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Über die besondere Fähigkeit der Bäume,
den Blick auf den Wald zu verstellen
Eine Auflistung von Einzelerscheinungen,
die helfen soll, den Überblick zu bewahren
Egon W. Kreutzer
24. Juni 2004
http://home.knuut.de/EWKberater/Meinung/14016Waldbaum.html
Der Juni 2004 brachte eine beispiellose Flut an Höhepunkten,
Schlussstrichen und endgültigen, kaum revidierbaren Entscheidungen.
Jedes einzelne Ereignis war aufregend genug, um die Aufmerksamkeit
der Öffentlichkeit zu binden und den Blick von der großen Linie des
Geschehens abzulenken. Nichtiges und Wichtiges prasselte im
Trommelfeuer der Medien ohne erkennbare Unterschiede in den
Prioritäten auf uns nieder und wer es schaffte, einen Augenblick
innezuhalten, konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass eine
unsichtbare Regie dafür sorgte, dass immer dann ein neuer, dicker
Baum auf die Bühne geschoben wurde, wenn die Gefahr bestand, dass
irgendwer bemerkt, wie tief wir im Grunde schon in den Wald geraten
sind.
Grund genug, die wichtigsten Ereignisse Revue passieren zu lassen
und die Handlungsfäden zurückzuverfolgen, aus denen sie
hervorgegangen sind. Erinnern Sie sich?
"Wahnsinn!"
Deutschland ist in der Vorrunde aus "der Euro" ausgeschieden.
Ist Ihnen das auch aufgefallen?
Was bis vor vier Jahren immer und ausschließlich EM hieß, ist
diesmal von beinahe allen Kommentatoren, Ansagern oder einfach nur
mal so "Zu-Wort-Gekommenen" bei beinahe jeder Gelegenheit als
"die Euro" bezeichnet worden.
Wer hat sich das ausgedacht? Wer ist auf die Idee gekommen? Wer hat
befürwortet und durchgesetzt, dass dem ungeliebten, maskulinen
Zahlungsmittel "der Euro" zum Ausgleich eine bewunderungswerte,
feminine Ballspielmeisterschaft, "die Euro", zur Seite gestellt
wurde?
Wer hofft, der Bevölkerung mit der Schaffung einer "Euro-Familie"
die Ablehnung des Euro austreiben zu können, um damit Raum zu
schaffen, für die unterschiedlichsten Charaktere, für Sympathie und
Antipathie?
Verschwörungstheorie?
Es gibt Menschen, die dem Beruf des "Spin-doctor" nachgehen, und
für viel gutes Geld nichts anderes tun, als immer neue Wege zu
ersinnen, wie man Stimmungen verändert oder umdreht, wie man dem
Volkszorn und dem Volkswillen die Richtung weist, die er sonst
nicht finden könnte.
Vermutlich war es ein Spin-doctor, der geraten hat, die Politik
rigorosen Sozialabbaus sowohl unter dem neuen, ebenso
geheimnisvollen wie zukunftsdeutenden Namen "Agenda 2010", wie auch
gleichzeitig unter dem vertrauten, an erfüllte Hoffnungen
erinnernden Namen "Reform" zu verkaufen.
Vermutlich war es schon 1989 ein Spin-doctor, der als erster damit
angefangen hat, bei jeder Gelegenheit mit lauten "Wahnsinn!,
Wahnsinn!" -Rufen seine Wiedervereinigungsfreude auszudrücken, mit
dem Ziel, so endlich auch den wahren Wahnsinn hoffähig zu
machen.
Seitdem jedenfall ist "Wahnsinn!" positiv besetzt und ein
Politiker, dem heute eine "wahnsinnige Politik" attestiert wird,
der wird das zunächst einmal für den Ausdruck kaum noch zu
steigernder Anerkennung halten, keineswegs aber Kritik darin
erkennen können.
"Wahnsinn!" das ist seit 1989 Programm und jeder der sich diesem
Programm verschreibt, ist im Vorteil.
