlichkeit, und immer mehr
Fahrer meldeten Fälle unbeabsichtigter Beschleunigung bei ihren
Toyotas. Der japanische Hersteller machte zunächst rutschende
Fußmatten als alleinige Gefahrenquelle aus, erst nach einigen
Monaten gab das Unternehmen mögliche Defekte beim Gaspedal zu. Von
der amerikanischen Politik wurde Toyota regelrecht vorgeführt:
Konzernchef Akio Toyoda sah sich gezwungen, zu einer Anhörung vor
dem amerikanischen Kongress zu erscheinen. Entschuldigungsgesten
mit tiefen Verbeugungen in Tokio reichten der amerikanischen
Öffentlichkeit – und LaHood – nicht. Toyodas Umgang mit der Krise
geriet zum Desaster, als er am 17. Februar während einer
Pressekonferenz in Tokio auf die Frage, ob er zur Kongressanhörung
reisen würde, nein sagte und das damit begründete, er habe
schließlich keine Einladung. Das Verkehrsministerium verhängte
bislang eine Serie von Strafzahlungen gegen Toyota, die sich auf
48,8 Millionen Dollar addieren. Die amerikanischen Verbraucher
ließen sich von der Aufregung anstecken und mieden die Autohäuser
von Toyota. Im vergangenen Jahr schrumpfte der Marktanteil von
Toyota in Amerika von 17,0 auf 15,3 Prozent. Während der gesamte
amerikanische Automarkt um einen zweistelligen Prozentsatz wuchs,
musste Toyota ein leichtes Absatzminus hinnehmen.
Toyota erhöht seine Absatz- und Gewinnprognose
Schon vor der Nasa-Studie gab es allerdings Hinweise, dass in der
Affäre allzu undifferenziert auf Toyota eingedroschen worden ist –
unabhängig von der Frage, wie gravierend die beiden von den
Japanern zugegebenen Mängel in der Realität wirklich sind: Die
Verbraucherzeitschrift „Consumer Reports“ wies schon im Dezember
2009 in einer Studie darauf hin, dass unbeabsichtigte
Beschleunigung keineswegs nur ein Phänomen bei Toyota ist. Solche
Beschwerden habe es vielmehr auch von Fahrern anderer Marken
gegeben. Bei dem öffentlichkeitswirksamen Unfall in Kalifornien
stellte sich heraus, dass in dem Auto die falschen Fußmatten lagen.
Die NHTSA veröffentlichte schon im August vergangenen Jahres
vorläufige Ergebnisse einer Studie, bei der Datenrekorder von 58
Autos von Toyota untersucht wurden, die in Unfälle verwickelt waren
und deren Fahrer ungewollte Beschleunigung reklamierten. Nur in
einem einzigen Fall waren verrutschende Fußmatten die mutmaßliche
Ursache, mechanische Probleme mit dem Gaspedal wurden nirgendwo
identifiziert. Nach der Nasa-Studie gab die NHTSA nun zu, dass bei
der überwiegenden Mehrheit der untersuchten Beschwerden
„Fehlanwendung des Pedals“ die wahrscheinliche Ursache für die
Beschleunigung war – die meisten Fahrer haben also wohl Bremse und
Gaspedal verwechselt.
Ähnlich sieht das Bild in Japan aus. In einem besonders
spektakulären Fall hatte ein Autofahrer behauptet, nur wegen eines
Versagens der Bremsen beim Toyota Prius sei es in der Präfektur
Chiba bei Tokio zu einem Unfall mit Verletzten gekommen. Die
Polizei untersuchte den Unfall gründlich. Auch hier stellte sich
heraus, dass der Fahrer in einer Stresssituation schlicht Gas- und
Bremspedal verwechselt hatte.
Die Nasa-Ergebnisse haben in Amerika freilich nicht alle
Toyota-Kritiker verstummen lassen. Verbraucherschützer sagten, die
Studie habe nicht schlüssig erklärt, warum es zu den vielen
Unfällen mit Toyotas kam. Toyota versichert deswegen auch,
Qualitätskontrolle habe seit der Pannenserie einen noch höheren
Stellenwert. „Wir warten nicht mehr, bis Informationen über Defekte
uns erreichen“, sagt Vizepräsident Takeshi Uchiyamada. „Stattdessen
hören wir in die Märkte hinein, um die Probleme zu verhindern,
bevor sie passieren.“
Kurz nachdem LaHood seine plötzliche Werbetour für Toyota startete,
erhöhte das Unternehmen seine Absatz- und Gewinnprognose für das
Geschäftsjahr. „Es gibt Hoffnungen, dass sich auch der Absatz in
Nordamerika nun wieder erholt“, meinte ein Analyst. Masami Doi
kommentiert das nicht. Abwarten und Tee trinken, scheint er zu
denken und greift zur Tasse grünen Tee.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dapd, dpa
Quelle:
http://www.faz.net/s/RubEC1ACFE1EE274C81BCD3621EF555C83C/Doc…