Die Juden am Pranger
#13 von stirner 05.11.03 20:36:07 Beitrag Nr.: 11.246.952
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Die Krebszellen
....wie ein Krebsgeschwulst im Körper, das allmählich seinen
bösartigen Einfluss ausweitet, zerstört jede Siedlung langsam seine
Umgebung in einem immer größer werdenden Umkreis.
Die Krebszellen
Uri Avnery
Im 6-Tage-Krieg wurden Hunderte von israelischen Soldaten bei der
Erstürmung der Wüste Sinai, der West Bank und der Golan Höhen
ermordet.
Im Yom-Kippur-Krieg wurden 2000 israelische Soldaten bei der
Verteidigung der eroberten Gebiete ermordet.
In dem 18 Jahre dauernden Libanon-Krieg wurden mehr als 1000
israelische Soldaten bei der Eroberung und Besetzung des südlichen
Libanons ermordet.
Sie wären überrascht gewesen zu erfahren, sie seien " ermordet"
worden. Vielleicht wären sie beleidigt gewesen. Denn schließlich
waren sie keine hilflosen Juden im Ghetto, die während eines
Pogroms durch betrunkene Kosaken getötet wurden. Sie fielen als
Soldaten im Krieg.
Jetzt sind wir zurück im Ghetto. Wieder sind wir arme, ängstliche
Juden. Sogar, wenn wir in Uniform sind. Sogar, wenn wir bis zu den
Zähnen bewaffnet sind. Sogar, wenn wir Panzer, Flugzeuge, Raketen
und die Nuklearoption besitzen. Wir werden leider ermordet.
Die Verwendung des Verbs " ermorden" für aktive Soldaten, die im
Kampf fallen, ist eine semantische Neuheit der gegenwärtigen
Intifada in der Sharon-Ära. Das wurde im Gefolge zweier
militärischer Zwischenfälle letzte Woche sehr deutlich.
Im palästinensischen Dorf Ein Yabroud wurden drei Soldaten aus dem
Hinterhalt überfallen und getötet. Ihre Aufgabe bestand darin, die
Straße zu der nahe gelegenen Siedlung Ofra, nördlich von Ramallah,
zu schützen. Sie patrouillierten die Hauptstraße des Dorfes zu Fuß
und folgten ihrer regulären Route. Auf dem Rückweg lagen drei
palästinensische Kämpfer in Wartestellung, töteten drei von ihnen
und verwundeten einen. Die Angreifer entkamen.
Eine klassische Guerilla-Aktion. Kein Terrorismus. Kein Angriff auf
Zivilisten. Die Aktion von Guerillakämpfern gegen bewaffnete
Soldaten in einem besetzten Gebiet. Wären deutsche Soldaten in
Frankreich oder französische Soldaten in Algerien betroffen
gewesen, dann hätte niemand davon geträumt zu sagen, sie seien "
ermordet" worden. Aber in unserem Fernsehen sprachen
Militärkorrespondenten davon, die drei seien durch " Terroristen
ermordet" worden.
Einige Tage später passierte ein noch schockierendes Ereignis.
Einem einzelnen palästinensischen Kämpfer gelang es, den Zaun der
Netzarim-Siedlung im Gazastreifen zu durchschneiden, er drang in
ein Militärlager ein und tötete zwei Soldatinnen und einen
Soldaten. Er wurde verfolgt und getötet.
Im Zusammenhang mit diesem Ereignis sprachen die
Militärkorrespondenten im Fernsehen auch ohne mit den Augen zu
zwinkern, die drei seien durch " Terroristen" während einer "
terroristischen" Aktion " ermordet" worden.
Mord? Terrorismus? Gegen Soldaten in Uniform? Innerhalb einer
befestigten Siedlung?
Es lohnt sich, diesen Vorfall zu analysieren, um die gegenwärtige
Militärkampagne als Ganzes zu verstehen.
Netzarim ist eine kleine abgelegene Siedlung an der Meeresküste im
Herzen des Gazastreifens, weit entfernt von jeder anderen Siedlung.
Sie wurde mitten in einem Gebiet, in dem eineinviertel Millionen
Palästinenser leben, von denen die Hälfte Flüchtige sind, an dem am
dichtesten bewohnten Ort der Erde, eingepflanzt. Ein ganzes
Bataillon der IDF (Israel Defense Force) verteidigt sie. Wenn man
sie von Israel aus erreichen will, muss man die ganze Breite des
Gazastreifens durchqueren. Der gesamte Verkehr besteht aus
gepanzerten Fahrzeugen. Bis heute sind mehr als zwanzig Soldaten
bei der Verteidigung der Siedlung und der Straße, die dorthin
führt, getötet worden.
Verrückt? Die Siedler selbst halten daran fest, dass es die Armee
war, die gefordert hatte, die Siedlung als Basis zur Bewachung und
Kontrolle zu errichten. Die fanatischen nationalreligiösen Gründer
sind seitdem verschwunden und ihren Platz haben Abenteurer
eingenommen, die ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder riskieren -
ganz zu schweigen von den Soldatinnen und Soldaten, die keine
andere Wahl haben. Die Regierung opfert sie auf dem Altar der
Siedlung.