Blühende Landschaften? "Wahnsinn!"
Solidaritätszuschlag? "Wahnsinn!"
Stasi-Akten? "Wahnsinn!"
Hauptstadt Berlin? "Wahnsinn!"
Olympia in Leipzig? "Wahnsinn!"
Hartz halbiert die Arbeitslosenzahlen? "Wahnsinn!"
Subventionsabbau? "Wahnsinn!"
SPD Wahlergebnisse
im Juni 2004?
"Wahnsinn!"
Selbst ein Erdrutsch ist noch harmlos gegen das, was die Genossen
von Wählern und Nichtwählern als Quittung für eine völlig verfehlte
Politik bekommen haben.
Warum aber können sich Frau Merkel und ihre Mitstreiter trotzdem
nicht dazu durchringen, ihre Rolle als Opposition anzunehmen und
gegen die generelle Richtung der Regierungspolitik zu kämpfen?
Warum wollen sie stattdessen nichts anderes, als in Zukunft das
Falsche selber nur
noch falscher zu machen?
Weil "Wahnsinn!" positiv besetzt ist? Weil "Wahnsinn!" Methode
hat?
Nun, wenn "Wahnsinn!" Methode hat, dann kann auch "die Euro"
Methode gehabt haben. Schade nur, dass wir schon draußen sind.
Vielleicht werden wir es deshalb nie mehr erfahren.
Eines jedenfalls haben wir in diesem Juni begriffen:
Vor vielen Monaten begann ein schleichender Prozess, mit dem das
schöne deutsche Wort "Mauer" aus dem aktiven Sprachschatz der
Medienleute und der Politiker verschwunden ist.
Sie erinnern sich:
Als Sharon anfing, die Palästinenser einzumauern, hieß es
verharmlosend: Er baut einen "Zaun".
Doch Zaun war als Synonym für Mauer nicht zu etablieren. Im
nächsten Anlauf kam die Wand. Während alte Mauern, wie z.B. die
Schallmauer oder die Berliner-Mauer Mauern bleiben, werden auf den
Baustellen der Gegenwart nur noch glatte Wände hochgezogen, und wo
immer es geht, wird gleich der Trockenbauer gerufen, weil dessen
Wände niemals zu feuchten Mauern werden können.
Nun ja. Im Juni haben wir endlich erfahren, was der Zweck dieser
Übung war:
Die CDU-CSU hat die Regierung das Zuwanderungsgesetz verabschieden
lassen.
Jetzt ist die Wand zu. Niemand kommt rein, den wir nicht
ausdrücklich wollen und selbst diejenigen, die schon drin sind,
können leichter, flexibler, und unbürokratischer wieder vor die
Wand gesetzt werden. Selbst, wenn sie möglicherweise (wer weiß das
schon?) von anderen an die Wand gestellt werden. Hauptsache,
ausländische Hassprediger, gegen die sich ein Verdacht begründen
lässt, können zügig abgeschoben werden.
Gut gegangen. Aber nur mit Hilfe der Wand.
Hätte man das Gesetz, wie es noch vor einem Jahr der Sprachgebrauch
gefordert hätte, "Zumauerungsgesetz" genannt, es wäre am Widerstand
aller Demokraten gescheitert.
Wir haben schließlich ein im Grundgesetz verbrieftes Asylrecht, das
uns zwar, Dank Drittstaatenklausel, inzwischen kaum noch belastet,
aber wir haben es.
Wir haben dazu grundgesetzlich verbriefte Menschenrechte, zu denen
auch gehört, dass niemand bloß auf Grund seiner
Religionszugehörigkeit, seiner Hautfarbe oder seiner politischen
Überzeugung weggesperrt und abgeschoben werden darf.
Wer diese hehren Rechtsgüter mit Hilfe eines Zumauerungsgesetzes
hätte aushebeln wollen, wäre gescheitert.
Das Zuwanderungsgesetz hat die Hürden genommen.
Grundgesetz,
wie lange noch?
Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, dessen Artikel 146
besagt:
Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und
Freiheit
Deutschlands für das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine
Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die
von
dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden
ist.
ist allerdings inzwischen auch obsolet, ebenso wie ein Großteil
aller Bundes- und Landesgesetze, ja selbst der Gemeindeordnungen
und -Satzungen.
Es wird nämlich nicht vom deutschen Volke in freier Entscheidung
durch eine Verfassung ersetzt, sondern durch die Unterwerfung der
Bundesrepublik Deutschland unter die im Juni von den Regierungen
aller Mitgliedsstaaten akzeptierte Europoäische Verfassung. Diese
ist allerdings in weiten Teilen nichts anderes, als die
bedingungslose Kapitulation der europäischen Völker vor dem Diktat
der ungezügelten Kräfte des Marktes.
"Wahnsinn!"
Wenn künftig einer unserer großen Global Player die
Wasserversorgung von Niederunterauendorf haben will, dann bekommt
er die. Gegen den Widerstand der Gemeinde hilft die Europäische
Verfassung. Zur Not wird um die Rechte an dem Brunnen mit dem
klaren Gebirgswasser geklagt. Das Gericht muss die Ausschreibung
erzwingen und schon hat der Global Player den Brunnen, weil er das
Geld hat, das mehr als tausendmal reichen würde, die Ausschreibung
zu gewinnen. Und hat er gewonnen, dann dürfen die
Niederunterauendorfer gechlortes Uferfiltrat vom Rhein trinken,
während ihr kristallklares Felsenwasser in Dubai in 0,2 l
Fläschelchen zum Preis von 15 Dollar verhökert wird.
"Wahnsinn!"
Weil klar ist, dass es in einem Volksentscheid für eine solche
Verfassung keine Mehrheit gäbe, gibt es keinen Volksentscheid.
Da heißt es:
"Die Verfassung müsste geändert werden, um einen Volksentscheid zu
ermöglichen."
In der Verfassung steht dazu aber ganz eindeutig:
Artikel 20 [Verfassungsgrundsätze - Widerstandsrecht]
(1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und
sozialer Bundesstaat.
(2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in
Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der
Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung
ausgeübt.
(3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die
vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht
gebunden.
(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen,
haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe
nicht möglich ist.
Wie also übt das Volk die von ihm ausgehende Gewalt aus?
In Wahlen und Abstimmungen!
Nun ja, da steht "Abstimmungen". Da steht weder was von einem
"Plebiszit", noch von einem "Volksbegehren" oder einem
"Volksentscheid" und es steht auch nicht, wie so was zu machen wäre
und wer das darf und es steht auch nicht dabei: "Das Nähere regelt
ein Bundesgesetz."
Die Bürger, die bereits akzeptiert haben, dass die Reform des
Sozialstaates nicht dem Erhalt des Sozialstaates dienen, die
Bürger, die eingesehen haben, dass Fahrtkostenpauschale und
Eigenheimzulage ganz ungeheuerliche Subventionen sind, während die
Milliarden, die man der Firma American Micro Devices (AMD) gibt,
damit sie sich in Dresden ansiedelt, lediglich eine musterhafte
Maßnahme der Wirtschaftsförderung sind, die Bürger, die inzwischen
sogar eingesehen haben, dass eine Wand keine Mauer ist, werden auch
noch hinnehmen, dass eine "Abstimmung" alles Mögliche sein kann,
aber nie und nimmer ein "Volksentscheid".
Und wenn sie es nicht einsehen wollen?
Dann sehen sie es eben nicht ein. Was wollen sie denn machen?
Wenn die EU-Verfassung erst einmal ratifiziert ist, ist der alte
Artikel 20, samt seinem Widerstandsrecht sowieso nur noch
Makulatur. Dann gibt es, im Europa der Regionen, als Ersatz dafür
den europaweiten Volksentscheid. Da können sich die wahren Europäer
großeuropäisch einigen.
Und wenn sie jetzt noch Widerstand leisten wollen?
