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schrieb am 09.03.03 23:52:11
Die Zerriebenen
Iraks Kurden träumen vom eigenen Staat. Sie hoffen auf Amerika und
fürchten die Türkei. Ankaras Militär geht in Stellung. Eine
Frontbegehung
Von Michael Thumann
Sacho/Silopi
Drei bewaffnete Kurden wachsen beim Reden schnell zu Helden. Groß
sind die Gebärden, noch größer die Worte. „Die Türken sollen ruhig
kommen“, sagt der eine Soldat und zupft an seinem Gewehrgurt wie an
einer Gitarrensaite. „Wir werden sie an der Grenze stoppen“,
prophezeit der zweite. „…und ihnen eine Lektion erteilen, die sie
nicht vergessen werden“, warnt der dritte, der ein verziertes
Kampfmesser an der Hosennaht trägt.
Die Stimmung ist aufgeraut in Sacho, einem verschlafenen
nordirakischen Grenzstädtchen, das die Milizen der kurdischen
KDP-Partei kontrollieren. Bisher stand der Feind allein im Süden
und hieß Saddam Hussein. Seit neuestem zieht vom Norden Gefahr
herauf. Ausgerechnet aus der Türkei, wo die Kurden vor zehn Jahren
Schutz vor dem irakischen Diktator suchten. Auch die drei
bewaffneten Männer fanden damals, im Golfkrieg 1991, Zuflucht in
einem türkischen Flüchtlingslager.
Vierzig Kilometer nördlich von Sacho quälen sich lange Karawanen
über den Tigris. Die Türken überqueren die löchrige Betonbrücke von
Cizre, der letzten größeren Stadt vor der nordirakischen Grenze.
Bis vor einer Woche fuhren hier die Händler durch in Richtung Irak.
Nun aber: Jeeps, Unimogs, Mannschaftstransportwagen, Schwerlastzüge
mit Panzern, Haubitzen, Raketenwerfern. Die zweite türkische Armee
geht an der inzwischen geschlossenen Grenze in Stellung. Am
Dreiländereck der Staaten Türkei, Syrien und Irak. Am Ufer des
Tigris stehen Wachtürme. Ein Schild der türkischen Truppen warnt
die Nachbarn: „Die Grenze ist unsere Ehre“. Auf der
gegenüberliegenden Seite liegt Syrien. Flussabwärts geht es nach
Bagdad.
Der größte Lkw-Friedhof der Welt
Nach Umfragen sind 94 Prozent der Türken gegen den Krieg. Die
Amerikaner wollen 62 000 Soldaten in der Türkei stationieren, um
von dort aus den Irak anzugreifen. Bisher verweigerte sich das
türkische Parlament diesem Ansinnen. Doch die türkische Armee
selbst geht bereits in Stellung. Nach ihrem Aufmarsch sollen über
100000 Soldaten der zweitgrößten Nato-Armee an der Grenze stehen –
und auf den Befehl aus Ankara warten.
Was will das türkische Militär im Irak, wenn das Volk und viele
Parlamentarier finden, noch nicht einmal die Amerikaner hätten dort
etwas zu suchen? Türkische Offiziere sind verschwiegene Leute. Sie
sprechen höchstens mit pensionierten Offizieren. Die aber, des
Maulkorbs entledigt, reden gelegentlich mit Journalisten. „Wenn es
zum Krieg kommt, werden unsere Truppen eine Sicherheitszone von bis
zu vierzig Kilometern im Irak unter Kontrolle bringen, um
Flüchtlingslager zu errichten“, sagt ein Offizier im Ruhestand.
„Sollten die irakischen Kurden verrückt spielen, würden wir weiter
vorrücken. 70 Kilometer Minimum, wenn nötig bis zu 270 Kilometer.“
Damit stünden die Türken bereits vor der Stadt Kirkuk. Wozu? „Um
die Wiederholung der Flüchtlingskatastrophe von 1991 zu
verhindern“, sagt der Offizier. „Um die kurdischen PKK-Terroristen
im Irak zu jagen. Um die nordirakischen Kurden daran zu hindern,
einen eigenen Staat zu gründen. Und nicht zuletzt: Um ihnen den Weg
zum Öl von Kirkuk zu versperren.“
Die Türken haben eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie der
Irak nach Saddam Hussein aussehen sollte. Das wiederum mobilisiert
die Kurden jenseits der Grenze. Am Montag ziehen im Nordirak
Hunderttausende auf die Straße. In der Provinzhauptstadt Arbil
brennen türkische Flaggen. „Provokation!“, schreit der türkische
Außenminister Yas¸ar Yakis¸ auf. „Keine Interventionen von keinem
Nachbarn!“, tönt es aus dem Hauptquartier der kurdischen KDP-Partei
im Nordirak. „Jede türkische Einmischung sehen wir als Invasion“,
warnt der KDP-Sprecher Hoschjar Sebari.
Die irakischen Kurden fürchten um ihre verwundbare Freiheit. Im
Schutz amerikanischer Kampfflugzeuge ist ihr Landstrich in den
vergangenen Jahren aufgeblüht. Im Nordirak leben die Kurden in fast
glücklicher Autonomie. Allein, es fehlen ein Name für ihren Staat,
die internationale Anerkennung – und die ersehnte Vereinigung aller
Kurden. Ein großer Teil der zersplitterten kurdischen Volksgruppen
lebt in der Türkei und stellt dort rund 13 Prozent der Bevölkerung.
Zur Beunruhigung der türkischen Generäle und Eliten. Hier, an der
irakischen Grenze, leben ausschließlich Kurden, eingerahmt von
türkischen Soldaten.
Silopi ist das Wartezimmer des Krieges. Eine Ansammlung von
Betonwohnquadern in einem panzerdurchpflügten Land, ein
hingeworfenes Grenzlager, das in den vergangenen Jahrzehnten der
Kriege viele Truppen vorbeiziehen sah. Nur die Hauptstraßen sind
geteert. Die Seitenstraßen sandig, schlammig, wüst. Bürgersteige?
Die gibt es vielleicht in Istanbul, nicht hier. Dicht an den
Hauswänden und in den Höfen stehen abgewrackte Lkw. Kinder, viele
Kinder spielen auf den Ladeflächen und in den Führerhäusern. Die
Fahrzeuggerippe sind ausgeschlachtet, alle brauchbaren Ersatzteile
verkauft.
Hacip war einmal ein wohlhabender Unternehmer. Sein taubenblauer
Anzug und die ausgetretenen bordeauxroten Slipper erinnern daran.
Jetzt hat er viel Zeit und sitzt mit Freunden in einer Teestube.
„Die Grenze ist unser Geschäft“, sagt er immer wieder. Einst fuhren
Hacips Tanklastwagen leer nach Sacho im Nordirak. Hinterdrein
rollten die Anhänger, voll geladen mit Coca-Cola. Die amerikanische
Flüssigdroge wurde weiter nach Bagdad verkauft. In Sacho füllte man
den Tankwagen mit irakischem Diesel auf und fuhr zurück nach
Silopi. Das Oil-for-Coke-Programm stand natürlich nicht im
Regelkatalog des UN-Sanktionskomitees für den Irak. Doch im
deregulierten Kurdistan zählen andere Dinge. Zum Beispiel der
Grundsatz, dass Geldadel verpflichtet. Der reiche Hacip nahm diese
Herausforderung an und heiratete zwei Frauen zugleich, natürlich
grenzüberschreitend: eine Kurdin aus Silopi und eine Kurdin aus
Sacho. Stolz zählt der 38-Jährige die Namen seiner zwölf Kinder
auf.
Doch ist ihm all das zur Bürde geworden. Dem Dieselgeschäft haben
die Türken bald nach den Anschlägen vom 11. September den
Schlagbaum vorgeschoben. Silopis bedeutendste Sehenswürdigkeit
liegt nun auf den Feldern vor der Stadt. Auf dem größten
Lkw-Friedhof der Welt rotten über 50000 Laster vor sich hin.
„Seitdem das Tor zu ist, stirbt hier alles“, sagt Hacip. „Die
Amerikaner zwingen uns einen Krieg auf, der unser Leben zerstört.“
Und die Türken würden das eiskalt ausnutzen. „Sie wollen den
kurdischen Staat im Irak zerstören“, sagt Hacip. Er zeigt auf sich
selbst: „Schließlich werden sie uns in die Zange nehmen.“ Wen meint
er mit „uns“? Hacip schweigt. Sein Freund, der mit dabeisitzt,
schweigt. Minutenlang. Diese Kunst des Schweigens haben sie während
des jahrelangen Bürgerkriegs im türkischen Osten gelernt. Dann
flüstert der Freund: „Sie wollen unsere Kinder kaltmachen. Unsere
Hoffnung zerstören. Die PKK. Deshalb gehen die Türken in den
Irak.“
Von den Guerillatruppen der ehemaligen kurdischen PKK, die sich
jetzt Kadek nennt, sollen sich noch knapp 5000 Kämpfer im
nordirakischen Kandilgebirge verstecken, versprengte Kombattanten
eines 15-jährigen Krieges. Es waren die Verhaftung des PKK-Führers
Abdullah Öcalan und sein Aufruf zum Frieden, die die türkischen
Streitkräfte 1999 bewogen, sich in die Kasernen zurückzuziehen.
Über 30000 Tote, fast 3700 zerstörte Dörfer und mehr als drei
Millionen Flüchtlinge hatte dieser innertürkische „Antiterrorkampf“
gefordert.
Die Wunden sind nicht verheilt. Der Südosten ist übersät mit
planierten und gesprengten Häusern. Wo westtürkische Städte eine
Industriezone am Ortseingang haben, residiert in Silopi, in Cizre
und anderswo die „Jandarma“ – eine mobile Spezialtruppe im Einsatz
gegen Terroristen und aufmüpfige Bürger. „Sie kontrollieren auch
heute noch die Häuser“, sagt Hacip. Doch es gebe einen Unterschied.
„Früher traten sie sofort die Tür ein, jetzt klingeln sie
wenigstens vorher.“
„Alle mal das Licht aus!“
„Wir haben heute sehr viel zu verlieren“, sagt Feridun Çelik. Der
kurdische Politiker und Bürgermeister von Diyarbakır, der
Hauptstadt des türkischen Südostens, sitzt unter einem riesigen
Porträt des türkischen Übervaters Kemal Atatürk. „Erst im
vergangenen Herbst wurde der Ausnahmezustand bei uns aufgehoben.
Die Wahlen im November waren so frei wie nie zuvor. Das Parlament
hat Reformen verabschiedet, die uns erlauben, unsere kurdische
Sprache zu lehren und im Radio zu sprechen.“ Pause. „Zumindest
sollte es so sein.“ All das könne sich schnell ändern, fürchtet
Çelik. „Wenn der Krieg ausbricht, gehen die Türken gegen die
KDP-Milizen und gegen Kadek-Kämpfer im Irak vor. Die Kadek wird
zurückschlagen, natürlich in der Türkei. Dann fällt der Krieg auf
uns zurück.“
Der Waffenstillstand ist längst gebrochen. Am Jahresanfang stellten
türkische Truppen in der Stadt Lice der Kadek nach. Es war ein
ungleiches Scharmützel: zwölf tote Kämpfer und ein gefallener
Soldat. Die Kadek sann auf Rache und griff eine Armeebasis in
S¸ırnak an. Ein toter Soldat. Seither durchkämmt die Jandarma die
Häuser. Die Zahl der Verhafteten im Januar war fünfmal so hoch wie
im Dezember. Es werde wieder verhört, erniedrigt, auch gefoltert,
sagen kurdische Anwälte. Demonstrationen sind strikt verboten. Doch
haben die Kurden längst einen anderen Protestcode gefunden. „Alle
mal Licht aus!“ heißt das Spiel jeden Abend um acht Uhr. Wenn die
Stadt im Dunkel versinkt, rufen die Mutigen in die Nacht: „Nein zum
Krieg!“, und natürlich den Klassiker: „Freiheit für Öcalan!“
In Hacips Lieblingsteestube in Silopi ist die Krise vom knarrenden
Holzstuhl aus zu besichtigen. Draußen zieht gerade eine weitere
Militärkolonne vorbei in Richtung Grenze. Drinnen kochen die
Gerüchte. Einer von Hacips Freunden hat gehört, dass die türkische
Armee die gefürchteten Dorfwächter für den Kampf im Irak ausbildet.
Längst sollen türkische Voraustrupps im Irak stehen. Aus dem
Fernseher dringt die Nachricht, dass im Parlament von Ankara wieder
keine Mehrheit dafür stimmte, US-Truppen ins Land zu lassen. Die
ganze Teestube applaudiert.
Bis auf einen, der stoisch widerspricht. „Der Krieg kommt trotzdem,
egal, wie das Parlament abstimmt“, sagt Serdar, ein kurdischer
Journalist. „Und wenn die Türken die Amerikaner nicht
durchlassen?“, fragt Hacip. „Dann führen die Amerikaner den Krieg
eben von Kuwait aus.“ – „Na gut, aber wenigstens bei uns wäre
Ruhe.“ – Serdar lacht: „Von wegen, dann würde die türkische Armee
auf eigene Rechnung in den Nordirak einmarschieren.“ Er zeigt auf
die Militärkolonnen vor dem Fenster. „Denkt doch nur an die
Bewaffnung der Kurden durch die Amerikaner. An das Öl von Kirkuk.
An den kurdischen Staat.“ Das würden die Türken nie ertragen
können. Hacip nickt düster. Serdar malt sein Szenario zu Ende: „Es
wird einen Wettlauf von Türken und Kurden um Kirkuk geben, mit
einigen US-Fallschirmjägern dazwischen.“ Die Koalition gegen Saddam
Hussein sähe dann so aus: „Amerikaner und Briten gegen die
irakische Armee im Süden, Türken gegen Kurden im Norden. In einem
zermürbenden Krieg ohne schnelles Ende.“
Auch die türkische Armee bereitet sich auf eine Offensive vor
Ungeachtet des Neins des türkischen Parlaments zu einem
Offensivkrieg gegen den Irak treibt aber auch die türkische Armee
selbst ihre militärischen Vorbereitungen voran. Am Sonntag wurden
Panzer in den Nordirak verlegt, wie der Nachrichtensender NTV
berichtete. Die Panzer seien am Übergang Habur auf Sattelschleppern
über die Grenze gebracht worden.
