Der Mythos vom Währungskrieg
Die Deutschen lieben Verschwörungstheorien. Die neueste handelt von
den bösen amerikanischen Rating-Agenturen, die unseren schönen Euro
kaputt machen wollen. Diese Deutung hat sich bis in die höchsten
Zirkel der Politik durchgesetzt. Wahr wird sie dadurch nicht.
Wenn Elmar Brok und Gregor Gysi einer Meinung sind, sollte man
skeptisch werden - erst Recht, wenn der CDU-Mann und der
Fraktionschef der Linken fast wortgleiche Formulierungen benutzen.
Man befinde sich schon fast in einem "Währungskrieg", sagte Brok
nachdem die Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P)
entschieden hatte, die Kreditwürdigkeit von neun Euro-Ländern
herabzustufen. Die US-Agenturen betrieben offenbar
"anglo-amerikanische Interessenpolitik". Gysi ist da nur ein
kleines Stück weiter: Für ihn hat der "Krieg" gegen die
"europäischen Völker" bereits begonnen.
Bevor wir nun alle zu Gewehr und Stahlhelm greifen, um die bösen
Amerikaner in die Flucht zu schlagen, lohnt sich ein kleiner Blick
auf die Realität. Was ist passiert? Standard & Poor's hat seine
Meinung zur Bonität einiger Euro-Staaten und damit auch zum
Euro-Rettungsschirm EFSF geändert: Dass Frankreich seine Schulden
zurückzahlt, gilt den Analysten - vereinfacht ausgedrückt - nun
nicht mehr als sehr sicher, sondern nur als ziemlich sicher. Bei
Italien haben sie da schon etwas größere Zweifel und portugiesische
Staatsanleihen sehen sie als eine spekulative Anlage.
In einzelnen Fällen mag man darüber streiten, ob ein Land bei
S&P nicht einen zu Tick zu gut oder zu schlecht wegkommt. Erst
Recht mag man fragen, warum immer noch halb Europa aufschreit, wenn
ein paar Analysten das aufschreiben, was eh schon alle wissen. Im
Großen und Ganzen aber sind die Einschätzungen zu den Euro-Staaten
keineswegs so "grotesk", wie Herr Gysi meint. Oder würde er etwa
ohne zu zucken sein Vermögen in portugiesische Staatsanleihen
stecken? Wohl eher nicht.
Auch die Kritik am Zeitpunkt der Veröffentlichung ist unsinnig.
"Ausgerechnet jetzt!", schimpfen die Kritiker der Rating-Agenturen,
wo sich in der Euro-Krise doch gerade so etwas wie Entspannung
breit gemacht hat. Doch wann hätte S&P sein Urteil sonst
veröffentlichen sollen? Wenn die Finanzmärkte gerade mal wieder so
richtig in Panik sind? In solchen Fällen wird den Agenturen in der
Regel vorgeworfen, sie würden die Lage weiter verschlimmern.
Es gibt keinen guten Zeitpunkt für schlechte Nachrichten. Sie
kommen immer ungelegen. Und es ist ja auch irgendwie menschlich,
dass man sie lieber nicht hören will. Doch warum kleiden so viele
Menschen ihre Angst vor der schlechten Nachricht in so abstruses
Gerede von der anglo-amerikanischen Verschwörung? Es ist halt so
schön einfach, die Schuld für die Misere auf der anderen Seite des
Atlantiks zu suchen. Und der anti-amerikanische Reflex ist bei
weiten Teilen der deutschen Bevölkerung noch ziemlich gut intakt.
Damit lassen sich womöglich sogar Wählerstimmen gewinnen.
Oder Bücher verkaufen. Denn nicht nur Politiker ziehen mit der
Theorie von den bösen US-Agenturen durchs Land, auch Autoren wie
der ehemalige Börsenhändler Dirk Müller versuchen, damit auf sich
aufmerksam zu machen. "Ich bin mir sicher, dass die amerikanischen
Rating-Agenturen in enger Abstimmung mit der amerikanischen
Regierung stehen, die wiederum selbst seit vielen Jahren von der
Wall Street dominiert wird", darf Müller im Internet-Chat der
ZDF-Sendung "Maybritt Illner" verkünden. Belege? Fehlanzeige. Aber
weil er die Welt so schön einfach erklärt, wird Müller neuerdings
auch als "Experte" zu Anhörungen in den Finanzausschuss des
Deutschen Bundestags geladen.
Mal ganz abgesehen von den mangelnden Beweisen: Auch die
Argumentation der Verschwörungstheoretiker ist äußerst dürftig.
Welches Interesse sollten die USA oder die amerikanische Wirtschaft
an einem sinkenden Wechselkurs des Euro oder am Zusammenbruch der
Währungsunion haben? Im Gegenteil: Sie sollten alles daran setzten,
dass der Euro hält. Eine starke europäische Währung macht die
amerikanischen Exporte in die Euro-Zone billiger und hilft den USA
dabei, ihre gewaltigen Leistungsbilanzdefizite zu verringern. Zudem
gilt: Von einer tiefen Rezession in Europa, die auf einen
Zusammenbruch der Währungsunion wahrscheinlich folgen würde,
könnten sich die USA zudem kaum abkoppeln. Deshalb drängt auch
US-Präsident Barack Obama die europäischen Regierungschefs immer
wieder zum entschlossenen Handeln in der Schuldenkrise.
Auch den großen US-Banken dürfte ein Euro-Kollaps kaum nutzen.
Einige von ihnen stecken selbst tief im Euro-Schlammassel. Sie
haben Anleihen europäischer Krisenstaaten in ihren Bilanzen oder
müssen für sogenannte Kreditausfallversicherungen (CDS) gerade
stehen, die fällig werden, wenn ein Euro-Land Pleite geht. Laut
Statistik der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich liegt der
Großteil dieser Versicherungsrisiken in den USA.
Bleiben die US-Hedgefonds, die angeblich gegen den Euro gewettet
haben und damit nun das große Geld verdienen wollen. Mag sein, dass
das stimmt. Aber reichen ein paar Hedgefonds aus, um eine große
amerikanische Verschwörung anzuzetteln?
Deutlich wahrscheinlicher ist eine andere Lesart der Dinge:
Politiker, Buchautoren und selbst manche Analysten bei den Banken
machen die Rating-Agenturen gerne größer und mächtiger als sie
sind. So lassen sich schöne Verschwörungsgeschichten erzählen, mit
denen man prima von eigenen Fehlern ablenken kann.
http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,809658,00.h…