Mein Gott: Es ist doch "andere Abhilfe" möglich! Man kann doch z.B.
mit seinem Wahlkreisabgeordneten reden und den bitten, etwas gegen
die EU-Verfassung zu tun. Der ist doch nur seinem Gewissen
verantwortlich und der wird demnächst abstimmen, über die
Verfassung.
Ja, ...wenn die Abgeordneten nicht frei wären, in ihren
Entscheidungen, vielleicht sogar einem Fraktionszwang unterlägen,
dann wäre vielleicht keine andere Abhilfe mehr möglich, aber
so?
Außerdem kann doch jeder Bürger ganz einfach bei der nächsten
Bundestagswahl zur Urne gehen und genau die Partei wählen, die
Europa nicht will. Wenn die gewinnt, könnte Deutschland sogar
wieder aus der EU austreten, in einem geregelten Verfahren.
Nee, nee, ist nicht, mit Widerstand.
Es ist auch überhaupt nicht gut, wenn sich das niedere Volk allzu
sehr mit hoher Politik befasst. Reicht es denn nicht, dass sich die
dafür gewählten und bestimmten Volksvertreter nicht einig werden?
Muss denn wirklich noch an jedem Stammtisch alles durchgehechelt
werden? Unsere Interessen werden doch von den Spezialisten und
Experten weiß Gott zur Genüge vertreten
.
Da hat die Ministerin Schmidt
doch erst neulich noch begeistert verkündet, ihre Reform habe
gegriffen und die Beiträge könnten gesenkt werden, und nun kommt
der Schätzerkreis der Krankenkassen daher und glaubt nicht mehr an
die Beitragssenkung.
Es werden über 14 Prozent bleiben.
Mit Zuzahlungen, Praxisgebühr und gleichzeitigen
Leistungseinschränkungen seien zwar
10 Milliarden Euro mehr in die Kassen gespült worden, aber die sind
offenbar schon wieder irgendwie zwischen Altschulden und neuen
Begehrlichkeiten verschwunden.
Für Renten- und Pflegeversicherung gilt Ähnliches und die
Spezialisten und Experten wissen genau, dass derzeit alle
Sozialversicherungen darunter leiden, dass sich die Zahl der
sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten entgegen der Prognosen
weiter verringert.
Pünktlich zum
Haushaltsentwurf 2005
kommen außerdem noch die Experten vom Bund der Steuerzahler daher,
stellen ihre frisch gestrichene Schuldenuhr auf und mahnen die
Regierung, weniger Schulden zu machen.
Hinterher kommt Herr Merz und beschwert sich darüber, dass die
Regierung das Tafelsilber verkauft,
und auch darüber, dass sie es eigentlich doch nicht verkauft,
und dass verkaufen und gleichzeitig nicht verkaufen ein ganz übles
Karussellgeschäft sei,
und darüber, dass so etwas eine Trickserei wäre, und dass deswegen
der Haushalt auf alle Fälle grundgesetzwidrig ist,
weswegen es - na klar - für Deutschland gut wäre, wenn die
Regierung zurückträte.
Und während die Meute der Journalisten nicht ablassen kann,
genüsslich alle Formen der Dämmerung durchzudeklinieren, um sich
letztlich darauf zu einigen, dass die Kanzlerdämmerung angebrochen
sei, da kommt Herr Rogowski daher, der seinen Job nicht
weitermachen will, und sagt dem Kanzler: "Machen Sie weiter so,
Herr Schröder, wir bauen auf Sie!"
"Wahnsinn!", oder?
Herr Dräke, vom Bund der Steuerzahler, der sich um die
Bundesfinanzen sorgt, sorgt sich kein Deut darum, welche Aufgaben
der Staat nicht mehr erfüllen kann, wenn er kein Geld mehr
einnimmt. Herr Dräke will, dass seine Klientel möglichst wenig
Steuern zahlt.
"Wahnsinn!", oder?
Herrn Merz ist es in Wahrheit völlig egal, wie Hans Eichel seinen
Haushalt finanziert, Hauptsache, er findet einen publikumswirksamen
Angriffspunkt.