Der Konvoi hat demnach unter strenger Bewachung von
Sicherheitskräften der Demokratischen Partei Kurdistans die
Kleinstadt Dohuk passiert und einen türkischen Stützpunkt auf
nordirakischem Gebiet angesteuert. Über die genaue Zahl der Panzer
machte der Sender keine Angaben.
Die Türkei hatte in den vergangenen Tagen rund 500
Militärfahrzeuge, Panzer und anderes militärisches Gerät an die
Grenze zum Irak verlegt. Der türkische Generalstab bezeichnete den
Aufmarsch als Vorsorgemaßnahme.

schrieb am 09.03.03 23:47:56
Im Land der Höllenangst
Islamisten terrorisieren Gebiete der Kurden im Nordirak. Sie kommen
nachts aus den Bergen und metzeln ihre Opfer nieder. Unterstützt
werden sie von al-Qaida – behaupten kurdische Offiziere
Von Bruno Schirra
Am 4. Dezember 2002 im Nord-Irak, an der Grenze zum Iran, sieht ein
Junge zu, wie sein gleichaltriger Freund, von Männern umringt, auf
Knien um sein Leben bittet. „Mein Freund weinte und flehte: ,Im
Namen Allahs, tötet mich nicht‘.“ Die Männer lachten, zapften aus
einem Landrover Benzin ab, gossen es über den Freund. Dann zündeten
sie ihn an. Sie sahen zu, wie er verbrannte. Schließlich schoss ihm
einer eine Kugel in den Kopf.
„Hast du geweint?“
„Du hast das alles so gesehen?“
„Ja.“
Montag, in den Bergen nahe Halabdscha
Es ist kalt, die Nacht totenstill. Dyari Mohammad sitzt in seinem
Unterstand aus Lehm, Steinen und Dung. Er starrt in die Dunkelheit.
Sein Kopf ist mit einem schwarzen Tuch vermummt, das nur die Augen
frei lässt. Sein Oberkörper steckt in einem zerschlissenen, dick
wattierten Armeeparka. An seinem Gürtel baumeln zwei Handgranaten,
in den Taschen stecken drei Reservemagazine. Dyari Mohammad hat
Angst, Höllenangst.
Im Norden des Irak hat der Krieg längst angefangen. Kurden kämpfen
gegen Islamisten, die sich in den Bergen verschanzt haben und
nachts die Stellungen der kurdischen Peshmerga angreifen. Dyari ist
ein kurdischer Kämpfer, ein Peshmerga-Soldat der Patriotischen
Union Kurdistans (PUK). „Peshmerga bedeutet: Die den Tod nicht
fürchten“, sagt er. Er hat es den Tag über schon oft gesagt. 18
Jahre ist der Junge jetzt. Er erzählt, dass er sein ganzes Leben
lang davon geträumt hat, Peshmerga zu sein.
Draußen vor dem Unterstand hat der Nieselregen das Gelände in eine
rutschige Schlammwüste verwandelt. Der junge Peshmerga hält sich an
seiner Kalaschnikow fest, starrt hinaus und schweigt.
„Siehst du etwas?“, frage ich ihn.
Statt zu antworten, sagt er: „Ich fürchte den Tod nicht.“ Seine
Stimme ist brüchig. Er zittert am ganzen Körper. Dort draußen
müssen sie sein. Vermutlich nur wenige hundert Meter entfernt. Die
Männer, die seinen Freund Saban bei lebendigem Leibe verbrannt
haben. Die „Männer Gottes“, die Kämpfer von Ansar-e Islam.
Am Tag zuvor hatte mich der Peshmerga-Kommandant der Patriotischen
Union Kurdistans (PUK) im Hotel in Suleimanija angerufen und
vorgeschlagen, an die Frontlinie zu kommen, wo sich
Ansar-e-Islam-Kämpfer und Peshmerga-Einheiten gegenüberstehen.
Voraussetzung: Man muss die PUK schriftlich von jeder Verantwortung
entbinden.
Die Reise von Suleimanija nach Halabdscha, von wo der Kommandant
angerufen hatte, führte eineinhalb Stunden über Schlammwege an
armseligen Dörfern vorbei. Hier und da waren auf den Dächern der
verlehmten Ziegelhäuser Satellitenschüsseln montiert, in Teestuben
saßen Männer, rauchten und tranken Tee, neben sich alte
Kalaschnikows griffbereit.
Zwanzig Kilometer vor der Stadt beharrte der Fahrer darauf, direkt
hinter einem weiteren PUK-Checkpoint in einen schlammigen Lehmpfad
einzubiegen. Es war der Ort, an dem am 7. Februar Ansar-Kämpfer
einen General der PUK in einen Hinterhalt lockten. Der General und
fünf seiner Begleiter wurden getötet. Die Täter entkamen.
Der Weg, der nur vom Militär benutzt wird, sei sicherer als die
parallel laufende „Hauptstraße“, behauptete der Fahrer. Dort sei
die Gefahr zu groß, unter Granaten- und Mörserbeschuss von
Ansar-e-Islam-Kriegern zu geraten.
In der Kommandantur in Halabdscha zeigte Burham Said Sofi,
stellvertretender Befehlshaber der Peshmerga, auf einer
Militärkarte die gegnerischen Stellungen. „Ohne die Hilfe der
Amerikaner können wir Ansar-e Islam nicht vernichten. Wir kommen
nicht in ihr Gebiet.“ Die Islamisten haben den einzigen Zugang in
ihr Territorium mit einem dreifachen Sperrgürtel aus Minen und
Sprengfallen gesperrt. „Wir brauchen amerikanische Kampfflugzeuge
und Helikopter, die uns den Weg frei bomben“, sagte Said Sofi.
„Auch amerikanische Truppen?“
Er zuckte mit den Schultern: „Wir nehmen jede Hilfe, die wir
bekommen.“
Die Hilfe ist schon unterwegs. Amerikanische Special Forces, Navy
Seals und Delta-Force-Kommandos sind in das von Ansar-e Islam
beherrschte Gebiet eingesickert. Sie bereiten den Angriff vor. Auf
dem Weg nach Halabdscha war ein Humvee-Wagen mit zwei Männern zu
sehen. Die Special Forces bevorzugen diese Humvees. Andere
Journalisten haben leidvoll erfahren, dass die Special Forces
unerkannt bleiben wollen. Einem New York Times-Reporter, der sie
fotografiert hat, wurde unsanft der Chip aus der Kamera
entnommen.
„Wann werden die Amerikaner Ihnen helfen gegen Ansar-e Islam?“,
fragte ich. „Bald ist das Problem gelöst. Wenn der Krieg richtig
losgeht, können es sich die Amerikaner nicht leisten, in ihrem
Rücken 1000 Islamisten zu haben, die chemische Kampfstoffe
einsetzen können.“
Im vergangenen Jahr hat Said Sofi mehr als 350 Männer im Kampf
gegen Ansar-e Islam verloren. „Ansar-e Islam ist bestens
ausgerüstet“, sagte Said Sofi. „Sie bekommen Waffen aus dem Iran
und von Saddam Hussein: Kalaschnikows, Minen, Mörser und Granten
bis zum Kaliber 120 Millimeter.“
Said Sofi forderte einen Trupp Peshmerga-Kämpfer an. Sie sollten
den Konvoi zur Front begleiten. Dann legte sich Said Sofi fest:
„Ansar-e Islam hat das gleiche Programm wie die Taliban, und ihre
Ideologie ist die von Osama bin Laden“, erklärte der Kommandant.
„Ansar-e Islam ist al-Qaida.“
100 bis 150 arabische und afghanische Mudschaheddin trieben sich in
der Bergregion von Ansar-e Islam herum. Vor dem 11. September 2001
und auch nachher seien sie ungehindert durch den Iran nach
Kurdistan eingeschleust worden. „Es gibt keine besseren
Guerrilla-Kämpfer als Osama bin Ladens Dschihadis“, sagte Said
Sofi. „Keine besseren und keine grausameren. Ihre Religion ist
nicht der Islam, ihre Religion ist der Terror.“
Das hat er am Mittag erklärt, und dann sind unter lautem Hupen
seine Soldaten mit uns an die Front gefahren. Jetzt ist es Nacht,
und seit einer Stunde werden die Stellungen der PUK aus dreihundert
Meter Entfernung beschossen. Mit schrillem Pfeifen schlagen
Mörsergranaten und Kugeln aus automatischen Gewehren um die
Unterstände herum ein. Die Gewehrkugeln lassen kleine Lehmklumpen
aufspritzen. Die Peshmerga feuern zurück. Der Zufall schützt in
dieser Nacht die Menschen auf beiden Seiten. „Ich bin Muslim, ich
glaube an Gott, werde immer an meinen Gott glauben“, sagt jetzt
Dyari, der Junge, dessen Freund sie hinrichteten, „aber deren Gott
ist nicht meiner, deren Religion nicht meine.“
In den Unterständen und Bunkern auf den beiden Hügeln nahe der
kleinen Ortschaft Tapa Kapa kauerten in jener Nacht, der Nacht zum
4. Dezember 2002, nur wenige Peshmerga. Viele ihrer Kameraden
hatten Fronturlaub. Es war der Tag vor Id al Fidr, dem Festtag am
Ende des heiligen Fastenmonats Ramadan, in dem es Muslimen verboten
ist zu kämpfen. Der Angriff der „Krieger Gottes“ überraschte die
Peshmerga im Schlaf, um 4.20 Uhr am Morgen. Nach knapp drei Stunden
war er vorbei. Es war ein klarer Wintermorgen, und die Berge rund
um Halabdscha glänzten im strahlenden Weiß. Die „Streiter Gottes“
trieben 24 überlebende Peshmerga an den Rand der Straße, die von
Khurmal nach Halabdscha führt. Dort lagen bereits 28 im nächtlichen
Kampf getötete PUK-Kämpfer nebeneinander aufgereiht. Dann begannen
die Ansar-Kämpfer mit ihrer eigentlichen Arbeit. Die Streiter
Allahs priesen ihren Gott, manche sangen, während sie mehreren
Gefangenen die Kehle durchtrennten. Anderen schlugen sie mit
Macheten den Schädel ein. Nachdem das Töten vorbei war, schnitten
die „Heiligen Krieger“ ihren Opfern Ohren, Nasen und Hände ab. Es
ist ein ritueller Akt – auf diese Weise soll den Opfern die Seele
genommen werden.
So erzählt Dyari die Geschichte von seinem 18-jährigen Freund, der
den Tod nicht fürchtete. „Seit ich gesehen habe, was Ansar macht,
bete ich nicht mehr“, sagt Dyari. „Ich habe Angst, so zu
sterben.“
Der Kampf an jenem 4. Dezember, das Abschlachten der Gefangenen,
ihre Verstümmelung, ist von Ansar-e-Islam-Leuten selbst auf
Video-Filmen dokumentiert worden. Auf ihnen ist zu sehen, dass
nicht nur Kurden, sondern auch Al-Qaida-Kämpfer an dem Massaker
beteiligt waren. Sie gaben Befehle auf Arabisch. Die Videos wurden
von Ansar noch am selben Tag ins Internet gestellt.
Dienstag, in Suleimanija
Vor dem Palace Hotel in Suleimanija plärrt aus Lautsprechern seit
Stunden Marschmusik. Hunderte von Männern strömen vor dem frisch
gelb angestrichenen Gebäude zusammen. Vor dem Eingang stehen schwer
bewaffnete Peshmerga. Sie lächeln freundlich. Die Kurdische
Demokratische Partei (KDP) von Masoud Barzani hat zum ersten Mal
eine Vertretung im Herzen des Herrschaftsgebietes von Jalal
Talabanis’ PUK eröffnet. Ein deutliches Zeichen: Nun soll es vorbei
sein mit dem Bruderkrieg der Kurden untereinander. Auf seinem
Höhepunkt 1996 rief die KDP unter Barzani die Truppen des
verhassten Saddam Hussein ins kurdische Autonomiegebiet, um den
Erzrivalen Talabanis aus Erbil zu vertreiben.
„Wir haben beide katastrophale Fehler gemacht“, weiß General Simko
Dizayii, Mitglied im Generalstab der PUK. „Aber jetzt müssen wir
zusammenhalten, ob wir das wollen oder nicht.“ Sie wollen.
Gemeinsam wollen sie den Krieg der Amerikaner unterstützen.
Vor dem Palace, einem Vier-Sterne-Hotel, ist ein Pick-up-Truck der
Peshmerga vorgefahren. Aus dem aufgeschnittenen Dach ragt der Lauf
eines Maschinengewehrs. Drei alte Kämpfer der PUK patrouillieren
auf und ab. Show oder Notwendigkeit? Das ist schwer einzuschätzen.
„Security – Sicherheit“, wirft eine kurdische Pressefrau lakonisch
hin, „nur zu Ihrer eigenen Sicherheit.“ Es gibt Gerüchte,
Selbstmordattentäter von Ansar-e Islam seien auf dem Weg. Ihr Ziel
sei unter anderem das Palace mit seinen ausländischen Gästen. „Only
for your own security!“, sagt die Pressefrau noch einmal und zeigt
auf die bewaffneten Männer vor der Hoteltür.
Sonst finden Kontrollen nicht statt. Journalisten registrieren
verblüfft, dass es in Kurdistan nahezu keine verschlossenen Türen
gibt. Die Reporter können sich ohne offizielle Begleiter frei
bewegen. Bereitwillig öffnen Polizei und Sicherheitsdienst ihre
Gefängnisse, auf dass die Presseleute vorbeikommen, um mit
inhaftierten irakischen Geheimdienstleuten und mit Al-Qaida-Leuten
zu reden oder um sich mit Dokumenten zu versorgen, die den Kurden
in die Hände gefallen sind.
Die Strategie wird offen zugegeben. „Wir wollen“, sagt die um
unsere Sicherheit besorgte Pressefrau, „dass ihr der Welt erzählt,
wie es hier ist, dass wir seit Jahrzehnten schon in dem Krieg
stehen, den Europa jetzt verhindern will. Aber nur dieser Krieg
wird uns und dem irakischen Volk Frieden bringen.“
Es gibt 150 Zeitungen, Magazine, Wochenzeitungen, 20
Radiostationen, vier TV-Sender in Kurdistan. Kommunistische,
nationalistische, säkulare und streng religiöse. Frei sind sie und
manchmal sogar frech – auch wenn es den feudalen Führern nicht
passt.
