Apple: Eine gigantische
Entmenschlichung
Mike Daisey recherchierte als Undercover-Reporter, unter welchen
Arbeitsbedingungen Apple in China seine Produkte herstellen lässt.
Die Eindrücke verarbeitet er in seinem Bühnenstück „The Agony and
Ecstasy of Steve Jobs“ - mit deutlichen, kritischen Worten.
im Mai 2010, lange bevor es in den größeren Medien zum Thema wurde,
reiste Mike Daisey als amerikanischer Geschäftsmann getarnt zu den
chinesischen Zulieferbetrieben von Apple, um sich dort die
katastrophalen Arbeitsbedingungen anzuschauen. Sein Stück „The
Agony and Ecstasy of Steve Jobs“ läuft derzeit am New Yorker Public
Theater.
Herr Daisey, die Arbeitsbedingungen in den
Apple-Zulieferbetrieben in China machen in diesen Tagen
Schlagzeilen. Sie waren vor beinahe zwei Jahren als
Undercover-Reporter dort und erzählen in Ihrem Ein-Mann Stück seit
anderthalb Jahren Ihrem Publikum davon. Sind Sie frustriert, dass
man erst jetzt hinhört, da die großen Medien einsteigen?
Nein, überhaupt nicht. Ich weiß, dass die Reporter, die an dem
fantastischen Stück in der New York Times gearbeitet haben, das in
der vergangenen Woche veröffentlicht wurde, alle mein Stück gesehen
haben, bevor sie nach China gereist sind, um sich selbst ein Bild
zu machen. Ich freue mich ungemein, dass sie die Geschichte jetzt
verbreiten.
Es gibt schon seit Jahren Berichte von
Menschenrechtsorganisationen über die Bedingungen in diesen
Fabriken. Warum glauben Sie, hat es so lange gedauert, bis die
Mainstream-Medien das Thema aufgreifen?
Zum einen, denke ich, dass es sehr schwer ist, als offizieller
Journalist in China zu arbeiten, weil es ein faschistisches Land
ist, das von Verbrechern regiert wird. Deshalb habe ich ja auch
verdeckt recherchiert. Außerdem glaube ich, dass die
Computerfachpresse komplett versagt hat. Sie stecken so sehr mit
der Industrie unter einer Decke, dass Sie es versäumen, ihren
journalistischen Auftrag zu erfüllen. Das war ein wesentlicher
Grund dafür, dass die Publikumspresse sich so lange nicht dafür
interessiert hat.
Das Wired Magazine hat vor ein paar Jahren einen Reporter auf
Einladung der Firma zu Foxconn geschickt. Er hat eine
Titelgeschichte geschrieben, aus der deutlich wird, dass er nicht
mit einem einzigen Arbeiter dort gesprochen hat. Das Fazit der
Geschichte war, dass alles dort nicht so schlimm ist und damit
haben sich alle zufrieden gegeben. Es ist eine ungemeine
Peinlichkeit für die Fachpresse.
Was hat Sie dazu angetrieben, das auf eigene Faust zu
recherchieren?
Ich bin Monologist, es ist mein Job, die Geschichte zu erzählen,
von der ich am meisten besessen bin, und ich bin schon mein ganzes
Leben lang von Apple besessen. Als ich angefangen habe zu
recherchieren, wurde mir schnell klar, dass es zwei
Apple-Geschichten gibt – eine wohlbekannte, sehr öffentliche
Geschichte und eine geheime Geschichte. Aber wenn man die wahre
Geschichte der Apple-Technologie erzählen will, muss man beide
Teile erzählen. Man kann nicht verschweigen, was die menschlichen
Kosten dieser Geräte sind.
Wie viel wussten Sie über die Arbeitsbedingungen dort und wie
sehr waren Sie von dem überrascht, was Sie vorgefunden
haben?
Man muss eine Sache verstehen: Die Fakten dieser Geschichte sind
völlig unkontrovers. Die Verletzungen der Menschenrechte in diesen
Fabriken und die katastrophalen Bedingungen, unter denen die
Menschen dort arbeiten, sind von Menschenrechtsorganisationen
längst hinreichend dokumentiert. Wir haben uns nur bislang
unheimlich angestrengt, nicht hinzuschauen. Ich hatte meine
Hausaufgaben gemacht und war deshalb auf sehr brutale Bedingungen
vorbereitet. Worauf man natürlich nie vorbereitet ist, ist das
menschliche Antlitz dieser Grausamkeiten, sowie das gigantische
Ausmaß der Entmenschlichung. Das war schockierend.