Besser machen muss er es ja nicht, nur noch falscher, und das,
hofft Friedrich Merz, ist zu schaffen. Ob wir es fürchten, ist ihm
ebenfalls egal.
Der einzige, der sich wirkliche Sorgen macht, ob die Reformen auch
weit und tief genug gegangen sein werden, bevor die Kanzlerin
vereidigt wird, ist Herr Rogowski.
"Wahnsinn!", oder?
Genauso wie die Sache mit der Ausbildungsplatzabgabe.
Die ist nun - auch in diesen Tagen - gegen einen Pakt getauscht
worden, weil sich mit der Abgabe sonst ganz schlimme
wirtschaftliche Auswirkungen auf hunderttausende deutscher
Unternehmen ergeben hätten.
Es ist ein Pakt geworden, der von denen, die versprochen haben,
Ausbildungsplätze bereitzustellen, schon am ersten Tag dahingehend
relativiert worden ist, dass es zwar 30.000 neue Ausbildungsplätze
geben soll, dass damit aber keinerlei Gewähr verbunden sei, dass es
auch insgesamt mehr Ausbildungsplätze gäbe, weil schließlich, auf
Grund der allgemein schlechten Lage, niemand niemandem verübeln
könnte, wenn er im Gegenzug zu den neuen Ausbildungsplätzen mit dem
Betreiben der alten Ausbildungsplätze aufhört, zumal es ja nun doch
kein Gesetz gibt, dass das Nichtausbilden verteuert.
Darüber, wie viele von den 30.000 neuen Ausbildungsplätzen
letztlich als unbezahlte Praktikantenstellen daherkommen werden,
wollen wir an dieser Stelle gar nicht spekulieren. Sind wir froh,
dass es wenigstens den Pakt gibt. Das Gesetz sollte schließlich nie
in Kraft treten. Da ist es doch sogar besser, einen Pakt zu haben,
als ein "nichtinkraftes" Gesetz, oder?
Müntefering ist auch heilfroh, dieses aufreibend heiße Thema vom
Tisch zu haben. Statt, wie angekündigt, nicht mehr länger
zuzulassen, dass alle Jahre wieder das Schicksal von zigtausend
jungen Menschen gegen das Gewinnstreben der aus
"betriebswirtschaftlichen Gründen" nicht ausbildenden Unternehmer
abgewogen wird, hat er es vorgezogen, die Diskussion sang und
klanglos in einem Pakt untergehen zu lassen.
"Wahnsinn!"
Man hätte doch ein Gesetz machen können. Man hätte dieses Gesetz
auch in Kraft setzen können. Man hätte in dem Gesetz nur bestimmen
müssen, dass eine Ausbildungsplatzabgabe immer dann fälllig wird,
wenn im November eines jeden Jahres mehr als 1.000
ausbildungswillige junge Menschen, trotz nachgewiesener Bemühungen,
keinen Ausbildungsplatz gefunden haben; dass die
Ausbildungsplatzabgabe aber nicht fällig wird, wenn weniger als
1.000 keinen Ausbildungsplatz gefunden haben.
Das Gesetz zur Besteuerung der Alterseinkünfte ist schließlich auch
beschlossen und verabschiedet worden. Obwohl sich die
wirtschaftliche Situation von Millionen von Menschen dadurch
verschlechtern wird. Da hat keiner daran gedacht, einen Pakt mit
den Rentnern zu schließen.
Aber so ist es:
Gesetze macht man für die Kleinen, mit den Großen wird
paktiert.
Was bei so einem Pakt herauskommt, kann übrigens jedermann leicht
nachvollziehen, der sich bemüht, sich an die Verheißungen des
Reformators des deutschen Arbeitsmarktes zu erinnnern.
Peter Hartz:
Großer Autritt im heiligen Raum des Französischen Doms in
Berlin.
Vorstellung der Module.
