Unternehmen/BMW/Rover-Engagement/HIG/
(ddp-Infokasten)
Berlin (ADX). Der sechsjährige verlustreiche «britsche Ausflug»
von BMW zu Rover beginnt 1994: Im Januar erwirbt BMW unter
Führung
von Vorstandschef Bernd Pischetsrieder und dessen Amtsvorgänger
Eberhard von Kuenheim als damaligem Aufsichtsratsvorsitzenden
zunächst 80 Prozent der Anteile an der britische Gruppe Rover
Cars.
Dort hatte zuvor der japanische Hersteller Honda das Sagen. Im
Mai
werden die restlichen 20 Prozent übernommen: Gesamtkaufpreis
2,1
Milliarden Mark. Mit der schon unter dem Vorstandsvorsitz von
Kuenheims geplanten Mehrmarkenstrategie soll das
Oberklasse-Angebot
von BMW durch ein Massenauto ergänzt werden. Der gefeierte
Pischetsrieder beziffert die Sanierungskosten für den
britischen
Hersteller, der 1993 die Gewinnschwelle wieder erreicht hatte,
auf
1,5 Milliarden Mark. Zudem setzt er weitere 1,5 bis zwei
Milliarden
Mark für die Entwicklung neuer Rover-Modelle an.
1995: Nach der Übernahme bricht das Rover-Ergebnis ein und
rutscht
in die Verlustzone. BMW, offenbar ohne eigene
Turn-around-Strategie,
lässt jedoch das Management unter John Towers weiter frei
gewähren.
1996: Im Mai müssen Towers und Rover-Vertriebschef John Russel
gehen. BMW-Manager Walter Hasselkuss übernimmt den Chefsessel
in
England. Der Pfund-Kurs, zur Rover-Übernahme noch bei 2,40 Mark
liegend, klettert unaufhaltsam und lässt alle Bemühungen um
Kostensenkung weitestgehend ins Leere laufen.
1998: Im November einigen sich Pischetsrieder und die
britischen
Gewerkschaften auf ein drastisches Sparprogramm. 8.000 der
39.000
Arbeitsplätze bei Rover sollen wegfallen. Dezember 1998: Die
Verluste
bei Rover haben inzwischen 1,9 Milliarden Mark für 1998 erreicht.
Der
Absatz sinkt weiter. Hasselkuss muss gehen und wird durch den
damaligen Fertigungschef Werner Sämann ersetzt. Zu diesem
Zeitpunkt
hat BMW bereits sechs Milliarden Mark in die britische Tochter
investiert. Dennoch muss Pischetsrieder das Ziel aufgeben, Rover
bis
zum Jahr 2000 in die schwarzen Zahlen zu bringen. Der Streit um
die
richtige Rover-Konzeption mit BMW-Entwicklungschef Wolfgang
Reitzle
spitzt sich zu. Reitzle, Hauptkonkurrent von Pischetsrieder,
hatte
von Anfang nur für die Übernahme der profitablen Rover-Marken
wie
Land Rover und eventuell Mini plädiert.
1999: Der Machtkampf kulminiert zur bislang schwersten
Führungskrise bei BMW. Am 5. Februar nehmen der seit 1993
amtierende
Pischetsrieder sowie Reitzle ihren Hut. Dem Vorstandschef, der
eine
«zu lange Leine» für Rover eingeräumt hatte, werden die
Versäumnisse
bei der Sanierung angelastet. Reitzles Bewerbung um den
Chefposten
scheitert vor allem am Widerstand der Arbeitnehmervertreter im
Aufsichtsrat.
Produktionschef Joachim Milberg wird überraschend zum
Vorstandschef berufen. Dieser führt wider Erwarten die
bisherige
Rover-Strategie fort, will Rover aber durchgängig in die
Konzernverantwortung einbinden. Auf der Hauptversammlung im Mai
1999
beziffert Milberg die bisherigen Aufwendungen für Rover zusammen
mit
Verlusten von bislang 2,5 Milliarden Mark auf insgesamt 6,6
Milliarden Mark. Trotzdem kündigt er im Juni ein auf fünf Jahre
angesetztes Investitionsprogramm von zehn Milliarden Mark für
Rover
an. Aber die von der britischen Regierung zugesagten
Millionen-Subventionen für Rover stocken, die EU-Kommission hat
Vorbehalte und prüft. Die Angst bei Rover insbesondere um die Jobs
im
Werk Longbridge wächst, die Vorwürfe aus Großbritannien an BMW
werden
lauter. Der Absatz der Marke sinkt weiter um ein Viertel und
der
Marktanteil in Großbritannien sackt auf einen historischen
Tiefststand. Auch das erste unter BMW-Führung entwickelte neue
Modell, der Rover 75, erfüllt die Absatzerwartungen nicht. Das
Pfund
steht inzwischen bei über drei Mark.
2000: BMW, das bislang hartnäckig sein Feshalten an Rover und
dessen Sanierung bekundete, verkündet am 16. März nach einem
durch
Rover bedingten Konzernverlust von knapp fünf Milliarden Mark
für
1999 den Sinneswandel. Der Aufsichtsrat beschließt in einer
Krisensitzung den Verkauf von Rover Cars mit der Sportwagen-Sparte
MG
und anderen Traditionsmarken an den Risikokapitalfonds Alchemy.
Ford
zeigt Interesse für Land-Rover. Die erfolgreich laufenden
Kaufverhandlungen sollen bis Sommer 2000 abgeschlossen werden.
Für
Rover Cars verhandelt BMW zunächst «exklusiv» mit Alchemy, das
die
Rover-Produktion stark zurückfahren will. Ein Angebot des
Phoenix-Konsortiums um Ex-Rover-Chef Towers wird zunächst als
finanziell nicht gedeckt abgelehnt. Erst als die Gespräche mit
Alchemy überraschend scheitern, kommt Phoenix für den
symbolischen
Preis von zehn Pfund als Erwerber zum Zuge. ++
hpn/hwa