Mittwoch, im Basar von Halabdscha und am Checkpoint
Halabdscha ist eine Stadt gebeugter Männer. Nur selten sind Frauen
oder Kinder in den Gassen unterwegs. Wenn man welche sieht, dann
fällt der Blick zuerst auf ihre deformierten Köpfe. Es sind Kinder,
bei deren Anblick man weinen möchte. Kinder, deren Mütter und Väter
vor 15 Jahren dem Gasangriff ausgesetzt waren und überlebt haben.
Die Erinnerung an den 16. März 1988 lässt niemanden los. Es war der
Tag, an dem Saddam Hussein die ganze Stadt vergasen wollte – und
5000 Menschen starben.
Aber auch eine ganz akute Angst lähmt die Bewohner von Halabdscha.
Vor knapp einer Stunde hat sich an einem Checkpoint der PUK am
Stadteingang ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Die
Wucht der Explosion hat den Jeep, mit dem der Mann unterwegs war,
zwanzig Meter durch die Luft gewirbelt, bevor er auf allen vier
Rädern wieder aufsetzte. Auf der Straße lagen die zerfetzten
menschlichen Überreste von vier Kurden. Jedem ist klar, der
Sprengstoff explodierte zu früh. Das Ziel des Attentäters war das
belebte Zentrum von Halabdscha.
Die Ungewissheit verschließt den Männern den Mund. Vor unzähligen
Teestuben stehen Menschen dicht gedrängt. Sie rauchen und trinken,
grüßen und antworten auf Fragen, bis die eine gestellt wird, die
Frage nach Ansar-e Islam. Wie auf Befehl verstummen die Männer und
weichen zurück. Den Peshmerga-Kämpfern ist dies unangenehm. Sie
schieben die Menschen zurück und drängen sie, Fragen zu
beantworten. Doch die Männer von Halabdscha schütteln nur stumm
ihre Köpfe.
„Gehen Sie“, sagt schließlich einer, „gehen Sie schnell weg von
hier.“ Die Stadt sei in ihrer Angst vor Ansar-e Islam gefangen,
raunt uns ein anderer zu. „Ansar hat überall seine Augen und Ohren,
auch hier, und wenn wir mit ausländischen Journalisten reden, dann
werden sie kommen und uns und unsere Frauen und Kinder töten. Sie
schlachten uns. Sie hassen euch, und sie werden euch töten und uns
auch.“ Er läuft schnell davon.
In ihrem Herrschaftsgebiet um Biyara an der iranischen Grenze haben
die Islamisten ein System geschaffen, das wie ein Abziehbild der
Taliban-Herrschaft in Afghanistan wirkt. Frauen dürfen, wenn
überhaupt, nur in Begleitung ihrer Männer und in der Burka verhüllt
auf die Straße, Männer müssen sich Bärte stehen lassen. Musik und
Spiele sind verboten. Flüchtlinge aus dem Gebiet der Ansar-e Islam
berichten, dass auf Befehl der arabischen Mudschaheddin ein weit
verzweigtes Höhlensystem in die Berge getrieben worden sei. Die
Menschen dort nennen es „Little Tora Bora“.
Ansar ist al-Qaida – hatte der PUK-Kommandeur Said Sofi gesagt.
Tatsächlich gibt es Verbindungen. Neben einem Handbuch zur
Bombenherstellung und einer Munitionsinventarliste von al-Qaida
fand ein Reporter der New York Times in einem Al-Qaida-Gästehaus in
Kabul Dokumente des Netzwerkes mit dem Datum 11. August 2001. Auch
sie belegen, dass Ansar-e Islam mit al-Qaida eng verbunden ist. In
den Dokumenten, so die New York Times, fänden sich Namenslisten mit
den Pseudonymen von Afghanistan-Kämpfern. Darunter auch die von
Kurden. Ebenso ein Memorandum der „Irakischen Islamischen Kurdistan
Brigade“ in Afghanistan, in dem kurdische Städte wie Biyara
aufgelistet waren. Die verschiedenen islamistischen Gruppen
Kurdistans wurden demnach aufgefordert, sich zu vereinen und das
Land nach den Regeln der Taliban zu beherrschen. Der Weg dorthin,
zitierte die New York Times aus den Dokumenten, sei der Weg des
Dschihad im Krieg gegen die „Kreuzzügler und Juden“. Er entspricht
der Kriegserklärung von al-Qaida von 1998. „Verjagt diese Juden und
Christen aus Kurdistan und geht den Weg des Dschihad. Beherrsche
jedes Stück Land, das du beherrschst, unter der Herrschaft der
islamischen Scharia.“, heißt es in dem Memorandum der
irakisch-islamischen Kurdistanbrigade.
Am 1. September 2001, zehn Tage vor dem Anschlag auf die Twin
Towers und das Pentagon, kam eine ganze Al-Qaida-Truppe über den
Iran in das Gebiet um Biyara. Führer aus dem Kreis der 15-köpfigen
Schura, dem Rat von Ansar, waren zuvor eigens zu Osama bin Laden
gereist, unter ihnen die zurzeit wichtigsten Ansar-Führer in den
Shinerve-Bergen. Zwei Wochen später ging aus der Jund-ul Islam, der
Vereinigung verschiedener islamistischer kurdischer Gruppen,
Ansar-e Islam hervor. Ihr nomineller Führer wurde Najim-al-Din
Faraj Ahmad, besser bekannt unter dem Namen Mullah Krekar.
Mullah Krekar, zurzeit im norwegischen Exil, bestreitet in
Interviews jede Verbindung von Ansar-e Islam zu al-Qaida. Er sei,
so berichtet die New York Times, schon in den achtziger Jahren in
Afghanistan und Pakistan Schüler von Abdullah Azzam, dem Gründer
und Vordenker von al-Qaida gewesen. Über dessen Zögling Osama bin
Laden spricht der kurdische Mullah im Exil mit Verehrung. Bin Laden
sei „das Juwel in der Krone des Islam“, so Krekar im Spiegel.
Suleimanija, in Remy’s Nachtclub
Mitternacht in Suleimanija – im Remy’s Club drängen sich
UN-Mitarbeiter, junge Kurden und Journalisten an die Bar. Jemand
hat Geburtstag, aus dem Lautsprecher dröhnt Stairway to Heaven von
Led Zeppelin. Die Lautstärke ist so hoch wie der Alkoholpegel der
Besucher. Es stinkt nach kaltem Zigarettenrauch, teurem Whisky und
schlechtem Parfum. Remy’s Club liegt direkt neben dem örtlichen
Hauptquartier der UN. Das macht Sinn. Die UN-Mitarbeiter sind die
besten Kunden.
Am Mittag ist in einem zerschossenen Haus eine Ausstellung eröffnet
worden. Bevor die Panzergranaten einschlugen, hatten hier – bis
1991 – Saddam Husseins Geheimdienste ihr Hauptquartier. Hier wurde
gefoltert und getötet. Dies war eine der Zentralen, in denen die
Planungen für den Massenmord an den Kurden reiften. Nach Angaben
der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sind rund 100000
Menschen den Gräueltaten Ende der achtziger Jahre zum Opfer
gefallen. „Jede Familie in Kurdistan“, sagt der kurdische Minister
für Menschenrechte Salah Rashid, „hat mindestens einen Sohn, eine
Tochter oder Vater oder Mutter verloren.“ Die Kurden nennen eine
Zahl von 150000 bis 200000 Toten.
Und jetzt stehen bei Schneeregen fröstelnd Hunderte Männer und
Frauen, Journalisten und Politiker im Hof der ehemaligen
Terrorzentrale herum und warten. Sie warten auf Ann Clwyd, eine
englische Parlamentsabgeordnete. Die Labour-Politikerin hat die
Ausstellung mit organisiert. Als die Abgeordnete eintrifft, setzt
sich die Besucherschar schweigend in Bewegung und zieht durch die
Flure der einstigen Folterwerkstatt. Vorbei an Mauern, an denen
Fotos hängen. Bild um Bild – Erinnerung an das Sterben, die Flucht
und die Vertreibung der Kurden durch das Regime von Saddam Hussein.
Bilder von Opfern und Bilder von Tätern. Eines zeigt drei Männer.
Sie sitzen auf ihren Fersen, lächeln schelmisch. Einer schaut
direkt in die Kamera, hebt die Hand zum Victory-Zeichen. In seiner
anderen Hand hält er den abgeschnittenen Kopf eines kurdischen
Jungen. Unter den monotonen Klängen der Klagemusik fragt jemand die
Engländerin, wie sie sich hier fühle. Sie erstarrt, schaut
fassungslos hoch, fängt an zu weinen, heult und heult. Später wird
sie in die Mikrofone sagen: „Das einzige Mittel, dies in der
Zukunft zu verhindern, ist Krieg – Krieg gegen Saddam.“
In Remy’s Bar reden sie bis spät in die Nacht mit der angestrengten
Ernsthaftigkeit von Leuten, die viel getrunken haben.
UN-Mitarbeiter, die für den Krieg sind, streiten mit Journalisten,
die dagegen sind, und umgekehrt. Die Diskussion wogt hin und her,
es geht um Inspektionen, Gas, Völkerrecht und Erstschlag. „Wie kann
man gegen diesen Krieg sein“, stöhnt ein UN-Mann, „wenn man diese
Bilder gesehen hat?“ – „Aber wie kann man für diesen Krieg sein,
wenn man weiß, wie viele Zivilisten verrecken werden?“, hält ein
Journalist dagegen. Die Mitarbeiter der UN wissen, dass sie derzeit
in diesem Teil des Irak nicht wohl gelitten sind.
Samstag, im Gefängnis von Suleimanija
Das Gefängnis der kurdischen Geheimpolizei ist ein kleiner
zweistöckiger Bau. Weiß getüncht, mit Türen, die Besuchern offen
stehen. Die Kurden sind stolz auf dieses Gefängnis. Ausländische
Menschenrechtsorganisationen wie Medico international bescheinigen
den örtlichen Behörden, dass sie die Gefangenen gut behandeln.
Keine Rede von Folter. „Überzeugen Sie sich davon!“, schlägt ein
Mitarbeiter des Geheimdienstes in der Lobby des Palace Hotel vor.
Mit dem Ergebnis, dass die Gefangenen, ob nun islamistische
al-Qaida, kurdischer Ansar-e Islam oder irakischer Geheimdienst,
mittlerweile ganze Stapel an Visitenkarten ausländischer
Journalisten vorweisen können, von New York Times, New Yorker, Los
Angeles Times und Le Monde.
Der 33 Jahre alte Mann mit dem Decknamen Al Shamary ist einer, der
im Besucherraum ruhig und ganz und gar nicht wie einstudiert seine
Geschichte erzählt. Aufpasser sind nicht dabei. Auf dem
Heizstrahler steht eine Kanne Tee, Al Shamary serviert. Sein
richtiger Name sei Haider Al Shmari, sein Beruf: Unteroffizier des
irakischen Geheimdienstes.
„Wie werden Sie hier behandelt?“
„Gut, ich kann nicht klagen“, antwortet er und schaut spöttisch,
als wisse er, welche Frage jetzt kommt.
„Sind Sie gefoltert worden?“
Er lächelt. „Nein, man behandelt uns gut hier.“
Al Shamary registriert die Skepsis, er bietet Details an. Er nennt
den genauen Namen und Ort seines Dienstes in Bagdad, nennt die
Namen seiner Vorgesetzten und zählt detailliert die Stationen
seiner Karriere als Mitglied des Geheimdienstes von Saddams
Schwiegersohn Hussein Kamel auf. Dieser war bis zu seiner Flucht
nach Jordanien 1995 der wichtigste Mann im chemischen und
biologischen Waffenprogramm des Irak. Erst seine Flucht und seine
Hinweise ermöglichten es den UN-Inspektoren, Teile von Saddam
Husseins Massenvernichtungsprogramm zu finden.
Al Shamary will im Auftrag Bagdads den Waffenschmuggel zu Ansar-e
Islam mitgeplant haben. Zwischen September 2001 und dem 6. Juni
2002, als er von der PUK verhaftet wurde, habe er drei Tonnen
Material – Mörsergranaten, Gewehre, TNT, Minen und Munition – aus
Bagdad organisiert. Auf kleinen Pick-up-Trucks verladen, seien die
Waffen ins Ansar-Gebiet geschafft worden. Bei jeder Warenlieferung
seien auch chemische und biologische Substanzen gewesen, die in
einfachen Labors in den Bergen aufbereitet worden seien. Rizin,
Anthrax, Aflatoxin.
„Wo sind diese Laboratorien?“
Al Shamary antwortet, ohne zu zögern. „In Sargat.“
„Das ist der Ort, von dem Colin Powell behauptet hat, dort befände
sich eine chemische Kampfstofffabrik. Wir waren dort, viele
Journalisten, Kamerateams, auch ich, und wir haben nichts
gefunden.“ Al Shamary zuckt mit den Schultern. „Sie glauben
tatsächlich, dass Sie alles gesehen haben? Ansar-e Islam lässt Sie
dort doch nur rein, wenn sie vorher alles vorbereitet haben! Für
wie dumm halten Sie die Afghanis?“
Tatsächlich war beim Pressetermin auf Ansar-e-Islam-Territorium
alles streng kontrolliert. Als einige Journalisten sich abseits des
Geländes, das die Ansar-Kämpfer zur Besichtigung freigegeben
hatten, umschauen wollten, kippte die Stimmung. Die bärtigen
Gastgeber entsicherten ihre Kalaschnikows und trieben die
Journalisten zurück. Ein Bereich in Sargat, der mit Stacheldraht
gesichert war, blieb tabu. An den Drahtverhauen prangten sichtbar
die internationalen Gift-Warnschilder.
„Die chemischen Waffen, die Laboratorien, die Orte, an denen mit
Kampfstoffen an Hunden und anderen Tieren experimentiert wird,
werden alle von den arabischen Afghanistan-Mudschaheddin
kontrolliert“, sagt Al Shamary. „Sie haben dort oben chemische
Kampfstoffe, und sie haben sie in den vergangenen Monaten an andere
Gruppen weitergegeben.“
Al Shamary antwortet geduldig auf jede Frage während des fast
vierstündigen Gesprächs. Er bietet wieder Tee an, dann kommt er auf
Saddam Hussein zu sprechen und dessen Verbindungen zu al-Qaida.
