Deutsche fahren weniger
Rückläufiges Benzingeschäft
20.04. – Die Benzinpreise haben eine
Rekordmarke erreicht. Als Reaktion
darauf fahren die Deutschen weniger und vor allem sparender.
Das
merken jetzt auch die 16 000 Tankstellen, deren Absatz zurückgeht.
Eine
Besserung ist vorerst nicht in Sicht.
Tanken ist in Nordbaden so teuer wie noch nie. Bei
seiner wöchentlichen Umfrage an den Zapfsäulen der
Region habe der ADAC Nordbaden die höchsten
Kraftstoffpreise aller Zeiten ermittelt, so der Autoclub.
Gegenüber dem Mittwoch vor Ostern seien die
Benzinpreise um sieben bis 14 Pfennig erhöht worden.
Der Preis für einen Liter Diesel sei um vier bis acht
Pfennig gestiegen. Demnach habe der Liter Super
bleifrei am Freitag an fast allen Markentankstellen 2,189
Mark gekostet.
Benzinabsatz rückläufig
Die steigenden Benzinpreise haben das Geschäft der
rund 16 000 Tankstellen in Deutschland negativ
beeinflusst. Der Benzinabsatz sei leicht rückläufig, sagte
das Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Tankstellen
und Gewerbliche Autowäsche Deutschlands (BTG),
Karl-Friedrich Lihra, am Freitag in Minden. Die Autofahrer
seien wegen der sich ständig verändernden Spritpreise
verunsichert und füllten weniger Treibstoff in die Tanks.
Zudem sei ein restriktives Fahrverhalten zu beobachten.
Umfrage von Forsa
Diesen Trend bestätigt auch eine Umfrage des
Meinungsforschungsinstituts Forsa. Danach etwa jeder
Dritte wegen der Rekordpreise für Benzin seltener Auto.
Bei der Umfrage gaben 29 Prozent der Männer und 31
Prozent der Frauen an, auf Grund gestiegener Preise
weniger Auto zu fahren.
Abzockerei oder Willkür?
Politiker sind sich unterdessen uneins über die
Beurteilung der Preispolitik der Mineralölkonzerne.
Während Bundeswirtschaftsminister Werner Müller
(parteilos) in den Tagesthemen den Vorwurf der
„Abzockerei“ als „Unsinn“ zurückwies, sieht
SPD-Generalsekretär Franz Müntefering zumindest eine
Willkür und sprach indirekt von Abzockerei. Die
Unternehmen nutzten die Entwicklung auf dem
Weltmarkt, „um gut und feste zuzupacken“.
Keine Preisabsprache
Es sei auffällig, dass im vergangenen Jahr, als der Preis
für ein Barrel Öl bei 35 Dollar gelegen habe, die
Notierungen niedriger gewesen seien als jetzt, wo der
Preis bei etwa 26 bis 27 Dollar liege, sagte Müntefering.
Bundeswirtschaftsminister Müller (parteilos) sieht aber
keine Preisabprache der Konzerne. Das
Bundeskartellamt beobachte das Marktverhalten der
Mineralölkonzerne. Nach der Preiserhöhung zu Ostern
habe das Bundeskartellamt keine Preisabsprachen
feststellen können.
Benzindurst der Amerikaner schuld?
Schuld an der Preisexplosion in Europa soll auch der
gestiegene Benzindurst der Amerikaner sein. Dieses
Argument ist allenthalben zu hören. Warum aber kaufen
die Amerikaner zur Zeit so viel Benzin in Europa?
Die Experten vom unabhängigen Hamburger Erdöl
Informationsdienst EID haben diese Frage untersucht
und sind zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen: Im
Land mit dem größten Energieverbrauch der Welt fehlen
moderne und leistungsfähige Raffinerien sowie
Benzinreserven.
Geringe Lagerbestände
Die momentane Krise kam nicht überraschend: Im
Frühjahr wird überall auf der Welt die Produktion in den
Raffinerien umgestellt. Während im Winter aus dem
Rohöl mehr Heizöl gewonnen wird, geht es in der
Urlaubszeit eher in Richtung Benzin. In den USA ist im
Moment der Lagerbestand an Benzin um sechs Prozent
niedriger als im Vorjahr, wie der EID unter Berufung auf
eine US-Behörde berichtet.
„Die USA haben grundsätzlich eine niedrigere
Benzin-Lagerhaltung als Europa“, sagt EID-Experte
Rainer Wiek. Grund für die schwache Lagerhaltung: Die
dortigen Ölmanager wollen die Kapitalkosten niedrig
halten, um eine hohe Kapitalrendite vorzeigen zu
können. Deshalb ist der US-Benzinmarkt viel anfälliger
für Störungen oder Engpässe.
Raffinerien stehen still
Die aber sind eingetreten: Eine große Raffinerie im
Bundesstaat Illinois steht still, ebenso eine britische
Raffinerie, die zu 40 Prozent für die USA produzierte.
Außerdem wurden in den USA laut EID seit 25 Jahre
keine neue Raffinerien mehr in Betrieb genommen. Die
alten Werke wurden zwar ständig erweitert, aber nur, um
mit dem steigenden Verbrauch Schritt zu halten.
Weiterhin hohe Preise
Eine Ende der hohen Preise in den USA und somit auch
in Europa scheint nicht in Sicht: Laut Shell ist der
Benzinmarkt in Rotterdam so leer, dass es zur Zeit
unmöglich ist, einen Tanker für den Export
vollzubekommen. Und die Driving Season, die
Hauptreisezeit, beginn in den USA erst Ende Mai. „Die
Preise bleiben zumindest stabil“, orakelt Esso-Sprecher
Karl-Heinz Schult-Bornemann. (reuters/afp/ap/az)