Nach der heftigen Korrektur raten Optimisten wieder zum Kauf der Nokia-Aktie. Warum der Einstieg riskant bleibt und wie Anleger mit dem Handy-Riesen trotzdem Geld verdienen können.
von Klaus Schachinger
Im Mai haben wir viermal mehr Samsung- als Nokia-Handys verkauft\", sagt Mustafa Dayioglu, Verkaufsleiter Neue Medien bei Saturn Hansa am Ernst-August-Platz im Zentrum von Hannover. Stark sei Nokia nur noch bei günstigen Prepaid-Modellen.
Vor einem Jahr sah die Welt der Mobiltelefone noch ganz anders aus. Damals wartete die auf neue Trends begierige Kundschaft bei Saturn brav, bis die Finnen ihre jeweiligen neuen Handys präsentierten. Vor einem Jahr konnte sich der Weltmarktführer auch noch Arroganz leisten. Kaum einer in der Branche zweifelte an seiner Dominanz. \"Unser Anspruch ist, mehr als nur silberne Klapp-Handys zu entwickeln\", tönte Nokias Chef-Designer selbstgefällig. Die jährliche Strategiekonferenz fand unter dem prophetischen Motto \"Mobility 2003 and beyond ...\" statt - Mobilität 2003 und darüber hinaus.
Fortschritte gemacht und Fehler vermieden hat seither jedoch vor allem die Konkurrenz. In der Vergangenheit hatten speziell Motorola und SonyEricsson durch notorische Vertriebsprobleme geglänzt. Die haben sie inzwischen in den Griff bekommen. Die beiden Unternehmen verkauften in den ersten drei Monaten dieses Jahres sogar mehr Handys als im traditionell starken vierten Quartal. Und auch im laufenden Vierteljahr sieht es bei ihnen, ebenso wie bei Samsung, gut aus.
\"Samsung hat sich inzwischen zur Nokia-Alternative gemausert\", sagt Handy-Händler Dayioglu. Dem Verkaufschlager der Koreaner, dem Modell SGH 700, könne Nokia derzeit nichts entgegensetzen. Das Klapp-Handy ist klein, leicht und hat zwei kontrastreiche Digitalkameras. Fotos werden via Kabel auf einen PC übertragen, um dann per E-Mail verschickt zu werden.
Um das Handy in der Produktion günstiger zu machen, hat Samsung auf drahtlose Bluetooth-Technologie verzichtet und kam trotz veralteter Technik den Wünschen der Kunden besser entgegen als Nokia. Denn nur wenige PC-Besitzer haben ihren Computer mit Bluetooth nachgerüstet. \"Datenkabel für Handys werden häufig gekauft\", bestätigt denn auch Dayioglu.
Die Fehler hat diesmal Nokia gemacht. Das Statussymbol beim Telefonieren heut zu Tage ist nun mal ein Handy zum Auf- und Zuklappen - Nokia hat diesen Trend vollkommen verpennt. Weiterer Grund für den Fehlstart ins Jahr 2004 sind unattraktive Geräte im mittleren Preissegment, musste Konzernchef Jorma Ollila einräumen. Die Folgen für das Unternehmen sind bitter. Das erste Quartal war enttäuschend, die Umsatz- und Gewinnprognosen für die laufende Drei-Monats-Periode wurden reduziert. Der Aktienkurs fiel in den Keller, der weltweite Marktanteil der Finnen bei ausgelieferten Handys sank von 35 erstmals unter 30 Prozent.
Die 40 Prozent Marktanteil, die Ollila trotz der Krise propagiert, sind nach Einschätzung von Analysten bis auf weiteres hypothetisch. Skeptiker, wie die Analysten von Morgan Stanley, rechnen sogar mit einem weiteren Rückgang auf 28 Prozent. Sie glauben, dass sich die steile Talfahrt der Aktie fortsetzen wird - aufgehalten werde der Kursverfall derzeit nur durch eine starke technische Unterstützung bei elf Euro.
Im Juli werden die Handy-Hersteller ihre Zahlen fürs zweite Quartal vorstellen. Dann werden von allen großen Nokia-Konkurrenten gute Nachrichten erwartet. Ihnen ist es nach der Statistik der Marktforscher von Gartner Group in vergangenen Jahr gelungen, die Finnen in Europa zum ersten Mal auf deutlich unter 50 Prozent Marktanteil zu drücken.
Bis 2008 soll es dauern, bis Nokia das verlorene Terrain zurückerobert hat, schätzen Experten. Obwohl Ollilas Mannen bereits heftig gegensteuern. Erst mal wurden die Preise gesenkt, bei einigen Modellen um bis zu 25 Prozent. Für die vom Markt überrumpelten Finnen, die jahrelang operative Rekordmargen von mehr als 20 Prozent schafften, ist das eine bittere Pille. Analysten gehen jetzt davon aus, dass Nokia seine Umsatzprognosen für das zweite Quartal von bislang 6,8 Milliarden Euro verfehlen wird.Zumindest bei günstigen Einsteigergeräten zeigt die Preissenkung aber schon Erfolge. Dem Konzern ist es nach Angaben von Carphone Warehouse, einem der größten Vertriebsspezialisten in Europa, gelungen, in diesem Segment Siemens die Favoritenrolle wieder abzujagen. Gut verkaufen würde sich auch Nokias erstes Klapp-Handy, das 7200. Die Nachfrage sei derzeit größer als das Angebot.Bei den Trendmodellen will Ollila deshalb flott nachlegen und hat den Druck auf seine Ingenieure erhöht. Fünf weitere Klapp-Modelle sollen so schnell wie möglich in diesem Jahr noch auf den Markt kommen.
Gartner-Group-Analyst Ben Wood, einer der führenden Experten der
Branche, bleibt dennoch skeptisch: \"Nokia ist noch nicht über den
Berg. Der Erfolg des 7200er-Modells zeigt lediglich, dass der
Schnellverband die Blutung gestoppt hat.\"
Autor: SmartHouseMedia (© wallstreet:online AG / SmartHouse Media
GmbH),10:55 06.06.2004