14.08.2005
http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/3/0,1872,2349379,00.html
ZDF.reporter
Hier chancenlos - dort händeringend gesucht
Deutsche Arbeitnehmer in Norwegen
Bernhard Fischer hat endlich einen neuen Job. Seit zwei Monaten in
einer Fertigbetonfabrik in Norwegen. Über ein Jahr war der
Maschinenschlosser aus Rostock arbeitslos. Mit 43 Jahren galt er
auf dem deutschen Arbeitsmarkt als chancenlos.
Elmar Schön
"Man dachte ja auch, man bewirbt sich zehn Mal und dann klappt das
auch. Aber nach 30 Bewerbungen und 30 Absagen war das Ausland das
Einzige, was übrig blieb." Noch zwei weitere Deutsche arbeiten in
Fischers Firma: Frank Graefe arbeitete wie Fischer bei der
Rostocker Betonfirma "Imbau", eine Holtzmann-Tochter, die durch den
Konkurs des Mutterkonzern ebenfalls pleite ging. Auch der Deutsche
Alexander Trosky fertigt jetzt in Norwegen Zementwände.
Düstere Perspektiven
Trosky hatte zwar eine Stelle in Berlin, doch die Perspektiven
waren trübe. "In Berlin und Umgebung war nichts zu machen. Wegen
der EU-Osterweiterung und der Dumpinglöhne, die da gezahlt werden.
Und ich bin der Meinung, ein deutscher Handwerker sollte für seine
qualifizierte Arbeit auch dementsprechend bezahlt werden. Hier in
Norwegen bekommt man das Geld."
Daheim in Deutschland ohne Zukunft, in Norwegen sind sie gefragte
Arbeitskräfte: Die Baubranche boomt, es ist schwierig,
qualifiziertes Personal zu finden. Übers Internet hatten Fischer
und seine Kollegen die Stellenanzeige der norwegischen Firma
gelesen, auf einer Jobmesse in Hamburg dann ein
Vorstellungsgespräch gehabt. Innerhalb von einer Woche war der
Vertrag unterschrieben.
Beiderseitige Begeisterung
Chef Arne Bjerke hat schon drei weitere Deutsche, die bei ihm
anfangen werden. Er schwört auf deutsche Ausbildung. "Alexander ist
ein gutes Beispiel: Als er anfing, gab ich ihm eine Zeichnung und
schon am zweiten Tag machte er sein eigenes Betonelement
hundertprozentig richtig."
Die skandinavisch-deutsche Arbeitsbeziehung: eine Begeisterung, die
gegenseitig ist. "Ich kann nur Positives sagen nach dem einen
Monat. Glücklicherweise vermisse ich nichts so sehr, dass ich
wieder nach Deutschland will", sagt Fischer. Überhaupt haben es die
drei gut erwischt in Andalsnes, einem 5000-Einwohner-Ort an einem
der schönsten Fjorde der norwegischen Westküste. Schon der letzte
deutsche Kaiser machte hier gerne Ferien.
Dreimal so viel wie in Deutschland
Und tariflich ist die Welt noch in Ordnung: Egal ob Norweger oder
Deutsche - alle arbeiten 37,5 Stunden die Woche für 16,50 Euro die
Stunde bei geringen Abgaben. Das entspricht etwa dem Dreifachen des
deutschen Durchschnitt-Dumpinglohns: "Bei uns in Berlin haben Leute
aus Sachsen und aus Polen die Preise gedrückt. Die gehen für fünf
Euro die Stunde arbeiten. Dazu aber ist der Job zu anspruchsvoll,
dass ich für fünf Euro arbeiten gehe."
Damit finanziell alles stimmt, nimmt Trosky derzeit noch einiges
auf sich: Unter der Woche ist er oft von seiner Familie getrennt.