„Natürlich haben seine Geheimdienste mit al-Qaida kooperiert. Sie
haben gemeinsame Feinde: die USA, Israel, das Saudische Königreich
und die kurdischen Autonomiegebiete. Zwar war Saddam Hussein nie
ein religiöser Mann. Er hat im eigenen Land die Islamisten verfolgt
und getötet. Das hindert ihn nicht daran, Osama bin Laden und
Ansar-e Islam zu unterstützen, auszubilden und bei Bedarf zu
benutzen.“
Der Häftling skizziert ein Zweckbündnis zwischen Saddam Hussein und
al-Qaida. Es habe 1992 begonnen, als Aimann Zawahiri, damals Führer
des ägyptischen Islamischen Dschihad, zum ersten Mal Bagdad
besuchte. Die Geheimdienste Saddam Husseins hätten zwischen 1994
und 1995 mit Vertretern von al-Qaida im Sudan zusammengearbeitet,
dort die Kader des Netzwerkes trainiert. Nach der Vertreibung von
bin Laden aus dem Sudan seien vor allem seit 1998 in mehreren
Trainingslagern im Irak Al-Qaida-Kämpfer von Spezialisten der
Einheit 999, einer Elitetruppe des irakischen Diktators,
ausgebildet worden. Der wichtigste Verbindungsmann Saddam Husseins
zu al-Qaida sei seit 1995 ein Mann namens Abu Wael. Al Shamary
beschreibt ihn als einen 65 Jahre alten Major des irakischen
Geheimdienstes.
Sonntag, im Gefängnis von Suleimanija
„Reden Sie mit Kaiis Ibrahim Kadir“, hat der kurdische
Geheimdienstoffizier vorgeschlagen, als er einen weiteren Besuch im
Gefängnis anregte. Durch die Tür zum Besucherraum tritt ein
schmächtiger junger Mann mit langem schwar-zem Bart. Er grüßt mit
dem muslimischen Salam aleikum, sieht die ausgestreckte Hand: „Sind
Sie Muslim?“, fragt er.
„Nein.“
„Dann sind Sie unrein. Ich beschmutze mich nicht dadurch, dass ich
Ihnen die Hand gebe.“
Ibrahim Kadir ist 27 Jahre alt, ein Kurde aus Erbil. „Sind Sie
bereit, ein Märtyrer zu werden?“, will ich von ihm wissen.
Da reckt er sich auf seinem Stuhl auf, die Augen sprühen. „Ich war
es, ich bin es, ich werde es immer sein!“
Ibrahim Kadir hat im April 2002 zusammen mit vier anderen
Ansar-e-Islam-Kämpfern versucht, den kurdischen Premierminster
Bahram Salih vor seinem Haus in Suleimanija zu töten. Der Anschlag
misslang, fünf Leibwächter des Politikers und die anderen vier
Angreifer starben. Auftraggeber des Anschlages war, sagt Ibrahim
Kadir, ein Mann namens Qodama. Bei seinen Verhören durch den
kurdischen Geheimdienst wurden ihm die Bilder mehrerer Männer
vorgelegt, Kadir identifizierte Kaduma auf Anhieb. Der Mann auf dem
Bild, auf das Kadir zeigte, nennt sich auch Abu Mussa Zarkawi. Er
ist ein hochrangiges Al-Qaida-Mitglied.
„Zarkawi arbeitet mit dem irakischen Geheimdienst zusammen, ist er
auch Al-Qaida-Mitglied?“
Ibrahim Kadir wehrt ab. „Ich bin ein Anhänger von al-Qaida, ich bin
Mitglied von al-Qaida, und ich sage Ihnen, niemals würde al-Qaida
mit Saddam Hussein zusammenarbeiten.“
Bevor Kaiis Ibrahim Kadir im Januar 2002 zu Ansar-e Islam in die
Berge gegangen war, betätigte er sich als Kurier im Auftrag von
al-Qaida. Er reiste nach Syrien, Jordanien und in den Jemen. Der
Weg führte ihn auch für einige Wochen nach Bagdad.
„Was haben Sie dort gemacht, wie haben Sie das finanziert?“
Kadir lächelt sein immer gleiches, sanftes Lächeln. „Sie müssen
wissen, ich bin bereit, mit Ihnen zu reden. Ich sage Ihnen vieles,
aber nicht alles. Ich habe nicht mit Saddam zusammengearbeitet. Und
Geld ist nie ein Problem.“ Seine Reise führt ihn weiter nach Amman
zu Gesprächen mit Hamas und Vertretern des Palästinensischen
Dschihad.
„Haben Sie über eine Zusammenarbeit mit beiden Gruppen
gesprochen?“
Er verneint, man habe eben geredet. Dann nennt er Namen. Khaled
Michal, Hamasvertreter, sowie Abu Mohammad Mekdessi.
„Wer ist das?“
Kaiis Ibrahim Kadir grinst zum ersten Mal spöttisch. „Sie müssen
wirklich hinnehmen, dass ich Ihnen nicht alles sagen werde.“
„Belügen Sie mich?“
„Nein, ich sage Ihnen nicht alles, aber belügen werde ich Sie
nicht.“
Es ist spät geworden, Ibrahim Kadir steht auf. Ein heiliger Krieger
Gottes, sanft, ruhig, ein gebildeter Mann. Er verabschiedet sich.
Die angebotene Hand übersieht er. In der Tür dreht er sich um. „Wir
sind im Krieg miteinander“, sagt er, „Ihre Welt und meine, Sie und
ich.“
„Im Krieg wird getötet. Heißt das, Sie würden mich töten, wenn Sie
könnten? Ich habe Ihnen nichts getan.“
„Nein, Sie haben mir nichts getan, ich habe nichts gegen Sie
persönlich. Ja, ich würde Sie töten, wenn ich könnte. Sie stehen
für das, was die Muslime vernichten will.“ Der Dolmetscher
übersetzt, zieht die Augenbrauen hoch.
„Ich kämpfe nicht gegen Sie. Ich bin Zivilist. Ihr Glaube verbietet
Ihnen doch, unschuldige Zivilisten zu töten.“
„Sie sind Teil des Systems“, fährt Kadir fort. „Auch wenn Sie
Zivilist sind. Ich würde Sie als Gefangenen nehmen, um Sie gegen
unsere Gefangenen auszutauschen. Wenn das nicht ginge, würde ich
Sie töten.“
„Wie würden Sie mich töten, so wie ihre Brüder von Ansar-e Islam
die Peshmerga-Kämpfer am 4. Dezember 2002 geschlachtet haben?“
„Sie taten dies, und wir sind stolz darauf“, sagt Kaiis Ibrahim
Kadir. Er lächelt dabei milde.
Montag, in den Hügeln bei Halabdscha
Erstaunlich, was einem in diesen Tagen in den Bergen Kurdistans
widerfahren kann. Man trifft dort auf Krieger Gottes, Freunde von
Osama bin Laden, die einen höflich nach der Visitenkarte fragen,
bevor sie die eigene überreichen. Auf der dann beispielsweise als
Beruf „Consultant“ vermerkt ist. So ist es auch bei einem Mann, der
Mustafa heißt. Alt und grau, aber mit einem Händedruck, der Knochen
zerbrechen kann. Ein in sich ruhender Mensch, der sagt, dass er
bereit sei für den Tag, an dem Mullah Ali Bapir ihm den Befehl
gibt, ein Märtyrer zu werden.
„Sie würden sich in die Luft jagen?“
Der 56 Jahre alte Mustafa streicht sich bedächtig durch den
schneeweißen Bart. Er nickt nur mit dem Kopf.
„Gegen wen werden Sie sich als menschliche Bombe wenden?“
Mustafa schaut auf: „Gegen die Amerikaner natürlich, wenn sie
kommen, und sie werden kommen.“
Das Treffen mit Mustafa und Mullah Ali Bapir war lange geplant
worden. Bewaffnete Krieger hatten hinter einem Checkpoint der PUK
am Fuß der Berge auf uns gewartet. Es folgte eine schweigsame Fahrt
durch das Gebiet von Mullah Ali Bapir, dem Führer und spirituellen
Kopf der Islamischen Gruppe Kurdistans. Kein Peshmerga der PUK
betritt das Gebiet von Mullah Bapir. Ali Bapir hat enge Beziehungen
zu Ansar-e Islam. Seine bewaffneten Krieger, 2000 Mann, stehen
Gewehr bei Fuß.
Ali Bapir residiert in einer Bergfestung, unweit von Khormal, einem
Ort mit vielleicht 5000 Einwohnern. Dutzende schwer bewaffneter
Krieger bewachen sie. Von hier aus ist das Hügelland bei Sargat, wo
Ansar seine Laboratorien versteckt haben soll, mit bloßem Auge zu
erkennen. Das Quartier im Berg ist bestens ausgestattet, Computer,
Internet-Zugang, Satellitenanlagen. Der 42 Jahre alte Mullah Bapir
zeigt alles stolz, dann eröffnet er das Gespräch: „Die Kämpfer von
Ansar-e Islam sind unsere Brüder“, sagt er, „wir haben dasselbe
Ziel. Im Geiste und im Glauben.“
„Auch im Handeln?“
Der Mullah wiegt seinen Kopf hin und her. „Unsere Feinde sind
dieselben, die, die den Islam verraten, und die, die ihn
bekämpfen.“
„Sind das aus Ihrer Sicht die Amerikaner?“
Neben Bapir sitzt ein groß gewachsener Mann, dessen hageres Gesicht
von einem pechschwarzen, kurz geschnittenen Bart umrahmt wird. Er
trägt auf seinem Kopf eine schwarze Mütze, er ist es, der jetzt
antwortet. „Die Amerikaner sind eingeladen, sie sollen nur kommen.
Sie haben es bis heute nicht in Afghanistan geschafft, al-Qaida in
den Bergen zu besiegen. Unsere Berge hier sind die gleichen wie die
Berge in Afghanistan.“ Die Männer um ihn herum nicken ruhig und
stolz mit den Köpfen.
„Was ist in Sargat? Haben Sie, hat Ansar-e Islam dort in
Laboratorien mit chemischen und biologischen Substanzen
gearbeitet?“
Mullah Ali Bapir lässt sich mit der Antwort Zeit. „Es gibt in
Sargat keine Fabriken für chemische Waffen, wie das Colin Powell
behauptet hat. Sie waren dort, haben Sie irgendetwas gefilmt, das
wie eine Fabrik aussieht?“
„Nicht Fabrikanlagen. Haben Sie dort Labors, sind dort chemische
Kampfstoffe? Etwa in dem Areal, das von Stacheldraht umzäunt ist,
an dem die Warnschilder mit dem Totenkopf hängen.“
Mullah Ali Bapir steht auf. Es ist Zeit zu beten. „Gehen Sie hin,
schauen Sie nach“, sagt er noch. „Was geschieht, wenn wir das
tun?“
Mullah Ali Bapir antwortet nicht mehr. Er betet nun. „Dann sind Sie
tot“, sagt der „Consultant“ Mustafa und begleitet die Besucher zur
Tür. Jemand drückt mir zwei CD-ROMs in die Hand. Die Krieger von
Mullah Ali Bapir verabschieden sich freundlich, wünschen für den
Weg Gottes Frieden.
Nacht auf Dienstag, Palace Hotel, Suleimanija
Der Computer läuft. Die CD-ROMs wurden geöffnet. Auf dem Monitor
erscheinen die Bilder des Massakers am 4. Dezember, der Nacht, in
der Dyari Mohammad sieht, wie sein Freund um sein Leben fleht. Auf
der Ladefläche eines Pick-up-Trucks kniet ein
Ansar-e-Islam-Kämpfer. Vor ihm auf der Straße liegen die Leiber der
Geschlachteten.
Er lächelt. Es ist der groß gewachsene Mann, der neben Ali Bapir
saß.
schrieb am 09.03.03 23:20:14
Starr vor Angst
Das lange Gezerre um den Irak hat einen Nebeneffekt: Es ermöglichte
die erste kinderpsychologische Vorkriegsstudie
Von Frank Drieschner
Vielleicht wird der Krieg gar nicht so schlimm. Wenn die Bomber
kommen, sagt ein kleines Mädchen, wird ihre Schwester ihr die
Bettdecke über den Kopf ziehen, dann kann nichts passieren. Eine
andere fühlt sich geschützt, weil ihr Bruder in seinem Zimmer ein
Messer hat – zwei Aussagen aus Gesprächen norwegischer Psychologen
mit kleinen Kindern in der irakischen Hauptstadt Bagdad und dem
weiter südlich gelegenen Basra.
O wunderbare Welt der modernen Kriegsführung! Intelligente Waffen,
fertig vorbereitete Flüchtlingslager, und ehe die erste Bombe
fällt, schicken die Hilfsorganisationen schon ihre Seelenärzte aufs
künftige Schlachtfeld. Im Fall des Irak hatte das diplomatische
Gezerre der letzten Monate den Helfern reichlich Zeit verschafft,
ein Umstand, dem die Welt nun „die erste psychologische
Vorkriegs-Feldstudie aller Zeiten mit Kindern“ verdankt, wie die
Autoren stolz vermelden .
Die Kinderpsychologen Atle Dyregrov und Magne Raundalen haben die
Folgen des Krieges in aller Welt studiert, auf dem Balkan, in
Afrika, auch im Irak. Schon vor gut elf Jahren hatten sie als
Teilnehmer des International Study Team eine beeindruckende
Bestandsaufnahme der Auswirkungen des Golfkriegs zusammengetragen.
Jetzt haben sie eine knappe, fast trockene, aber nichtsdestotrotz
eindringliche Beschreibung eines Phänomens vorgelegt, das man einen
Kollateralschaden der amerikanischen Drohkulisse nennen könnte.
Interviews mit 85 Kindern aller Altersgruppen und 232 Fragebögen
von Schülern zwischen 10 und 16 Jahren ergeben ein deprimierendes
Bild: Der Aufmarsch der „Koalition der Willigen“ hat viele von
ihnen in einem Maße eingeschüchtert, das um ihre geistige
Gesundheit fürchten lässt.
