21. Juni 2007, 19:02 Uhr
Von Manfred Quiring.
Wahlkampf
"Russland braucht einen
Machtwechsel"
Die gegenwärtigen Machthaber in Russland gehören abgelöst, auch
wenn der Präsident selbst die Bühne verlässt; das Land brauche vor
allem einen Wechsel in der Wirtschaftspolitik, meint Viktor
Geraschtschenko, Mitglied des Yukos-Aufsichtsrats.
Viktor Geraschtschenko, der bereit ist, für die Vereinigte
Bürgerfront des Ex-Schachweltmeisters Gari Kasparow als
Präsidentschaftskandidat in den Wahlkampf zu ziehen.
Geraschtschenko ist Mitglied des Yukos-Aufsichtsrats und ehemaliger
Chef der sowjetischen und russischen Zentralbank. Mit ihm sprach
Manfred Quiring.
WELT ONLINE: Herr Geraschtschenko, was hat Sie dazu bewogen, sich
für einen Präsidentschaftswahlkampf zur Verfügung zu stellen?
Viktor Geraschtschenko: Ich wollte gar nicht, das Leben hat mich
dazu gezwungen.
WELT ONLINE: Können Sie das etwas konkreter erklären?
Geraschtschenko: Fünf Monate lang haben sie mit mir debattiert,
dass es notwendig sei. Die Dreiervereinigung Michail Kasjanow
(Ex-Premier), Gari Kasparow (Ex-Schachweltmeister) und Eduard
Limonow (Anführer der verbotenen Nationalbolschewisten) hat ja
durchaus etwas Künstliches. Die Vereinigte Bürgerfront kam zu dem
Schluss, dass ich mehr Chancen habe als Kasjanow. Die endgültige
Entscheidung fällt Ende Juni.
WELT ONLINE: Haben Sie darüber mit Kasjanow gesprochen?
Geraschtschenko: Ich habe ihm meine Wertschätzung als Finanzexperte
ausgedrückt und ihm versichert, dass alles davon abhängt, wer
letztlich als der bessere Kandidat bestimmt wird. Ich werde ihm
kein Messer in den Rücken stoßen. Ich habe ihm aber auch gesagt,
dass es überhaupt nichts bringt, wenn jeder einzeln antritt.
WELT ONLINE: ¿ was die Opposition zersplittern würde.
Geraschtschenko: Ja, dann bekommt jeder von uns vielleicht fünf
oder sieben Prozent, einer erreicht möglicherweise sogar die
Stichwahl. Aber diese gewinnt dann der Kandidat der Partei der
Macht. Von irgendwelchen Veränderungen zum Besseren braucht man
dann nicht mehr zu reden.
WELT ONLINE: Was ist zu tun?
Geraschtschenko: Ich sage nur eins: Ihr müsst einen gemeinsamen
Kandidaten aufstellen. Ihr müsst von euren Programmen die linken
und rechten Neigungen abschneiden und einen gemeinsamen Nenner
finden, die Machthaber müssen abgelöst werden. Die entscheidende
Frage ist doch: Brauchen wir Veränderungen oder nicht? Ich meine,
wir brauchen sie.
WELT ONLINE: Mit welchem Ziel?
Geraschtschenko: Die Macht muss demokratischer werden. Sie darf
nicht nur auf die Oligarchen setzen, die sich durchgesetzt haben
und in vielem den Ton angeben, sondern auf die normale Entwicklung
des Wirtschaftslebens, auf ausländische Investitionen. Investoren
sollten nicht fürchten müssen, dass man mit ihnen so verfährt wie
beispielsweise mit Yukos.
WELT ONLINE: Im Moment sieht es aber nicht nach einem
Einheitskandidaten der Opposition aus?
Geraschtschenko: Ja, Kasjanow ist von seiner Partei vorgeschlagen
worden, Grigori Jawlinski von seiner Jabloko-Partei. Ich werde
formal Ende Juni vorgeschlagen. Das alles geschieht jetzt unter dem
Eindruck der Parlamentswahlen im Dezember. Ich habe aber immer noch
die Hoffnung, dass sie früher oder später einen gemeinsamen
Kandidaten aufstellen.
WELT ONLINE: Hätten Sie Ambitionen?
Geraschtschenko: Das muss nicht unbedingt ich sein, ich bin nicht
unbedingt der Beste. Aber ich könnte eine Kompromissfigur sein.