Die Palästinenser leiden natürlich mehr als sonst jemand. Jeder,
der sich der Siedlung nähert, wird erschossen. Alles, was in der
Nähe oder entlang der Straße stand oder wuchs, wurde vor langer
Zeit zerstört oder herausgerissen. In dieser Woche zerstörte die
Armee zwei palästinensische Hochhäuser, jedes von ihnen 12 Etagen
hoch, einige hundert Meter von der Siedlung entfernt, weil man von
dort aus die Vorgänge in der Siedlung " beobachten" konnte. Das ist
typisch: wie ein Krebsgeschwulst im Körper, das allmählich seinen
bösartigen Einfluss ausweitet, zerstört jede Siedlung langsam seine
Umgebung in einem immer größer werdenden Umkreis.
Der Prozess kann wie folgt skizziert werden: (1) Auf einem Gipfel
wird ein " Außenposten" , der aus einem oder zwei Mobilhäusern
besteht, ohne Genehmigung der Regierung, errichtet. (2) Die
Regierung erklärt, dass sie solche illegalen Aktionen nicht
tolerieren werde und spricht davon, sie zu entfernen. (3) Die Armee
schickt Soldaten, um den Außenposten zu verteidigen und erklärt,
sie könne Juden nicht in einer feindlichen Region ohne Schutz
zurücklassen, solange sie sich dort, wenn auch illegal, aufhielten.
(4) Aus dem gleichem Grund wird der Außenposten an das Wasser-,
Strom- und Telefonnetz angeschlossen. (5) Die Diskussion in der
Regierung wird verschoben und in der Zwischenzeit dehnt sich die
Siedlung aus. (6) Die Regierung entscheidet, die vollendete
Tatsache zu akzeptieren und aus dem Außenposten wird eine legale
Siedlung. (7) Der Militärgouverneur enteignet große Flächen
kultivierten Landes für den Ausbau der Siedlung. (8) Eine
Umgehungsstraße wird gebaut, damit es den Siedlern und Soldaten
gestattet wird, sicher vorzurücken. Aus diesem Grund enteignet die
Armee weitere Flächen kultivierten Landes von benachbarten
palästinensischen Dörfern. Die Straße einschließlich ihrer "
Sicherheitszone" ist 60 bis 80 Meter breit. (9) Palästinenser
versuchen, die Siedlung, die auf ihrem Land steht, anzugreifen.
(10) Um Angriffe auf die Siedlung zu verhindern, wird ein 400 Meter
breites Gebiet zur " Sicherheitszone" erklärt, deren Zugang
Palästinensern nicht gestattet ist. Die Besitzer verlieren die
Olivenhaine und Felder. (11) Dies erzeugt die Motivation für
weitere Angriffe. (12) Aus Sicherheitsgründen reißt die Armee alle
Bäume heraus, die eine mögliche Deckung bei einem Angriff auf die
Siedlung oder die Straße, die dorthin führt, bieten könnten. Die
Armee hat sogar ein neues hebräisches Wort dafür erfunden, etwas
wie " Entblößung" . (13) Die Armee zerstört sämtliche Gebäude, von
denen aus die Siedlung oder die Straße angegriffen werden können.
(14) Obendrein werden alle auch Gebäude, von denen man die Siedlung
beobachten kann, zerstört. (15) Jeder, der sich der Siedlung
nähert, wird unter dem Verdacht erschossen, er sei gekommen zu
spionieren oder anzugreifen.
Auf diese Weise sät die Siedlung in zunehmendem Maße Tod und
Zerstörung. Das Leben in den palästinensischen Dörfern wird
verteufelt schwer. Sie verlieren die Quellen für ihren
Lebensunterhalt. Hunderte dieser Dörfer befinden sich eingeklemmt
zwischen zwei oder mehr Siedlungen, welche sie von allen Seiten
einschließen, manchmal sogar direkt bis zu ihrem Hof. Ihr Leben und
ihr Besitz sind auf Gedeih und Verderb einer Bande von Siedlern
ausgeliefert.
Dieser Prozess vollzieht sich in allen besetzten Gebieten schon
seit Jahrzehnten. Er geht langsam, kontinuierlich, alltäglich
widerlich und von israelischen Augen nicht wahrgenommen. Im letzten
Jahr kam der " Trennungszaun" hinzu, ein Monster, das seinen Weg
tief in die West Bank hinein schlängelt, um die Siedlungen zu "
verteidigen" . Er macht das Leben Hunderttausender Palästinenser
beinahe unmöglich.
Es wird angenommen, dass der Zaun 10 Billionen Schekel kostet (mehr
als zwei Billionen Dollar). Es ist unmöglich, die Kosten für die
Siedlungen selbst zu berechnen, die sich sicherlich jedes Jahr auf
mehrere Billionen belaufen.
Es ist einfacher den Preis mit Menschenleben zu berechnen. Das
Töten der drei Soldaten in Netzarim hat einen Schock verursacht.
Viele Israelis fangen - vielleicht zum ersten Mal - an
zu fragen: Warum? Wofür?
Der Vater eines der in Ein Yabroud getöteten Soldaten nannte es "
israelisches Roulette" . Die Mutter einer in Hebron getöteten
Soldatin ließ ihrer Wut im Fernsehen freien Lauf: " Sie starb wegen
der Siedler!" Es gibt viele Anzeichen einer allgemeinen
Ernüchterung, sogar in der Armeeführung.
Ist das der Beginn für einen Wandel in der öffentlichen Meinung? Es
könnte sein.
erstellt am 01.11.2003
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Das Böse wird entlarvt
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