Nun ist der Krieg eine durchaus realistische Bedrohung – „Tausende,
wahrscheinlich Zehntausende und möglicherweise Hunderttausende“ von
irakischen Kindern werden in den kommenden Monaten ihr Leben
verlieren, schätzt das Study Team. So gesehen ist Angst eine
verständliche und keinesfalls ungesunde Reaktion. Die Kinder aber,
die Dyregrov und Raundalen in Bagdad und Basra antrafen, waren
nicht bloß verängstigt. Sie waren erschöpft, resigniert, depressiv,
tagsüber verfolgt von Gedanken, die sie nicht denken wollen
(häufig, sagen 43 Prozent), nachts geplagt von Albträumen (fast
ständig, sagen 38 Prozent) und unfähig, die ungeheure Drohung, die
über ihnen schwebt, emotional zu verarbeiten. In den Worten des
neunjährigen Hama: „Oft fühle ich nichts, gar nichts.“ Dass das
Leben gegenwärtig nicht lebenswert sei, finden 17Prozent manchmal
und 37 Prozent meist.
Man mag bezweifeln, dass dieser Befund allein der Angst vor dem
kommenden Krieg zuzuschreiben ist. Kriege, Aufstände und die
UN-Sanktionen haben Unterernährung, Krankheit und frühen Tod im
Irak alltäglich werden lassen, und in Basra, das in der südlichen
Flugverbotszone liegt, hat der Golfkrieg im Grunde nie aufgehört.
Wo Nahrung, Medikamente, Trinkwasser fehlen, da mangelt es auch an
Hoffnung und Trost. „Die mentalen Ressourcen der irakischen Eltern
wurden über einen langen Zeitraum erschöpft, und zusammen mit
anderen negativen Einflüssen könnte das katastrophale Folgen für
die psychische Gesundheit ihrer Kinder haben“, schreiben Raundalen
und Dyregrov.
Doch ein neuer Krieg brächte größere Schrecken in ein Land, dessen
Kinder mehr vom bewaffneten Konflikt wissen, als gut für sie ist.
Schon Vier- und Fünfjährige, stellten die Psychologen fest, haben
einen recht genauen Begriff von der physischen Bedrohung, die von
Gewehren oder Bomben ausgeht: Dass diese Waffen Häuser zerstören,
Brände entfachen, Menschen töten, muss diesen Kindern niemand mehr
beibringen. „Sie kommen von oben, aus der Luft, und werden uns
umbringen und zerstören“, glaubt die fünfjährige Sheima. „Die Luft
wird kalt und heiß sein, und wir werden ganz doll brennen“, gab
Assem, ebenfalls fünf Jahre alt, zu Protokoll. Und längst nicht
alle unter den Kleinsten glauben, unter der Decke einer großen
Schwester Schutz zu finden. „Wir werden alle sterben“ – auch diesen
Satz notierten die Kriegsforscher im Gespräch mit einem Kind im
Vorschulalter.
Unter den Älteren, immerhin, blicken zwei von dreien optimistisch
in die Zukunft. Dennoch werden auch die Schulkinder von Sorgen,
Schlaf- und Konzentrationsstörungen geplagt. Und in ihre Angst
mischt sich Empörung. Dass der nächste Krieg ihrer Befreiung dienen
soll, hat sich in den Kinderzimmern von Bagdad und Basra noch nicht
herumgesprochen. Es gehe ums Öl und darum, die Vorherrschaft des
Westens zu sichern, meinen die Teenager. Dies Urteil, schreiben die
Psychologen, sei nicht bloß mechanisch reproduzierte
Regierungspropaganda, sondern die feste Überzeugung ihrer
Interviewpartner. Politisch-religiöse Konzepte wie „die muslimische
Welt“ spielen in ihren Vorstellungen keine Rolle, Kritik an der
politischen Elite ihres Landes allerdings ebenso wenig. Zugleich
offenbaren viele dieser Kinder, die doch von den
Glaubwürdigkeitsproblemen einer Supermacht wenig wissen, einen
bemerkenswerten Realitätssinn. Der Krieg ist für sie beschlossene
Sache.
schrieb am 09.03.03 22:44:01
schrieb am 09.03.03 17:27:17
# 19
meine zustimmung.
vor allem zu deinen 2 letzten sätzen.
schrieb am 09.03.03 17:13:07
Ist mir auch alles irgendwie unbegreiflich.
Begreiflich wird es nur einigermaßen, wenn man sich klar vor Augen
hält:
1. In Deutschland tat man sich immer schon schwer "Bürgern"
Mitbestimmung..Rechte einzuräumen. Bis heute haben wir wohl eines
der besten Systeme der letzten hundert Jahre, aber immer noch ein
System, das den Bürger
de facto entmachtet hat!
2. Amerika war meiner Meinung nach schon immer ein
"Eroberungsstaat"!
Die Hawaiianer wurden abgeschlachtet, Porto-Rico einverleibt,
dutzende asiatischer Staaten geknechtet und die Kultur
zerstört!
Ohne Krieg, Mord und Totschlag kann dieses Volk nicht leben. Macht
man in den Staaten, egal wo und wann..denn Fernseher an, knallts
"live" an jeder Ecke. Seit Jahren!
Eine kaputte Wirtschaft..millionen Arbeitslose....keine Ressourcen
im Land und alles, rein alles militarisiert.
Geblendet von einem in der Wirklichkeit nicht vorhandenen Reichtum
suchten viele Konzerne "Schutz" und noch mehr "Gewinne" in einem
Land, das schon seit der Nachkriegszeit nur auf Pump lebt!
"Gewinne" wurden von den großen US-Konzernen seit Jahren lediglich
dazugekauft, das war schon alles.
Oder es wurden die vielfälltigen Geheimdienste eingeschaltet um
Patente und Erfindungen regelrecht zu klauen!
Sogar ganze Staaten verschrieben sich dieser "Politik", und würde
man es irgendwie bewerkstelligen können, das eigene Land irgendwie
nach Amerika zu "transportieren", hätte man es schon längst
getan!
Ganz obenan da England, Polen und Italien!
Amerika wird seine schlimmste Niederlage der Geschichte hinnehmen
müssen, eine Niederlage des Vertrauensverlustes, ein irreparabler
Schaden.
Die Welt sieht kurioserweise die USA jetzt erstmals so, wie sie
schon immer waren: Als agressiver skrupelloser Agressor!
schrieb am 09.03.03 16:48:35
So wie es aussieht, ist der Mensch einer dieser sonderbaren
Lebensformen, die jenseits von puren Instinkten zu bewußten
Entscheidungen fähig sind. Rein thoretisch zumindest: angeblich
soll ja sogar in der Wahlkabine der Affe in uns sein Kreuzchen
machen....
Ich will mal die Hypothese wagen, daß wir einen Höhepunkt der
gesamten Zivilisation entgegenstreben. Wer seinen Blickwinkel
erhöht und nicht nur in Monaten oder Jahrzehnten denkt, wird die
rasante Entwicklung sofort erkennen.
Und die Möglichkeit einer überfälligen Kurskorrektur.
Wer voll auf der Höhe des Zivilisiations-Booms in eine
20-century-Inkarnation invsetiert hat, hat Einiges zu verlieren.
Jetzt werden die karmatechnischen Untertützungslinien
angetestet.
Die gute Nachricht:
Der Wasserstoffvorrat der Sonne hält noch ein Weilchen,
schätzungsweise 5 Milliarden Jahre. Genug Zeit, um das eine oder
andere Zivilisationsmodell zu entwickeln und ausgiebig zu
testen.
Die schlechte Nachricht:
Einige können nicht abwarten, bis sich unsere Sonne als Roter Riese
verabschiedet und die Erde in ein kosmisches Feuer hüllt.
c.u.
E.Carver
schrieb am 09.03.03 15:57:44
#16: das befürchte ich auch. Oder besser: es wird und muss so
kommen.
MM
schrieb am 09.03.03 15:18:22
@ElliottCarver schreibt,
die ach so zivilisierte Gesellschaft ist nicht reif fuer das 21
Jahrhundert.
Nach dem anstehendem Gemetzel in Nahost, werden
viele nachreifen.
Wenn dieser zutiefst ungerechte Krieg uns aber auch nicht
aufzuwecken vermag, dann muss es zwangslaeufig einen 3. Weltkrieg
geben.
Wer den ueberlebt, ist gelaeutert, ist erwacht, ist gereift.
Wir haben die Wahl.
schrieb am 09.03.03 14:52:46
Das mit Texas und dem deutschen Pendant "Rheinland-Pfalz" war ernst
gemeint!
Auch in Rheinland-Pfalz werden alle "Fälle" der besonderen Art von
unserem Staat ""abgehandelt"".....genau so wie man in den USA von
texanischen Gerichten und Bundesbehörden "entscheiden" lässt....
schrieb am 09.03.03 14:50:17
# 13
ich kann mir schwer vorstellen, dass die Amis schon jemals jemanden
aus reiner nächstenliebe geholfen haben.
schrieb am 09.03.03 14:42:13
Wenn man sich in Sachen "Schutz des Irak-GroFaZ´" gegenüber
einer Nation, die uns jahrzehntelang vor den Roten aus dem
Osten
beschützt hat (und uns von den Braunen mitbefreit hat) so
dilettantisch anstellt
wir unsere rotgrüne Brut, dann darf man sich nicht wundern, wenn es
zu derartigen
Reaktionen der USA uns gegenüber kommt.
Der Irak-GröFaZ muß weg; das ist klar (erkennt bloß nicht
jeder).
Es ist bedauerlich, daß es bei einer kriegerischen
Auseinandersetzung, welche allein der Irak-GröFaZ zu verantworten
hätte, amerilanische Soldaten wir auch irakische Zivilisten
umkämen. Das relativiert sich aber, wenn man berücksichtigt, daß
mit dem GRÖFaZ-Strurz
zukünftig eine weit höhere Anzahl Opfer durch GröFaZ-Terror
vermieden wird.
Der hat bekanntlich - das wissen unsere RotgrünFreunde wohl nicht -
in der Vergangenheit Millionen Menschen auf dem Gewissen. Und die
der Erwähnten, die es evtl. wissen, stört es offenbar nicht.
Mahlzeit.
schrieb am 09.03.03 14:33:51
meislo, kennst du das pendant zu Texas?
Rheinland-Pfalz !
schrieb am 09.03.03 14:32:15
Dieser mögliche Krieg wird ausschliesslich wegen der Erdölfelder
geführt denn der Oberfeldführer kommt aus Texas und da kennt man
nur Ölfelder und Todesstrafe
schrieb am 09.03.03 14:28:29
Amerika hat mehr und wird mehr verlieren!
Schon jetzt werden gottseidank US Fresstempel in Großstädten
gemieden wie die Pest!
Europa könnte sich selbst versorgen, wenn es endlich mal einig
wäre!
Und die seit Jahrzehnten gut versorgten und "aufgebauten"
US-Satelliten Staaten wie Schweden, Dänemark, England, Spanien,
Italien und Polen...
Wer braucht die?
Allein was Spanien, Portugal und Italien jährlich an Subventionen
einheimsen, geht auf keine Kuhhaut!
Es wird noch eine Zeit dauern, aber Europa wird und muß sich
"freundschaftlich" von den USA trennen!
Zu schade nur, das selbst kleine Druckereibetriebe ihr "Seelenheil"
oder besser: Ihre Investitionen.. vor Jahren flehend in die USA
brachten und jetzt fast alles, wofür sie Jahre gebraucht haben,
verloren.
Ich habe kein Verständnis für Konzernriesen wie die RWE und andere,
die die Milliarden, in Deutschland den Bürgern aus der Tasche
gezogen....in den USA investierten und jetzt riesige
"Abschreibungen" vor sich sehen!
schrieb am 09.03.03 14:19:00
“Es ist einfacher sich selbst zu belügen“.
Stimmt!
Dank massenhafter Desinformation und einen täglichen Bombardement
von Nachrichten war noch nie so einfach wie heute. Wer diese ganzen
unbequemen Meldungen nicht mehr ertragen kann, der sollte sich den
wirklich existentiellen Fragen widmen. z.B.: Wer wird Deutschlands
Superstar? Oder: Hat David Coulthard den Größeren?
Die ach so zivilisierte Menschheit ist einfach nicht reif für das
21.Jahrhundert. Daß einige wenige kluge Köpfe mit ihren
wissenschaftlichen Erfindungen den technischen Aufbruch ins
Atomzeitalter ermöglicht haben, ändert nichts an der Tatsache. Das
waren Ausnahmetypen. Die Mehrheit bervorzugt simplen Komfort und
die Kontrolle über die Ressourcen, die den Luxus.auch in Zukunft
sichern.
Wenn‘s denn sein muß greift eine Horde entschlossener Wilder schon
mal zum großen Knüppel, um den Rivalen ein bißchen Brennmaterial
abzuluchsen. Man will ja nicht frieren oder schräg angschaut
werden, wenn man wegen teurer Spritpreise seine Luxuskarre
verscherben muß.
c.u.
E.Carver
schrieb am 09.03.03 14:17:05
Im übrigen gibt es die von Dir genannte Seite auch über Franzosen.
Hier der Artikel habe ich auf ariva gefunden
SPIEGEL ONLINE - 07. März 2003, 12:54
URL:
http://www.spiegel.de/netzwelt/politik/0,1518,239013,00.html
Propaganda-Seiten
"Deutschland stinkt"
Von Frank Patalong
Man stelle sich das vor: Die Vereinigten Staaten wollen den Krieg,
und Deutschland und Frankreich gehen einfach nicht hin. Undankbar
finden das viele Amerikaner, und so mehren sich die Rufe nach einem
Boykott von Importwaren - verbreitet über Hetzseiten wie
"germanystinks.com".
Boykottaufruf: Germanystinks kommt semi-satirisch daher, meint es
aber ernst
"Welcome to Germanystinks.com!", steht beim Aufruf der Webseite im
Browserkopf, "USA uber (sic!) alles!".
Damit ist eigentlich schon fast alles gesagt: Germanystinks ist
kein Web-Angebot, das werbend auf die Schönheiten der Lüneburger
Heide verweist, auf die Qualität deutscher Esswaren, die Existenz
von Umlauten oder den angeblichen technischen Vorsprung
teutonischer Autos. Das aber wiederum heißt nicht, dass man nicht
ganz verblüffend viel lernen könnte über all die Angebote, die
deutsche Handels- und Dienstleistungsfirmen in den Vereinigten
Staaten machen. Denn natürlich muss man die erfassen und öffentlich
machen, wenn man zu ihrem Boykott aufrufen will.
