Börsen-Zeitung Aktuelle Top-Themen - Ausgabe Nr. 174 vom 11.
September 2007
Norwegen legt Ölmilliarden vorbildlich an
Staatsfonds haben 245 Mrd. Euro Volumen erreicht - Hohe
ethische Ansprüche - Transparente Anlageentscheidungen
Von Gottfried Mehner, Hamburg
Damit auch künftige Generationen noch etwas vom Ölreichtum
abbekommen, bunkert Norwegen seit 1990 einen Teil seiner
Ölmilliarden. Ende Juni hatte der größere von zwei Fonds ein
Volumen von 1,9 Bill. nkr (245,2 Mrd. Euro) erreicht. Erzielt wurde
im zweiten Quartal eine Rendite von 2,23 % auf Basis eines speziell
komponierten Währungskorbs. Aufgrund der völlig gläsernen
Anlagepolitik wurde der Staatsfonds inzwischen zur Benchmark für
andere Ölnationen.
Volle Kassen machen auch in Norwegen sinnlich. Deshalb wurden die
beiden Fonds Anfang 2006 umfirmiert: Zu Beginn hießen die beiden
Anlagevehikel "Statens petroleumsfond" und Sozialversicherungsfonds
("Folketrygdfondet"). Inzwischen heißt es politisch korrekt
"Staatlicher Pensionsfonds Ausland" und "Staatlicher Pensionsfonds
Norwegen". Bislang ist knapp die Hälfte der gesamten Öleinnahmen in
die öffentlichen Haushalte geflossen.
Aufgaben delegiert
Die Fonds haben kein eigenes Management und keine eigenständige
Verwaltung. Sie werden vom norwegischen Finanzministerium
verwaltet, das diese Aufgabe sinnvollerweise an die norwegische
Zentralbank (Norges Bank) delegiert hat. Dort kümmert sich der
Bereich Norges Bank Investment Management (NBIM) um diese Aufgabe.
Ein Ethikrat berät die Zentralbank bei ihren
Anlageentscheidungen.
Jeweils im Mai, August und November wird in Quartalsberichten
detailliert Rechenschaft abgelegt. Diese Berichte sind über die
Internetseiten der Norwegischen Zentralbank (norgesbank.no)
einsehbar. Jeweils im Februar erscheint der Jahresbericht, der dem
Parlament (Storting) vorgelegt wird.
Angst vor Monostruktur
Die Fonds sollen nicht nur dem Generationenausgleich dienen. Sie
stellen auch einen Puffer gegen schwankende Öleinnahmen und
Fördervolumen dar. Nicht immer lag der Ölpreis ja in der
gegenwärtigen Höhe von 74 Dollar. Aus norwegischer Sicht sollten
die Fonds auch dabei helfen, die Finanzpolitik und die Geldpolitik
zu verstetigen.
Zudem soll die klare Trennung der Ölfördereinnahmen von der
Mittelverwendung unerwünschte wirtschaftliche Strukturveränderungen
vermeiden, wie sie in vielen monostrukturierten Ölländern zu
registrieren sind. Auch in Norwegen gilt die mit vielen
Ölmilliarden hochgepäppelte Festlandswirtschaft als nicht besonders
wettbewerbsfähig. Bei den wichtigsten Großunternehmen und der
größten Bank des Landes (DnB Nor) hat sich der Staat einen
maßgeblichen Einfluss gesichert.
Betrieben wird eine aktive Strukturpolitik. Priorisiert wird in
allen Branchen vorrangig die innernorwegische Konsolidierung vor
grenzüberschreitenden Allianzen. Ein erzürnter schwedischer
Finanzminister hat deshalb Norwegen einmal als "letzten
Sowjetstaat" bezeichnet.
Engmaschige Kontrollen
Die gesamte Anlagepolitik der Fonds ist über Gesetze, Vorschriften
Richtlinien und Ausführungsbestimmungen sowie
Verwaltungsvereinbarungen haarklein festgelegt. Sie wird engmaschig
kontrolliert, wobei die Fonds tunlichst höhere Renditen als das zur
Kontrolle mitgekoppelte Referenzportfolio aufweisen sollten. Dieses
Referenzportfolio orientiert sich am FTSE-Weltaktienindex für große
und mittelgroße Gesellschaften in 27 Ländern sowie an den beiden
Indizes Lehman Global Aggregate und Lehman Global Real, die 21
Länder und Währungen umfassen.
Um die besten Anlageergebnisse zu erzielen, zieht die Zentralbank
auch externe Verwalter hinzu. Aktuell sind im Aktienbereich 28
externe Anlageverwalter mit 45 unterschiedlichen Mandaten aktiv,
die ein Teilvolumen von 271 Mrd. nkr (34 Mrd. Euro) ausmachen. Sie
kümmern sich vor allem um die aktiv gemanagten Portfolien, während
die Zentralbank sich auf indexbasierte Investments fokussiert. Um
im Rentenbereich überragende Ergebnisse zu erzielen, wurden hier
elf externe Berater hinzugezogen.
Das Referenzportfolio besteht zu 40 % aus Aktien und 60 % aus
zinstragenden Instrumenten. Innerhalb der Aktien wird in regionaler
Hinsicht zu 50 % in Europa investiert, zu 35 % in Amerika und
Afrika und mit den restlichen 5 % in Asien/Ozeanien. Aus dem
Halbjahresbericht der Zentralbank wird deutlich, dass aktuell 16,1
% der Aktienengagements in Großbritannien liegen, 8,4 % in
Frankreich und 6,1 % in Deutschland.