WELT ONLINE: Welche Probleme müssen aus Ihrer Sicht in erster Linie
angegangen werden?
Geraschtschenko: Neben dem Wohnungsproblem brennt das Rentenproblem
auf den Nägeln. Die Renten vieler Menschen bei uns liegen unterhalb
des Existenzminimums. Dabei haben wir die nötigen Ressourcen. Auch
glaube ich nicht, dass sich gegenwärtig die besten Leute an der
Macht befinden. Mehr als 9000 kommen aus einer einzigen Stadt (Anm.
der Redaktion: Gemeint ist Putins Geburtsstadt St. Petersburg),
leben in den anderen Städten nur Dummköpfe?
WELT ONLINE: Sie kritisieren die gegenwärtige Führung für ihre
Wirtschaftspolitik, die auf immer stärkere Einmischung des Staates
in die Wirtschaft hinausläuft.
Geraschtschenko: Der Einfluss des Staates muss nicht unbedingt
durch die direkte Einmischung realisiert werden. Aber der Staat
muss die Bedingungen für eine echte Konkurrenz schaffen. Unser
Problem besteht doch darin, unter anderem auch im Wohnungssektor,
dass es keine Konkurrenz gibt.
WELT ONLINE: Sie sind seit drei Jahren Aufsichtsratsvorsitzender
von Yukos.
Geraschtschenko: Mitglied des Aufsichtsrats mit der Option, zum
Vorsitzenden gewählt zu werden.
WELT ONLINE: Wollten Sie Yukos retten?
Geraschtschenko: Das Yukos-Management hat mich im Juli 2004 in der
Hoffnung gerufen, dass die Obrigkeit bereit ist, mit mir zu
verhandeln und das Yukos-Problem zu lösen. Und da dachte ich –
warum nicht? Das wird interessant. Umso mehr als ich nach einem
halben Jahr in der Duma erkannte, dass das ein Panoptikum ist, wo
man nichts tun kann.
WELT ONLINE: Aber diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt.
Geraschtschenko: Ich habe immer gesagt: Zerstört das Unternehmen
nicht. Yukos war 2005 an erster Stelle bei der
Schlagworte
Viktor Geraschtschenko Yukos Russland Gari Kasparow
Erdölverarbeitung. Aber als Chodorkowski seine Aktienanteile zur
Begleichung der Steuernachforderungen anbot, sagte mir Igor
Schuwalow, Putins Mitarbeiter für die Kontakte zu den G7, „wir
trauen Chodorkowski nicht“. Die Steuerschuld hätte auch durch eine
Kapitalerhöhung beglichen werden können.
WELT ONLINE: Und weshalb wird der Konzern trotzdem zerstört?
Geraschtschenko: Ehrlich gesagt, ich glaube, dass es sich um eine
persönliche Vendetta handelt.
KOMMENTARE
Benz meint:
22-06-2007, 12:50 Uhr
Es ist wenig wahrscheinlich, dass eine Administration wie die
Putins, die beste Kennzahlen vorzuweisen hat und seit ihrem
Amtsantritt Jahr fuer Jahr 7 Prozent Wirtschafstwachstum generiert
hat, von den Waehlern abgewiesen wird. Erfolgreiche Regierungen
werden nun mal nicht abgewaehlt, das ist ein grundlegendes, in
allen Laendern gueltiges Prinzip.
Das sollte man auch in der russischen Opposition wissen. Doch
anstatt diesen simplen Tatbestand anzuerkennen, spricht die
Opposition lieber von nichts anderem als angeblichen
Demokratiedefiziten. Meiner Meinung sind diese Leute einfach
schlechte Verlierer, die es nicht verkraften koennen, dass sie in
Russland von niemandem gewaehlt werden.
physiko meint:
22-06-2007, 11:23 Uhr
Toller Informationsgewinn, dieser Beitrag. Nun warte ich gespannt
auf das Interview mit Iwan Iwanowitsch Iwanow, einem stämmigen
Bauern aus dem Ural. Er will es dem Putin einmal so richtig geben
und hat sicherlich große Chancen, der neue Präsident von Russland
zu werden. Das Interview mit Welt-online wird ihm bestimmt dabei
helfen, oder?
Quelle:
http://www.welt.de/politik/article964480/Russland_braucht_ei…