Genau das scheint das vornehmliche Ziel des seltsamen Webangebotes
zu sein: Die undankbare "Achse der Wiesel" abzustrafen. Und die
verläuft bekanntlich von Berlin nach Paris, weswegen auch unserem
uns freundschaftlich verbundenen Nachbarland eine Webseite gewidmet
ist, die über ihren Namen darauf verweist, dass es in Frankreich
angeblich weniger gut rieche als im Mutterland der Toleranz und
Meinungsfreiheit.
Die will Amerika gerade mit Panzern in den Irak transportieren,
womit undankbare Regierungen wie die von Frankreich und vor allem
Deutschland nicht so ganz einverstanden sind. Genau das meint
"Yankee Doodle", der Betreiber der Seite, wenn er von "Gestank"
redet: "Es ist der Mief von Kollaboration und Feigheit, den Berlin
und Bonn verströmen, während ein ehemals sozialistischer,
krimineller Außenminister und ein
`Ich-muss-um-jeden-Preis-gewinnen`, Anti-Amerikanismus-schürender
Premierminister das Volk, das wir aus der Asche des Faschismus
wieder aufbauten, unserer Freundschaft und Verzeihung weiter und
weiter entziehen".
Das ist zwar etwas unleserlich, aber ansonsten schon recht klar:
Hier redet einer mit festen Überzeugungen, die sich auf einige
wenige, gut wiederholte Fakten stützen.
Semi-satirisch wird da auf deutschen Essgewohnheiten wie "matschige
Bretzeln" und "überkochtes Sauerkraut" herumgehackt (sowas bekommt
man angeblich auf den bayrischen Oktoberfesten im amerikanischen
Mittelwesten serviert), an alle denkbaren Ressentiments erinnert,
Vorurteile aufgefrischt und auch auf die Seite mit den deutschen
Witzen wird nicht verzichtet. Die brauchen wir Deutschen allerdings
nicht lesen, weil wir sie sowieso nicht verstehen würden: Deutsche
haben, wie dem Seitenbetreiber Hunderte von E-Mails beweisen,
bekanntlich keinen Humor. Sonst würden sie ja auch begriffen, dass
es keine Ignoranz seinerseits, sondern eben ein Witz ist, dass der
einzig eingesetzte Artikel immer "das" lautet: "Das News", "Das
Photos", "Das Jokes".
Das ist politische Protestkultur: Demo per Klo
Kleine Geschäfte am Rande: Boykott-T-Shirt, Tassen,Taschen und
mehr
Herzstück der Hetzseite ist ein Boykottaufruf gegen Produkte "Made
in Germany": Weine, Autos, Versicherungen etc. Germanystinks,
respektive Francestinks organisierten darum die "Great American
`Tea` Party 2003".
Am 4. März, berichtet Germanystinks, sollen angeblich rund 34
Prozent der amerikanischen Haushalte im Protest gegen die feige,
undankbare Haltung von Deutschland und Frankreich gegen Mitternacht
ihre Klospülung betätigt haben. Mit in den Orkus gingen dabei - dem
Aufruf zufolge - deutsche respektive französische Konsumgüter. Die
exorbitant hohe Zahl der Haushalte, die an dem Event (der von den
US-Medien aus ungeklärten Gründen nicht bemerkt wurde) teilnahmen -
der Prozentsatz entspricht etwa dem der vehementen
Kriegsbefürworter in den USA - wurde angeblich durch die
Beobachtung von Druckschwankungen durch die Wasserversorger
gemessen.
Zu denen gehört auch das RWE, das gerade erst für 4,6 Milliarden
Dollar American Water Works Co. erstand. Gegen diesen Deal,
berichtete Anfang der Woche die "Businessweek", gab es kaum
Widerstand, bis in der Endphase der Verhandlungen plötzlich
Umweltschutz- und Verbraucherverbände überraschenden Zulauf
erlebten.
Der Gegenwind, mutmaßt das Wirtschaftsblatt, könnte durch gezielt
platzierte Statements zahlreicher US-Politiker der zweiten Reihe
befruchtet worden sein. Deren Botschaft ist immer dieselbe:
Boykottiert Frankreich und Deutschland und alle mit ihnen
verbundenen Firmen.
Das, analysiert die "Businessweek" treffend, sei zwar kompletter
"Balderdash" - völliger Blödsinn also -, in seinen Effekten
inzwischen aber spürbar: Nicht nur RWE habe in den letzten Wochen
einiges an Gegenwind erlebt, sondern etwa auch der Rüstungskonzern
Krauss-Maffei Wegmann, dessen Auftragsvolumen durch das
US-Verteidigungsministerium ganz unvermittelt geschrumpft sei.
Doch all das gefährde weniger das Exportvolumen der europäischen
"Wiesel-Staaten", als vielmehr die US-Ökonomie: 4,9 Millionen
Arbeitsplätze, rechnet die "Businessweek" vor, hängen direkt vom
Engagement französischer und deutscher Firmen ab. Von nationalen
Konzernen und Produkten zu reden, sei sowieso Blödsinn: Die
Vernetzung amerikanischer mit deutschen und französischen Konzernen
sei so hoch, dass man für einen vollständigen Boykott 25 Prozent
der US-Ökonomie lahm legen müsste.
AP
"Nestbeschmutzer": Die Schauspieler Sean Penn und Susan Sarandon
lässt "Big Boots" per Steckbrief suchen
Rechte Perspektive
Aber Seiten wie Germanystinks geht es ja auch nicht wirklich um
Argumente, sondern ums Prinzip. Der anonyme Betreiber, der vorgibt,
ein Privatmann zu sein, steht auch hinter "Big Boots". Die
penetrant patriotisch gefärbte Seite operiert wie die
"Stink"-Seiten argumentativ ganz hart am rechten Rand des
politischen Spektrums in den USA. Höhepunkt der Seite ist die
Übersicht "Bad Guys", die Steckbriefe diverser "Vaterlandsverräter"
und angeblicher Nestbeschmutzer bietet. Derzeit unter anderem
"Wanted": Susan Sarandon, George Clooney, Barbara Streisand, Julia
Roberts und natürlich Sean Penn.
Die als "liberal" geltenden Hollywood-Größen sind
Vollblut-Patrioten ein Dorn im Auge. Rund 60.000 Internet-Nutzer
unterzeichneten bisher die Online-Petition "Citizens against
Celebrity Pundits", die den renitenten Schauspielern am liebsten
das Maul stopfen würde. Die in trocken-sachlichem Design
daherkommende Seite pflegt eine direkte Sprache: Die
Online-Demonstration gegen einen drohenden Irak-Krieg vom letzten
Mittwoch wird da zur "virtuellen Attacke auf Amerika", jeder
Prominente, der es wagt, Kritik zu äußern, wird zum "Leftist"
stilisiert.
So intolerant das alles wirkt - man sollte germanystinks.com und
Co. nicht überzubewerten: Ja, da gibt es noch die Kampagne
"Boykottiert das feige Frankreich" und die Website "Axis of
Weasels" - doch das war es auch schon fast. Die Betreiber der
Seiten verbleiben im Anonymen, und im Web haben es ihre Ideen
offenbar schwer, Fuß zu fassen. Selbst ihre Linkverzeichnisse
schaffen es kaum, Quellen mit ähnlichen Perspektiven zusammen zu
tragen.
Die Gegenseite zeigt Flagge
Das sieht auf der Gegenseite ganz anders aus: Wer sich bei der
Kampagne "Not in our Name" umsieht, findet nicht nur ein "FAQ" zu
Enstehung und Inhalten, sondern auch eine Übersicht mit den Namen
der Initiatoren. Auch diese Petition kann auf rund 55.000
Unterzeichner verweisen, und der zeitweilige Zusammenbruch der
Telekommunikationsmedien im Weißen Haus und im Senat in der letzten
Woche hat bereits Web-Protestgeschichte geschrieben. Auch das
"Artist Network" hat keinerlei Probleme, auf positive Berichte,
Solidaradressen und verwandte Quellen zu verweisen.
Germanystinks.com reduziert derlei zu einer Web-Skurrilität. Ohne
Effekt bleibt das Gedankengut der stramm patriotischen Amerikaner
jedoch nicht: Dem sächsischen Lederwaren-Zulieferer Lederett
flatterte als erstem deutschen Unternehmen eine ganz offen
politisch begründete Vertragskündigung ins Haus. "Wir waren sehr
zufrieden mit der Qualität, dem Service und den Preisen", hieß es
darin wörtlich. Grund für den Abbruch der Handelsbeziehungen sei
"die fehlende Unterstützung der USA durch die Bundesrepublik
Deutschland".
schrieb am 09.03.03 14:14:10
Amerikanischer Aufruf keine deutschen Waren zu kaufen
Quelle:germanystinks.com
Mercedes-Benz
Audi
Beck`s Beer
Adidas
Lufthansa
Merck (Germany)
Porsche
Celanese
Walther
Revell Germany
Krups
Birkenstock
Haflinger
Continental Tires
Grohe/ HansgroheFaucets
Cap Gemini Ernst & Young
Haribo
Ritter Sport
Soelingen
Beiersdorf
BASF
T-Mobile
Wella
Hummel
Carl Zeiss
Geobe
Leica
Villeroy & Boch
Schott-Zwiessel crystal
Aventis
Wusthoff knives
ABB
Wieland
Wago
Dallmeier
Siku toys
Khales
Piko toy trains
Allianz Insurance
Pompadour Tee`s
Joop
Maeklin
Milka
Dresdener Bank
BMG Music
Wurth USA
SAP Software
Draeger Medical
Grundig
General Tire
Random House
Rollei
Rodenstock
Stihl
Kettler Toys
Gundelsheim Pickles
Aldi
Braun
Siemens
BMW
Knipex
Blaupunkt
Bosch
Hugo Boss
Krauss-Maffai
Puma
Henkel
Boker
Bahlsen Pretzels
Daimler-Chrysler & Jeep
Also Freightliner & Sterling Trucks
(see below)
Mannesmann printers
Volkswagen
Deutche Grammaphon
Lowenbrau
Bayer
Ferrero
Bertelsman
Marklin, Fleischmann, Trix
(model railroads)
Wacker Construction Equipt.
Mauser
Behringer
Vogel Lubrication Systems
St. Pauli Girl
Agfa-Gevaert Photo
Rolls Royce (auto division only owned by BMW--airplane & other
engines still British)
Sennheiser microphones
Nivea
Erdinger Beer
Henkel
Bentley, Bugatti, Lambourghini, Seat, Skoda, Mini-Cooper,
(yep--owned by Germans)
Steiff
Knauf Fiber Glass
Infineon Technologies
Mont Blanc
Birkenstock
Pfaff
Karl Kolb GMBH
Schmetz needles
Norton Grinding Wheels
Hoechst
Debis-Financial
Metalvotze
schrieb am 09.03.03 14:04:32
Besser kann man eine abscheuliche Weltanschauung nicht
beschreiben.
schrieb am 09.03.03 14:01:54
Würde jemand bei uns eine solche Seite produzieren, hätte er eine
Anzeige wegen Volksverhetzung am Bein.
Deutsche..uns alle also....und unser Land im Internet zu
verunglimpfen, für Amerikaner erlaubt und gewünscht!
http://www.germanystinks.com/
Victory Village
Nowhere
Nohow, CA 90000
US
Domain Name: GERMANYSTINKS.COM
Administrative Contact, Technical Contact, Zone Contact:
Victory Village
DF
Nowhere
Nohow, CA 90000
US
888-525-7204
888-525-7204 [fax]
Dan@GoFireYourBoss.com
schrieb am 09.03.03 13:57:11
Sechs Wochen Kampf - oder länger?
Wie lange ein Irak-Krieg dauern kann und was er kostet, ist
umstritten. Dennoch hat der US-Kongress rechnen lassen: 100
Milliarden Dollar Kosten sind denkbar
Berlin - Im Oktober vergangenen Jahres haben die Haushälter des
US-Kongresses die Kosten eines Irak-Krieges schon einmal
abgeschätzt. In der Mitteilung des Congressional Budget Office
heißt es, dass der Aufmarsch am Persischen Golf bis zu 13
Milliarden US-Dollar kosten könne. Jeder Kriegsmonat wird mit bis
zu neun Milliarden US-Dollar angesetzt. Für die Zeit nach dem Ende
der Kampfhandlungen gehen die Experten von monatlichen
Besatzungskosten bis zu vier Milliarden Dollar aus.
Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) setzt die
Kriegsdauer mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit mit bis zu sechs
Wochen an. Als Maßstab gelten die Luftüberlegenheit der
amerikanischen und britischen Truppen und die Kampfkraft der
Bodentruppen. Die Besatzungszeit nach einem Krieg gibt der
Sicherheitsexperte Klaus-Dieter Schwarz von der Stiftung
Wissenschaft und Politik mit Bezug auf Angaben der US-Regierung mit
eineinhalb Jahren an.
Krieg und militärische Besetzung könnten demnach bis zu 100
Milliarden US-Dollar kosten, das entspricht einem Prozent des
jährlichen Bruttoinlandsproduktes der USA. Klar ist: Dauert der
Krieg länger, wird es teurer. Unwägbarkeiten wie der mögliche
Einsatz irakischer Chemiewaffen bleiben, Verzögerungen sind
denkbar.
Fachleute des CSIS haben den westlichen Staaten geraten, den Irak
nach einem Krieg wieder aufzubauen und ökonomisch zu fördern, um
das Land zu stabilisieren. Die Kosten dürften ebenfalls erheblich
sein: Allein die Auslandschulden des Irak, ein Hindernis für eine
konsequente Investitionspolitik, sollen laut einer Studie des
Center for Strategic and International Studies in Washington rund
380 Milliarden US-Dollar betragen.
Die Schlinge um Bin Laden zieht sich zu
Zwei Söhne des Terroristen wurden offenbar in Pakistan
festgenommen, auch er selber ist mittlerweile eingekreist
von Daniel Kestenholz
Bangkok - - In Pakistan sind offenbar Söhne des mutmaßlichen
Terroristenführers Osama bin Laden festgenommen worden. Dies
berichtete die zuständige pakistanische Regionalregierung am
Freitag. Wie ein Lauffeuer hatte sich zuvor die Meldung über die
Verhaftung von Osama Bin Laden selbst verbreitet. Journalisten
eilten nach Quetta, einem pakistanischen Grenzort zu Afghanistan.