Ich habe mit Menschen geredet, deren Hände verkrüppelt waren, weil
sie zu lange Schichten gearbeitet haben. Ich habe Leute gesehen,
die unkontrollierbar am ganzen Leib gezittert haben, weil sie
unheilbare Nervenschäden von Reinigungsmitteln hatten. All das wäre
mit den simpelsten Arbeitsschutzmaßnahmen vermeidbar gewesen.
Haben Sie Apple mit diesen Dingen konfrontiert?
Nein, dazu gibt es keinen Grund. Ich sage alles, was ich zu sagen
habe, sehr öffentlich. Jeder kann meine Show sehen oder sich im
Internet den Podcast anhören, den wir daraus gemacht haben. Ich
weiß, dass einige Apple-Leute in meiner Show waren und dass
Tausende von Leuten an Apple geschrieben haben. Die Chefs von Apple
wissen, was in ihrem Haus vor sich geht. Sie sind unfassbar
arrogant.
Man muss sich nur vorstellen, dass sie selbst nach dem Text in der
New York Times immer noch leugnen, was bei Foxconn passiert. Wenn
es in den USA und in Deutschland Vorfälle gegeben hätte, so wie sie
in dem Artikel beschrieben werden, dann wären Leute ins Gefängnis
gewandert. Alleine die schrecklichen Arbeitsbedingungen in den
iPad-Fabriken müssten jeden Zweifel beseitigen. Die Tatsache, dass
wir immer noch darüber nur sprechen, anstatt endlich auch
praktische Konsequenzen zu ziehen, sagt viel darüber, ob wir
wirklich glauben, dass diese Arbeiter überhaupt Menschen sind.
Ich habe sie getroffen und ich kann Ihnen versichern, dass sie so
einzigartig und individuell sind, wie jeder andere von uns. Es gibt
keinen Unterschied zwischen diesen Menschen und Arbeitern in
Detroit oder in Stuttgart. Wir verschließen unsere Augen davor,
weil wir sonst die Wahrheit nicht aushalten würden. Wir müssen
endlich begreifen, was wir diesen Menschen antun.
Wie glauben Sie denn, dass sich etwas verändern wird?
Ich glaube, die Veränderung ist nicht mehr aufzuhalten. Ich denke,
dass Boykottaufrufe, wie es sie jetzt immer mehr gibt, Wirkung
zeigen werden, selbst wenn es nie zu einem Boykott kommt. Das Image
ist das wertvollste Gut von Apple und wenn die Menschen anfangen,
das Blut an den iPhones zu sehen, dann hat Apple ein ernsthaftes
Problem. Der Druck auf sie wächst, wirklich etwas zu tun und nicht
nur ihre Zuliefererliste zu veröffentlich und ein Abkommen zu
unterzeichnen.
Der Druck auf Apple muss
wachsen
Glauben Sie, dass allein der Imageschaden Apple wirklich zum
Handeln zwingt oder muss es ihnen erst an die Geldbörse
gehen?
Nun, die ersten Zugeständnisse, also der Beitritt zur Fair Labor
Association und die Veröffentlichung der Zuliefererliste, wurden
bereits gemacht, nachdem mein Theaterstück im Radio lief. Viele
Apple-Angestellte haben das gehört und mussten ihren Familien nun
erklären, was sie da eigentlich machen. Der Unmut innerhalb der
Firma wächst und die Motivation sinkt. Ich weiß das von
Apple-Angestellten, die sich mit mir in Verbindung gesetzt haben.
Apple hat jetzt ein echtes Problem: Gerade die Menschen bei Apple
wollen stolz sein auf das, was sie tun. Deshalb sind sie ja
dort.
Apple ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Beinahe alle
Elektronikfirmen lassen bei Foxconn fertigen und in andere Branchen
sind oft die Arbeitspraktiken auch nicht besser. Kann Apple alleine
das Problem lösen?
Apple kann die Geschichte der Produktion in Drittweltländern neu
schreiben, wenn der Konzern denn nur will. Sie haben 100 Milliarden
Dollar an flüssigen Mitteln. Wenn sie nur fünf Prozent darauf
verwendeten, ihre Zuliefererkette humaner zu gestalten, könnten sie
die derzeitigen Praktiken revolutionieren.
Welche Elektrogeräte benutzen Sie denn?
Ich habe ein Mac Book Pro. Ich weigere mich aber, irgendetwas Neues
zu kaufen, so lange ich das nicht unbedingt muss. Ich denke, wenn
man alleine dem Druck widersteht, immer das neueste und beste Gerät
haben zu müssen, kann man der Branche bereits sehr weh tun. Wir
wissen doch, dass geplante Unbrauchbarkeit Teil der
Marketingstrategie dieser Firmen ist. Und meistens kaufen wir ja
die neuesten Geräte ohnehin hauptsächlich aus Eitelkeit.
http://www.fr-online.de/kultur/mike-dasey-gegen-apple-apple-…