Aus dem Thread "Platzt jetzt die Blase am Immobilienmarkt in
Deutschland ?
"
Thread: Platzt jetzt die Blase
am Immobilienmarkt in Deutschland ?
#189
Kein Cent Miete, aber viele Kosten
Vermieter klagen über zunehmende Zahlungsunwilligkeit. Schwarze
Listen sollen vor Betrügern warnen
von Susanne Ziegert
Das Paar fuhr in einem geräumigen Pontiac vor. Beide waren adrett
gekleidet und machten einen gutsituierten Eindruck. Das mietbare
Einfamilienhaus mit Garten in Vlotho würden sie für sich und die
beiden Kinder später gern auch kaufen, teilten sie der Eigentümerin
bei der Besichtigung mit. Mit Ideen für die Verschönerung des
Gartens gewannen sie dann endgültig das Vertrauen der Vermieterin.
" Was für eine nette junge Familie" , dachte sie und lud alle
anderen Mietinteressenten wieder aus. Kurz darauf aber erfuhr die
Vermieterin vom Vorleben der " netten Familie" . Mehrere Vermieter
hatten schon Räumungstitel erwirkt, da Mietzahlungen ausblieben.
Die Eigentümer beginnen sich zu wehren.
Doch bevor der Gerichtsvollzieher zur Räumung kam, war die " nette
Familie" längst ins nächste hübsche Einfamilienhaus weitergezogen.
Seit sechs Jahren machten sie offenbar immer wieder Eindruck bei
gutgläubigen Eigentümern. Fünf betroffene Vermieter tauschen sich
mittlerweile aus.
In ganz Deutschland werden Vermieter immer öfter um ihre Miete
gebracht und bleiben auf Kosten für Verfahren oder Räumung sitzen.
Zwei Milliarden Euro Mietschulden liefen 2003 auf, errechnete der
Eigentümerverband Haus & Grund. Die Summe dürfte 2004 noch
höher ausfallen. Denn die Zahl der überschuldeten Haushalte nimmt
zu; Privatinsolvenzen nahmen 2003 um ein Drittel zu.
Neben Mietern, die nicht mehr zahlen können, gibt es immer mehr
schwarze Schafe. " Diese Menschen sind zahlungsunwillig. Sie mieten
in betrügerischer Absicht. Bevor der Vermieter einen
rechtskräftigen Titel erhält, sitzen sie längst in der nächsten
Wohnung" , erklärt der Haus-&-Grund-Sprecher Ludger Baumeister.
Geschickt nutzen sie dabei das Mietrecht. " Bis eine Räumungsklage
durchkommt, kann es ein halbes Jahr dauern" , sagt Rechtsanwalt
Hans Wehmeyer aus Bad Salzuflen. Bis dahin sind für den Vermieter
mehrere tausend Euro Kosten für Anwalt, Gericht, Gerichtsvollzieher
und Räumung aufgelaufen.
Auch der Stuttgarter Immobilienunternehmer Matthias Heißner hatte
in seiner Hausverwaltung für 2000 Wohnungen mehrere Mietpreller
erlebt. Deshalb rief er die " Vermieterschutzkartei" ins Leben.
Darin sind nach Angaben des Unternehmens 7,3 Millionen Personen
erfaßt, die " Negativmerkmale" erfüllen: " Recherchiert werden
diese bei den Schuldnerverzeichnissen der Amtsgerichte und bei
Inkassobüros. Die Daten anderer Auskunfteien sind oft veraltet" ,
sagt Geschäftsführer Aleksander Rasic. 40 Mitarbeiterinnen sorgen
jetzt für monatliche Aktualisierung. Damit wolle man dramatischen
Entwicklungen für Vermieter vorbeugen. " Häufig wird eher der
Urlaub bezahlt als die Miete. Wer seine Wohnung als Altersvorsorge
gekauft hat und noch abzahlt, kann in eine schlimme Notlage
geraten" , so Rasic. Die Jahresgebühr für Vermieter liegt zwischen
95 und 185 Euro. Dafür können fünf bis 40 Fälle abgefragt
werden.
Die Vermieterschutzkartei plant die Expansion von Stuttgart nach
Berlin, Hamburg, Köln. Eine weitere Datenbank - " Vermieter und
Partner arbeiten zusammen" - ist seit drei Jahren in
Bergisch-Gladbach aktiv. " Die Zahl der Anbieter nimmt zu, das
zeigt die Ausmaße des Problems" , sagt Baumeister.
Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, kritisiert
solche Warndateien: " Hier werden teils sensibelste Daten erhoben,
gespeichert und übermittelt. Das halte ich für sehr zweifelhaft."
Zwar sei das Interesse der Wohnungswirtschaft nachvollziehbar,
schwarze Schafe zu erkennen und das betriebswirtschaftliche Risiko
zu verringern. Die Wohnung zähle jedoch zum Mittelpunkt des
privaten Lebensbereichs. Wenn durch ungeprüfte Eingabe von
Mieterdaten jeder zum Negativmieter gestempelt werden könne, würde
mancher auch ohne berechtigten Anlaß in diesen Ruf geraten.
Der Sprecher des Deutschen Mieterbunds, Ulrich Ropertz, glaubt
nicht, daß so schwarze Schafe identifiziert werden können. Dies
gleiche der Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen, etwa bei
Allerweltsnamen wie Peter Müller. " Wir sehen das sehr kritisch, da
wir nicht wissen, welche Daten wie lange gespeichert werden. Wird
auch Klatsch und Tratsch abgespeichert, wenn jemand einmal die
Treppe nicht geputzt hat oder zu laut war?" Rasic sieht die
Datenschutzbestimmungen erfüllt: " Erfaßt werden
Vollstreckungsbescheide, Insolvenzverfahren und Haftbefehle. Wir
wollen keine gläsernen Mieter" , bekräftigt er.
Ludger Baumeister ist gegenüber schwarzen Listen skeptisch: " Neben
den datenschutzrechtlichen Voraussetzungen ist die Frage, ob
ausreichend Daten vorliegen." Eine Bonitätsprüfung sei Vermietern
aber prinzipiell zu empfehlen. Der Verband selbst recherchiere
dabei bei den klassischen Auskunfteien wie Schufa und
Creditreform.
Auf den guten Eindruck will sich die Vlothoer Vermieterin nicht
mehr verlassen. Auf die Kaution wartete sie vergeblich und kündigte
auch bald den Mietvertrag. Einer ihrer Vorgänger beklagte 24 000
Euro Schaden - das Paar hinterließ dort Müll, verwüstete Räume und
eine zerstörte Terrasse. Selbst als das Gericht die Kündigung
bestätigte, ließen sich die Mieter vorerst nicht beeindrucken. Aus
Verzweiflung hat der entnervte Eigentümer am Ende die Haustür
zugeschweißt.
Artikel erschienen am 7. November 2004