Sicherheitskräfte hatten zuvor im Gebiet zwei Razzien durchgeführt
auf der Jagd nach dem Terrorpaten. Südlich von Quetta, auf einer
staubigen Landepiste bei Dal Bandin, waren zwei Militärmaschinen
gelandet. Anwohnern zufolge seien US-Soldaten ausgestiegen. Die
pakistanische Regierung hat die Gerüchte über eine angebliche
Festnahme des Terrordrahtziehers höchstselbst allerdings
zurückgewiesen. Regierung und Militär bezeichneten entsprechende
Meldungen als falsch. Es gebe auch keine Razzia, sagte Rashid
Qureshi, der Sprecher von Präsident und Armeechef Pervez Musharraf,
am Freitag. "Zurzeit läuft keine Aktion auf pakistanischem Gebiet",
sagte Qureshi. Auch ein Sprecher des Weißen Hauses in Washington
hatte von unbegründeten Gerüchten gesprochen.
Fahnder aber sind dennoch überzeugt wie nie, dass sich die Schlinge
um Bin Laden in diesen Stunden enger und enger zieht. Mit der
Verhaftung letzte Woche von Khalid Scheich Mohammed, der Nummer
drei von Al Qaida, endeten nicht nur Monate der Ungewissheit, ob
Bin Laden tot sei oder noch lebe. Bei Mohammed gefundene
Telefonnummern, Handys, ein Adressbuch, Computerdisketten, ein
Satellitentelefon und ein Laptop mit verschlüsselten E-Mails
lieferten eine Fülle an neuen Hinweisen zum "Scheich", wie Bin
Laden von seinen Getreuen genannt wird.
Die pakistanische Zeitung "The Dawn" sprach von "sehr wichtigen
Informationen", die man beim Zugriff gefunden habe. "Stimmen
diese", so ein pakistanischer Beamter am Freitag, "dann kann sich
(Bin Laden) nicht mehr lange verstecken." Bin Laden soll sich
entweder in Belutschistan aufhalten, einer Wüstenprovinz, die an
Afghanistan und den Iran grenzt, oder nordöstlich davon in der
Provinz Waziristan.
Präsident Pervez Musharraf sagte in einem Interview des
Fernsehsenders CNN, Bin Laden sei offenbar noch am Leben. Er gehe
aber davon aus, dass sich der Terrorführer nicht in Pakistan
aufhalte.
Sollte sich Bin Laden seit dem Fall der Taliban Ende 2001 doch in
Pakistan aufhalten, dann würde dies Musharraf Lügen strafen: Immer
hatte er beteuert, dass weder Bin Laden noch andere Al-Qaida-Führer
in Pakistan untergetaucht seien. Trotzdem waren alle paar Monate in
Pakistan Al-Qaida-Kader verhaftet worden - vor einem Jahr Abu
Zubaidah, im September Ramzi Binalshibh, letzte Woche dann Khalid
Scheich Mohammed. Fehlen nur noch die Nummer zwei, Aiman Al
Zawahiri, und die große Symbolfigur selbst, Osama Bin Laden.
Khalid wird derzeit von den Amerikanern in Afghanistan verhört,
heißt es. Etwaige Geständnisse von Al-Qaida-Führern aber halten die
Amerikaner gewöhnlich gut unter Verschluss, um ungestörte FBI- und
CIA-Arbeit leisten zu können. Viel gesprächiger, nicht aber
verlässlicher sind die Pakistaner, die sich zu ihren Verhören von
Mohammed freimütig vor Journalisten geäußert haben.
Als Khalid letzte Woche von Fahndern erkannt worden war, hatte man
mit seiner Verhaftung acht Stunden gewartet - in der Hoffnung, dass
er sie zu Bin Laden führe. Nach einer Woche in Beugehaft warten
Fahnder noch immer auf goldene Hinweise. Spezifisch scheint Khalid
lediglich zu seiner Treue zum "Scheich" und seinem
Antiamerikanismus zu sein. "Lasst den Irak-Krieg beginnen", habe
Khalid laut einem pakistanischen Beamten ausgesagt. "Dann werden
die US-Streitkräfte in ihren Basen angegriffen."
Artikel erschienen am 8. Mär 2003
schrieb am 09.03.03 13:50:49
Ist ja verständlich. Ganz nach angelsächischer
"Bombenteppich-Strategie" will man sicher gehen, das, wenn man "das
Land" zerbombt...es keine Gegenwehr gibt...
Man will ja schließlich kein wertvolles "angelsächisches" Leben
opfern....
Wer hier schweigt, akzeptiert, legt sein "Mensch-Sein" ab und
verschreibt sich und seine Seele auf Dauer dem wahren "Bösen".
Ein an Menschen kleines Land wie das des Iraks anzugreifen, mit
Begründungen, die fadenscheiniger nicht mehr sein können...lässt
erahnen, was alles auch auf uns zukommt!
Ich bin mir mehr als sicher, das auch deutsche Soldaten (in anderen
"Uniformen") und deutsches "Kriegsmaterial" im Einsatz sind!
Wir werden belogen wie eh und jeh....
Eine schöne, saubere Bürger-Demokratie, in der seine "gewählten"
Volksvertreter schon lange ihre eigenen Wege gehen und dem Volk
vieles vorenthalten!
Ich kann nur hoffen, das den Menschen endlich mal die Augen
aufgehen. Dies wird geschehen, auch in unserem Land, oftmals wenn
der "Einzelne" selbst mal konfrontiert wird mit einem übermächtigen
"System"....fast immer ist es dann zu spät!
Die meisten geben ja schon jetzt geistig auf, keine Gegenwehr, es
ist ja auch einfacher sich selbst zu belügen!
Die "Neue Weltordnung"...auf die kann ich persönlich verzichten!
schrieb am 09.03.03 12:24:29
Intelligente Bomben und blutiger Häuserkampf
Expertisen und Informationen aus Planungsstäben in Washington und
London deuten den Ablauf eines Irak-Krieges an. Er könnte in ein
Blutbad um Bagdad münden
von Oliver Haustein-Teßmer
Raketenfracht auf dem US-Flugzeugträger "Kitty Hawk"
Foto: AP
Mitte März 2003, eine dunkle Nacht über dem Irak. Über der
Hauptstadt Bagdad zerreißen plötzlich grelle Blitze den schwarzen
Vorhang des Himmels. Explosionen von gewaltiger Sprengkraft folgen.
Am Boden erwidern Flak-Geschütze den Angriff mit ferngelenkten
Bomben und Raketen, die in Bagdad unter anderem Paläste der
Regierung Saddam Husseins treffen. Menschen laufen in Panik aus
ihren Häusern auf die Straßen, Verletzte und Tote bleiben
zurück.
So könnte die erste Stunde im Krieg der vereinigten Truppen der USA
und Großbritanniens gegen den Irak beginnen. Das Ziel der
Angreifer: Sie wollen das Regime stürzen und dessen Streitkräften
die vermuteten Massenvernichtungswaffen abnehmen. Demnach sollen
von US-Bombern und Kriegsschiffen in den ersten 48 Stunden eines
Irak-Krieges 3000 Bomben abgefeuert werden, wie die US-Zeitung „New
York Times“ aus einem angeblichen Angriffsplan des
US-Verteidigungsministeriums zitierte – zehnmal mehr als 1991 im
Golfkrieg.
Auch die britische Zeitung „The Observer“ berichtete über Details
der Kriegsplanung. Das Blatt hat die Informationen nach eigenen
Angaben von Mitarbeitern der Geheimdienste und der
Verteidigungsministerien bekommen. Die Journalisten vermuteten auch
die Absicht dahinter, Propaganda für einen vermeintlich kurzen und
begrenzten Krieg zu verbreiten, wegen des internationalen
Widerstandes dagegen.
Die Ziele der ersten Luftangriffe
Zunächst würden gemäß einer Liste von Zielen Saddam Husseins
Paläste, dessen Heimatstadt Tikrit, Ministerien und Eigentum von
Familienangehörigen Husseins und der irakischen Führung aus der
Luft bombardiert. Außerdem gelten Kasernen der irakischen
Elitetruppe Republikanische Garde, Polizei- und
Geheimdiensteinheiten als Angriffspunkte.
Geflogen werden könnte der Angriff von rund 500 Bombern und
Versorgungsflugzeugen. Diese starten von Stützpunkten in der Region
und Flugzeugträgern – einer davon, die „Royal Ark“, gehört den
Briten. Die Flugzeuge der Verbündeten tragen hauptsächlich von
Satelliten und Laser gestützte Bomben.
Auf der Gegenseite verfügt die irakische Armee über eines der
dichtesten Flugabwehrnetze der Welt, wie Klaus-Dieter Schwarz
Politikforscher bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in
einer Studie zum Krieg feststellt. Die Kommandostrukturen und
Radaranlagen seien modern. Allerdings ist die US-Armee mit dem
Einsatz von Laser- und Mikrowellenwaffen (E-Bombs) in der Lage,
solche Anlagen außer Gefecht zu setzen.
Das US-Oberkommando unter Führung von General Tommy Franks
berichtete von irakischen Boden-Boden-Flugabwehrsystemen, die
entgegen den UN-Bestimmungen in den Flugverbotszonen des Südens und
Nordens des Irak aufgestellt worden seien. Britische und
amerikanische Flugzeuge hätten auf diese Stellungen in den
vergangenen Wochen bereits Angriffe geflogen.
Die neue Kampfdoktrin der US-Truppen
Das Gesamtkonzept mit einer Viertelmillion Soldaten folgt nach
Angaben von Klaus-Dieter Schwarz der neuen US-Militärdoktrin der
„effect-based operations“. Die Angriffe sollen sich auf die
neuralgischen Punkte im politischen und militärischen Systems des
Gegners konzentrieren. Kritiker bemängelten daran, das
US-Verteidigungsministerium setze dabei zu sehr auf den Einsatz der
Luftwaffe und vernachlässige die Bedeutung von Bodentruppen.
Im Golfkrieg von 1991 war dies noch anders. Damals stützten sich
die USA und Verbündete auf die „Air-Land Battle“-Doktrin, nach der
massive Bodentruppen dem Bombardement aus der Luft folgten. Für
dieses Unterfangen setzten die Alliierten gegen den Irak seinerzeit
mindestens eine halbe Million Soldaten ein. In der Folge starben
damals annähernd 200.000 Menschen, wie in einem Pentagon-Bericht
nachzulesen ist.
Die Ziele für den neuartigen Krieg haben US-Spezialtruppen
ausgekundschaftet, die bereits seit Wochen in den Irak eingesickert
seien, wie zunächst die US-Zeitung „Washington Post“ berichtete.
Manche von ihnen knüpften Verbindungen zu oppositionellen Gruppen
im Land. Dieses Verfahren haben die US-Militärs im
Afghanistan-Krieg gegen die Taliban und das Terror-Netzwerk Al
Qaida erprobt, als Gegner beider Fraktionen mit harten US-Dollar
überzeugt worden sein sollen.
Wenn der Bodenkrieg beginnt
Wenn die Luftangriffe wesentliche Ziele im Irak getroffen und deren
Verteidiger ausgeschaltet haben, würden den Berichten zufolge die
Angreifer einen Bodenkampf an zwei Fronten im Süden und Norden des
Irak beginnen. Manche vermuten, dass dies bereits nach einer Woche
Luftangriffe der Fall sein kann. Der Aufmarsch solle zügig und
gestützt von Hubschraubern und Panzern geschehen.
Problematisch erscheint, dass das Parlament in Ankara den in der
Türkei geplanten Aufmarsch von mindestens 15.000 US-Infanteristen
und 20.000 Fallschirmjägern wider Erwarten der US-Regierung nicht
gestattet hat. Der Transport von Soldaten, Panzern und Material der
4. Infanteriedivision muss gegebenenfalls per Schiff vom Mittelmeer
über den Suezkanal nach Kuwait erfolgen. Ungeachtet des
Parlamentsvotums sind in der ersten Märzwoche US-Militärgerät und
weitere Truppen in der Türkei abgesetzt worden.
Der lange Marsch der US-Truppen
Auf jeden Fall kalkulieren die US-Planer den Marsch der
US-Einheiten über mehr als 500 Kilometer in Richtung Nordirak
einkalkuliert werden – was den Bodenkrieg im Nordirak jedoch
verzögern dürfte. Dort sollten innerhalb kurzer Zeit geeignete
Landebahnen zu besetzt werden, schrieb die „New York Times“. Dann
könne weitere, leichte Infanterie eingeflogen werden sowie
Transportflugzeuge mit Panzern und anderen Fahrzeugen.
Weiterer, zentraler Kriegsschauplatz dürfte die Kuwait gegenüber
liegende irakische Halbinsel Fao am Persischen Golf sein. Der
Landvorsprung solle von amerikanischen und britischen Marines mit
Landungsbooten eingenommen werden, schreibt der britische
„Observer“. Die Invasion solle den Abschuss von Raketen auf
kuwaitische Ölförder-Anlagen – wie 1991 geschehen – verhindern.
Angeblich soll in einer frühen Kriegsphase außerdem der irakische
Westen (Wüste) besetzt werden, um befürchtete Raketenangriffe auf
Israel zu verhindern.
Militärs beider westlicher Staaten gingen davon aus, dass es einen
- verlustreichen und Zivilisten betreffenden - Häuserkampf um die
Hauptstadt Bagdad geben kann. Besonders hervor hebt der
SWP-Sicherheitsexperte Schwarz die Rolle der Eliteverbände: die
Republikanische Garde mit rund 100.000 Mann und eine
„Prätorianergarde“, die nach unterschiedlichen Angaben bis zu
15.000 besser Bewaffnete stellt. Es soll außerdem ein 1000 Soldaten
starkes Spezialkommando geben, das die Leibgarde Saddam Husseins
bildet. Diese drei Einheiten bilden vermutlich die
Verteidigungsringe um die Hauptstadt.
Diese Annahme des blutigen Stadtkrieges stützen US-Strategen auf
bruchstückhafte Informationen über eine mögliche irakische
Kriegstaktik. Sie stammten aus geheimdienstlichen Quellen und von
Überläufern, berichtete die Deutsche Presse-Agentur. Hussein werde
die Konzentration von Truppen und Gerät vermeiden, um sie weniger
verwundbar für Angriffe aus der Luft zu machen.