Das aber soll sich nun ändern. Gerade sind seine Frau Alexandra und
Sohn Oscar aus Berlin zu Besuch. Die Großstädter wollen gemeinsam
entscheiden, ob sie sich ein Leben in der norwegischen
Abgeschiedenheit vorstellen können.
Von Norwegen überzeugen
Und Arne Bjerke, der Firmenchef versucht alles, die beiden vom
norwegischen Leben zu überzeugen. Und vermittelt dabei einen
Eindruck von norwegischem Betriebsklima: Gemeinsames Picknick in
den Bergen rund um den Fjord und eine abendliche Angeltour. "Ich
will, das sie alle hier hochziehen und richtige Norweger werden.
Ich hoffe, dass ich sie für eine lange, lange Zeit hier behalten
kann."
Während der Arbeitgeber das Rentier grillt, ist Alexander
angekommen im Arbeiterparadies: "Für die nächste Zeit werden wir
das hier einmal probieren. Dann werden wir mal weitersehen. Man
muss ja nicht immer für den Rest seines Lebens entscheiden." Und
Alexanders Frau plant bereits nach wenigen Tagen Norwegen den Umzug
von Berlin. "Im Winter soll`s losgehen. Ich finde, man kann hier
sehr gut leben und man hat einen Job. Und das ist wohl das, was am
meisten zählt heutzutage."
14.08.2005
ZDF.reporter
Job-Mekka Österreich
Deutsche Gastarbeiter suchen ihr Glück im Alpenland
Früher kamen die Deutschen zum Urlaubmachen, auf der Suche nach
Entspannung bei Kaiserschmarrn und Bergwandern. Heute suchen sie
vor allem eins: einen Job. Immer mehr junge Leute fliehen vor der
Arbeitslosigkeit ins Nachbarland Österreich.
Roland Winkelmann war mit den Nerven am Ende. Der junge Mann aus
Sachsen hatte unzählige Bewerbungen geschrieben: Erst wollte er
KFZ-Mechaniker werden. Dann Schlosser. Schließlich versuchte er es
im Gastgewerbe. Aber immer hieß es: Lehrstelle Fehlanzeige.
Ich bin gern zu Besuch in Deutschland, aber hier hat man doch seine
Arbeit!«
Azubi Roland Winkelmann
Seine einzige Chance - ein Angebot aus Tirol. Im Tyrolhotel in
Obsteig wird er nun zum "Restaurantfachmann" ausgebildet. Arbeiten
in Österreich statt in Deutschland auf der Straße stehen: Für
Roland Winkelmann endlich eine Perspektive! Als deutscher
Gastarbeiter fühlt er sich mittlerweile so wohl im Alpenland, dass
er bleiben will: "Ich bin gern zu Besuch in Deutschland, aber hier
hat man doch seine Arbeit!"
Hundertfach beworben
Auch Kathleen Wapeheo aus Dresden fand keinen Job in Deutschland.
Trotz hundertfacher Bewerbung. Die 21jährige meint: Wer als junger
Arbeitsloser in Deutschland auf Glück hofft, macht einen
entscheidenden Fehler: "Da warten sie halt noch ein Jahr länger auf
die Lehrstelle, aber es wird nie besser, es wird immer nur noch
schlimmer."
In Österreich arbeitet Kathleen mittlerweile als Azubi im
Gastgewerbe. Die Sorgen um ihre berufliche Zukunft sind
Vergangenheit. Und auch Siegfried Meier, Kathleens Chef, hat nur
gute Erfahrungen mit dem neuen Gastarbeiterboom aus Deutschland
gemacht: "Ich versuche, aus den Bewerbungen den
bestqualifiziertesten für unseren Betrieb zu finden und da habe ich
jetzt bei den deutschen Bewerbern eine größere Auswahl gehabt als
bei den Österreichern."