Stark europafixiert
Bei den Renten ist der europäische Anteil mit 60 % noch höher. Auf
Amerika entfallen 35 % und die restlichen 5 % auf Asien/Ozeanien.
Zur Jahresmitte setzte sich das Fondsvermögen zu 1,12 Bill. nkr aus
Rentenanlagen und zu 819 Mrd. nkr aus Aktienengagements zusammen.
Dabei sorgte die höher bewertete Krone für einen Wertverlust von
45,9 Mrd. nkr (5,8 Mrd. Euro).
Auf Basis eines speziell komponierten Währungskorbs erreichte die
Kapitalrendite im zweiten Quartal 2,23 %, wobei hier eine
Aktienrendite von 7,4 % durch einen Wertverlust bei Renten von 1,19
% dezimiert wird. Damit wurde ein höherer Wert erzielt als im
Referenzportfolio (1,94 %). In den ersten sechs Monaten wurde ein
Anlageerfolg von 3,7 % erzielt.
Eine Frage der Währung
Auf Basis eines importgewichteten Währungskorbs ergab sich im
zweiten Quartal eine Rendite von 1,36 %. Auf Dollarbasis ermittelt
sich eine Rendite von 0,93 %. Wird der Euro als Basis gewählt,
stellte sich ein Erfolgsminus von 0,15 % ein. Ebenso ergab sich auf
Kronenbasis (- 0,19 %) eine negative Wertentwicklung.
Auf Jahresbasis hat der im Ausland anlegende Fonds seit 1997 eine
Bruttorendite von 6,6 % erzielt. Nach Abzug der Verwaltungskosten
und der Preissteigerungen ergab sich eine jährliche Nettorendite
von 4,6 %. Bei der Fondskonzeption war eine Realrendite von 4 %
veranschlagt worden.
Aktienquote steigt
Während der Pensionsfonds Ausland ausschließlich im Ausland anlegt,
fokussiert der sehr viel kleinere Pensionsfonds Norwegen auf das
Inland. Die Anlagemöglichkeiten wurden zuletzt schrittweise
erweitert. Mitte Juni stimmte das Parlament dem Vorschlag der
norwegischen Finanzministerin Kristin Halvorsen zu, die Aktienquote
von 40 auf künftig 60 % zu erhöhen. Mit zu den Anlagebestimmungen
gehört auch, dass in einem Wert maximal 5 % des Aktienkapitals
gezeichnet werden dürfen. Norwegen will über die Anlagepolitik
keinen Einfluss auf die Unternehmen ausüben. Im Schnitt betragen
die Engagements lediglich 1 % des Aktienkapitals. Entsprechend
werden dadurch die Märkte kaum verzerrt.
Anders als Abu Dhabi
Hier wird ein deutlicher Unterschied zur Anlagepolitik anderer
Ölländer deutlich. In Deutschland hatte zuletzt Abu Dhabi versucht,
sich mit 10 % an Volkswagen zu beteiligen. Erst dieser Versuch ließ
eine Gegenstrategie bei Porsche reifen. Angesichts der norwegischen
Selbstbeschränkung auf maximal 5 % drohen langsam aber die
Anlagemöglichkeiten knapp zu werden. Deshalb darf künftig auch in
kleinere börsennotierte Einheiten investiert werden.
Schwarze Listen
Auch wenn Unternehmen nach den Empfehlungen des Ethikrates aus dem
Anlageuniversum gestrichen werden, wird dies publik gemacht. Hier
sorgte für Aufsehen, dass Norwegen nicht länger in Wal-Mart- oder
Freeport-Aktien anlegt: Beide Unternehmen wurden auf die schwarze
Liste gesetzt, nachdem der norwegische Ethikrat im Fall von
Wal-Mart "grobe und systematische" Verstöße gegen die
Menschenrechte feststellte. Die weltgrößte Kupfermine Freeport wird
wegen erheblicher Umweltverstöße aussortiert.
Ende 2005 waren bereits Unternehmen indexiert worden, die
Komponenten für die Herstellung von Kernwaffen herstellen. Vom
Investitionsbann wurden BAE Systems, Boeing, Finmeccanica,
Honeywell International, Northrop Grumman, Safran und United
Technologies getroffen. Jetzt wurde die Liste auch auf Unternehmen
ausgedehnt, denen Menschenrechtsverletzungen und schwere
Umweltverstöße nachgewiesen werden konnten.
Wal-Mart fällt durch
Wal-Mart diskriminiere männliche und weibliche Angestellte und
versage ihnen das Recht, sich gewerkschaftlich zu organisieren,
heißt es zur Begründung für den Ausschluss der Aktien. Von
Zulieferern werde Ware bezogen, die unter anderem von Kindern
hergestellt worden sei. Mitarbeiter würden dort für längere
Arbeitszeit nicht bezahlt und bei unbotmäßigem Verhalten
eingeschlossen. Freeport wird vorgeworfen, täglich 230 000 t Geröll
aus dem Grubenbetrieb in Flüsse zu kippen und diese mit Sedimenten
(Kupfer, Kadmium, Quecksilber) zu vergiften.
Zuletzt erschienen:
- 21.8.: Alberta Heritage Fund ist auf Ölsand gebaut
- 7.8.: Russland sitzt auf 500 Mrd. Dollar Reserven
- 31.7.: Asiatische Fonds praktizieren Staatskapitalismus
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