Der Irakexperte des Center for Strategic and International Studies,
Anthony Cordesman, nimmt einem Online-Bericht des US-Fernsehsenders
CBS zufolge an, dass die dafür eingesetzten Elitesoldaten sich im
Krieg als Zivilisten tarnen. Diese Finte könnte zu tödlichen
Verwechslungen und Geiselnahmen führen. Denkbar ist laut dem
deutschen Experten Schwarz, dass die entschlossensten Verteidiger
Saddam Husseins chemische Waffen wie Giftgas benutzen.
Letztlich ist klar: Das Ausmaß dieses Krieges lässt sich lediglich
erahnen. Für viele Iraker ist nach den Angaben eines Deserteurs aus
der Armee indes klar, dass sie gegen die US-Amerikaner und Briten
gar nicht erst kämpfen wollten. Um die Motivation der regulären
Truppe, das sind vielleicht 350.000 Soldaten, sei es schlecht
bestellt, gibt die US-Zeitung „Bradenton Herald“ den ehemaligen
Panzermechaniker wieder. Der irakische Kurde habe auch berichtet,
dass ein Großteil der irakischen Panzer und Waffentechnik nicht
mehr einsatzbereit sei.
Rechnen mit dem Tod
Fachleute versuchen, die Wirkungen eines Irak-Krieges abzuschätzen.
Die Zahlen gehen auseinander. Ihre Gemeinsamkeit: Ohne Verluste
geht es nicht
von Oliver Haustein-Teßmer
Überreste einer irakischen Armeeeinheit aus dem Krieg 1991
(Aufnahme Frühjahr 2003)
Foto: AP
Berlin - Vermutlich 200.000 Menschen starben im Golfkrieg von 1991.
In einem neuen Krieg der USA und Großbritanniens gegen den Irak
rechnen Fachleute ebenfalls mit zahlreichen toten Soldaten und
Zivilisten. Ihre Schätzungen liegen auseinander, reichen von
einigen tausend bis zu mehreren hunderttausend Toten – je nach
angenommener Dauer und Eskalation des bewaffneten Konflikts und der
Art der eingesetzten Waffen.
Die private Campaign Against Sanctions on Iraq verbreitet im
Internet ein angeblich internes Arbeitspapier der Vereinten
Nationen. Demnach könnten bis zu einer halben Million Menschen im
Krieg verletzt werden. Das UN-Flüchtlingshilfswerk hat
überschlagen, dass 900.000 irakische Flüchtlinge versorgt werden
müssten - mindestens. Die humanitäre Organisation mit Sitz an der
britischen Universität von Cambridge benennt als Gefahr, dass mehr
als eine Million Kinder dem Risiko des Verhungerns ausgesetzt sein
würden.
Die Annahme dieses Szenarios ist, dass sich der Krieg nicht – wie
von den US-Planern vermeintlich vorgesehen – auf
Schwerpunktangriffe gegen das Regime beschränken kann, sondern
Flächenbombardements mit einschließt. Die Angaben hält Michael E.
O`Hanlon, Außenpolitik-Experte des Think-Tanks Brookings
Institution in Washington, für annähernd realistisch. Die Zahl der
Ziviltoten im Irak könne zehn- bis 20-mal höher sein als die
erwartbare Totenzahl unter den US-Militärs, sagte O’Hanlon auf
einer Diskussionsrunde seines Instituts.
Günstigste Annahme: Einige tausend tote Soldaten
O`Hanlon schätzt schätzt, dass allein im Kampf bis zu 20.000
Soldaten sterben und bis zu 100.000 verletzt werden könnten. Die
höheren Gesamtzahlen erklärt O’Hanlon mit Folgen der Zerstörung von
Infrastruktur im Irak – wie Krankenhäusern und von
Versorgungsnetzen.
Im günstigen Fall, in dem die US-Armee es schaffen würde,
ihrerseits schnelle medizinische Hilfe für Zivilisten zu leisten
und diese mit Lebensmitteln zu versorgen, muss O’Hanlon zufolge
immer noch mit einigen tausend toten Soldaten und einer niedrigeren
fünfstelligen Zahl ziviler Opfer gerechnet werden.
Fachleute der internationalen Ärzteorganisation International
Physicians for the Prevention of Nuclear War (IPPNW) gehen davon
aus, dass in einem dreimonatigen Irak-Krieg wesentlich mehr
Menschen - bis zu 260.000 - sterben. Würden Atomwaffen eingesetzt,
wären Millionen Tote zu befürchten.
Die IPPNW-Schwesterorganisation Medact in Großbritannien, die für
die Studie verantwortlich zeichnet, hat den Hochrechnungen nach
eigenen Angaben die mutmaßlichen Totenzahlen des Golfkriegs von
1991 zu Grunde gelegt. Die Mediziner gehen ebenfalls davon aus,
dass in der Folge eines neuen Krieges nochmals 200.000 Menschen an
Krankheiten, Verletzungen oder Unterernährung sterben könnten.
Medact warnt außerdem vor massiven Schäden der Umwelt.
schrieb am 09.03.03 11:35:58
Bagdad wird die Hölle"
Angst und Ohnmacht der Iraker - und Saddam auf allen Kanälen
von Boris Kalnoky
Zurzeit in Bagdad Vielleicht nichts ist belemmender im Bagdad
dieser Tage als die flehende Frage der Menschen, auf dem Markt, auf
der Strasse, im Taxi: "Bitte, sagen Sie: Werden sie uns wirklich
bombardieren?" Wie gerne würde man sagen: Nein. Oder zumindest:
Keine Ahnung. Stattdessen schweigt man mit bedauernder Gebärde, und
das ist Auskunft genug. "Danke", sagt der junge Mann auf einem der
Basare der Stadt, und schleicht davon. Sein Händedruck war feucht,
sein Blick verzweifelt. Wo wird er Schutz suchen, wenn der
Augenblick kommt? Vor der Armee, die jeden kampffähigen Mann, ja
das ganze Volk zum Sterben schicken will, Waffe in der Hand? Vor
den Bomben der Amerikaner?
Zu Journalisten, soweit sie mit ihren obligatorischen offiziellen
Begleitern kommen, sagt kaum ein Iraker, was er fühlt.. Anders ist
es, wenn man allein durch die Strassen wandert, und wieder anders,
wenn man ein westlicher Mitarbeiter humanitärer Organisationen ist,
arabisch spricht, Iraker beschäftigt. Jeder dieser "Humanitären"
kann ähnliches erzählen: Von verzweifelten Menschen, weinenden
Müttern, ratlosen Vätern.
Ein solcher Vater erzählt von der Odyssee seines Lebens, im Takt
der Kriege und Konflikte Saddams. Erst der Krieg gegen den Iran,
zehn Jahre im Militär. Späte Heirat, Dank sei Gott mit Kindern
gesegnet - dann der Golfkrieg. Damals floh er mit seiner Familie
aus Bagdad gen Norden. Aber dort hatten sich die Kurden erhoben,
und Saddam holte zum Gegenschlag aus. Zwischen die Fronten geraten,
mit Frau und Kind, zwölf Tage und Nächte zu Fuß durch Schnee und
bittere Kälte.
Nach dem Krieg schaffte es dieser Mann, sich eine Existenz
aufzubauen. Er ist jetzt Unternehmer - und fürchtet, in einem neuen
Krieg alles wieder zu verlieren. Wohin fliehen? "Im Norden werden
uns die Türken umbringen, ich bin sicher, sie marschieren ein. Hier
in Bagdad wird die Hölle sein. Vom Süden und Westen kommen die
Amerikaner. Wohin? Wohin?"
Auf dem Markt kaufen derweil die Waffeninspektoren der UN fröhlich
ein. Mitbringsel aus Bagdad, meist kostbare Teppiche, bevor die
Stadt zerbombt wird. 250 Dollar hat ein amerikanischer Inspektor
für einen ein mal zwei Meter großen Teppich bezahlt. Da hat er wohl
nicht genug gefeilscht. Aber beim Herunterhandeln fühlt man sich
vielleicht unwohl als Inspektor - will man jene Menschen
übervorteilen, auf deren Stadt man die Bomber ruft? Natürlich ist
es nicht ganz so, aber man kann es den Irakern nicht verargen, wenn
sie es genau so sehen.
Gibt es nichts mehr zu inspizieren? Die Inspektoren haben sich
bislang nie im Einkaufsviertel gezeigt, jetzt kommen sie in großen
Gruppen. Da liegt nur ein Schluss nahe - sie werden sehr bald aus
dem Land gebracht und kaufen vorher Souvenirs. Glaubt man
westlichen Diplomaten, sind schon viele von ihnen abgereist. "Sie
gehen in kleinen Gruppen, damit es nicht so auffällt", sagt ein
hoher Mitarbeiter einer humanitären Organisation in Bagdad.
Auch die Russen gehen, mehrere Hundert wurden bereits evakuiert.
Deutsche, Franzosen und Italiener sind ab Montag marschbereit.
Viele Journalisten reisen zwischen dem 10. und 13. ab. Wann geht
der letzte Flug nach Amman?
Bagdad bereitet sich nicht sehr sichtbar auf den Krieg vor. Was
immer Saddam an Trümpfen im Ärmel haben mag, es scheinen keine
konventionellen Mittel zu sein. Keine befestigten Stellungen,
Panzer, oder neue, sichtbare Flakstellungen. Lediglich etwas mehr
Militär und Polizei auf den Strassen. Es gibt Gerüchte, die Iraker
würden rings um Bagdad Gräben ausheben, die dann mit Öl gefüllt und
angezündet werden sollen, um den ferngelenkten amerikanischen
Bomben die Sicht zu nehmen.
Aber die neue Generation dieser Waffen braucht keine Sicht. Im
Golfkrieg waren nur zehn Prozent der eingesetzten Bomben
Präzisionsmunition, und sie waren Laser gelenkt, brauchten also
freie Sicht. Diesmal werden eher 90 Prozent der Bomben ferngelenkt
sein, aber mit neuen Technologien, nicht über Laser, sondern mit
vorher eingespeicherten Zielkoordinaten. Sie treffen auch durch
Wolken hindurch. Die Koordinaten sind zum Teil bereits vorhanden.
Die U2-Flüge über dem Irak zur Unterstützung der Waffeninspektionen
werden ja vermutlich nicht nur den Inspektoren genützt haben,
sondern auch dem US-Militär.
Die Bevölkerung hat vom Regime Lebensmittelvorräte für sechs Monate
bekommen. Öl, Mehl, Salz, Zucker. Hamsterkäufe auf den Märkten gibt
es nicht - das einst fast wohlhabende Land ist unter den
UN-Sanktionen verarmt. Niemand hat Geld. Die Krankenhäuser haben
wegen der strengen Auflagen des Sanktionsregimes zu wenig
Medikamente. Wenn es viele Verletzte gibt, wird man sie rasch nicht
mehr versorgen können. Schutz vor den Bomben gibt es auch kaum: 30
größere Luftschutzbunker für die Fünf-Millionen-Stadt.
Mit diesen Bunkern verbinden jeder Iraker Schreckensvisionen. Es
gibt kein Kind in Bagdad, dessen Schulklasse nicht mindestens
einmal durch den Al-Amariyah-Bunker geführt wurde. In diesem
zivilen Luftschutzbunker starben am 24. Januar 1991 466 Frauen und
Kinder. Der Bunker war gezielt mit einer Spreng- und einer
Brandbombe zerstört worden. Offenbar hatten amerikanische Planer
ihn als militärisches Ziel ausgemacht.
Schutz sollen die Iraker auch gar nicht wollen. Saddams Worten
zufolge wird jeder Iraker bereit sein, den Märtyrertod zu sterben,
und dabei möglichst ein paar Feinde mit in den Tod zu reißen.
Allen voran die weiß gekleideten "Fedayin Saddam". Angeblich sollen
es 15 000 Mann sein, zu allem bereit. Glaubt man der neusten
Schreckensmär des CIA, sollen diese Fedayin US-Uniformen verkleidet
werden, um "Massaker an der Zivilbevölkerung" anzurichten und die
Schuld dafür medienwirksam den USA zu geben.
Man sieht sie im irakischen Fernsehen, diese Fedayin, wie sie
finster starrend Kalaschnikows in die Luft recken und den
Märtyrertod geloben, es sei denn, es gelingt ihnen, vorher jeden
angreifenden Amerikaner zu töten. Was sieht man sonst noch im
Fernsehen? Schnulzensänger, die Lieder über Saddam vortragen,
begleitet von Aufnahmen Husseins inmitten seines ihn liebenden
Volkes. Blumenschwenkende Menschenmengen, salutierende Soldaten, wo
immer der "große Führer" auftaucht.
Auch ihn selbst zeigt das Fernsehen immer wieder, wie er den
Treuegelöbnissen seiner Offiziere lauscht und ihnen guten Rat
erteilt. Die Stimme etwas schleppend, etwas verwaschen, als hätte
er getrunken oder einen leichten Schlaganfall erlitten. Manchen der
Obersten, die mit vorbereitenden Texten ans Pult treten, ist ein
Angst deutlich ins Gesicht geschrieben. Der dandyhaft gekleidete
alte Mann, der ihnen erhöht gegenübersitzt, im gedeckten grauen
Dreiteiler mit silberner Krawatte und Zigarre in der Hand, ist
immer noch Herr über Leben und Tod.
Da kann man schon ins Stottern geraten, besonders wenn der Führer
einem mitten im zackig, aber doch leicht zittrig vorgebrachten Text
ins Wort fällt. Mal sind es weltpolitische Ausführungen, mit denen
er seine Offiziere beglückt, manchmal bodenständiger Rat: Sie
sollten mehr schwimmen, sagt er, denn das hält fit. Wie wollen sie
sonst hinter die Linien der Amerikaner vorstoßen?
Nach einer solchen Ausführung problemlos wieder zum Text
zurückzufinden, ist nicht jedem gegeben. Besonders schlimm wird es
aber, wenn der Offizier endlich und stotternd zu seinem Spickzettel
zurückkehrt, und es sich nach drei Worten herausstellt, dass Saddam
noch gar nicht fertig war, sondern lediglich eine Kunstpause
eingelegt hatte.
Dann zeigt das Gesicht des Betroffenem vor allem eins: Vor den
Amerikanern kann er eigentlich gar nicht mehr Angst haben als vor
diesem Mann.
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