Aufforderung, eine Projektkoalion aller Profis der Nation zu
bilden:
"Der Hartz Pakt "
Damit - und mit den unvermeidlichen Leistungs-Kürzungen und dem
gezielten Einsatz von härteren Zwangsmitteln gegen die
Drückerberger auf der Seite der Bezieher von Lohnersatzleistungen -
sollte die Zahl der Arbeitslosen bis Mitte 2005 halbiert werden.
Von damals vier Millionen, auf dann zwei Millionen.
Was ist passiert?
Die Zahl der Arbeitslosen ist seitdem nicht gesunken.
Sie ist gestiegen. Sie ist gestiegen, obwohl inzwischen längst
nicht mehr jeder als arbeitslos gezählt wird, der damals noch als
arbeitslos galt, obwohl mit massivem Druck und zweifelhaften
Methoden dafür gesorgt wurde, dass viele Menschen freiwillig
aufgehört haben, die Bundesagentur für Arbeit mit der sinnlosen
Nachfrage nach Arbeit zu behelligen. Sie ist gestiegen, obwohl die
Zahl der Teilzeitbeschäftigten zugenommen, die Zahl der
durchschnittlich geleisteten Wochenstunden weiter gesunken ist.
"Wahnsinn!", oder?
Derweil lässt der Bundesfinanzminister in ganzseitigen
Zeitungsanzeigen verbreiten,
man müsse nur die Schwarzarbeit richtig bekämpfen, dann gäbe es
wieder Arbeit für alle.
Jeden Tag würde in Deutschland für 1 Milliarde Euro schwarz
gearbeitet!
Das wird gedruckt und gelesen und geglaubt.
"Wahnsinn!"
Um das zu schaffen, müssten 25 Millionen Vollzeit-Schwarzarbeiter
jede Woche 40 Stunden schwarz arbeiten, jeder dritte Deutsche. Wenn
das wahr wäre, müsste es nur gelingen, ein Sechstel der
Schwarzarbeiter in legale Arbeitsverhältnisse zu bringen, dann
hätten wir in Deutschland wieder Vollbeschäftigung und immer noch
über 20 Millionen Schwarzarbeiter.
Klingt das nicht beinahe noch verheißungsvoller als "Blühende
Landschaften"?
"Wahnsinn!"
Aber der Aufschwung kommt diesmal. Dieses Jahr kommt er.
Das erste Halbjahr ist noch nicht ganz um und schon gibt es eine
Steigerung um mehr als
100 Prozent zu vermelden.
"Wahnsinn!"
Wo?
Bei den Arbeitsplätzen.
Im ersten Halbjahr 2004 wurden doppelt soviele Arbeitsplätze
vernichtet, wie im ersten Halbjahr 2003.
Frau Merkel meint übrigens ganz aktuell, mit einem
Niedriglohnsektor, dort wo die Arbeitslosigkeit noch nicht so hoch
sei, könnten noch Arbeitsplätze geschaffen werden. Da wo sie schon
hoch sei, hülfe auch der Niedriglohnsektor nichts.
"Wahnsinn!"
Hier geht`s zur aktuellen Statistik von Arbeitsplatzvernichtung und
Stellenabbau in Deutschland.
Das waren einige dicke Bäume aus den letzten Wochen.
Doch diese Bäume sind keine "bedauerlichen Einzelfälle". Sie sind
ein Teil des Waldes, in den man uns geführt hat.
In der Mitte des Waldes steht ein Knusperhäuschen, auf dessen
Pfefferkuchensteinen mit allersüßestem Zuckerguss geschrieben
steht: "
Aufschwung", "Wachstum", "Wohlstand für alle", "Chancengleichheit",
"Soziale Sicherheit","Arbeitsplätze", "Arbeitsplätze",
"Arbeitsplätze"....
Wenn wir hungrig genug sind, werden wir "Wahnsinn!" schreien und
unter Aufbietung der letzten Kräfte hinrennen, und alles tun, um in
den Genuß der süßen Verheißungen zu gelangen.
Oder rennen wir schon?