14.08.2005
http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/26/0,1872,2349178,00.html
ZDF.reporter
Pendeln zwischen Job und Familie
Das polnische Ein-Mann-Unternehmen
Sie klotzen ran, wenn es sein muss: Jarek Zychlinski und sein
Kollege Mirek in Berlin. Ein Apotheker hat die Polen beauftragt,
seine Mietwohnungen zu renovieren. Jarek und Mirek sind so genannte
Ein-Mann-Firmen: Chef und Arbeiter in einer Person. Als Arbeiter
dürfen die Polen am Bau nicht angeheuert werden, als Unternehmer
schon.
In einem heruntergekommenen Plattenbau im Osten Berlins residieren
offiziell 126 Firmen - 126 Ein-Mann-Unternehmen, die hier ihre
Firmenadresse gemeldet haben. Jeder Pole zahlt in dieser Pension 40
Euro pro Woche im Zweibettzimmer, zwei Firmen pro Zimmer. Heute
konkurrieren Jarek und Mirek als selbstständige Unternehmer mit den
Deutschen, früher haben viele von ihnen zu Dumpinglöhnen in
Deutschland gearbeitet - oft auch illegal.
In der EU ist alles ganz einfach
Mirek erzählt: "Mehrere Jahre ging es gut, dann hat mich die
Polizei gefasst und ich wurde ausgewiesen. Ich hatte sogar ein
Einreiseverbot im Pass." Gewartet habe er danach nur auf die
Chance, zurückzukehren. Und als dann Polen Mitglied der
Europäischen Union wurde, sei alles ganz einfach gewesen: "Ich habe
hier in Berlin meine Firma gegründet und arbeite als
Ein-Mann-Unternehmen - ganz legal."
Wie an jedem Wochenende stauen sich die polnischen Pendler an der
deutsch-polnischen Grenze - zwischen Arbeit und Familie. So oft er
kann, fährt Jarek in seine Heimat, um seine Partnerin Isa und
seinen Sohn aus erster Ehe zu sehen. Seine Familie zu verlassen,
fiel ihm nicht leicht. Die Eltern von Jareks Freundin wohnen in
einem Plattenbau in Bobruvko, einem kleinen Ort mit hoher
Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosenquote in ganz Polen liegt
mittlerweile bei 19 Prozent. Auch Jareks Partnerin Isa ist ohne
Arbeit. Die gelernte Näherin will bald zu ihrem Freund nach Berlin
ziehen.
Keine Arbeit in Polen gefunden
Es gibt in unserer Region überhaupt keine Arbeit. «
Jarek Zychlinski
Wann immer Jarek seinen Sohn Damian sieht, hat er ein schlechtes
Gewissen. Der Zwölfjährige vermisst seinen Vater. Die Familie zahlt
für ihre kleine Wohnung 100 Euro kalt, die Rente aber ist gering:
170 Euro. Jarek hatte in Polen studiert, aber keine Arbeit
gefunden. Isas Vater kann verstehen, dass gerade die Jüngeren ins
Ausland gehen: "Es gibt in unserer Region überhaupt keine Arbeit.
Nachdem die staatliche Landwirtschaft hier abgewickelt worden war,
standen 500 Leute auf der Straße."
Jarek fährt mit Freundin und Sohn nach Deutschland. Die kleine
Familie sieht nicht ohne Sorgen in die Zukunft. Bald schon könnten
Jarek noch billigere osteuropäische Arbeitskräfte verdrängen.
Jareks Freund Piotr überlegt, ob er noch in Deutschland bleibt,
wenn auch noch Rumänen und Bulgaren in der Europäischen Union sind
und dann noch billiger arbeiten. Alle hier sind sich einig, dass
der Arbeitsmarkt reguliert werden muss und die Mindestlöhne und
Arbeitszeiten eingehalten werden müssen - zumindest von den
Konkurrenten.
ZDF.reportage
Immer der Arbeit nach -
Das Glück winkt im Ausland
Reportage von Olaf Buhl,
Michael Schmitz und Elmar Schön
Sendetermin: Sonntag, 14. August, 18.30 Uhr
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